Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 352 (27.3.1934)
- Date
- 1934-03-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bgahr fO Groschen Dienstag, den VI* Marz 1*34 Nr« 352 V« b. b< äitung vom Verleger versende! jurnal expedie par r^difeur*« REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S4.20, ganzjährig S lü.-;Polen monatlich Zloty 2.-, vierteljährig Zloty 6.— Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Balgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übr Igen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteliährlg Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätssir, 6-8, 7ei. B-48-504 — Erscheint Dienstag undFreitag Deutsch/ diri'§tlidi — und die Juden? Die Männer, welche nach dem Umsturz in Oesterreich alle Vollmachten und die Führung übernommen haben, betonen ständig, daß von nun ab Oesterreich deutsch und christlich regiert werden wird. Das Volk Oesterreichs ist zu neunzig Prozent deutsch und zu fünfundneunzig Prozent christlich. Kein billig denkender Mensch wird dagegen etwas einzuwenden haben, wenn früher herrschende Tendenzen, sofern sie gegen die nationale und religiöse Entwicklung der Gesellschaft gerichtet sind, jetzt ausgeschaltet werden. Kein billig denkender Mensch kann dagegen etwas einwenden, daß das kulturelle und soziale Leben in diesem Staate von maßgebender Seite so beeinflußt, wird, daß der Deutsche ein guter Deutscher, der Christ ein guter Christ bleibt und in der sozialen Gesetzgebung den sozialen Grundsätzen des Christentums Rechnung getragen wird. Aber in diesem Staate leben Bürger, welche weder deutsch noch christlich sind, lebt die jüdische Minorität. Bedeutet „deutsch-christlich" regieren so regieren, wie es den Grundsätzen einer Kulturnation und einer Religion hoher Kultur entspricht, d. h. so regieren, daß auch die Gleichberechtigung der jüdischen Minorität, ihre Würde und ihre Existenzberechtigung gewahrt wird? Oder heißt deutsch-christlich regieren die Juden Oesterreichs zu Menschen minderen Rechtes machen, sie aus wichtigen Gebieten des Lebens verdrängen, sie bedrücken? Die österreichischen Juden müssen darauf dringen, daß diese Frage klar, eindeutig beantwortet werde. Wer ihnen und der österreichischen Regierung anrät, dieser Frage aus „Gründen der Opportunität" auszuweichen, der rät beiden schlecht. Die österreichischen Juden müssen wissen, woran sie sind, und die österreichische Regierung hat das größte Interesse daran, daß die unter größten Opfern geschaffene Ordnung durch die unerledigte Judenfrage nicht gestört und der Ruf Oesterreichs als Staat hoher Kultur nicht beeinträchtigt werde. Gewisse Elemente haben bereits auf diese Frage geantwortet. Besonders laut gerade jene, welche den Grundsatz „d eutsch -christlich" in antisemitischem Sinne, im Sinne der Verfolgung und Ausschaltung der Juden gedeutet haben wollen. In einem Teile der österreichischen Presse wird in zügelloser Weise Kampf gegen das Judentum gepredigt, wobei — ganz in der Manier der Hakenkreuzler — das Judentum seinem Wesen nach als Hort des Schmarotzertums, der Sittenverderbnis und des Bolschewismus verleumdet wird. Leider ist es auch nicht überall nur bei Worten geblieben. Wo Anhänger dieser Anschauungen zu entscheiden haben, da handeln sie auch entsprechend. Als Zeichen sind anzusehen: Das Schweigen, die Untätigkeit der mit der Aufsicht über die Presse betrauten Stellen. Ausschreibung von öffentlichen Posten in einer Form, welche die Bewerbung von Juden ausschließt. Entlassung von jüdischen