Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 354 (5.4.1934)
- Date
- 1934-04-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 354 DIE NEUE WELT Seite 8 Naziagitation für das — jüdische Nationalheini Versuche zur Brechung des antideutschen Waren boykotts Aus Paris wird uns geschrieben: In Frankreich wird seit kurzer Zeit ein Zirkular verbreitet, das als Unterzeichner einen „Verband jüdischer Vertreter deutscher Firmen" trägt. Ein Einzelname, ein Ort, ein Datum fehlen. Man weiß nicht, woher das Zirkular stammt und wo sich der Verband befindet. Man weiß nicht, aber der Ton des Textes läßt seinen Ursprung erkennen . . . Das Dokument, das die Unterschrift einer jüdischen Organisation trägt, wendet sich an die jüdischen nationalen Gefühle und schließt mit dem Appell, nicht Deutschland, sondern — England zu boykottieren. Man braucht nicht sehr tiefgründig zu sein, um zu erkennen, daß dahinter die Hand des Goebbelsschen Propagandaministeriums und die eines erbärmlichen jüdischen Provokateurs steckt, der gewisse politische Erscheinungen in Palästina benützt, um dem Kampfe gegen Hitler-Deutschland die Richtung gegen England zu geben. Der „Verband jüdischer Vertreter deutscher Firmen" setzt in seinem Aufruf mit einer wüsten Schimpforgie gegen die Führer der Boykottbewegung ein. In hetzerischhakenkreuzlerischer Sprache wird ihnen vorgehalten, daß Sie sich zu „Gendarmen Europas" auf werfen und daß ihr Boykottkampf gegen Deutschland keine Existenzberechtigung habe. In einem weinerlichen Tone wird gesagt, daß durch den antideutschen Warenboykott die Jüdischen Vertreter deutscher Firmen in eine verzweifelte Lage versetzt, ja, zum Ruin getrieben würden ... Das ist der erste Teil des Zirkulartextes. Der aweite Teil wendet sich an die Juden Palästinas; er verlangt, daß sie England und englische Waren b o y k o 11 i e r e n. „Die nationalen Interessen der jüdischen Massen befinden sich nicht an den Ufern des Rheins, sondern des Jordans!" rufen die „Verteidiger" des jüdischen Volkes aus. „Das Ziel der nationalen Juden ist die Errichtung des Nationalheims in Palästina . . . Wir wollen niemals Tel-Awiw und Haifa gegen Nürnberg und Königsberg und noch weniger Jerusalem gegen den Kurfürstendamm eintauschen. Zu unserem Bedauern befindet sich unser Nationalheim in den Händen Englands, das das Mandat vom Völkerbund bekommen hat... England hat unserem Nationalheim den Krieg erklärt ..." Anschließend daran werden alle Maßnahmen Englands gegen die Ausbreitung der jüdischen Kolonisationsarbeit angeführt und Richtlinien gegeben, wie der Boykott gegen England geführt werden soll, „der zweifellos den Effekt haben wird, daß die englische Mandatsregierung die Wünsche unseres Nationalhelms respektieren werde". Mit diesen Mitteln versuchen die Nazi-Agenten, den jüdischen Boykott zu brechen, der sich schon merklich fühlbar macht, und gerade zu einer Zeit, da in Deutschland wieder offene antijüdische Boykott- Terroraktionen eingesetzt haben. Die schändlichen Provokationen haben selbstverständlich keinerlei Wirkung. Ihre Urheber waren hier rasch demaskiert. Die Nazi-Agitation, die unter dem Namen „Verband jüdischer Vertreter deutscher Firmen" Erfolg haben wollte, hat den Abscheu vor dem Hitler- Regime in allen anständigen Kreisen verstärkt. IMe Schande Palä§tina§ In allen anderen Ländern erachten es nicht etwa nur die ihres Volkstums bewußten, sondern alle anständigen Juden als primitive Pflicht, ihre gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Hitler-Deutschland zu lösen. Diejenigen Juden, welche sich aus Mangel an Ehrgefühl oder aus bedenkenloser Profitsucht dieser Pflicht entziehen und mit Hitler-Deutschland weiter Geschäfte machen, werden verdientermaßen verachtet. Nicht so in Palästina! In Palästina, im werdenden Judenstaat, haben es jüdische Industrielle und Kaufleute nicht über steh gebracht, ihre Geschäftsbeziehungen zu Hitler- Deutschland zu lösen. Und nicht genug daran! Sie sind, um einige Prozente Mehrproflt zu erraffen, neue Beziehungen zu Hitler- Deutschland eingegangen. Der Export Hitler-Deutschlands nach Palästina ist in der Zeit der Judenverfolgungen um fast 100 Prozent gestiegen. Das jüdische Palästina hat dem Deutschland der Judenpeiniger und Judenschänder doppelt soviel abgekauft, als seinerzeit dem Kulturstaat Deutschland. Angesichts dieser beschämenden