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Die neue Welt · 1934-04-05 · Heft 354 (5.4.1934) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 354 (5.4.1934)
Date
1934-04-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 354 .Voraus^muß man denken, sich sichern — versichern Phönix Alfgemeine VertteHetifnafOei. Wien IX. Set., Alternats Nr. 3 Arbeit des Zionismus ungünstig beeinflußt werde. Auch die vom M i s r a c h i verbreiteten Uebertreibungen betreffend Verletzung religiöser Vorschriften seien schädlich. M. M. Ussischkin, der Präsident des Jüdischen Nationalfonds, sprach über den inneren Zustand der zionistischen Bewegung und über die politische Lage. Der jetzt entstandene Wohlstand, führte Ussischkin aus, darf nicht, zur Vernachlässigung der nationalen Arbeit führen. 40.000 Menschen sind im vergangenen Jahr nach Palästina gekommen, aber im Verlauf derselben Zeit sind nicht mehr als 16.000 Dunam Boden in jüdische Hände übergegangen. Bezüglich der politischen Lage äußerte sich Ussischkin: Noch niemals sind wir im Anblick einer solch katastrophalen Lage gestanden wie jetzt. Die Regierung führt Maßnahmen durch, die systematisch unser Aufbauwerk hindern, insbesondere bezüglich der Einwanderung, während gleichzeitig für die Araber die Tore Palästinas breit geöffnet werden. In kurzem wird unter Aufsicht der Regierung eine Landwirtschaftsbank errichtet werden, die dem jüdischen Bodenerwerb die größte Konkurrenz machen wird. — Die jetzige Exekutive hat tüchtige Kräfte, es wäre aber verfehlt, die Revisionisten aus der Organisation auszuschließen oder ihnen Zertifikate zu verweigern. Berl Locker, das Londoner Exekutivmitglied, beschuldigte den M i s r a c h i, daß er die Sabotage des Keren Hajessod mit seinen religiösen Forderungen verbinde, um auf diese Weise das Prestige der Exekutive zu untergraber Prof. Weizmann gab einen Ueberblick über seine bisherige Tätigkeit im Rahmen der Aktion für die deutschen Juden und deren Ansiedlung in Palästina. Dann berührte er innerzionistische Fragen, wobei er sein Bedauern darüber aussprach, daß „sich. wieder, a n t a g o n ib t i s c h e Elemente in den Vordergrund drängen." Bezüglich der Einwanderungsmöglichkeiten sprach sich Weizmann im Gegensatz zu den anderen A.-C.-Mitgliedern optimistisch aus. Er erklärte sich mit der gegenwärtigen Exekutive solidarisch. Schließlich schlug Weizmann . die Schaffung einer besonderen Körperschaft vor, die einen großzügigen Tätigkeitsplan für den nächsten Zionistenkongreß ausarbeiten solle. Meir Großmann, der Vorstand der Judenstaatspartei, wies in einem großangelegten Referat auf die antizionistische Tendenz der britischen Palästina-Politik hin, betonte die Unfähigkeit der zionistischen Exekutive gegenüber den Maßnahmen der Mandatsregierung, und berührte die Beziehung der Zionistischen Organisation zur Hitler-Regierung durch das sogenannte T r a n s f e r-A b k o m m e n. Nachdem er die Liquidierung der auf dem Prager Zionistenkongreß eingesetzten Untersuchungskommission (zur Aufklärung der politischen' Hintergründe des Arlosoroff-Mordes) verlangt hatte, ging er auf die innere Lage der Zionistischen Organisation über. Großmann führte aus, daß die Ursache aller Spaltungserscheinungen im Monopol der Linken liege, und rief zur Bildung einer nationalen Einheitsfront auf. Zum Schluß stellte Großmann die Forderungen der Judenstaatspartei an das A. C. auf, welche beinhalten: 1. Demission der gegenwärtigen Exekutive. 2. Einberufung eines Zionistenkongresses bis spätestens Dezember. 