Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 346 (6.3.1934)
- Date
- 1934-03-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Beitel Nr. 84« Osterrelse nach Polen y, Czernowlti 28. Märi bis IS. April Krakau S 57.-/ Lemberg S 90.-/Cierno wlti S108.- Ausk in(t*. Pioid. : Reisedienst , Czernowlttti» Allq. Zaltuno", I., Schulmtr. l.Stadtbttio . Der Tag ', ei.R-/I-6-78 Re.sehUro i.R.u I\, I., harUplati l, Tel. U-44-5-7». Anmeldungen tlgüch bis 16 Unr. Hitler — ein /,au§ländfedier Herrscher" EJin halbes Jahr nach der hitlerischen Machtergreifung erschien eine Schrift, die ein Bild des nationalsozialistischen Deutschland auf Grund hauptsächlich amtlicher deutscher Dokumente gab. Erlässe, Verordnungen, Reden, Schriften, Berichte unvoreingenommener nichtdeutscher Publizisten — es waren vornehmlich Engländer — waren die Materialbasis des Buches, das unter dem Aspekt des braunen Hitler-Deutschland den Namen Braunbuch erhielt. Es war aber auch gleichzeitig eine Antwort auf Hitlers Propagandabuch „M ein Kamp f", das Evangelium der Hakenkreuzler. Die ganze gesittete Welt war vom Inhalt des Braunbuches erschüttert. In allen Ländern fand es Verbreitung, vornehmlich in England, wo fast alle Zeitungen das Buch teils besprachen, teils auszugsweise wiedergaben. Das Braunbuch wurde zur Anklage gegen den Hitlerismus. Nun kommt aus — Jerusalem folgende Meldung: „Während Hitlers „Mein Kampf" in den Buchhandlungen frei vertrieben werden darf, haben die palästinensischen Dilrtrikts-Kommissare den Buchhändlern in ganz Palästina den Vertrieb des Braunbuches über den Hitler-Terror verboten. Gcoffrey MacLaren, Assistant-Commissioner für Jerusalem, erklärte den Buchhändlern, ein Vertrieb des Braunbuches würde einer Schmähung eines ausländischen Herrschers gleich geahndet werden." So absurd diese Meldung ist, so wahr ist sie. Wir wollen hier nicht den Mangel an fair play vermerken, das Hitlers antisemitische Schmähschrift duldet, die Gegenschrift aber verbietet. Nein. Uns geht es um die Frage: Wer ist Mister MacLaren, der sich erlaubt, den palästinensischen Buchhändlern politische Richtlinien zu geben? Wir werden uns die Herren näher ansehen, die in der britischen Palästina-Regierung sitzen und das jüdische Palästina (das sie versorgt) vor den Kopf stoßen. Die Herren sollten sich mehr um ihre administrativen Agenden kümmern als um die Fleißaufgabe: Schutz eines „auswärtigen Herrschers". Erlaubnis des die Juden beleidigenden Hitler-Buches und Verbot des zum Schutze vor Hitlers Barbarei geschriebenen Braunbuches! Die Nebeneinanderstellung zeigt nicht nur den antijüdischen Geist der Palästina- Regierung auf. Sie beweist auch, wie wenig Respekt diese Regierung vor der Vertretung des jüdischen Volkes in Palästina, vor der Zionistischen Exekutive, hat. „Braunbuch"-Verbot in Palästina vor dem englischen Unterhaus. Aus London: Im Unterhaus fragte Oberst Josiah Wedgwood den Kolonienminister, warum das „Braunb u c h über den Hitler-Terror" in Palästina verboten ist, während Hitlers „Mein Kampf" vertrieben werden darf. Major Davies erwiderte für die Regierung, der Kolonienminister besitze hierüber keine Informationen, er werde beim High Commissioner Erkundigungen einziehen. Kuriositäten Aua Genf wird berichtet: Die Juden spielen im Schweizer politischen Leben fast keine Rolle. Nichtsdestoweniger werden sie von der antisemitischen und faschistischen „Frontbewegung" als geistige Urheber des Schweizer „Marxismus" bezeichnet, wobei mit Vorliebe auf die zwei Nationalräte Z i c k e r und Farbstein hingewiesen wird — die einzigen zwei Juden im ganzen Bundesparlament —, die beide Sozialisten und