Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 354 (5.4.1934)
- Date
- 1934-04-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 20 Groschen lahrgang 8 Donnerstags den 5* April 1914 Nr« 354 V* b. b. Zeitung vom Verleger versendet «Journal expedie par Teditenr*« REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S4.20. ganzjährig S 16.-; Polen monatlich Zloty 2.-, vierteljährig Zloty 6.— Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—: Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark l.~, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übr igen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteliährlg Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: IX, Vniversitätsstr. 6-8, 1 et. B-48-504 — ErscheintDienstag und Freitag Der Pogrom in Günzenhausen Aus Prag wird gemeldet: Die J. T. A. in Prag erhält aus vollkommen zuverlässiger Quelle eine Mitteilung über außerordentlich tragische Ereignisse in Günzenhausen, Regierungsbezirk Mittelfranken in Bayern, also im engsten Wirkungsbereich des intimsten Freundes Hitlers, Gauleiters Julius Streicher, der vor genau einem Jahre den in der ganzen Welt berüchtigt gewordenen Judenboykottrummel in Deutschland geleitet hat und jetzt auf eine Wiederholung der vorjährigen Vorgänge hinarbeitet. In Günzenhausen kam es vor einigen Tagen zu einem schweren Angriff auf die jüdische Bevölkerung der Stadt, der den Todzwcicr Juden und die Verletzung mehrerer anderer zur Folge hatte. Ein Jude wurde so fürchterlich mißhandelt, daß er einen Augenblick, in dem er allein gelassen wurde, ausnützte, um Selbstmord durch Erhängen zu begehen. Ein zweiter Jude, der schwer mißhandelt wurde und geflüchtet war, ist bald darauf mit vier Stichen in der Herzgegend tot aufgefunden worden. Keiner der Angreifer wurde verhaftet, hingegen wurden elf Juden, die mißhandelt worden waren, in „Schutzhaft" genommen. Eine weitere Meldung lautet^ Das Signal zum Pogrom wurde in einer wüsten Wirtshausszene gegeben. Ein jüdischer Gast, der das Wirtshaus betrat, wurde von den christlichen Gästen schwer verprügelt und auf die Straße geworfen. Die Wirtshausgäste, verstärkt durch Nationalsozialisten, die an dem seit mehreren Tagen einhergehenden Judenboykottrummel beteiligt waren, gingen nun zum allgemeinen Angriff auf die von Juden bewohnten H ä u s er über. Die Insassen, auch Frauen, wurden brutal aus ihren Wohnungen geschleppt, auf die Straße geworfen und unbarmherzig mißhandelt. Man zweifelt daran, ob der 20jährige Jude Rosenfeld, der, nachdem er furchtbare Quälereien hat erleiden müssen, an einem Gartenzaun erhängt aufgefunden wurde, Selbstmord begangen hat, wie die offiz i e 11 e Version lautet. Rosenfeld hatte gewiß nicht mehr die Kraft zum Selbstmord. Man nimmt vielmehr an, daß er von seinen Peinigern aufgehängt worden ist. Bei dem Mann, der mit vier Herzstichen tot auf der Straße aufgefunden wurde, handelt es sich um den 60jährigen Gunzenhausener jüdischen Bürger R o s e na u. Obwohl seitens der Behörden strengste Untersuchung der Mordfälle zugesichert wurde, hat man die beiden Todesopfer am Dienstag, den 27. März, auf Anordnung der Behörden schnell beerdigt, ohne daß vorher eine gerichtliche Obduktion der Leichen stattgefunden hätte. Die verletzten Gunzenhausener jüdischen Bürger werden ärztlich behandelt. Alle jüdischen Einwohner, soweit sie nicht geflüchtet sind, leben in unendlicher Panik. Inzwischen dauert der Boykottrummel in ganz Mittelfranken an. In Neustadt an der Aich wurde den Bäckern und Lebensmittelhändlern verboten, Brot an Juden zu verkaufen, so daß die jüdische Bevölkerung hungern muß. In der gleichen Stadt wurden die Inhaber