Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 350 (20.3.1934)
- Date
- 1934-03-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2711952-2711973--4247-2717702- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mief DIE MfiUB WELT Nr. 860 J«rfenil«ftif Dienstag, den 20. März 1. j., um halb 9 Uhr abends, im Saale des Restaurants Schuh, Wien, x», Pernerstorf ergasee 28 VORTRAG) °VÄ' ROBERT STRICKER Thema: JÜDISCHE WELTLAGE Klein., UNO PALÄSTINA Regiebeiirag Denunzianten! POLEN! Osterreise nach 26. März bis 9. und 22. April Sofortige Anmeldung nötig! Reisebüro .Marisnbrüoke', Wlan!, Roteniurmstr. 26 Telephon R-24-2-86 u. R-24-2-87 „bescheiden gewordene heutige Publikum" von London bis New York erheitern. Die „Reichspost" vergißt auch — denn Ihr Kunstreferent hat es sicher gewußt, ea war in allen Voranzeigen zu lesen — daß die von Ihr nicht mit Unrecht unter „Schmutz und Schund" eingereihte Operette ihren traurigen Siegeslauf im gleichgeschalteten rassenrein gemachten Berlin begonnen hat. Die Operette wurde auf einem nunmehr arischen Theater in Berlin, unter einem arischen Direktor von den arischen Darstellern, vor allem der gefeierten Hakenkreuzlerin Friedl Schuster, aufgeführt. Nachdem sich das arische deutsche Publikum in mehr als hundert Aufführungen an der von der „Reichspost" als jüdische Schweinerei bezeichneten Operette weidlich ergötzt hatte, kam sie nach Wien. Die „Reichspost" referiert? Nein, sie kulturpolitisiert. Vorn im Leitartikel wendet sie sich allwöchentlich gegen den sogenannten Rassenwahn, der mit den Dogmen der Kirche nicht in Einklang zu bringen sei. Hinten im Theaterteil rasse-antis e m i t e 11 sie ohne jeden Anlaß. Sie bricht das sonst ängstlich Vermiedene „Rassestigma" vom Zaun. „RitaGeorgundWillyStettner" (das sind die Hauptdarsteller der oben erwähnten Operette)', schreibt sie, „mögen auf Grund ihrer Rasse« Zugehörigkeit vielleicht berufen erscheinen, derlei Unsauberkeiten auf ihre Art garnieren zu können." Die „Reichspost" und ihr Anhang wird, so weltfremd sind wohl diese Kreise nicht, zugeben müssen, daß das Produzieren und Reproduzieren von Cochonnerien mit Anthropologie nichts zu tun hat; ebenso zugeben müssen, daß ein Schauspieler die Rolle spielen muß, die man ihm zuteilt. Der Angriff auf die beiden Darsteller, die angeblich Juden sind, hat also wenig Sinn und i3t im Rahmen einer „Kunstkritik" schlecht placiert. Aber in ihrem Eifer, den sonst so gehaßten Hakenkreu2lern im Judenpunkt durch Herabsetzung der jüdischen „Rasse" schön und gleichzutun, läßt sich die fromme „Reichspost" zu einer gröblichen Gotteslästerung, einer zum Himmel schreienden Lästerung ihrer eigenen christlichen Kirche hinreißen. Wenn sie die Rasse der beiden Schauspieler, also die jüdische Rasse als berufene Trägerin von „Schmutz und Schund" hinstellt, hat sie damit ihren Erlöser, ihren Heiland, ihr Heiligstes, in unaussprechlicher Weise beleidigt. Denn er gehört ja zu dieser Rasse. Was die „Reichspost" doch nie geleugnet hat und nie leugnen wird. Sie hat das getan, was den Erzbischof von Köln veranlaßt hat, Anklage gegen die Kirchenschänderei der Hakenkreuzler in alle Welt zu rufen. Der bekannteste Vorläufer der heutigen Hitler- Bewegung in der Vorkriegszeit, der Alldeutsche und Kirchenfeind Schönerer hatte zwei Leitsätze geprägt: Ohne Juda, ohne Rom, Wird gebaut Germanlas Dom! Und dann: Was der Jude glaubt ist einerlei, In der Rasse liegt die Schweinerei! In ihrem