Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 352 (27.3.1934)
- Date
- 1934-03-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2 DIE NEUE WELT Nr. 352 an den bei Also, wir treffen uns bestimmt ♦ ♦♦ S E D E Rr ABENDEN A. BARSCHAK Wien II, Gr. Sdiiffgassc 3 Tcl Unter Aufsicht Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Jescf 3 ab ad Berühmt sind seine ungarischen Weine, Palästina- Weine, Met, Slibowiti, Kognak v. S S p. Liter aufw. Besonders empfehlenswert seine _ _ Steens kosdhere Küdie flDS 7tP HP 3 | überhaupt Christen, Moslems, sowie Angehörige anderer Glaubensrichtungen tun, aber es ist unwahr, daß das Jüdische Volk, mehr als irgend ein anderes Volk oder eine andere Kirche, solche Sympathien hegt." Die Herren des Board of Deputies haben sich bei der Antworterteilung nicht sehr angestrengt. Gerade heute, wo der Wesenskern der Judenfrage, die Stellung der Juden zu der nichtjüdischen Umwelt, überall ans Tageslicht getreten ist, hätte man eine weniger oberflächliche, weniger irreführende Antwort erwartet. Die Art der Betrachtung hat sich in den letzen Jahren gründlich geändert und dementsprechend hätte auch die Erklärung des Board ausfallen sollen. Als Judenfrage bezeichnen die antijüdischen Elemente aller Länder den Glauben, daß das Leben der Völker durch die Existenz der mit ihnen lebenden Juden in seiner Eigenart, ja in seinem Bestand gefährdet sei. Dies um so gewisser, als ja viele Juden sich zu extremen Anschauungen bekennen und für sie Propaganda machen. Die Antwort der englischen Judengemeinden bezeugt nichts anderes als den Versuch, sich von den „einzelnen Juden", welche etwa kommunistisch oder atheistisch eingestellt sind, zu distanzieren. Es ist eine halbe Antwort und es ist eine halbe Wahrheit, die niemandem dient. Wer kann leugnen, daß dort, wo es jüdische Massensiedlungen gibt, wie etwa in Polen und Rumänien, das Unkraut des zerstörenden Bolschewismus wuchert, daß Juden dem revolutionären Umsturzgedanken in großer Zahl anheimfallen? Daß dort, wo der Blick der jüdischenJugend für sich keine Zukunft sieht, keine materielle, keine geistige, keine soziale, die Verzweiflung sich Bahn bricht in Exzessen politischen Extremismus? Die Welt kann sich nicht mit der mageren Feststellung begnügen, daß das jüdische Volk perzentuell an den extremen politischen Parteien nicht mehr beteiligt ist | — aktiv oder ideologisch — als alle anderen Völker. Der Board of Deputies, die jüdische Repräsentanz Großbritanniens, hätte anläßlich der Frage der „Catholic News" Gelegenheit gehabt, gerade der englischen Gesellschaft, gerade der englischenRegierungzu sagen, daß der Hang zu Umsturzaktionen bei der jüdischen Jugend eine Folge der englischen Palästina-Politik i3t, die den jüdischen erwerbslosen Massen die Tore Palästinas sperrt und sie so zu Hoffnungslosigkeit verurteilt. Der Board of Deputies hätte weiters sagen müssen, daß die Schuld an der Radikalisierung der verzweifelten Judenschaft, insbesondere der Jugend, die Regierungen und die Gesellschaft treffe, die dulden, daß Hitler-Deutschland die Würde des jüdischen Menschen zertritt und ihn ärger behandelt als irgend ein wildes Tier. Die ruhig dulden, daß man in vielen anderen Staaten Juden deklassiert, aus den Berufen jagt und so zur Verzweiflung treibt. Die jüdische Jugend überall in der Welt, in Polen, Rumänien, Oesterreich, Litauen und schließlich auch im Londoner Whitechapel verlangt stürmisch Abhilfe ihrer materiellen und seelischen Not. Das jüdische, durch die zionistische Konzeption