jüdischer Geschäfte gezwungen, Plakate mit der folgenden Inschrift an ihren Läden anzubringen: „Streicher hat recht, die Juden sind der Deutschen Unglück!" * Es ist nur zu begreiflich, wenn es im Hitler- Deutschland zu immer ärgeren Ausschreitungen gegen Juden kommt. Die Voraussage, daß die antisemitische Agitation der Hakenkreuzler nach Ergreifung der Macht weniger blutrünstig werden würde, hat sich als unrichtig erwiesen. Die von der Hitler-Regierung unterstützte und empfohlene Literatur wird immer niederträchtiger und steigert die Beschuldigungen gegen die Juden in Wahnwitzige. So enthält das soeben im offiziellen „N S Druck und Verlag" erschienene, vom Reichspropagandaminister Goebbels selbst warm empfohlene Buch „Der Jude als Rassenschänder" von Dr. Kurt Plischke folgende Stellen: „Der Jude hat eine unstillbare Gier, nichtjüdische Frauen und Mädchen zu schänden und sie in den Sumpf seiner gemeinen Gesinnung herabzuzerren." „Die jüdische Rasse ist die Kauptträgcrin der Geschlechtskrankheiten unter den Völkern, was ja bei ihrer tierisch-sinnlichen Veranlagung und ihrem ausschweifenden Leben nicht zu verwundern ist." „Der Mädchenhandel ist fast ausschließlich in den Händen von Juden." „Es ist notwendig, für das deutsche Volk ein Rassenschutzgesetz zu schaffen. Darin muß das Ver- Nädisfe Nummer erscheint Diemtag früh Prei§ 10 Groschen brechen der Rassenschändung wie früher mit dem Tod« bestraft werden. Und zwar mit dem Tode durch den S t r a n g." * Einem Artikel des Amtsblattes der NSDAP* für den Gau Baden, „Der Führer" ist zu entnehmen! „Kreisleiter Epp ging in einer Beamtenversammlung mit den jüdischen Rasseschändern scharf ins Gericht. Er kündigte auch an, daß er nicht zurückschrecken v/erde, artvergessene Volksgenossinnen, die in Gesellschaft von Juden verkehren, öffentlich durch Namensnennung zu brandmarken. Selbstverständlich wird der nationalsozialistische Staat in absehbarer Zeit die gesetzlichen Grundlagen zur Bekämpfung jüdischer Wüstlinge schaffen. Es kommt darauf an, auch den letzten Volksgenossen und die letzte Volksgenossin über die Juden- und Rassenfrage so aufzuklären, daß sie im Juden den Todfeind völkischen Lebens erkennen und ihn wie die Pest meiden." Misrachis ultimative. Forderungen — Shertok über die Opposition und die Politik der Palästina-Regierung — Ussischkin über die poltische „Katastrophe"— Weizmann mit der linken Exekutive solidarisch —> Der Jüdische Weltkongreß Aus Jerusalem wird gemeldet: Nach den Referaten von Prof. Brodetsky und M. Shertok (von uns in der Nummer vom 30. März veröffentlicht. — Anm d. Red.) verlas Ing. S. Jakobi im Namen der' revisionistischen Fraktion im Aktionskomitee eine Deklaration, die das Aktionskomitee veranlaßte, sofort ein kongreßgerichtliches Verfahren gegen die gesamte r evisionistische Fraktion wegen Disziplinbruches einzuleiten. Die Mehrheit des Aktionskomitees kam zu der Ansicht, daß die revisionistische Deklaration einen direkten Ungehorsam gegenüber der Autorität der zionistischen Organe bedeutet und mit der Zugehörigkeit zur Zionistischen Organisation durchaus unvereinbar ist. Das Kongreßgericht wird nun festzustellen haben, ob die Deklaration der revisionistischen Fraktion des Aktionskomitees nicht schon an sich einen Selbstausschluß der revisionistischen Fraktion aus der Zionistischen Organisation zum Inhalt hat. Der übrige Teil der Sitzung war der Generaldebatte über die politischen Referate von Brodetsky und Shertok gewidmet. Der Präsident des Welt-Misrachi, Rabbi Meir Berlin, erklärte, der Misrachi werde so lange keine Vertreter in die Exekutive entsenden, als nicht seine Forderungen religiöser