Erscheinung taucht die Frage auf: Gibt es denn im jüdischen Palästina keine Presse, keine öffentliche Meinung, welche gegen gesellschaftliche Demoralisation und Exzesse der Profltsucht ankämpft, welche es verhindert, daß niedrige Selbstsucht des Individuums sich straflos über die nationale Würde stellt? Anscheinend nicht, denn sonst hätten die Proteste, welche von außenher erhoben wurden, nicht wirkungslos verhallen können. * Die Schande Palästinas wird in ihrer ganzen Größe erkennbar, wenn man gewahr wird, wie die Hakenkreuzpresse auf die Angelegenheit reagiert. So hat ein Artikel in der „Neuen Welt", in welchem gegen die ehrvergessene Geschäftemacherei in Palästina Stellung genommen wurde, in der Wiener Hakenkreuzpresse bezeichnenden Nachhall geweckt. Die deutschnationalistische, antisemitische Zeitung „Wiener Neueste Nachrichten" zitiert diesen Artikel und macht sich über die „vergeblichen Bemühungen" der „Neuen Welt" um die Wahrung jüdischer Würde lustig. Denn, so schreibt sie, dem Judentum in Palästina steht, wie in aller Welt, Profit höher als alles andere. Die Schande des jüdischen Palästina wird in ihrer ganzen Größe erkennbar, wenn man liest, wie dieser bevorzugte Geschäftsfreund, wie Hitler- Deutschland über das ihm wirtschaftlich so eng verbundene jüdische Palästina spricht. In einem Artikel „Das deutsche Volk und die Juden", welcher sich auch mit Palästina befaßt, schreibt die Berliner „Deutsche Zeitung" wie folgt: „Wo die Juden schon 5 bis 10 vom Hundert oder noch mehr von der Einwohnerzahl eines Staates bilden, also diese „Oberschicht", das Parasitentum, sehr zahlreich ist, kann der Jude nicht mehr ausschließlich vom Schmarotzen existieren. Es fehlt dann die „gesunde" Basis; der Jude muß wirklich arbeiten, um leben zu können. So ist es in Polen, Rumänien und fast allen Staaten des europäischen Südostens. Der Jude wandert daher aus den ärmsten dieser Länder gern nach Frankreich, England, Amerika oder den nordischen Ländern aus, sobald sich ihm eine Möglichkeit dazu bietet. Deutschland hat diese Invasion der sogenannten „Galizier" oder Ostjuden hauptsächlich in dem Jahrzehnt nach 1918 über sich ergehen lassen müssen, weil Juden und andere marxistische Strolche damals die Herrschaft ausübten. Da Palästina auch zu den Ländern gehört, wo die Juden arbeiten müssen, denken sie nicht daran, sich etwa dort in Massen für immer niederzulassen. Palästina hat daher für die Juden lediglich den Wert eines letzten Zufluchtsortes für die schlimmsten Gauner und Verbrecher, die sich in keinem anderen Lande mehr blicken lassen dürfen." Das jüdische Palästina soll es hören! So unflätig dürfen Menschen schreiben, mit denen Palästina verkehrt und handelt. Palästina ist in die Rolle des kleinen, verprügelten, jüdischen Ghetto-Hausierers geraten, der sich von übermütigen, trunkenen Wirtshausgästen verhöhnen und bespeien läßt und ihnen immer wieder ein „Geschäftchen" anbietet. Nur daß der verprügelte Ghetto- Hausierer unter grausamem Zwang handelt. Er muß den Schimpf auf sich nehmen, weil sonst seine Kinder hungern. Er steht hoch über jenem Palästina, das Schimpf und Schande auf sich nimmt, nicht um hungriger Kinder willen, sondern um drei oder vier Prozent Mehrprofit. r. st. Zur judfedi*aralri$dien Frage Die Reise des Emir Abdallah nach England Die arabische und teilweise auch die hebräische Presse beschäftigt sich in der letzten Zeit mit der geplanten Reise des Emir Abdallah von Transjordanien nach England und knüpft daran verschiedene politische Kombinationen. Es heißt, daß der Emir im Verlauf seines Londoner Besuches mit der englischen Regierung über die Zukunft von Palästina verhandeln und bei dieser Gelegenheit auch das Projekt einer Vereinigung von TransjordanienmitPalästina zu einem Königreich unter Abdallah besprechen werde. Hier zirkulieren auch Meldungen, wonach der Emir lebhafte Unterhandlungen mit den Führern aller arabischen Parteien führe. Allerdings steht den genannten Meldungen die Tatsache gegenüber, daß während des Besuches des Emir Abdallah der Oberkommissär von Palästina Sir Arthur Wauchope nicht in London anwesend sein wird. Man hält es für ausgeschlossen, daß sich das britische Kolonialamt mit Emir Abdallah ohne Teilnahme Wauchopes in ernste politische Unterhandlungen einlassen wird. Richtig zu sein scheint bloß das eine, daß Emir