3. Wahl einer Geschäftsexekutive zur Führung der Geschäfte bis zum neuen Kongreß. Dr. Nahum G o 1 d m a n n hielt eine Rede, in der er die Notwendigkeit des Jüdischen Weltkongresses begründete, worauf das A. C. ein spezielles Komitee zur Behandlung der von Dr. Goldmann aufgeworfenen Weltkongreß-Fragen einsetzte. Der Mordprozeß Arlosoroff Aus Jerusalem meldet die J. T. A.: Wie aus verläßlicher Quelle versichert wird, wird der Prozeß wegen Ermordung Dr. Arlosoroffs am 16. April vor dem Jaffaer Kreisgericht beginnen. Die revisionistische Fraktion des in Jerusalem tagenden Zionistischen Aktionskomitees hat den Beschuldigten Abba A c h i m e i r, Abraham S t a w s k y und Zwi Rosenblatt im Jerusalemer Gefängnis einen Besuch abgestattet. Die Verhafteten tragen ihre Zivilkleider und sind mit der Behandlung zufrieden. Es ist ihnen erlaubt, täglich zwei Stunden Bewegungsübungen zu wachen und die Zeitungen zu lesen. Stawsky hat 15 Kilogramm zugenommen. Antisemitismus, in Oesterreich Eine Schweizer Stimme Die „Neue Zürcher Zeitung" bringt einen beachtenswerten Artikel zu diesem Problem und schreibt u. a.: „Die antisemitische Welle, die in Deutschland eine judenfeindliche Gesetzgebung und Verwaltungspraxis gebracht hat, schlägt auch auf Oesterreich Uber. Nicht erst seit es dort eine nationalsozialistische Bewegung gibt, ist der Antisemitismus ein Problem des öffentlichen Lebens geworden, schon in der Vorkriegszeit war ein großer Teil der Christlichsozialen Partei stark antisemitisch angehaucht und in großdeutschen Kreisen gewann allmählich eine radikalantisemitische Richtung die Oberhand. Es ist daher kein Zufall, daß bereits der Friedensvertrag von St. Germain im Gegensatz zum Vertrag von Versailles in weitem Umfang Minderheitenschutzbestimmungen aufstellte, die nicht nur zugunsten von Personen getroffen wurden, die durch die Sprache sich vom Mehrheitsvolk unterschieden, sondern auch die nach Rasse und Religion einer Minorität angehören. In Oesterreich sind somit nicht nur etwa die Slowenen in Kärnten und die Tschechen in Wien vor jeder Diskrimination geschützt (Art. 62 bis 69 des Vertrages von St. Germain), sondern zweifellos auch die Juden. Auch auf sie bezieht sich die Garantie des Völkerbundes, die jedem Ratsmitglied erlaubt, die Aufmerksamkeit dieses Organs auf eine Verletzung oder Gefahr einer Verletzung der Minderheitenschutzverpflichtungen zu lenken und ihm das Recht gibt, „solche Weisungen zu geben, die im gegebenen Falle wirksam und geeignet erscheinen könnten". Daneben besteht unter Umständen sogar die Möglichkeit einer Anrufung des Ständigen Internationalen Gerichtshofes im Haag. Bisher hat sich die österreichische Regierung trotz starken antisemitischen Strömungen in der Heimwehr und bei den Nationalsozialisten von einem ausgesprochen antisemitischen Kurs daher auch ferngehalten. Es besteht aber leider die Gefahr, daß auf die Forderungen einer lauten Straße Rücksicht genommen wird. Die Schlagworte der antisemitischen Propaganda scheinen auch in Oesterreich ihren Eindruck nicht zu verfehlen. So müssen in großen Bank- und Versicherungsunternehmungen Nachforschungen über die Zahl der jüdischen Angestellten unternommen werden. Es wird dabei auch gefragt, ob sie ihren Vor- und Zunamen geändert hätten und seit wann sie die österreichische Staatsangehörigkeit besäßen. Welche neue Gefahr für den sozialen Frieden in Europa die Diskriminierung der Österreichischen Juden mit sich bringen würde, beweist das Schicksal ihrer deutschen Glaubensgenossen. Es besteht daher nicht etwa nur ein Interesse der österreichisch-jüdischen Bevölkerung, daß jeder Diskriminationsakt unterbleibe, sondern es besteht auch ein gesamteuropäisches Interesse an der Aufrechterhaltung der staatsbürgerlichen Gleichheit der österreichischen Juden. Die Minderheitenschutzbestimmungen des Vertrages von St. Germain, die in erster Linie den religiösen und sozialen Frieden im Innern Oesterreichs schützen sollten, erweisen