ostjüdischen Ursprungs sind. Nun ist ein merkwürdiger Fall vorgekommen, der den antisemitischen Schweizer Faschisten recht ungelegen ist und von der freiheitlich-demokratischen Presse mit Vergnügen ausgeschlachtet wird. Der Begründer der Schweizer Faschistengruppe in Rom ist ein aus Bern stammender Dr. Tomarkin, ein naturalisierter Schweizer russisch-jüdischer Abstammung. * Aus Jerusalem wird berichtet: Eine Gruppe eingewanderter deutscher Juden hat eine Organisation zur Errichtung einer Reform-Synagoge in Palästina gebildet. Die Herren deutschen Juden, welche ein „widriges" Schicksal in das böse Palastina getrieben bat, scheinen ihre Sorgen und die Hiebe, welche ihnen Hitler ausgeteilt hat, schon vergessen zu haben: Reform des „israelitischen" Gottesdienstes heißt: Ausschaltung der hebräischen Sprache, Ausschaltung von „Zion", Ausschaltung der kulturwidrigen „Rache- und Haßgesänge", Abschaffung der „veralteten" Speisegesetze, Einführung von Mahlzeiten am Versöhnungstage, ein bißchen Weibnachten ..für die Kinder" etc. In Palästina kann da* alles recht nett werden. Die glücklichen Bielitper Juden Die Bielitzer Juden können sieh glücklich preisen. Sie haben ein neues Blatt, ein Blatt, das ihren Interessen dient. So wenigstens behauptet es der Herauageber dieses Blattes, das sich „Jüdische Wochenpost" nennt und in Bielitz (Bielsko, Polen) erscheint. In den Tagen drängendster Judennot, da Millionen jüdischer Augen Hilfe und Trost suchen, kann Jede den Interessen des jüdischen Volkes dienende Zeitung Wert und Sinn bekommen. Der Herausgeber der Bielitzer „Jüdischen Wochenpost" glaubte scheinbar, mit dieser Stimmung, mit dem jetzt wiedererwachten jüdischen Solidarii tätsgedanken, kalkulieren zu dürfen. Allerdings sieht sein Streben im Lichte unvoreingenommener Kritik ein wenig anders aus. I Die beiden ersten Nummern — der Herausgeber hat scheinbar keinen großen Respekt vor dem intellektuellen j Niveau der zu gewinnenden Le3er — geben sich u ngetarnt. Sie machen für die schäbigste Assimilation Stimmung: Sie hetzen gegen die nationale Minderheitenpolitik, gegen den Zionismus, dem sie nach beliebtem Muster das — bodenständige Judentum entgegenstellen, gegen den Jüdischen Weltkongreß. Sie machen aber noch etwas anderes: Propaganda für Hitler-Deutschland! Der Herausgeber kann sich nicht etwa darauf berufen, daß seine — Administration autonom sei in Sachen der Inseratenannahme, daß die Reklame für die d e u tschen Bäder und Sanatorien Nauheim und Dresden, für das deutsche Spielkasino in Zoppot, für die mit Naziwerbeschriften vollgestopfte Hamburg—Amerika-Linie eine rein geschäftliche Angelegenheit wäre, die nicht hineinreiche in den Bezirk der Politik und Kultur. Denn der Herausgeber wagt es, den Juden von Bielitz und Umgebung Appetit zu machen auf die Leipziger Messe, von der die ganze Welt weiß, daß sie nur des internationalen Geschäftes wegen von grellen Hakenkreuz-Demonstrationen absieht, allerdings unbeschadet dieser keuschen Haltung von den a n s t|l nd i g e n jüdischen Firmen gemieden wird. Der Herausgeber der Bielitzer „Jüdischen Wochenpost" weiß von der Tel-Awiwer-Messe, dem grandiosen Werk jüdisch-zionistischer Initiative und Schöpferkraft, nichts zu erzählen. Die Hitler-Messe in Leipzig hingegen hat es ihm angetan. Zweimal — in der ersten und zweiten Nummer — schreit er sich die Lunge für die Leipziger Messe aus, die „die größte Veranstaltung der ganzen Welt und zugleich Zentralmarkt des Welthandels" sei, der „der gesamte internationale Handel sedn besonderes Augenmerk zuwende". Wenn hier Gesinnoingsschäbigkeit vom Geschäft getrennt ist, dann gibt es solch eine Gemeinschaft