Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 353 (30.3.1934)
- Date
- 1934-03-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2 ME NBÜB WELT Nr. 353 ECKSTEINS FAMILIEN-PENSION Restauration, Kaileehaut / Täglich 3-Uhr*Tee CFMMEOIMIS Telephon tl, HoohstraBe 43 *>EFIPIE*Slll*J neben Hotel Panhan« Mäßige Preise, vorzügliche Küche, Zimmer mit Pension S 12.— aufwärts. Zentralheizung, fließendes Warm und Kaltwasser in jedem Zimmer. ' Auskunft unter Telephon U-27-6-24 die eigene Sorge ums Brot. Wenn auch nicht so gelungen wie das gesäuerte Brot, so gibt die Mazzah, diese karge Speise, doch Freude, weil man sie selbst erzeugt, selbst gebacken hat. So oft das Volk hungerte und dürstete, wandte Moses sich an Gott — er sann auf Abhilfe. Was er mit seinem Seherblick, mit seinem staatsmännischen Gefühl ersann, nahm sich ii den Augen des Volkes wie ein Wunder aus. Gern ließ Moses die Kinder Israels solche Wunder schauen; sie mußten Wunder um Wunder erleben, da sie durch die Sklaverei Aegyptens geistig stumpf und unempfänglich geworden waren. Das Zeremoniell am Seder-Abend ist außerordentlicher Art, damit es das im stumpfen Alltag versunkene Gemüt aufreißt. Mit Staunen hat das Kind zu fragen: Mah nischtane? Was soll dieses Schauspiel? Diese Summe seltsamer Vorgänge? Das Seder-Gelage ist wie ein modernes Schauspiel. Der Vorsitzende, der Hausvater, ist der Regisseur, die Hagada das Textbuch, die Tischgenossen sind die Statisten — und der Held? — ihn spürt man, fühlt Befreiung, Erlösung, ohne daß er auftritt. Symbolhaft wird die Tür geöffnet und er tritt ungesehen ein. Es ist Eliahu Hanawi, der erwartete Prophet, der ersehnte Herold der Erlösung. So bleibt die Idealgestalt unsichtbar, nur den inneren Gesichten zugänglich. Betrachten wir einen Augenblick lang die Gegenwart! Gerade im Land der extremsten Assimilation, in Deutschland, wurde der Seder-Abend „Baunacht" genannt, in Anknüpfung an die Stelle des Pessachtextes: ,,Er möge bald seinen Tempel wieder erbauen.,l! Den deutschen Juden galt also — welche Ironie — diese Nacht als Symbol der religiösen und nationalen Wiedergeburt. An diesem Feste begrüßten sie einander auch mit einem „Bauen Sie gut!". Es geht ums Bauen, ums Wiederaufbauen. Tischa b'Aw fällt stets auf denselben Wochentag wie der erste Pessachtag: Tag der Sklaverei, Tag der Befreiung — Niedergang oder Aufstieg! en Wise — Jahre all Aus New York: Rabbi Dr. Stephen S. Wise, Ehrenpräsident des American Jewish Congress, war aus Anlaß seines 60. Geburtstages Gegenstand großer Ehrungen seitens des amerikanischen Judentums. Auf einem ihm zu Ehren gegebenen Dinner, dem zahlreiche prominente Juden und Nichtjuden beiwohnten, hielten der frühere Außenminister der Vereinigten Staaten Bainbridge Colby und der Bürgermeister von New York La Guardia Ansprachen an den Jubilar, dessen vielseitige öffentliche Arbeit sie rühmten. Im Mittelpunkt des Abends stand eine Ansprache Professor Albert Einsteins, der ausführte, Stephen Wise sei mit den Qualitäten eines Führers begnadet, er zeige immer einen rühmenswerten Mut, wo es gilt, die Selbstachtung des jüdischen Volkes zu haben. Charakteristisch, für ihn sei die folgende Stelle aus seiner 1917 zugunsten eines gerechten Friedens mit Deutschland gehaltenen Rede: „Ich nehme für mich das Recht in Anspruch, zu sprechen, wie ich denke, Mir war