Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 346 (6.3.1934)
- Date
- 1934-03-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 316 DIE NEUE WELT Seite 3 Früchte der Britischen PaIä§tina'PoIifik Scharfer Rückgang de» Reiseverkehrs Trlest-Palastina Vom Lloyd Trieatlno wird dem Wiener Vertreter der J. T. A. mitgeteilt: Der Beginn der Frühjahrs* eaiaon, die alljährlich schon in der zweiten Februarhälfte mit einem verstärkten Reiseverkehr nach Palästina einzusetzen pflegt, hat in diesem Jahre infolge der [Visaschwierigkeiten, die die englischen Beihörden allen Reiselustigen bereiten, eine große Enttäuschung gebracht. Es ist bis jetzt nicht nur keine Steigerung des Reiseverkehrs eingetreten, «ondern es ist sogar ein anhaltender weiterer Rückgang zu verzeichnen. Wohl fehlt es nicht an Anmeldungen und Anfragen von Touristen, die das Heilige Land besuchen wollen, aber von den vielen Angemeldeten bekommt höchstens jeder Zehnte die Bewilligung zur Einreise nach Palästina, Unter diesen Umständen hat auch die Parole „Purim in Tel-Awiw", die sonst eine gewaltige Anziehungskraft ausübt und auch in diesem Jahre zahlreiche Besucher nach Palästina gebracht hätte, keine Steigerung des Reiseverkehrs gebracht. Es besteht die Gefahr, daß die Levante- Messe in Tel-Awiw unter diesen Schwierigkeiten empfindlich zu leiden haben wird. Der Lloyd Triestino hat ursprünglich mehrere Extradampfer für die Zeit der Frühjahrsmesse in Tel-Awiw bereitstellen lassen, um dem verstärkten Verkehr Rechnung zu tragen. Nach den bisherigen Erfahrungen dürfte jedoch die Inanspruchnahme dieser Dampfer, allem Anscheine nach, wegfallen. Man sieht sich genötigt, über die reservierten Schiffe anderweitig zu verfügen. Höchstens wird der eine oder andere Dampfer, wenn Bedarf eintritt, als Extraschiff abgelassen werden. Im übrigen muß damit gerechnet werden, daß der „normal e" Winterverkehr von je einem Dampfer in der Woche auch für die Messezelt vollkommen ausreichend sein wird. Ein Araber Generalstaatsanwalt von Palästina Aus London: Im Unterhaus fragte Oberst Josiah Wedgwood, ob für den vor einiger Zeit durch einen Unfall ums Leben gekommenen Generalstaatsanwalt von Palästina Elliot schon ein Nachfolger ernannt wurde. Für den Kolonienminister antwortete Malcolm MacDonald: Der Posten des Regierungsanwalts wurde durch Berufung eines arabischen Beamten namens MusaElAlami besetzt, der einige Jahre hindurch stellvertretender Regierungsanwalt war und in letzter Zeit beim High Coramissioner als einer von dessen Privatsekretären arbeitete. Anmerkung der Redaktion: Erster Gefteralstaatsanwalt war der Jude Norman B e n t w i c h. Er wurde vor einigen Jahren enthoben und durch einen Engländer ersetzt. Auf eine Anfrage im Unterhaus gab der Kolonialminister zu, daß die Enthebung aus „rassischen" Gründen erfolgt sei. Nun kommt ein Araber. Wo sind da die „rassischen" Gründe? 2205 Juden im Jänner nach Palästina einge« wandert Aus Jerusalem: Soeben werden die amtlichen Einwanderungszahlen für Jänner veröffentlicht. Danach sind im Jänner 1934 insgesamt 2278 Personen, unter ihnen 2205 Juden, nach Palästina eingewandert. Von denjüdischen Einwanderern gehörten 285 der Kapitalistenkategorie an. Mit ihnen kamen 271 Angehörige ins Land. 143 Touristen erhielten Nieder- Iaasungserlaubnia, 43 Personen wurde die Niederlassung verweigert. Hunderttausend Menschen beim Purim-Karneval in Tel-Awiw Aus Tel-Awiw: Nach Schätzungen der Palästina- Polizei