auf der ganzen Welt nicht. Die Bielitzer Juden haben jetzt ihr Blatt. Das behauptet der Herausgeber der „Jüdischen Wochenpost". Wenn die Bielitzer Juden dieser Behauptung nicht widersprechen, dann erklären sie sich mit den Bestrebungen des Blattes solidarisch. Dann verdienen sie dieses Blatt. Ein Angriff Gleichzeitig mit dem Verbot der sozialdemokratischen Partei in Oesterreich erfolgte seitens der Regierung die Verfügung, daß alle Mandatare in öffentlichen Körperschaften, welche Sozialdemokraten sind oder mit sozialdemokratischen Stimmen gewählt wurden, ihrer Mandate verlustig werden. Das hatte notwendig zur Folge, daß auch die vier Mandate der Poale-Zionisten im Wiener Kultusvorstand gestrichen wurden. Nun haben die ausländischen Poale-Zionisten diesen Umstand und verschiedene Erklärungen und Vorgänge zum Anlaß genommen, um gegen die Führer der allgemeinen Zionisten in Oesterreich in hemmungsloser Weise loszugehen. So beschuldigte das Blatt der tschechoslowakischen Poale-Zionisten „Der neue Weg" den Kultuspräsidenten Dr. Friedmann und den Obmann der allgemeinen Zionisten Dr. Grünbaum der „Denunziation" und der „Feigheit und Niedertracht" und wirft ihnen vor, daß sie sich bei dieser Gelegenheit und auch sonst noch als „Helfer eines Henkerregimes" gebärden und die Lage, in welche die Poale-Zionisten in Oesterreich geraten sind, gegen diese ausnützen. Aber das Blatt begnügt sich nicht damit, sondern glaubt neben den Führern der allgemeinen Zionisten auch mich in den Kreis seiner Betrachtungen ziehen zu müssen. Nach den Angriffen auf die obengenannten Funktionäre heißt es: „Zu gleicher Zeit verhandelt Herr Stricker, wie man in Wien erzählt, mit der Regierung und soll sich schon bereit erklärt haben, einem Numerus clausus auf SO Prozent zuzustimmen." Ich war immer ein Gegner des Poalezionismus als des Verfechters des Klassenkampfgedankens, dessen Uebertragung in den Zionismus ich als ein Unglück betrachte. Zwischen den Poale-Zionisten und mir hat es daher eft heftige Auseinandersetzungen gegeben. Es ist aber nur selbstverständlich, daß ich gerade jetzt, da die Poale- Zionisten politisch vom Unglüok betroffen wurden und ihre Freund« in Erregung geraten sind, diesen nicht scharf antworten werde. Ich begnüge mich daher, die an meine politische und jüdische Reputation rührende Behauptung des poale-zionistischen Blattes als unwahr zu bezeichnen. Wer „in Wien erzählt", daß ich oder meine Freunde mit der Regierung oder sonst jemandem Uber Numerus clausus verbandelt haben, erzählt eine ganz sinnlose Lüge, Robert Stricker, Jüdische Kommunisten als Provokateure in Palästina Aus Prag wird gemeldet: Die hier von kommunistischen Juden herausgegebene Zeitung „Der Gegenangriff, Antifaschistische Wochenschrift" druckt eine ihr aus Tel-Awiw zugegangene Zuschrift ab, wobei der Verfasser bittet, seinen Namen und seine Adresse nicht bekanntzugeben, „denn hier steht auf Kommuniemus schwere Kerkerstraf e". In der Zuschrift schildert der Einsender, wie er als enttäuschter sozialdemokratischer Funktionär aus Wien nach Palästina reiste. Er fährt dann fort: „ . . . Aber sobald ich in Palästina war, erkannte ich sofort den Betrug. Ich hatte die ersten sechs Wochen keine Arbeit und wurde von der .Histadruth' (Sozialdemokratische Gewerkschaft der jüdischen Arbeiter) zur Eroberung der Arbeit geschickt. Bei diesen Eroberungen werden arabische Proleten, mit den gemeinsten Gewaltmitteln von der Arbeitsstelle vertrieben. Dies mit der Begründung, daß die Araber zu billig arbeiten. Bei solch einer Vertreibung wurde einem arabischen Proleten bei Anwesenheit eines Führers der .Histadruth' durch verhetzte