nie bange davor, in einer Minderheit zu sein. Man stelle mich vor ein Problem hin und ich will ehrlich meine Meinung sagen, auch wenn ich mit dieser Meinung allein bleib e." Diese Worte, schloß Einstein, charakterisieren den Menschen und Kämpfer Stephen Wise. Stephen Wise wurde 1874 als Sohn eines Rabbiners in Budapest geboren, kam früh nach New York und gründete dort 1907 die „Free Synagogue", deren Kanzel volle Freiheit für jede Stellungnahme zu religiösen, ethischen und sozialpolitischen Fragen gewähren sollte. Er ist einer der besten Kanzelredner der Vereinigten Staaten und entfaltet eine umfassende öffentliche Tätigkeit im jüdischen und nichtjüdischen Lager. Er ist ein Fürsprecher fortschrittlicher sozialpolitischer Ansichten, war ein Freund des Präsidenten Wilson, um dessen Zustimmung zur Balfour-Deklaration er sich sehr verdient machte. Nach dem Weltkrieg ging er als Mitglied der j amerikanischen Delegation nach Versailles, wo er sich auch um die Durchsetzung der jüdischen] Minderheitenforderungen bemühte. Er ist einer J der Gründer der American Zionist Federation, war ein! .•••Charter Gegner der Politik Professor Weizmanns und j der Erweiterung der Jewish Agency durch Nicht- 7. ionisten. Er ist unentwegter Herzl-Zionist und tritt für den radikal-nationalen Judenstaats-Zionism u s ein. 1022 gründete er das „Jewish Institute of Religion", ein modernes Rabbiner-Seminar, das auch Sozialarbeiter heranbilden soll. Seit 1910 ist er Ritter der französischen Ehrenlegion. In den letzten Jahi-.n .steht er mit an der Spitze der Bewegung für den Jüdischen Weltkongreß und war Vorsitzender der ersten Jüdischen Weltkonferenz. Die jüdischen Ante in Österreich Das Organ der „Vereinigung jüdischer Aerzte in Oesterreich" nimmt in seiner Märznummer im Leitartikel gegen die jetzt inszenierte Hetze gegen die judischen Aerzte Stellung und schreibt u. a.: „Unsere Gegner stellen die Sachlage nicht unbewußt so dar, als ob erst nach dem Umsturz die Juden sich der Medizin zugewendet hätten. Wiewohl ihnen sicherlich bekannt ist, daß diese Neigung der Juden für die Heilkunst nicht erst seit 1918 zu beobachten ist, sondern schon, wie historisch bewiesen Ist, seit dem Altertum, während des ganzen Mittelalters bis in die letzte Neuzeit bestanden hat. Und es war sicher nicht bloß Neigung, sondern auch Eignung und besondere Begabung, die sie zu allen Zeiten zu Jüngern Aeskulaps prädestinierten. Zeugnis geben hievon die vielen geistlichen und weltlchen Machthaber, darunter auch Päpste und regierende Fürsten, deren Leibärzte Juden waren und die, wo Sonderbestimmungen nir die Juden im allgemeinen bestanden, für die jüdischen Leibärzte Ausnahmen schufen. Das war doch sicherlich kein Werk von judenfreundlichen Sozialversicherungsinstituten?" „Und wie steht es mit dem zahlenmäßigen Anteil an der Gesamtärzteschaft heute? ,Der christlichen Be- Cafe Franx*Jo§efs*] (Rappaporf) Wien 1/ Fraits»losefsvKai 45 wie alljährlich streng 7109 712? *1t2^!D Unter persönlicher Aufsicht des Herrn M. RAPPAPORT völkerung', wird immer behauptet, .kann nicht zugemutet werden, sofern sie nicht die Möglichkeit hat, einen Privatarzt aufzusuchen, sich ausschließlich von jüdischen Aerzten behandeln zu lassen.' So gibt es zum Beispiel in Wien und im übrigen Oesterreich zirka 90 chirurgische Primariate. Fünf davon sind mit Juden