Beamten ohne jedes gegen sie eingeleitete Verfahren, . ohne vorangegangenes Urteil, wie im Falle städtischer Aerzte in Linz und in Wien. Es ist keine Ueberschätzung, wenn man das als bedrohliches Anzeichen wertet und auf Klärung dringt. Es liegen Aeußerungen maßgebender Führer vor, welche die Achtung vor den Rechten der Juden betonen. Bundeskanzler Dollfuß, Vizekanzler Fey und Heimatschutzführer Fürst Starhemberg haben wiederholt vor Vertretern der Inlands- und Auslandspresse erklärt, daß an eine Abänderung der Verfassung im Sinne der Entrechtung der jüdischen Staatsbürger nicht gedacht wird. Aber so wichtig der Wortlaut einer Verfassung ist, so bestimmt er doch nicht allein den Inhalt des öffentlichen Lebens. Es kommt auf den (Seist an, in welchem diese Verfassung zur Anwendung gebracht wird. Und da sind Kräfte am Werke, denen die Tendenz zur Umdeutung der besten Verfassung in judenfeindlichem Sinne zugetraut werden muß. Vor wenigen Tagen hat der Heimatschutzführer Fürst Starhemberg vor den englisch-amerikanischen Pressevertretern die Judenfrage erörtert. Im offiziellen Bericht heiß't es: „Bezüglich der Juden frage äußerte hich Buiidesführer Starhemberg dahingehend, daß ein Antisemitismus der Gewalt ein Unsinn sei. Das Judenproblem könne nicht durch Ge\valtmaßnahmen, also auch nicht durch einen Numerus clausus, gelöst werden. Die einzige Lösung liege in der Schaffung von Gesetzen, die dem Empfinden der christlichen Bevölkerung entsprechen. Die wertvolle Judensehaft, deren Dienste für den Wiederaufbau des Staates wir benötigen und in Anspruch nehmen werden, wollen wir behalten." An der Ehrlichkeit dieser Erklärung ist nicht zu zweifeln. Kann sie aber als ausreichende Sicherung gegen antisemitische Gelüste angesehen werden? Wer entscheidet darüber, was „wertvolle" Juden sind, die man „in Anspruch" zu nehmen hat? Da ist auch den übelwollendsten Deutungen freier Raum gegeben. So kann man über die Judenfrage nicht hinwegkommen. Was nottut, ist eine klare, eingehende Aussprache zwischen maßgebenden Vertretern der Regierung und maßgebenden Vertretern der österreichischen Judenschaft. Zu dieser Aussprache ist es aber bedauerlicherweise bisnun nicht gekommen. r. st. Vorgänge heg der Gemeinde Wien Wiener Blätter bringen folgende Meldung: Seit einigen Tagen werden die Verträge, die im Verlauf der letzten fünfzehn Jahre zwischen der Gemeinde Wien, beziehungsweise ihren Spitälern und Aerzten abgeschlossen wurden, einer Ueberprüfung unterzogen. Einzelne Verträge, insbesondere aber Verträge jüdischer Aerzte, die im letzten Jahrzehnt durch die Gemeinde Wien angestellt wurden, sollen nicht mehr erneuert werden. Auch aus Aerzte kreisen wird die Nachricht bestätigt, daß eine Reihe bei der Gemeinde Wien beschäftigter jüdischer Aerzte im Verlauf der letzten Tage die Verständigung erhielten, daß ihre Verträge durch die Gemeinde Wien nicht mehr erneuert werden. Die betreffenden jüdischen Aerzte scheiden nach Ablauf ihrer Verträge aus dem Gemeindedienst aus. Die Aerzteverträge der Gemeinde Wien lauteten im allgemeinen auf zwei, drei und vier Jahre. Es gibt darunter auch Verträge, die schon früher gelöst werden können. Juden an der Waenei» Universität/ Wintersemester 1933/34 Wir" sind in der Lage, die genauen, offiziell erstellten Daten über das Verhältnis der jüdischen Hörer zu den nichtjüdischen an der Wi e n e r Universität zu erbringen. Irisgesamt gab es im soeben abgelaufenen Wintersemester 1.1.337 ordentliche Hörer (darunter 2971 Frauen). Hievon waren: Juristen: Mediziner: Philosophen: Theologen: Von den Juristen: Mediziner: Philosophen: Gesamlhürerzahl Juien , , 2588 393 Frauen . . . . . 