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Die neue Welt · 1934-03-16 · Heft 349 (16.3.1934) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 349 (16.3.1934)
Date
1934-03-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 349 Umwandlung der 6proz. Dolln ranleihe der Stadt Wien vom Jahre 1927 in öproz. SchiUingobligatlonen mit Wertvrrsicherungsklansrl. Bis zum Ablauf der für die Anmeldung der Dollaranleihebonds zum Umtausch in Schillingobligationen ursprünglich festgesetzten Frist per 10. d. wurde in Oesterreich mehr als die Hälfte des gesamten, überhaupt noch im Umlauf befindlichen Nominales der Wiener Dollaranleihe zum Umtausch angemeldet. Dies beweist, daß der weitaus überwiegende Teil der österreichischen Dollaranleihebesitzer von dem Anbot der Stadt Wien Gebrauch gemacht hat. Das noch im Inland befindliche Nominale der Dollaraneihebonds rechtfertigt wegen seiner Geringfügigkeit nicht mehr die Aufrechterhaltung der Kote an der Wiener Börse. Der Magistrat der Bundeshauptstadt Wien beabsichtigt daher, demnächst um die Streichung der Notiz der Dollaranleihebonds und um die Notierung der neuen Schilling- Obligationen an der Wiener Börse einzuschreiten. Um aber vorher denjenigen Inhabern, die es bisher unterlassen haben, die in ihren Händen befindlichen Dollaranleihebonds zu konvertieren, biezu noch Gelegenheit zu geben, wird die Frist zur Anmeldung dieser Bonds bis zum 24. März 1934, 12 Uhr mittags, verlängert. E RUNDSCHAU Brandmann gehl von Wien weg Ein Leser unseres Blattes, ein Wiener Musik- und Gesangslehrer, schreibt uns: „Wien, 14. März 1934. Geehrte Redaktion! Wien ist nicht reich an Persönlichkeiten, die das ehrenvolle Attribut .Träger jüdischen kulturellen Lebens* verdienen. Es gehört zweifellos Opfermut dazu, seine Kräfte solchem Leben zu widmen. Und sogar auf dem Gebiet der Musik, das den jüdischen Menschen vielleicht mehr anzieht als andere Disziplinen, sind Persönlichkeiten mit schöpferischer und reproduktiver Begabung bei uns selten. Das jüdische Wien hätte kürzlich Gelegenheit gehabt, eine unbestrittene musikalische Kapazität an sich zu binden. Es ging allerdings bloß um eine Chordirigentenstelle. Wenn aber ein Israel Brandmann als Kandidat aufschien, so bekam dieser Anlaß tiefere Bedeutung. Die Chordirigentenstelle im ersten Wiener Gemeindebezirk, an dem repräsentativen Stadttempel, wurde von der Kultusgemeinde vergeben. Aber nicht Israel Brandmann wurde dieser Stelle für wert gehalten. Der Chordirigent hat einen begrenzten Wirkungskreis. Ihm steht ein Gesangskörper zur Verfügung, dessen .Repertoire* durch die liturgischen Gebetformen vorgeschrieben ist. Das weiß jeder Laie. Was aber gerade im Fall Brandmann betont werden muß, ist die Tatsache, daß eine musikalische Persönlichkeit seines Ranges weit über die Grenzen seines Wirkungsbereiches auf das jüdische Musikleben hätte befruchtend wirken können — wenn man ihm die Möglichkeit gegeben hätte, von einem Jüdischen Zentrum aus zu wirken. Denn Brandmann ist nicht ein beliebiger Stabschwinger und Chorführer. Brandmann ist einer der Erneuerer jüdischer Musik. Sein Quartett ist führend, seine Kompositionen (Lieder, Klavierwerke, Cellostücke, die symphonische Dichtung .Hechaluz') erscheinen auf den Programmen der ganzen Welt. Brandmann hat als Leiter des Jüdischen Gesangvereines unbestrittene Kapellmeistererfolge und er ist schließlich, verwurzelt in der hebräischen Kultur, Mitschöpfer des neuen palästinensischen Musiklebens. Die Herren der Wiener Judengemeinde haben ihn nicht für würdig gehalten, einen Tempelchor zu dirigieren. Ich weiß nicht, welche