Natur, insbesondere seine Postulate hinsichtlich der Sabbatbeobachtung und der Kaschruth im gesamten Jischuw, erfüllt werden. Sollte die Exekutive ihre gegenüber der Religion indolente Politik weiter fortsetzen, so werde der Misrachi nicht nur den Keren Hajessod und Kcren Kajemeth weiter bekämpfen, sondern sogar zum offenen religiösen Krieg gegen die Exekutive und die Organe der Zionistischen Organisation übergehen. Als zweiter Redner sprach Dr. Mossinsohn im Namen der Allgemeinen Zionisten. Er appellierte an alle Parteien, gegenüber der Exekutive, die rechtmäßig vom Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeh» liehen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet NACH PALÄSTINA MIT DER COMPASS TOURS OFFIZIELLES PROPAGANDABÜRO DER STADTGEMEINDE TEL-AWIW AM 17. APRILS Offizielle Messerelse AM 30. APRILS 2. Messereese mit dem Luxusmotorschiff „Vulcania" über Rom, Neapel, Palermo, Athen, Beirut Für Einzelraisends Schiffskarten zu Originalpreisen Auskünfte und Anmeldungen im Reisebüro Compass Tours, Wien IX, Spitalgasse 3, Telephon Nr. B-42-5-38 Kongreß gewählt worden sei, Loyalität zu üben, er richtete aber an die Exekutive die Frage, warum sie nicht mit der ganzen Wahrheit herausrückt hinsichtlich der verschlechterten Haltung der britischen Regierung gegenüber der Politik des Zionismus, die besonders seit November 1933 spürbar ist. Im Namen der Arbeiterpartei erklärte R e m e z, die Mitglieder der Arbeiterpartei hätten nichts gegen den Eintritt des Misrachi in die Exekutive einzuwenden, nie und nimmer aber würden sich die Arbeiter dazu verstehen, ultimativen Forderungen auf religiöser Basis sich zu beugen, Dr. Nahum Goldmann trat für die gegenwärtige Exekutive ein. Er erklärte, die Haltung der jetzigen Regierung gegenüber dem jüdischen Nationalheim set dazu angetan, die Juden zu zwingen, auch ihre Haltung gegenüber der Mandatarmacht einer Revision zu unterziehen. Bezüglich der Haltung der Revisionisten erklärte Nahum Goldmann, er sei der Meinung, daß die Revisionisten sich selbst aus der zionistischen Bewegung ausgeschaltet haben M. Shertok, Mitglied der Exekutive, beleuchtete in seiner Antwort die Politik der Palästina-Regierung gegenüber dem Jüdischen Nationalheim in Palästina. Er kam zu dem Schluß, daß die Hauptgefahr in der Einwanderungsfrage in der Deskrepanz zwischen dem Einströmen von Kapital und dem Einströmen von Arbeit liegt. Die Regierung scheine von der Furcht beherrscht zu sein, daß der rapid fortschreitende jüdische Aufbau Palästinas der arabischen Entwicklung nicht genügend Raum lasse. Die Regierung habe offenbar die Taktik angenommen, Juden zu zwingen, mehr arabische Arbeiter zu beschäftigen. Diese Politik hätte einen Exodus der jüdischen landwirtschaftlichen Arbeiter aus der Landwirtschaft und ihr Einströmen in die Industrie, andererseits ein Einströmen von Arabern aus den Palästina benachbarten Ländern und aus den rein arabischen Distrikten in die jüdischen Distrikte innerhalb Palästinas selbst zur Folge. Shertok wandte sich an die Opposition der Allgemeinen Zionisten und Misrachi mit der Forderung, sie mögen siph vergegenwärtigen, daß es ihre Pflicht sei, zu helfen, daß in der Frage der jüdischen Arbeit in Palästina der Jischuw der Regierungspolitik eine eiserne Front entgegenstellen könne. Prof. Brodetsky richtete an alle Parteien der Zionistischen Organisation den Appell, ein Kompromiß zwecks Herstellung einer starken Einheitsfront zu schließen. Er warnte vor den politischen Gefahren der revisionistischen Petitionsbewegung und wies auf den ungünstigen Eindruck hin, den der innere Kampf in der jüdischen Arbeiterschaft mache, wodurch die yoUtiseiftl