haben am Purim-Karneval in Tel-Awiw am 1. März mehr als 10 0.000 Menschen teilgenommen, was einen Rekord gegenüber allen bisherigen ähnlichen Veranstaltungen bedeutet. Die Polizei stellt fest, daß sich die Menschen in den Straßen Tel-Awiws musterhaft benahmen. Bei aller Ausgelassenheit kam nichts Pöbelhaftes vor. Die Polizei hatte keinen Anlaß einzuschreiten. Gedenkfeiern anläßlieh de« Todestages Josef Trumpeldors Aus Jerusalem: Anläßlich der 14. Wiederkehr des Todestages Josef Trumpeldors, der 1920 bei der Verteidigung der nördlichsten jüdischen Kolonie Teicha! gegen Beduinen gefallen ist, sind in allen Schulen von A. Melnikoff geschaffenen Trumpeldorgehalten worden. Der in Kfar Giladi erfolgten Enthüllung des von A. Melnikoff geschaffenen Trumpeldor f- Denkmals wohnten Teilnehmer an den Kämpfen von Tel-Chai, Mitglieder der Jewish Agenoy, des Waad Leumt und des Denkmalkomitees bei. Am folgenden Tage veranstaltete die jüdische Arbeiterjugend einen Pilgerzug zu der Stelle, an der Trumpeldor fiel; zwei Tage darauf fand ein Treffen der revisionistischen Jugend, des Batar (Brith Trumpeldor), in Tel-Chai statt Die zeitliche Trennung der Aufmärsche beider Jugendverbände war verfügt worden, um Zusammenstöße zu vermeiden. Trota der getroffenen Vorkehrungen ist es anläßlich der Trumpeldor-Feier in Saf ed zu kleineren Zusammenstößen zwischen Revisionisten und Mitgliedern des Arbeiterverbandes, die vom Grabe Trumpeldors in Tel-Chai zurückkehrten, gekommen. Einige Personen erlitten leichte Verletzungen. Die polizeiliche Untersuchung Ist eingeleitet. Aus fast allen Ländern treffen Meldungen über Abhaltung imposanter Trumpeldor-Gedeukfeiern ein. Die rückständigen Lehrergehälter Aus Jerusalem: Nach Beseitigung formeller Schwierigkeiten, die der Aufnahme der 25,000-Pfund-Anleihe durch den Jüdischen Nationalrat (Waad Leumi) bisher im Wege standen, wird der Anleihebatrag in den nächsten Tagen dem Waad Leumi zur Verfügung gestellt werden. Unmittelbar darauf werden die rückständigen Gehälter der Lehrer an den hebräischen Schulen mitgezählt werden« Palästina wird wirtschaftliches Zentrum des nahen Orients Au9 London wird gemeldet: Im Unterhaus kündigte Handelsminister Burgin an, daß die derzeit in Bagdad stationierte britische Handelsvertretung für den Nahen Osten am 1. April nach Haifa verlegt werden wird. Auch von ihrem neuen Standort aus wird die Handelsvertretung die Interessen des britischen Handels im Irak wahrnehmen. Woche für „HitIer*Boyhott" in Palästina Aus Jerusalem: Die von der jüdischen Jugend organisierte „Woche für antideutschen Boykott" hat im ganzen Land einen starken Eindruck hinterlassen. In allen Städten und größeren Kolonien wurden Versammlungen zur Organisierung des Boykotts abgehalten, in den Synagogen wurde über die Notwendigkeit des Boykotts gepredigt. Es wurde darauf hingewiesen, daß der deutsche Import, der in allen anderen Ländern zurückgegangen ist, gerade in Palästina eine Steigerung erfahren hat. Dies könne nicht allein darauf zurückgeführt werden, daß deutsche Juden Teile ihres Eigentums aus Deutschland nach Palästina bringen. Es wurden überall Plakate mit Aufschriften: „Im Namen der jüdischen Würde: Boykottiert die deutschen Waren!" angebracht. Konstantinopler Exkursion zur Tel-Awiwer Messe Aus Konstantinopel: Die Handelskammer von Konstantinopel hat die Organisierung eines Ausfluges türkisch er Kaufleute zur Levante- Messe in Tel-Awiw übernommen. Bisher haben sich zu