im Aufbau begriffene Palästina könnte die Rettung sein, ein Ventil für die Preßluft der Verzweiflung. Die englischen Katholiken hätten sich die Frage, der englische Board of Deputies hätte sich die Antwort erspart, wenn sie sich Theodor Herzls zionistische These zu eigen gemacht hätten: Lösung der moralischen und materiellen Judennot durch Errichtung des Judenstaates und Einreihung des jüdischen Volkes als gleichberechtigtes Mitglied in die Familie der Völker. o. r. Per 3M&enh®i%k.Q>t$3Mummel Aus Berlin: Am 23. März begann die Werbearbeit der Nationalsozialistischen Handels- und Gcwerbeaktion (NS-Hago), die bis äu» April dauern soll. Seitens der Reichsregierung und der obersten Leitung der NSDAP wurde — um ausländischen Meldungen, daß es sich um eine Erneuerung des vorjährigen Judenboykotts handle, entgegenzutreten — erklärt, daß es sich bei der diesjährigen Aktion lediglich um eine Arbeitsbc schaffungsoffensive zugunsten des deutschen gewerblichen Mittelstandes handle. Abgesehen aber vor der Tatsache, daß eine Werbearbeit der NS-Hago, aus der jüdischer Handel und jüdisches Handwerk vollkommen auHgc.~chlos.sen sind, sich eo ipso außerordentlich empfindlich gegen die j idisch^ Position im Erwerbsleben ausj wirken nüßte, hat die NS-H^o in verschiedenen Teilen des Reiches ihre Aktion als eine klare Judenboykottsaktion aufgezogen und durch Sprechchöre der SA, der Hitler-Jugend und des „P;'"des deutscher Mädel", sowie durch Riesenplakate und Boykottposten die Bevölkerung aufgerufen, nicht bei Juden zu kaufen. Aus der jüdischen Welt Tausend Prot est Versammlungen gegen HitlenDeutschland Aus Warschau: Das Hilfskomitee für die deutschen Juden in Polen veranstaltet demnächst im Einvernehmen mit den Leitungen der jüdischen Gemeinden in mehr als 1000 polnischen Städten Massenversammlungen zum Protest gegen die Judenverfolgungen in Deutschland und für Verstärkung des antideutschen Wirtschaftsboykotts. Zu dieser Meldung ist zu bemerken, daß diese Kampagne in erster Linie gegen eine in letzter Zeit merkbare Tendenz auf Abschwächung des Boykotts gerichtet ist. In gewissen jüdischen Kreisen und Blättern wird unter Hinweis auf das zwischen der polnischen und deutschen Regierung geschlossene B ü n dn i s auf Abblasen des Boykotts deutscher Waren hingearbeitet. Gesinnungslosigkeit und Nazi-Geld sind hier die Triebfedern Die Wanderung von Polen nach Paüüsfzna Hin Jahre 1933 Aus Warschau: Laut Bericht hat das polnische Palästina-Amt im Jahre 1933 1 1.916 Personen nach Palästina befördert, davon auf Grund von Arbeiter-Zertifikaten 7874, Kapitalisten und Handwerker 1144, von Arbeitgebern direkt Angeforderte 1164, den Rest bilden Angehörige anderer Kategorien. In den ersten drei Monaten 1934 hat das polnische Palästina-Amt rund 3000 Menschen nach Palästina befördert. In Polen bestehen heute 688 Hachschara-Plätze mit 17.067 Mitgliedern. Von den 3 0 0 Zloty, die die Palästina-Reise eines jeden Chaluz kostet, gehen nicht weniger als 81 Zloty als Kopfsteuer an die Palästina-Regierung. In Polen warten jetzt über 2000 voll ausgebildete Chaluzim auf die Beförderung nach Palästina. Uniformverbot für Brith Trumpeldor in Griechenland Aus Saloniki: Die griechische Regierung hat der antisemitischen EEE und dem Brith Trumpeldor das Tragen von Uniformen verboten. Sie erlaubte aber dem EEE eine Reorganisierung unter andersdenkenden Führern und das Tragen einer neuen Uniform Englische Studenten sollen unter das Hakenkreuz Aus London: „Sunday Referee" - bringt einen Bericht seines