Einflüsse da bestimmend waren. Jedenfalls wird die jüdische Institution, die den Meister Israel Brandmann verschmähte, mit dieser Handlungsweise nicht viel Ehre einheimsen. Die Geschichte wird die Tat nicht ehrend erwähnen, die Gegenwart wird über sie zur Tagesordnung übergehen. Und Israel Brandmann wird sich auch zu ,trösten* wissen. Palästina ruft ihn! Das jüdische, aufbauende Palästina, das weiß, was es auf dem Gebiet der Musikpflege braucht. Brandmann wird dem Ruf Palästinas folgen, er wird seine große Begabung dem Jüdischen Nationalheim widmen und dort rasch die Niederlage vergessen, die sich die Wiener Judengemeinde an Ihm geholt hat. So hoffen alle jüdischen Musikinteressenten und der unterzeichnete Gesangslehrer." // Greuelmärchen // Die Hitler-Deutschen beschuldigen die Juden, daß sie über die Vorgänge in Deutschland „Greuelmärchen" verbreiten, und wenn sie einen Juden erwischen, der im Verdachte steht, von Greueltaten in Deutschland berichtet zu haben, dann wird er halbtot geprügelt und ins Konzentrationslager oder in den Kerker gesteckt. Nun werden in der Schweiz solche „Greuelmärchen" verbreitet. Aber nicht von geflüchteten kleinen Judan, sondern von deutschen Großunternehmern, von deutschen Versicherungsgesellschaften. Aus Genf wird nämlich gemeldet: „Die Ende Februar 1934 in Arnswalde, Pommern, vorgekommenen pogromartigen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung haben ein Nachspiel in Genf. Deutsche Versicherungsgesellschaften, die für den in Arnswalde angerichteten Schaden haftbar und bei schweizerischen Gesellschaften rückversichert sind, haben eine genaue Schilderung der Vorgänge nach Genf geschickt, der zu entnehmen ist: Am Abend uea 24. Februar wurden in Arnswalde Neueröffnung Strandhotel Tel*Awiw 2, ALLENBY ROAD Besitzer: Dr. Berschak und Hans Boehm Das Haus mit modernstem Komfort. Badestrand unmittelbar am Hotel. Kaltes und warmes Wasser in jedem Zimmer. Bäder. Liegeterrassen/ schönster Blick j| auf JAFFA, Meer und Strand. Feinste koschere Küche, sorgfältigste Bedienung, mäßige Preise. — Hotelauto am Hafen und Bahnhof. sämtliche Häuser, in denen Juden wohnen, alle jüdischen Geschäfte, Synagogen und G emeindeinstitutionen plötzlich, wie auf ein gegebenes Zeichen hin, mit Feldsteinen bombardiert. In mehrere jüdische Wohnungen wurde mit Revolvern durch Türen und Fenster hineingeschossen. In keiner jüdischen Wohnung blieb auch nur ein Fenster ganz. Gleichzeitig drangen die der SA. angehörenden Angreifer In das Haus der jüdischen Gemeinde, in die Synagoge und in die Wohnung des Rabbiners ein, zerstörten die Inneneinrichtung der Synagoge, löschten das Ewige Licht (ner tamid), zerrissen und schändeten die heiligen Bücher. Die ganze Nacht durch wurde die jüdische Bevölkerung unter einem beispiellosen Terror gehalten. Am nächsten Morgen flüchteten die meisten jüdischen Einwohner, ihre ganze Habe zurücklassend, aus Arnswalde, um nicht mehr dorthin zurückzukehren. In dem Bericht wird betont, daß der Versicherungsschaden hoch ist und daß bisher keiner der Angreifer verhaftet wurde. Ein anderer Bericht an schweizerische RückVersicherungsgesellschaften hat ähnliche antijüdische Ausschreitungen in Neuwedell zum Inhalt, wo die jüdische Bevölkerung auch körperlich schwer mißhandelt wurde, mit dem Ziele, sie zum Verlassen der Stadt zu zwingen." Die Herreh Versicherungsdirektoren aus Deutschland, welche so Intensiv aus der Schule plappern und „Greuelmärchen" erzählen, sind wahrscheinlich Arier und Hakenkreuzler. Aber das Geld, das sie von der Schweizer Rückversicherung zu bekommen haben und nur auf Grund