besetzt. Unter diesen Primarärzten ist aber in ganz Oesterreich ein einziger in einem der 64 öffentlichen Spitäler, die anderen, darunter der Primarius des jüdischen Spitals in Wien, an kleineren Privatspitälern. So sieht es also um die Verjudung des österreichischen Acrztestandes in Wirklichkeit aus. Oder will jemand etwa behaupten, daß jüdische Chirurgen eine Kassonstclle, wo sie höchstens kleine Chirurgie zu betreiben Gelegenhet haben, einem Primariat vorziehen?' Die jüdischen Akademiker in Deutschland 13.000 aufs Pflaster geworfen Der bekannte Bevölkerungsstatistiker Dr. Felix A. Theilhaber hat Untersuchungen über die Aenderungen der Berufsverhältnisse bei der jüdischen Akademikerschaft Deutschlands angestellt, die zum ersten Mal ein umfassendes Bild von der durchgreifenden Neuordnung auf diesem Gebiete geben. Doktor Theilhaber stellt fest, daß das starke Bildungsstreben der deutschen Juden am Ende des neunzehnten Jährhunderts zu einer übermäßigen Ansammlung jüdischer Jugend an den Hochschulen geführt hat. Die Juden machten nur 3/.i Prozent der Gesamtbevölkerung, dafür aber bis 6 Prozent an den Hochschulen, an der medizinischen Fakultät sogar zeitweise bis 18 Prozent und an der juristischen bis zu 10 Prozent der Studentenschaft aus. 1932 war der Prozentsatz der reichsdeutschen jüdischen Studenten bereits auf die Hälfte des früheren herabgesunken. Infolge des scharfen Geburtenrückgangs bei den Juden stagnierte der Zustrom jüdischer Studenten, während derjenige nichtjüdischer Studenten infolge zunehmenden Bildungsstrebens der übrigen Bevölkerung wuchs. Der Anteil der Juden an der Studentenschaft ging auf 3 Prozent zurück. Zu der früheren Ueberhöhung hatte auch die stärkere Verbreitung Kundmachung Die Wiener Molkerei bringt auch heuer Pessach-Koschermilch in allen ihren Filialen zum Verkauf. Die Pessach-Koschermilch wird in ihren Meiereien in Niederösterreich unter streng ritueller Aufsicht der von Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. M. Bosenmann bestellten, religiös verläßlichen Organe D^n^U^D erzeugt. Jede Kanne und jede Flasche ist mit einer Plombe, resp. einer Schleife versehen mit dem Aufdruck nDD ivd 2bn Vom 30. März bis 6. April in allen Verkaufsstellen erhältlich WIENER MOLKEREI des Frauenstudiums unter den Juden beigetragen. Noch 1929 waren 17 Prozent der Medizinerinnen Jüdinnen. Der Prozentsatz der männlichen jüdischen Medizinstudierenden war 1932 schon auf 4,7 Prozent gesunken. In anderen Fächern war der Anteil noch geringer, an den Technischen Hochschulen z. B. studierten 2 Prozent Juden. Die vorliegenden Hochschulziffern und Ergebnisse früherer Berufszählungen bieten eine Uebersicht über die Zahl der jüdischen Akademiker. Die Zahl der im Beruf oder in der Vorbereitung zu ihm stehenden Juden betrug 1932 bei den Medizinern 7000, Juristen 6500, Philologen 3000, Beamten 2000, Technikern 2000, Redakteuren und Schriftstellern 2000, Zahnärzten 1000, Apothekern, Chemikern und Tierärzten 1000, Sängern, Schauspielern und Künstlern 1000, Volkswirten, diplomierten Kaufleuten usw. 1000, insgesamt also in diesen Berufen rund 26.500. Von den jüdischen Anwälten wurden nun im Jahre 1933 etwa 2000 gestrichen, ebensoviele waren Referendare, Assessoren und studierende Juristen, so daß mit einem Gesamtabgang von 4000 jüdischen Juristen zu rechnen ist. Bei den Medizinern