Oxforder Korrespondenten, daß an englischen Universitäten Werbeblätter verteilt werden, in denen die Studenten aufgefordert werden, i m Sommer Deutschland zu besuchen, um dem im August an der Deutschen Hochschule für Politik zu Eerlin stattfindenden Kursus „Nationalsozialistische Kultur" in englischer Sprache beizuwohnen. Führer des Nationalsozialismus werden über „Arbeitsdienst", „Rasse und Erziehung", „Rasse und G eschichte" usw. Vorlesungen halten, nach welchen Aussprachen über Juden, Marxisten und Revolution stattfinden werden. Den Studenten werden b esondere materielle Vergünstigungen zugesagt. Das Sterben der deutschen Indengenieinden Aus Frankfurt: Im hiesigen israel. Gemeindeblatt wird der Rückgang der jüdischen Bevölkerung dargestellt. Während der Bevölkerungsabgang 1929 insgesamt 274 Seelen betrug (Sterbeüberschuß 146, Austritteüberschuß 175, Abwanderungsüberschuß 53), war er 1931 schon auf 782 gestiegen (Sterbeüberschuß 165, Austrittsüberschuß 113, Abwanderungsüberschuß 504), 1933 beträgt der Abgang 1695 Seelen (Sterbeüberschuß 225, Austrittsüberschuß 58, Abwanderungsüberschuß 1412). Aus Güstrow: Auf einer in Güstrow stattgefundenen Generalversammlung der jüdischen Landesgemeinde Mecklenburg - S c h w erins wurde berichtet, daß die Zahl der Juden in diesem Gebiete seit der letzten von der Landesgemeinde veranstalteten Zählung von rund 1700 auf etwa 670 zurückgegangen ist. Infolge des katastrophalen Rückganges der Einnahmen wird es nicht möglich sein, die Selbständigkeit der Landesgemeinde aufrecht zu erhalten. Es soll vielmehr eine Vereinigung der Landesgemeinden von Mecklenburg-Schwerin und Mccklenburg- Strehlitz mit der Großgemeinde Lübeck stattfinden. Auch aus anderen Gegenden Deutschlands wird eine außerordentliche Abnahme der jüdischen Bevölkerung in einzelnen Ortschaften gemeldet. So hat sich die jüdische Gemeinde in Bütow (Pommern) seit Anfang 1933 durch Abwanderung von 109 Seelen auf 70 vermindert. 1930 hatte die Gemeinde noch 156 Mitglieder, so daß ein Rückgang von über 50 Prozent festzustellen ist. Auch Modeschuhe — orthopädisch! Neun Zehntel der Kulturmenschen sind fußkrank, meist ohne es zu wissen! Wer hält denn auch schon die größeren oder geringeren Fußschmerzen für mehr als eine Belästigung V Wozu aber Fußschmerzen? Leopold Jellinek baut auch schon Modeschuhe nach erprobten orthopädischen Grundsätzen. Der Fuß wird gestützt wie durch eine feste Hand, und weg sind alle Schmerzen! Leopold Jellinek, orthopädische Modeschuhe fertig und nach Maß, nur 7. Bezirk, Burggasse 5, H Cafe Franz «losefs'Kai Wien I, FranzsiosefssKai 45 wie alljährlich flDS 7t£f *1tPD Unter persönlicher Aufsicht des Herrn M. RAPPAPORT Juden dürfen nidii zur Landwirtschaft Die Hitler-Regierung verhindert die jüdische Umschichtung Aus Berlin wird uns geschrieben: Das mit großem Eifer und großen Hoffnungen von jüdischen Gemeinden und Organisationen begonnene Uraschichtungswerk, welches die jüdische Jugend der Landarbeit zuführen soll, ist nach wenigen Monaten bereits auf einen toten Punkt geraten. Seine Initiatoren rechneten damit, bei den Hakenkreuzlern, wenn schon nicht Hilfe, so doch wohlwollende Neutralität zu finden, wenn sie dem alten Vorwurf, daß die Juden die schwere Landarbeit scheuen und lieber handeln, durch die Tat begegnen würden. Sie glaubten, daß ihr Ruf: „Juden aufs Land!" ein freundliches Eche finden würde. Das Gegenteil ist der Fall. Es zeigt sich, daß das Ziel der Hakenkreuzler nicht die berufliche Umschichtung der Juden, sondern die