wahrheitsgetreuer Berichte bekommen können, ist ihnen anscheinend wichtiger als der durch Lügen zu schützende Ruf Hitler-Deutschlands als „Kulturstaat". Fürs liebe Geld liefern sie „Greuelmärchen". Ob man sie auch halbtot prügeln und ins Konzentrationslager werfen wird? IflNOPROGRAMME Im DIESER WOCHE I, WollzeUe 17 Tel. R-24-2-16 KREUZ-KINO Vom 16. bis 22. März 1934: S 72 ruft um Hilfe Nach einem Roman von Zane Grey, mit George O'Brlen Sonn- und wochentags: 4, 5.45, 7.30, 9.15 Uhr Lloyd Georges unglückliche Sympathie Von Lloyd George, dem einstigen englischen Minister und Fuhrer der Liberalen, hat man schon so lange nichts gehört, daß man schon vergessen hat, ob der ihm verliehene Beiname „der schlaue Fuchs" noch berechtigt ist. Nun hat er wieder gesprochen. Er, der noch vor wenigen Wochen in der Ablehnung des barbarischen Hitlerismus mit allen großen Persönlichkelten Großbritanniens in einer Reihe stand, benutzt jetzt seine momentane Aversion gegen die Politik Englands und Frankreichs dazu, Hitler und seiner Staatskunst ein Kompliment zu machen. Um aber dem Vorwurf der Inkonsequenz die Spitze abzubrechen, erklärt er, daß die Vorurteile gegen das Naziregime im Zusammenhang mit der Judenverfolgung schwinden, denn es „herrsche der Eindruck vor, daß die Judenjagd nunmehr abgeblasen worden sei". Die Hitler-Presse fühlt sich geschmeichelt, ja sogar rehabilitiert. Sie verzeichnet Lloyd Georges „Einkehr" mit tiefer Befriedigung. Sie muß ihm wohl dankbar dafür sein, daß er der Welt ein judenliberales Deutschland vor-1 macht. Lloyd George wird vielleicht bald in Deutschland als arischer Mitstreiter in Anspruch genommen werden. Alfred Rosenberg („Völkischer Beobachter") lobt Ihn nämlich schon. Er, der Leiter des außenpolitischen Amtes der nationalsozialistischen Bewegung, wird ' aber bei dieser Gelegenheit nicht gern an das erinnert j werden, was er Uber denselben Lloyd George In seiner 1 Schrift „Protokolle der Weisen von Zion und die jüdische Weltpolitik" schrieb: „Lloyd Georges .staatsmännische* Laufbahn ist gekennzeichnet durch die Schiebung mit den Marconi-Aktien, die er mit seinem .Freunde' Rufus-Isaacs (Lord Reading) zusammen durchgeführt hatte ... Da diese Skandalaffäre durch unsere gesamte Presse aber unterschlagen wird und in keinem Lexikon zu finden ist, sei sie kurz erzählt." Rosenberg erzählt dann von einer angeblichen Schiebung Lloyd Georges mit dem Juden Issac Rufus, dem gewesenen Vizekönig von Indien, und schließt; „Nachdem Lloyd George seine Weste beschumtzthatte, war er an die Hebräer gebunden. Ihnen wurde England während des Krieges ausgeliefert: Siehe Balfour- Deklaration." Das Ganze ist zwar wüster Unsinn und regelrechte Verleumdung. Es beweist aber, daß es fatal ist, in eine hitleristische Partnerschaft zu geraten. Hoffentlich, wird Lloyd George bald eines Besseren belehrt sein. Juden hn faschistischen Parlament Aus Rom: Auf der Liste der Deputierten des neuen italienischen Parlaments, die in der letzten Sitzung des faschistischen Oberrats festgesetzt wurde, finden sich die folgenden jüdischen Namen: der bekannte Wirtschaftsführer Gino Olivetti, der Theoretiker des faschistischen Korporationssystems Dino A r i a s, der Industrielle Riccardo Luzzatti, ein Verwandter des verstorbenen Staatsmannes Luigi Luzzatti, und der Wirtschaftsführer Giuseppe Pavoncelli. Sowjetanleihe zur Bekämpfung der Religion Aus Moskau: Die Gesellschaft zur Unterstützung von Wissenschaft und Technik hat gemeinsam mit dem Zentralrat müitanter Atheisten eine öffentliche Anleihe zur Beschaffung von Mitteln für antireligiöse Propagande und gleichzeitig zur Förderung voraussetzungsloser Forschung aufgelegt. Die ersten 10.000 Shares sind bereits begeben worden. Inhaberaktien wurden an Gelehrte und Studenten verteilt, die sich verpflichteten, mindestens 60 Stunden im Jahre der antireligiösen Propaganada zu widmen. Jubiläum eines jüdischen Schiffskapitäns Aus Haifa: Am 12. März hat der populäre jüdische Kapitän des dem Lloyd Triestino gehörenden Dampfers „Italia", Umberto St-eindler, das Jubiläum seiner hundertsten Seereise nach Palästina gefeiert. 