sich als R e ch t sr e g e 1 n, die im Dienste eines höheren Kollektivinteresses' der europäischen Menschheit stehen; denn zweifellos ist auch in.diesem Fall die Aufrechterhaltung des Status quo in Oesterreich Handlungen vorzuziehen, die zu unabsehbaren Konsequenzen für eine heimatlos gewordene Gemeinschaft führen müßten. Aus all diesen Gründen wäre ein Nachgeben des österreichischen Bundeskanzlers vor einer zwar zeitgemäßen, aber nichtsdestoweniger destruktiven Bewegung nicht nur eine Versündigung gegen die Humanität, sondern auch ein Akt einer folgenschweren, schlechten Politik," Aus Oesterreich Der Wiener Kultuspräsident beim Bundeskanzler Am vergangenen Sonntag brachten die österreichischen Blätter folgende Meldung: „Bundeskanzler Dr. Dollfuß empfing Donnerstag nachmittag den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Doktor Desider Friedmann, wobei er im Laufe einer längere" Aussprache auch Gelegenheit nahm, mit Präsidenten Dr. Friedmann über die kulturpolitischen Teile der neuen Bundesverfassung zu sprechen." Dieser karge offiziöse Bericht hat begreiflicherweise den Erwartungen der jüdischen Oeffentlichkeit nicht Genüge getan. Die Jüdische Telegraphen-Agentur hat zwei Tage später berichtet, es sei als sicher anzunehmen, daß der Kultuspräsident die Gelegenheit benutzte, 2 Gesellschaft § * Reisen zur Levante*Messe in Tel*Awiw Am 10. April ab Wien Uber Trlett mit dem Expreßdampfer „Gerusalemme", veranstaltet vom Verein Reisender Kaufleute Oesterreichs Am 30. April ab Wien Uber Rom-Neapel mit dem Riesen-Ozeandampfer „Vulcania" (36.00U Tonnen) Billige Arrangement« / Auskünfte und Prospekte: REISEBÜRO «MAR I EN BRUCKE» (Palästina-Dienst, Leitung: Berta Taubes), Wien I, Rotenturmstraße 26, Telephon R-24-2-86 und R-24-2-87 mit dem Chef der Regierung die jüdische Situation in Oesterreich eingehend zu besprechen und auf die Tatsachen hinzuweisen, welche in letzter Zeit vielfach Anlaß zu berechtigten Beschwerden gegeben haben, und daß — wie die J. T. A. erfährt — die neue Verfassung die Möglichkeit zur Bildung einer repräsentativen Vertretung1 der jüdischen Religionsgesellschaft in Oesterreich bieten wird. Die jüdische Oeffentlichkeit aber wartet auf eine klare Antwort, welche die Sorge um die Zukunft zerstreuen könnte. Zur Sorge ist Anlaß, denn es sind — entgegen den gewiß ehrlich gemeinten Versicherungen der Führer der Regierung — auch an behördlichen Stellen Kräfte am Werke, die jüdischen Bürger auszuschalten. So konnten wir über die Entlassung aller jüdischen Stadtärzte in Linz berichten. Wir müssen heute melden, daß auch die Gemeinde Wien eine Reihe jüdischer Stadtärzte ohne jedes gerichtliche oder disziplinare Verfahren entlassen hat. Immer häufiger stößt man auf amtliche Stellenausschreibungen, welche — im Widerspruch zur Verfassung — von den Bewerbern den Taufschein und Nachweis der Zugehörigkeit zur deutschen Nationalität fordern. Beschwerden gegen dieses Vorgehen haben bisnun kein Resultat gezeitigt. In dieser Beziehung ist die Antwort typisch, welche das Präsidium der Wiener Kultusgemeinde auf einen Protest gegen die gesetzwidrige Ausschreibung der Stelle eines Kurdirektors von Bad Gastein erhalten hat. In dieser Antwort heißt es: Denn es ist, wie dies auch immer (?) üblich war, der Ausdruck „Taufschein" als gleichbedeutend mit Geburtsschein anzusehen und wird auch praktisch kaum einen Angehörigen der israelitischen Konfession abgehalten haben, ein Bewerbungsgesuch einzureichen ... Die Landesregierung war daher (?) leider nicht in der Lage, dem dortigen Wunsche wegen Veranlassung der Neuausschreibung der Stelle Rechnung zu tragen." Man muß schon sagen, daß diese Erwiderung wie ein gewagter Scherz anmutet und nicht wie eine der Wichtigkeit der Sach^ und