völlige Vernichtung der Juden ist. Nach Berichten, die aus allen Teilen des Deutschen Reiches einlaufen, werden dem Umschichtungsprozeß der jüdischen Jugend in Deutschland überall die schwersten Hindernisse in den Weg gelegt. Insbesondere wird die landv/irtschaftliche Ausbildung der Jugend seitens der offiziellen Stellen direkt verhindert. Im Rheinland wurden 70 Bauern in die Gemeindehäuser gerufen, wo ihnen direkt anbefohlen wurde, sämtliche jungen Juden, die in ihren landwirtschaftlichen Betrieben eine Ausbildung genießen, fortzuschicken. Der jüdische Gutsbesitzer Max Meiningen, der auf seinem Gut in Hagenau, Mecklenburg, eine Anzahl junger Juden beschäftigte, wurde von der politischen Polizei in Schutzhaft genommen und mehrere Tage festgehalten. Erst als er sich verpflichtete, alle bei ihm beschäftigten Juden zu entlassen, ließ man ihn frei. Die Landwirtschaftskammer der Provinz Brandenburg, der auch die Berliner Bauern und Gutsbesitzer unterstellt sind, hat allen Bauern und Gutsbesitzern anbefohlen, nur Arier zu landwirtschaftlicher Ausbildung aufzunehmen. Die mit ausdrücklicher Ermächtigung der Behörden in Sommerfeld errichteten 30 Ausbildungszentren sind nun aufgelöst worden; die Behörden erklärten, sie benötigten den Boden für andere Zwecke. In Gießen wurden die Bauern, die junge Juden in Ausbildung genommen hatten, mit Boykott bedroht, falls sie nicht alle bei ihnen arbeitenden Juden fortschicken. In mehreren anderen Ortschaften wurden Bauern, die Kriegsveteranen sind, davor gewarnt, weiterhin Juden in ihren Betrieben zu beschäftigen; sie würden sonst ihrer Pensionen verlustig gehen. Die Berliner „Märkische Volkszeitung" macht darauf aufmerksam, daß das Reich voraussichtlich wieder Mittel für die Errichtung von Stadtrandsiedlungen (Erwerbslosen- und Kurzarbeitersiedlungen)) zur Verfügung stellen wird. Geeignete Famüienväter mögen sich daher jetzt schon um Stadtrandsiedlungen bewerben. Gleichzeitig gibt das Blatt Mitteilungen der Leitung des Agrarpolitischen Amtes des Gaues Groß- Berlin der NSDAP, bekannt, aiu? denen hervorgeht, daß Siedlungsbev/erber durchaus nicht eingeschriebene Mitglieder der NSDAP, sein müssen. Es werde lediglich die politische Zuverlässigkeit des Bewerbers geprüft. Neben der politischen Zuverlässigkeit werden an den Siedlungsbewerber noch folgende Ansprüche gestellt: Der Siedlungsbewerber muß arischer Abstammung sein, ebenso seine Frau. Dem Leitungsmitgliede der Judenstaatspartei Oesterreichs und A H. der zionistischen Verbindung „Kadimah", Herrn Direktor Arnold Reich, wurde eine hohe Auszeichnung zuteil. Wegen der großen Verdienste, die er sich in seiner Eigenschaft als Vizepräsident der österreichisch-tschechoslowakischen Handelskammer in Wien um die Ausgestaltung des Handelsverkehrs der Tschechoslowakei mit Oesterreich erworben hat/ wurde er vom Präsidenten der tschechoslowakischen Republik, Masar y k, durch Verleihung des Weiße n-L öwen-Ordens ausgezeichnet. Ghetto auf dem Nürnberger Vaehmarkt Aus Nürnberg: In der Hauptversammlung der Zwangsinnung für das Metzgergewerbe in Nürnberg, die dieser Tage abgehalten wurde, erklärte der Direktor der Vieh- und Schlachthofes Haber kern, daß vom 1. April ab der Viehmarkt in zwei Abteilungen, in eine deutsche und eine jüdische, abgeteilt wird. Es werde dann leicht sein, die Metzger festzustellen, die immer noch beim jüdischen Händler kaufen, denn es sei leider eine betrübliche Tatsache, daß heute noch 63 Prozent des Mark tauf triebs aus jüdischen Anlief»» rungen stammen. Ji