dieser Exkursion etwa 300 Teilnehmer angemeldet, unter ihnen auch zahlreiche bedeutende mohammedanische und christliche Kaufleute. BILLIGE OSTER- REISE NACH POLENI Vom 28. War» HS 9. April 19S4 i Lemberg und retour CE3B Krakau und retour _ " faB und Vis« gratis 1 Auskünfte und Anmeldungen: „Francopol", HI., Rennweg 1, Telephon U-16-4-9Ö Flugzeug- und Tonfilmaufnahmen vom neuen Palästina Aus Jerusalem : Vor einigen Tagen ist der Schweizer Weitstreckenflieger Mittelholze r, der durch seine großen Flüge von Zürich nach Persien und quer durch Afrika, bei denen er herrliche Naturaufnahmen mit der Photo- und Filmkamera aufgenommen hat, berühmt geworden ist, auf dem Weg nach Abessinien in Palästina eingetroffen und nach zweitägigem Aufenthalt nach dem Hauptziel seiner Reiae Abessinien über Arabien weitergeflogen. Seinen Aufenthalt in Palästina benützte er, um Aufnahmen de« Landes aus der Luft und vom Boden und insbesondere auch Aufnahmen des jüdischen Aufbauwerks in seinen großen Film einzuschalten. Sein Flugzeug ist ein Fokker mit drei Motoren, 900 Pferdekräfte stark. Die Besatzung des Flugzeugs besteht aus neun Personen. Regisseur und Leiter der Aufnahmeexpedition ist Herr Wechsler, ebenfalls ein Schweizer. Die Expedition verfügt über die modernsten Tonaufnahmeapparate. Ein großer Teil der Tonaufnahmen soll Volkslieder betreffen. Zunächst wurden in Tel-Awiw und Umgebung Aufnahmen gemacht. Ein Teil dieser Aufnahmen ist als Botschaft des Bürgermeisters M. Dizengoff an die Kaiserin von Abessinien gedacht, die vor kurzem in Palästina weilte und Gast der jüdischen Stadt Tel-Awiw war. Am nächsten Morgen ist die Expedition, begleitet von dem bekannten jüdischen Journalisten Ch. Z. Kloetzel, von Gaza aus aufgestiegen, um im Lauf« des Vormittags Aufnahmen aus der Luft von ganz Palästina zu machen. Am Nachmittag fand die Landung in Haifa statt. Während Mittelholzer den Weiterflug nach Abessinien antrat, blieb Regisseur Wechsler noch für einige Tage im Lande, um die Aufnahmen aus der Luft durch Aufnahmen in den jüdischen Kolonien und in Jerusalem selbst zu ergänzen. Griechenland ermäßigt die Taxen für Palästinareisen Aus Saloniki: Auf Intervention des ehemaligen Senators und Vorsitzenden der Zionistischen Organisation Griechenlands, Ascher Mal Iah, hat die griechische Regierung die Ermäßigung der Schiffstaxe von Saloniki nach Palästina auf die Hälfte angeordnet. Man hofft, auf diese Weise einen Teil des Touristenstroms nach Palästina über Saloniki leiten und so diesem darniederliegenden Hafen mit seiner großen jüdischen Be* völkerung zu neuem Aufschwung verhelfen zu könne». Es wird damit gerechnet, daß jährlich etwa 20.000 Reisende auf dem Wege nach Palästina Saloniki passieren könnten. Hakenkreuzabwehr in Südamerika New York, im Februar. Der Kampf des „American Jewish Cong r e s s" gegen den Hitlerismus unter Führung von Dr. Stephen Wise geht unvermindert weiter. In einer besonderen Ausschußsitzung wurde der Beschluß gefaßt, am 7. März eine demonstrative Veranstaltung im Madison Square Garden unter dem Titel „Die Zivilisation gegen den Hitlerismus" abzuhalten. Unter Mitwirkung aller antinazistischen Organisationen Amerikas wird man alle Gesetze und Handlungen des Hitler- Regimes Revue passieren lassen und der Welt die Gefahr dieses barbarischen Regimes klarlegen. Im Rahmen der erwähnten Ausschußsitzung gab der Vertreter Südamerikas, Dr. S. Guy I n m a n, ein Mitglied der Panamerika-Konferenz in