der Würde des Beschwerdeführers entsprechende amtliche Antwort. Angesicht« dieser Umstände und der in gewissen österreichischen Zeitungen unbehindert geführten, gesetzwidrigen, judenhetzerischen Kampagne ist es wohl begreiflich, daß dem berechtigten und begründeten Wunsche der österreichischen Judenschaft nach Klärung durch die anfangs zitierte offiziöse Verlautbarung über die Vorsprache des Kultuspräsidenten beim Bundeskanzler nicht Rechnung getragen erscheint. Die Gefahren der Abstumpfung Aus London wird berichtet: Marquis of Reading (einst Sir Rufus Isaacs), der frühere Vizekönig von Indien und spätere britische Außenminister, leitete "den zweiten Appell der englischen Juden zur Aufbringung von Mitteln für die Ansiedlung der geflüchteten deutschen Juden in Palästina und in anderen Ländern mit einer Rede im Woburn House ein. „Bedenken Sie", sagte er, „daß wir für eine große, Sache arbeiten. Sie wissen, was geschehen ist. Man ist wie vor den Kopf geschlagen, wenn man zusieht, was in einem Lande geschehen konnte, welches früher als hochzivilisiert und geistig interessiert galt.. Soll ich noch einmal das Elend schildern, von deni die, gesamte deutsche Judenhelt seit der Machtergreifung' durch die Nazi heimgesucht wurde? Ein Elend und ein Schrecken, von denen man vorher nicht einmal geträumt hatte. Männer, die Deutschlands Bedeutung in Wissen-, schaft, Kunst und Literatur unendlich erhöht haben, sind zu Menschen niedersten Grades degradiert worden, ihr Lebenswerk wurde runiert, sie selbst gezwungen, in anderen Ländern ihren Lebensunterhalt zu suchen. Die ganze zivilisierte Welt fühlte sich durch ein solches Vorgehen der neuen Herren in Deutschland getroffen. Die Hoffnung, daß im Verlauf der Zeit eine gewisse Erleichterung eintreten wird, wurde schwer enttäuscht. Heute befinden sich die Verfolgten in einer Lage, wie wir sie alle zu gut kennen. Die Gefahr besteht, daß sich die Außenwelt an den Anblick des Unglücks gewöhnt, denn Leid, das sich immer wieder« holt, stumpft ab. Wir dürfen uns aber nicht abstumpfen lassen. Die Pflicht, den Unterdrückten und Verjagten zu helfen, ist so g e b i eterisch, so dringend wie nur je. Es ist nicht leicht, Arbeitsplätze für Menschen zu schaffen, die früher in Deutschland hochgeehrte und g e a c ht e t e Bürger waren. Die Juden aller Richtungen in England sind nach wie vor entschlossen, was immer auch kommen möge und so viele Flüchtlinge auch in Zukunft hieher sich verirren mögen, die daraus erwachsenden öffentlichen Lasten selbst zu tragen. Niemand anderer soll sie spüren als die englischen Juden selbst. Mit Stolz und Freude wollen wir diese Lasten auf uns nehmen." „Ich möchte", fuhr Marquis Reading fort, „auf die besonders wichtige Rolle hinweisen, die Palä-, s t i n a in dieser Notzeit gespielt hat. Die Tore dieses Landes sind den Flüchtlingen so weit geöffnet worden, wie die Behörden es für richtig befunden haben. (Anm. der Red.: Eine zurückhaltende Kritik an der Palästina-Regierung, welche bekanntlich die Einwanderung d r o s s e 11.) 9000 deutsche Juden sind in Palästina eingewandert, viel Aufbauarbeit wurde in diesem Lande geleistet. Inmitten der allgemeinen Wirtschaftsnot blüht das Heilige Land auf; ein kleines Land mit verhältnismäßig geringer Bevölkerungszahl und unbedeutendem Flächenausmaß blieb allein von der Wirtschaftskrise unberührt, seine Entwicklung ist eine stetige. \Y«?nn einer Ausflüchte sucht, dann erinnern Sie ihn «säran/daß er das Glück hat, Bürger dieses Landes zusein. Wir wollen Gott dafür danken, daß wir diesem großen, freien, gerechtigkeitsliebenden Lande zugehören. Jeder bringe sein Opfer dar, und er wird damit dem Drang seines empörten Hera«as Genüge tue.**

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