jüdische Arbeiter der Schädel eingeschlagen. Der Araber starb nach drei Tagen. In meiner Verzweiflung wußte ich nicht wohin, bis ich den Ausweg beim Kommunismus fand." Es ist offenkundig, daß diese Zuschrift die Arbeit eines Provokateurs ist. Niemals je ist ein Fall bekanntgeworden, daß Histadruth oder eine andere jüdische Arbeitergruppe Leute zur „Eroberung der Arbeit" im Sinne der Vertreibung arabischer Arbeitskräfte mit Brachialgewalt ausgeschickt hat. Zweifellos hätte ein Fall wie die Tötung eines arabischen Arbeiters durch Juden, wie ihn der Kommunist aus Palästina schildert» nicht im Verborgenen bleiben können, die arabischen Nationalisten hätten gewiß großen Lärm geschlagen; nie aber ist ein solcher Fall bekanntgeworden. „Made in Germany" Aus Washington: Das Finanzdepartement der amerikanischen Regierung gab eine Verordnung heraus, daß nur solche deutsche Waren nach Amerika gelassen werden, die die Bezeichnung „Made in Germany" tragen. Es ist dies ein Erfolg der von Samuel Untermyer geleiteten antideutschen Boykottbewegung. Durch die erwähnte Verordnung wird eine Einschmuggelung deutscher Waren unter fremder Marke unmöglich gemacht. Die Pariser Flüdiflingshilfe zusammen» gebrochen — Eine gute Lehre Aus Paris: Nachdem kürzlich die Schließung der Kasernen-Wohnstätten für bedürftige deutsche Flüchtlinge angekündigt wurde, ist nunmehr von der Exekutive des Comite National beschlossen worden, sämtliche Institutionen, die die jüdische Gemeinde durch das Comitö National für die deutschen Flüchtlinge eingerichtet hatte, innerhalb weniger Wochen zu liquidieren. Die Kaserne Orleans ist bereits geschlossen, das Lager St. Maur ist bis auf neun Insassen, die noch in dieser Woche das Lager verlassen, geräumt, die Kasernen A n d r a 1 und 11 a 1 i e sollen ebenfalls bis zum 15. März geräumt sein. Auch das Büro in der Rue de la Durance mit seinem Verwaltungsapparat soll bis dahin verschwinden. Das Comit6 National sieht sich vor die Notwendigkeit gestellt, einen Teil der bisher in den Kasernen untergebrachten Flüchtlinge in andere Länder abzutransportieren. Sein „Service Social" wird einzelnen Flüchtlingen und besonders Familien, die keine Existenz gefunden haben und durch die Auflösung des Comltes in größte Not geraten würden, Abfindungen in Höhe von einigen Hundert Francs geben, damit sie für die nächsten Wochen Obdach und Essen bezahlen können. Man läßt die Betreffenden die Erklärung unterschreiben, daß sie von nun an nichts mehr vom Comite' verlangen würden, und gibt ihnen den Rat, zu versuchen, sich mittels des erhaltenen Geldes eine Existenz zu gründen. * Ein deutscher Bankier, die in einem der ersten Pariser Hotels seit Monaten wohnte und sich weigerte, für einen ihm vom Comite zugeführten Flüchtling einen geringen Betrag zu zahlen, wurde aufgefordert, Paris und Frankreich binnen 24 Stunden, zu verlassen. Vollkommen judenrein! Aus Berlin: Staatssekretär Dr. Conti erklärt im „Völkischen Beobachter", der gesamte Bertiner ärzt« liehe und sanitäre Dienst sei von Juden gesäubert, Früher waren von 3481 zur Krankenkassenpraxla zugelassenen Aerzten 1888 Juden, nunmehr sei rücksichtslos durchgegriffen worden. Die Juden seien aber im, privatärztlichen Dienst noch sehr stark vertreten, die Hälfte der in Berlin praktizierenden 0200 Aerzte be» stehe aus Nichtariern. Wie gntkdig * Aus Berlin: In einer Besprechung, die der Theater-Staatskommissar Hinkel mit dem Vorsitzenden des Berliner jüdischen Kulturbundes, Dr. Singer, gehabt hat, wurde die Erlaubnis erteilt, daß arische Ehepartner von Mitgliedern des Kulturbundes zu den Veranstaltungen des Kulturbundes zugelassen werde« dürfe».