Montevideo, einen Ueberblick über den Hitlerismus in Südamerika und die Möglichkeiten für deutsche Flüchtlinge, die sich vor den hakenkreuzlerischen Verfolgungen retten wollen. Bei dieser Gelegenheit erzählte er von den Versuchen der deutschen Gesandtschaften und Konsulate, den Hitlerismus in Latein-Amerika zu verbreiten, wobei er konstatierte, daß die südamerikanischen Staaten im ganzen und großen den Hitlerismus verwerfen. Die deutschen Konsulate und Gesandtschaften sind die Zentren der Hitler-Propaganda in gan» Südamerika. Fast jede Woche wirft die deutsche Gesandtschaft in Asuncion (Paraguay) Ballen haken« kreuzlerischer Literatur ins Land. Speziell eingerichtete Presse-Agenturen und Nachrichtenbüros liefern Artikel und Telegramme für die südamerikanischen Tages¬ und Wochenblätter umsonst oder fast umsonst. Nachrichten aus Deutschland, welche dem Hitler-Regime schmeicheln, werden von den Zeitungen in Rio, Sao Paulo und anderen Städten in großer Aufmachung gebracht. In Buenos Aires z. B. erscheinen seit kurzem drei kleine reaktionäre Tageszeitungen, die den aus Hakenkreuz-Deutschland bekannten Ton gegen Liberalismus und Judentum anschlagen, die beide gefährliche politische und — wirtschaftliche Feinde (Konkurrenzkräfte) seien. In Schulen, Klubs, kommerziellen und kulturellen Verbänden werden die Mitglieder durch die Hitiersche Propagandahetze entzweit. Manche südamerikanische Staaten zeigen eine politische Entwicklung, die eine Gewaltdiktatur ahnen läßt. In einzelnen Republiken Südamerikas steht man vor der Aufhebung der Konstitutionellen Freiheiten. Sogar Uruguay, das als Zufluchtsstätte für politische Flüchtlinge güt, mußte eine Revolution über sich ergeben lassen, die den Präsidenten Torra als Usurpator an die Macht brachte. Am deutlichsten kündigt sich in Brasilien eine barbarische; Diktatur an, die jetzt unter dem Titel „Integralism" ans Ruder kommen will. In Argentinien heißt die den* Hitlerismus verwandte Organisation „Bürgerlegion". Die Gegenbewegungen sind nur in einigen Staaten wie Peru kräftig. Darum ist Latein-Amerika für den Antisemitismus empfänglich — abgesehen vom Rassestandpunkt, den die Südamerikaner sich nicht zu eigen machen können. Brasilien besitzt beispielsweise die int er* ess an testen Rassenmischungen, die heute in der Welt existieren, da hier das Streben nach Mischehen ungehemmt besteht und eine große Anzahl von Rassen (Portugiesen, Indianer, Neger, Japaner) nebeneinander lebt. Im Zusammenhang mit diesem Umstand steht der Widerstand der Intellektuellen Brasiliens» auf Grund von Rassetheorien eine antisemitische Bewegung im Sinne des Hakenkreuzes in die Wege zu leiten. Auch das südamerikanische Schrifttum hat sich der Judenfrage und der mit ihr zusammenhängenden Probleme bemächtigt. Vor kurzem ist ein von 85 intellektuellen Persönlichkeiten Brasiliens geschriebenes Buch mit dem Titel „Warum Antisemit sein?" erschienen« Da» Werk enthalt kurze Abschnitte Uber alles, was mit dem Judentum in der Welt zusammenhängt, insbesondere den Beitrag der Juden zur Zivilisation und die Anerkennung des jüdischen Volkstums als wichtigen Faktors 4er gegenwärtigen Kultur. Das Buch „Warum Antisemit sein?" ist ein bemerkenswertes Symptom im Kampf gegen den Versuch der von Nazis geführten deutschen amtlichen Stellen, auch nach Südamerika den HiUerismus zu verpflanzen. Es ist ein Symptom und eine geschickte Abwehr. Aher die Gen fahr antijüdischer Bewegungen ist damit nicht gehanat»