288 66 Männer . . . . . 2934 902 Frauen . . . . . 844 341 Männer . . . . . 2419 247 291 Männer . . . . . 441 — Insgesamt . . 11337 2240 Juden waren: Inländer Ausländer Männer . . . , . 353 40 Frauen . . . . . 55 11 Männer , , . . . 595 307 Frauen . . . . . 260 81 Männer . . . . . 187 60 Frauen . . . . . 225 66 Insgesamt . . 1675 565 Aus dieser Zusammenstellung ist zu ersehen, daß bei Weglassung der vielen jüdischen Ausländer der Prozentsatz der Juden an der Wiener Universität zirka 15 Prozent beträgt. Wenn man in Rücksicht zieht, daß der jüdische Prozentsatz an den beiden anderen Universitäten Oesterreichs, nämlich Graz und Innsbruck, fast gleich Null ist, so ergibt sich, daß die lauten antisemitischen Klagen über die Verjudung der österreichischen Universitäten unberechtigt sind. Anders liegt die Sache vom jüdischen Standpunkt aus besehen. Da stellt sich die Zahl der jüdischen Hörer bedauerlich hoch dar. Die Warnungen, die an jüdische Eltern s^^ta^T^.^^. ^j2ß&3tad... 7 und Schüler ergangen sind, das Hochschulstudium wegen seiner derzeitigen Aussichtslosigkeit möglichst einzuschränken, haben sich als wenig wirkungsvoll erwiesen. Gewiß sind die Eltern von jüdischen Kindern, welche die Mittelschule hinter sich haben, in arger Ratlosigkeit. Aber die Erwägung: „Was sollen wir mit ihnen anfangen? Lassen wir sie an der Hochschule weiterstudieren!", wird doch zu leicht akzeptiert. Heute ist jeder Versuch, die Kinder ins praktische Leben einzuordnen, wenn auch Schwei-, so doch aussichtsreicher als die Flucht in die Hochschule. Besonders das Ueberwuchern des jüdischen Frauenstudiums, wie es aus der vorstehenden Tabelle ersichtlich wird, gibt der Besorgnis recht, daß hier jüdische Volkskraft und jüdisches Geld nutzlos verbraucht werden. Allerdings trifft der Hauptvorwurf nicht die bedauernswerten, ratlosen Eltern, sondern die jüdische Oeffentlichkeit, die jüdischen Institutionen und Organisationen, welche sich mit oft kleinlicher charitativer Arbeit begnügen und — wenn man von der zionistischerseits betriebenen Vorbildung für Palästina absieht — für die berufliche Umschichtung der Juden so gut wie nichts leisten. .... sind alle unsere Mode- und Maß-Schuhe, denn sie sind nach orthopädischen Grundsätzen richtig gebaut Leopold Jelllnek, nur VII, Burggasse 5 Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeh* lieben Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet Das Organ der Katholiken Englands, die Londoner „Catholic News", beschäftigte sich kürzlich in einem Leitartikel mit dem Judenproblem und stellte folgende Frage zur Diskussion: „Ist es eine Verleumdung, wenn man dem jüdischen Volk als Ganzem Sympathien mit jenen Juden nachsagt, dio atheistisch, kommunistisch oder revolutionär gesinnt sind und kommunistische Propaganda treiben?" Diese Frage war keine rhetorische. Sie war zweifellos auf eine praktische Wirkung berechnet. Tatsächlich meldete sich der Board of Deputies, die Vertretung der jüdischen Gemeinden Großbritanniens, der die folgende offizielle Antwort erteilte: „Ja, es i s t eine Verleumdung, eine Unwahrheit, die darauf abzielt, den guten Ruf aller Juden zu schädigen und die Juden als Gesamtheit dem Haß ihrer Mitbürger auszusetzen. Es mag sein, daß einzelne Juden Sympathien mit Atheisten und Kommunisten hegen, wie dies einzelne Schotten, Engländer, Franzosen, fltor.il ertlich Schmidl-Mazzoth sind die besten Überall erhältlich