Abdallah seine Londoner Reise als günstige Gelegenheit ansieht, sein Prestige in der arabischen Oeffentlichkeit zu heben und deswegen mit großen Plänen herumwirft, obwohl er ihre Unausführbarkelt kennt. Hingegen liegt ein brnster Grund zur Annahme vor, daß die Bemühungen des Emirs, von allen arabischen Parteien eine Art Generalvollmacht zur Behandlung der Palästina-Frage zu bekommen, den Zweck haben, daß er in Zukunft die Möglichkeit bekomme, offen für eine Te i 1nahme jüdischen Kapitals an der wirtschaftlichen Erschließung Trans Jordaniens einzutreten. Der Emir Abdallah ist nämlich überzeugt, daß er den „jüdisch-arabischen Konflikt" werde beilegen und Transjordanien für die jüdische Kolonisationsarbeit werde, öffnen können, Die Delikatess-Orange für den Kenner ist die PARDESS ORANGE aus Jaffa (Erzeugnis jüdischer Pflanzer) Schutzmarke .KAMEL* Saftig ■ Süß « Kernlos In jedem besseren Geschäft erhältlich Der Präsident der Arabischen Exekutive/ Musa Kazim Pascha gestorben Aus Jerusalem: Im Alter von 85 Jahren starb hier der Präsident der vom Kongreß der mohammedanischchristlichen Vereinigungen eingesetzten Arabischelt Exekutive Palästinas, Musa Kazim Pascha el Hus* s e i n i. Er war der konsequenteste Gegner des Zionismus und der Initiator aller arabischen Widerstände gegen die Mandatarmacht und das jüdische Nationalheim. 1922 hat er die Korrespondenz mit dem damaligen Kolonienminister Winston Churchill unterzeichnet, die zur Veröffentlichung des sogenannten Churchill- Weißbuches führte, in dem der Begriff Jüdisches Nationalheim eine gewisse Einschränkung erfuhr (nicht Palästina als Nationalheim, sondern Nationalheim in Palästina bei Ausschluß Transjordaniens aus dem Bereich des Nationalheims). Im Sommer 1928 erklärte er der Jüdischen Telegraphen-Agentur, die Araber würden „die den Gegenstand des Palästina- Mandats bildenden internationalen Verpflichtungen Großbritanniens nicht verletzen". Er fügte hinzu: „Doch wir sind Gegner einer Einwanderung von 8000 bis 10.000 Menschen j ä h r 1 i c h." Unter dem Druck der arabischen Presse Palästinas sah sich Musa Kazim genötigt, diesen gemäßigteren Standpunkt zu revidieren und zu erklären: „Auf dem 5. arabischen Kongreß habe ich geschworen, die Balfour-Deklaration mit allen Kräften zu bekämpfen. Ich werde dieses Gelübde halten." Die Juden sollten gleiche Rechte und Pflichten, aber nur entsprechend ihrem zahlenmäßigen Anteil in der Bevölkerung, haben. 1932 unterzeichnete er eine Proklamation der Arabischen Exekutive, in der die Araber aufgefordert wurden, die Levante-Messe in Tel-Awiw zu boy ko11ieren. 1931 demissionierte er als Exekutivepräsendent mit Rücksicht auf sein hohes Alter, zog aber bald darauf die Demission zurück, weil, wie er erklärte, die jüdische Presse seinen Rücktritt dahin gedeutet habe, daß in den arabischen Reihen Uneinigkeit herrsche. Die Familie Husseini, deren einflußreichstes Mitglied Musa Kazim Pascha war, war einst maßgebend für die Gesamthaltung des palästinensischen Arabertums. Ein zweites Mitglied der Familie ist der Großmufti Haj Arnim el Husseini, Leiter des Obersten moslemitischen Rates, der ebenfalls ein unversöhnlicher Gegner des jüdischen Nationalheims ist. Allmählich aber wurde die Vorherrschaft der Husseinis gebrochen. Zu den Gegnern der Husseinis gehört die Adelsfamilie N a s h as h i b i, die bei den Kommunalwahlen 1927 in Jerusalem die Husseinis besiegte und das Bürgermeisteramt für eines ihrer Mitglieder erstritt. Die Nashashibis nehmen in der Frage des Mandats und der Zusammenarbeit mit der Regierung eine gern äß igte Haltung ein, in der Frage einer jüdisch-arabischen Zusammenarbeit auf der Grundlage des Nationalheims aber konnte auch mit diesen gemäßigten Gruppen eine Verständigung bisher nicht erzielt werden. Jabotinskys Einreise nach Palästina Der Pariser „Hajnt" läßt sich aus London unter dem 1. April melden: Wladimir Jabotinsky, der Führer der Sionisten- Revisionisten, weilte dieser Tage in London, vvo er mit einem hohen Beamten des Kolonialministeriums eine längere Besprechung hatte. Im Verlaufe dieser Besprechung wurde auch die Frage der Niederlassung Jabotinskys in Palästina berührt. Die englische Regierung soll sich bereit erklärt haben, Jabotinsky die Einreise nach Palästina unter gewissen Bedingungen zu gestatten, Jabotinsky habe aber diese Bedingungen ab* gelehnt,