Wettlauf um rasseantisemitische Lorbeeren ist also die katholische „Reichspost" auf den Weg des „Los von Rom"-Schönerer und seiner hitlerischen Nachfahren geraten. Ja, sie begeht das, was der Erzbischof als Kirchenschänderei verdammt. Preisrätsel Eine in Rumänien erscheinende Zeitung, das Organ einer nationalen und religiösen Minderheit, maoht die Zurücksetzungen, welche diese Minderheit auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete nach Ansicht der Zeitung erfährt, zum Gegenstand herzbewegender Klage. Sie schließt mit diesem Stoßseufzer: „Wohin sollen wir eigentlich? Im Staatsdienst will man uns nicht. ImstädtischenDienst sind wir zu viel. In die Armee nimmt man uns nicht auf. In führender Stellung .verletzen wir das rumänisohe Nationalgefühl'. Als kleine Arbeiter nehmen wir den Rumänen das Brot weg'. In der Industrie und im Handel« ebenso wie im Handwerk I Die Wiener „Wahrheit", das Organ der „Union österreichischer Juden", brachte einen Artikel aus der Feder eines Führers eben dieser „Union", welcher jeden ehrlichen Juden mit peinlichster Beschämung erfüllt. Der große Erfolg, welchen die Jüdische Volkspartei für Oesterreich mit ihrer letzten großen Kundgebung erzielte, veranlaßt den Artikelschreiber zu kleinlichen persönlichen Ausfällen gegen den Obmann der Partei, Robert Stricker. Sie verdienen keine Widerlegung. Dann kommen einige glatte Lügen: Spaltung in der Volkspartei. Austritt des Kultuspräsidenten Dr. Friedmann und des Vizeobmannes Dr. Grünbaum. Die Behauptung, daß eine seinerzeit vom Obmann Stricker ins Wiener Rathaus einberufene jüdische Massenkundgebung nicht stattfinden konnte, weil die Radau-Antisemiten es nicht gestatteten. Tatsache ist, daß diese imposante jüdische Kundgebung trotz des antisemitischen Widerstandes stattgefunden hat. Tatsache ist, daß Dr. Friedmann und Dr. Grünbaum nach wie vor in der Leitung der Volkspartei sitzen. Aber das sind Kleinigkeiten, wie sie eben von jemandem produziert werden, der nichts Großes zu sagen hat. Wesentlich ist, daß alle diese winzigen Unwahrheiten um eine riesengroße, gegen den Zionismus gerichtete Denunziation ärgster Sorte herum geschrieben sind. Der Schlager des Artikels ist nämlich das „Zita t" der Aeußerung eines zionistischen Versammlungsteilnehmers. Im Artikel wird angeführt, daß dieser, natürlich ungenannte und nur als „jüdischnationaler Nicht- Strickerianer" bezeichnete Zuhörer nach der Rede Strickers sagte: „Dazu mußte Stricker so viele Jahre In Zionismus machen, um jetzt eine so patriotische Rede zu halten?" Diesem natürlich zum Zwecke anonymer Verleumdung plump erfundenen Zitat wird eine mehr raffinierte, denunziatorische Giftspritterei nach« geschickt. Nämlich: „D a s würden wir von der,Union' Ihm (Stricker) sicherlich nicht vorhalten, Ihm» dem Begründer einer eigenen Staatspartei, wir freuen ans vielmehr immer wieder Uber das mutige Erkennen der Zeit und ihrer Bedürfnisse und über die erfreuliche Wandlungsfähigkeit In zionistischen Kreisen." Also: Der Zionismus ist eine gegen die Staatsinteressen gerichtete antipatriotischi Bewegung. Und sie, die „Union österreichischer Juden", freut sich über die „Wandlungsfähigkeit" in zionistischen Kreisen, das heißt darüber« daß gewisse Zionisten, darunter Stricker, aufgehört haben, Vaterlandsverräter, schlechte Patrioten zu sein, vom antipatriotischen Zionismus den Weg zur Vaterlandsliebe gefunden haben. Diese Denunziation — in normalen Zeiten abscheulich