wird ein Teil der von den Kassen ausgeschlossenen Aerzte den Beruf weiter'ausüben; von den zirka 3000 hier Ausscheidenden werden die meisten wohl einen Wechsel des Domizils vornehmen. Auch die Mehrzahl der jungen Techniker, Sänger und Künstler versucht im Ausland unterzukommen. Der Abgang in den übrigen Akademikerkategorien schwankt im perzcntuellen Ausmaß, kann aber, analog demjenigen der Juristen und Mediziner, durchschnittlich mit 50 Prozent angenommen werden. Von den etwa 1 3.0 0 0 Akademikern, die sich umstellen müssen, werden voraussichtlich gegen 10.000 emigrieren. Bei der seit langem bestehenden Ansammlung besonders älterer jüdischer Akademiker in Berlin und den übrigen Großstädten wird die Abwanderung der jugendlichen, zahlenmäßig schwächer besetzten Jahrgänge in den Großstädten vorerst nicht in Erscheinung treten. Für die deutsche Judenhcit bedeutet die Umstellung, beziehungsweise die Verminderung ihrer Akademikerschaft um die Hälfte für die weitere Zukunft ein Problem, das heute noch nicht zu übersehen ist. Vom antideutschen Warenboykott Vor kurzem ging durch die Presse die Nachncat. daß die New-Yorker Firma M a c y & Co. den Warenimport aus Deutschland eingestellt und ihr Einkaufsbüro von Berlin nach Prag verlegt habe. Es verging viel Zelt, bis sich die jüdische Firma zu diesen Maßnahmen entschloß. Wir erfahren jetzt, daß sie Gegenstand heftiger Angriffe seitens des Präsidenten der Amerikanischen Liga zum Schutz der jüdischen Gleichberechtigung S. Untermyer, und seitens des Gewerkschaftsführers Norman Thomas war, weil sie den Boykott nicht so intensiv durchführte wie die nichtjüdischen Warenhäuser. Jetzt haben nun auch die beiden amerikanischen Riesenhäuser F. W. Woolworth und Brüder G i mp e 1 den Warenbezug aus Deutschland sistiert, ,.weü faktisch keine Nachfrage nach deutschen Waren menr besteht". Hier ist es also c!er Konsument, der die Einstellung des Imports deutscher Ware erzwungen hat. Unter solchen Auspizien vollzog sich in Amerika der Boykott gegen Hitler-Deutschland. Die Londoner „Sunday Times" (die SonntagS4u;-igabe der „Times") vom 25. März beschäftigt sich mit der Wirkung dea antideutschen Boykott* awt die deutsche Wirtschafts- und Finanzlage. Das Blatt führt aus, daß der Boykott der Juden gegen deutsche Waren Hitler-Deutschland empfindlich getroffen habe. „Wenn keine Aenderung der Lage eintritt", schreibt das Blatt, „so wird Hitlers Aktion zur Verminderung der Arbeitslosigkeit durch Heranziehen neuer ArbeitsniBHsen zur Produktion einen Durchfall erleiden. Aber der Durchfall dieser Arbeitskampagne könnte auwh das Ende des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland bedeuten." Dieser Artikel ist gerade im Zusammenhang mit den Stimmen, wonach der antideutsche Boykott wirkungslos sei, äußerst charakteristisch. Kenner der Wirtschaft Deutschlands betonen, daß die letzten Alarmerklärungen des Reichsbankpräsidenten Dr. SQhac.U und anderer deutscher Wirtschaftsführer nicht bloß den Versuch darstellen, Zahlungserleichtcrungen bei den Gläubigern durchzusetzen, sondern dem tatsächlichen Zustand der ökonomischen Lage Deutschlands entsprechen. Die praktische Folge dieser Darstellung ist also die intensive WciterfUhrung des antideutschen Boykotts, wie er in den Vereinigten Staaten, in Polen und zum Teil auch in Holland und UeO Randstaaten geübt wtf&