50.000 Passagiere, zum größten Teil jüdische Immigranten, sind auf diesen Reisen durch Kapitän Steindler nach Palästina gebracht worden. Am 1. August 1933 hatte Kommandant Steindler die Ehre, den Hafen Haifas in praxi zu eröffnen (wenn auch die offizielle Einweihung erst am 31. Oktober stattgefunden hat), denn die „Italia" war das erste Schiff, das in den neuen Hafen eingefahren ist und an dem neuen Kai angelegt hat. Damals wurde Kapitän Steindler von Freunden und Verehrern in das Goldene Buch des Keren Kajem e t h eingetragen. Holländer über Hitier*Deuts<hland Aus Amsterdam: „Het Handelsblad" (Amsterdam) schreibt: „Man wird in Deutschland nicht eher ruhen, bis man dem deutschen Juden jegliche Möglichkeit, gleich auf welchem Gebiet, sein Brot zu verdienen, genommen hat. Und obwohl er noch heute deutscher Staatsbürger ist und man bei der Entziehung der Länderzugehörigkeit mit den Juden keine Ausnahme gemacht hat, sind die Juden doch tagtäglich darauf vorbereitet, daß ihnen bei der strikten Durchführung des Programms der NSDAP, ihre Reichsbürgerschaft genommen wird und sie zu Ausländern gestempelt werden." Von der Juden§taat§partei Das Organisationsdepartement (Wien, K., Universitätsstraße 8) teilt mit: Meir Großmann in Erez Israel Das Mitglied des Exekutivkomitees, Herr Meir Großmann, weilt seit Mitte Februar in Erez Israel, um dort an den Organisationsarbeiten für die Judenstaatspartel führend teilzunehmen. Herr Großmann nahm vor allem die Gelegenheit wahr, um mit den in Erez Israel ständig wohnenden Mitgliedern des Exekutivkomitees, Dr. S. E. Soskin und Richard Lichtheim, den innigsten Kontakt herzustellen und in mehreren Sitzungen, an denen auch die Herren A. Weinstein und Rossoff teilnahmen, die Richtlinien der Arbeit festzulegen. Es wurde ein umfangreicher Arbeitsplan entworfen, der in einer am 4. März in Tel-Awiw stattgefundenen Vertrauensmännerversammlung, an der über 10 0 Personen aus allen Teilen des Landes teilnahmen, genehmigt wurde. Es wurde eine Reihe wichtiger Beschlüsse angenommon, die den Landesleitungen in einem separaten Bulletin in den nächsten Tagen Ubermittelt werden. Vor allem wurde das Büro der Judenstaatspartei, Tel-Awiw, Blue House, 8 Mlkweh-Israel-Straße, installiert, wo sich außer dem Parteisekretariat die Mifkada Eljona des Brith Hakanalm und der judenstaatlerische Arbeitsnachweis befinden. Es gelang diesem, für die arbeitslosen Mitglieder der Judenstaatspartei Posten zu beschaffen. Demnächst erscheint in hebräischer Sprache eine Zeltschrift, die für die Verbreitung des Programms der Judenstaatspartei Sorge tragen wird. Die Stellungnahme der Judenstaatspartei zur bevorstehenden Tagung des A. C. bildet gegenwärtig den Gegenstand eingehender Beratungen, über die ebenfalls im vorerwähnten Bulletin ausführlich berichtet wird. Aus den aus Erez Israel einlaufenden Berichten geht hervor, daß die Stimmung unserer Freunde im Lande eine ausgezeichnete ist und die Anwesenheit Meir Großmanns viel beigetragen bat, dit Arbeitsfreude und den Kam#£««kt zu stärken»

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