genug — wird in der Zeit eines Umsturzes! in Oesterreich, welchen der Antisemitismus für seine Zwecke auszunützen erfolgreich bemüht ist, in die Oeffentlichkeit gerufen. Da wird sie wirklich zur Ungeheuerlichkeit. Sie fällt auf die Denunzianten zurück. Die Zionisten haben es wirklich nicht notwendig, ihr« reine, von allen Kulturstaaten geschätzte und geförderte Bewegung gegen solche hirnrissige, von'Böswilligkeit und Neid diktierte Verunglimpfung zu verteidigen. Aber eine Frage muß gestellt werden: Die Herren von der „Union" sitzen in der Kultusgemeinde und in verschiedenen Komitees mit Zionisten zusammen und plädieren dort sehr laut für die Einigkeit aller Juden in dieser gefährlichen, schweren Zeit! Wie stellen sie sich eine gemeinsame Arbeit vor mit Zionisten, wenn im Blatte der „Union", von einem Führer der „Union" und im Namen der „Union" der Zionismus als unpatriotisch denunziert wird? i" sollen wir uns nicht beschäftigen. Bei der Eisenbahn und bei der Post erscheinen wir als .überflüssig'. In den freien Berufen .überwuchern wir die Ru mänen', in den politischen Verwaltungsstellen und im Pressewesen sind wir ,zu stark*. Und alles in allem haben wir doch nicht mehr als 800.000 Köpfe Wie ist es dann eigentlich möglich, daß wir überall zu viel sind? Die Antwort ist leicht: Für Chauvinisten sind wir so lange zu viel, als es noch einen von uns in diesem Lande gibt." Wer schreibt und seufzt so, lieber Leser? Ohne deinen durch Lösung von Kreuzworträtseln geschärften Verstand sonderlich anzustrengen, antwortest du rasch: Die Juden! Da paßt doch alles haargenau und nur auf die Juden . . . Gefehlt! So schreibt und seufzt die hakenkreuzlerische „Czernowitzer Deutsche Tagespost", das Organ der Deutschen in Rumänien, welche ihre Gesinnung von Herrn Hitler bezogen haben und Arm in Arm mit den blutrünstig antisemitischen Chauvinisten, den Cuzisten, marschieren, wenn es gegen Juden geht. Ja, die deutschen Nationalsozialisten, welche alle Minoritäten und am liebsten die jüdische zertreten möchten, jammern, wenn man ihr Prinzip von der Alleinherrschaft der Staatsnation gegen sie in Anwendung bringt. Da fangen sie zu „jüdeln" an! Die Hakenkreuzler rufen «Gelbe, Schwarze und Rothäute auf Aus Berlin: Graf Ernst zuReventlow fordert in dem von ihm redigierten „Reichswart", Organ des „BVE" (Bund völkischer Europäer), alle nichtarischen Rassen in der Welt, auch die Farbigen, auf, sich mit den Ariern im Kampf gegen die Juden zu vereinen. Er führt aus: „In Deutschland wird seit 1033 das Wort ,nichtarisch' gebraucht, und zwar für Juden, Halbarier, Juden-Versippte und -Mischlinge. Ich schlage vor, das Wort .nichtarisch' aus der Aufnahmeerklärung des ,BVE' zu streichen, um Gelbe, Schwarze und Rote nicht ungerechterweise zu b e le i d 1 g e n. Auoh das Wort .Antisemitismus* wäre fürder zu vermeiden, denn der Jude gehöre keinem semitischen Stamm an, er habe sich seit mehreren tausend Jahren zu einer .parasitären Entartungsform innerhalb des menschlichen Typus verdichtet'. Alle .nlchtarieohen4 farbigen Rassen sind Leidensgefährten der Arier, weil sich der Jude auf sie mit derselben Lust- und Beutegier wie auf uns stürzt. Mit ihnen im Schicksal verbunden, müssen wir zur eigenen Sicherheit auoh um ihre Mitwirkung Im Kampf bemüht sein. Wir dürfen uns auf keinen Fall selber schwächen, indem wir den Kampf auf Leute ausdehnen, die, an Juden gemessen, nur halb so schlimm sind, denn vorm Juden sind alle Menschen und Rassen gleich. Der Afrikaner ist ein Opfer wie der Schwede, Russe, Deutsche, Amerikaner, Kanadier, Chinese usw. Es kann demnach nioht dringend genug davon abgeraten werden, neben dem Judentum irgend eine andersfarbige Rasse anzugreifen." Eine Osterreise nach Polen ohne Visum. Vom 28. März bis 15. April findet unter bewährter Führung eine billige Osterreise statt. Krakau, Lemberg, Stanlslau usw. Reservierte Plätze, bequeme Wagen, mäßige Preise. Die günstigste Gelegenheit, Ostern in Polen zu verbringen. Nähere Auskünfte: E. Ferstel, I., Kärntnerring 12. Tel. U-40-301, und Nordisches Reisebüro, I., Seilcrgf iae 3, B 1 Es gilt allen! Der Vorsitzende der Judengemeinde in Frankfurt a. M. Dr. Julius Blau veröffentlicht im dortigen Gemeindeblatte einen Aufruf, welcher auf das in schwerer. Zeit doppelt zu verurteilende aufdringliche und a u fr e iz e n d e Benehmen in gewissen jüdischen Gesellschaftskreisen Bezug nimmt. Er sagt: „Wahrung der Würde, Haltung und Zurückhaltung sind die besten Waffen derer, die sich als zu Unrecht aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen betrachten müssen. Seit dem Einsetzen des Sturmes in Deutschland ist beinahe ein ganzes Jahr vergangen, ohne daß die Schwere der Dinge wesentlich nachgelassen hat. Wenn ich auch nioht behaupten möchte, daß die Gewöhnung an die Situation die jüdischen Menschen abgestumpft und sie hat vergessen lassen, welche Haltung allein dem Betroffenen geziemt, so machen sich doch Erscheinungen geltend, die die Gesamtheit schädigen und ihr verhängnisvoll werden können. Es mag genügen, hinzuweisen auf mancherlei des Taktes entbehrendes Benehmen in der Oeffentlichkeit, auf ein Neid und Unwillen erregendes Zurschautragen von Luxus, auch wenn er in den materiellen Verhältnissen des einzelnen begründet sein könnte, auf vielen mangelnde Zurückhaltung in dem Besuch von öffentlichen Veranstaltungen, wo Juden — um mich milde auszudrücken — bestenfalls nur geduldet werden, auf ein Uebermaß in der Veranstaltung und Ausdehnung von Vergnügungen, wobei z. B. das Auffahren von Autos besonders unliebsam empfunden wird und zu ungerechtfertigten Verallgemeinerungen führen muß. Schon sind in verantwortungsbewußten QemeindekreiBen Stimmen laut geworden, die ein IQ Inschreiten kategorisch verlangen. Möge diese ernste und dringende Warnung und der Hinweis auf die gefährlichen Folgen solch unverantwortlichen Und mit. Recht als Mangel an Gemeinschaftsgeist empfundenen Tuns genügen, um ihm Einhalt au gebieten." Die an die deutschen Juden gerichtete Mahnung' sollte überall beherzigt werden. Ueber aufdringlichen Luxus und zügelloses Benehmen weiblicher und männlicher jüdischer Snobs wird allerorten, In tschechischen Bädern, auf österreichischen Wintersportplätzen usw. genau so geklagt, wie Jetzt in Frankfurt. Man ist in jüdischen Kreisen in der Beurteilung dieser Sache zu nachsichtig. Auch glaubt man, die Dinge verschwelgen zu müssen, um dem „Antisemitismus kein Material zu bieten", als ob die Antisemiten blind wären und darauf' warten müßten, bis die Juden ihnen diese Dinge unter die Nase halten. Der Dampfer „Gracovia" heißt jetzt „Jerusalem" Aus Tri es f. Die Schiffsgesellschaft Lloyd Triestino hat ihren Dampfer „Cracovia" in „Jerusalem" umbenannt. Vor kurzem hat die gleiche Gesellschaft ihren Dampfer „Martha Washington" in „Tel-Awiw" umbenannt. Beide genannten Dampfer vermitteln den Verkehr zwischen italienischen und palästinensische« Hafen,