Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 345 (2.3.1934)
- Date
- 1934-03-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 345 DIE NEUE WELT Seite 3 ECKSTEIN'S FAMILIEN - PENSION Restauration, Kaiteehaus / Täglich 3-Uhr-Tee CEUMCmilfi Telephon 11, Hochstraße 43 9EffpIVpIBi%ini^l neben Hotel Parthans Mäßige Preise, vorzügliche Küche, Zimmer mit Pension S 12. - aufwärts. Zentralheizung, fließendes Warm und Kaltwasser in jedem Zimmer. ' Auskunft unter Telephon U-27-6-21 Juden/ weldie Miller haben will So sonderbar es klingt, es gibt Juden, um deren Gunst sich Hitler heiß bemüht und denen er volle Gleichberechtigung verspricht. Das sind die zirka 6000 Juden im S a a r g c b i e t. Im Jahre 1035 wird im Saargebiet, das jetzt von einer internationalen Kommission verwaltet wird, eine Volksabstimmung statt' finden, welche entscheiden soll, ob da3 Land an Deutschland zurückfällt oder an Frankreich übergeben wird oder aber ein selbständiges, nur dem Völkerbund unterstehendes Gemeinwesen bleibt. Selbstverständlich bemühen sich Deutschland und Frankreich darum, die Bevölkerung für sich zu gewinnen. Von deutscher Seite wurde die „Deutsche Front" gebildet, das heißt eine Vereinigung aller jener, die für Deutschland stimmen wollen. Diese „Front" hat bis vor kurzem nach ziemlich zuverlässigen Schätzungen siebzig Prozent aller Stimmberechtigten umfaßt. Außerhalb der „Front" verblieben die sozialdemokratischen und kommunistischen Elemente, welche begreiflicherweise keine Sehnsucht nach deutscher Herrschaft in sich tragen, und die Juden, welche nur mit Schaudern an das Schicksal ihrer Brüder im Reiche, welchem sie knapp entronnen sind, denken. So stand also die Sache bis vor kurzem ganz sicher für Deutschland. Jetzt aber ist ein Umschwung eingetreten. Die vierzig Prozent Katholiken, welche bisher geschlossen in der „Front" standen, sind schwankend geworden. Unter dem Eindrucke der Verfolgung der Katholiken in Hitler-Deutschland machen sich Tendenzen geltend, von Deutschland abzurücken. In Berücksichtigung dieser Stimmung hat es der Papst für notwendig befunden, einen speziellen Gesandten zur Prüfung der Lage ins Saargebiet zu schicken. Dieser Gesandte, Nuntius Testa, hat sich viele Wochen dort aufgehalten. Zu welchem Schlüsse er . gekommen ist, konnte trotz lebhafter Nachfrage nicht eruiert werden. Der Nuntius fertigte eine Schar ihn bedrängender Journalisten mit den Worten ab: „Der Heilige Vater hat meine Augen und meine Ohren hergeschickt, nicht aber meinen Mund!" Aber besser ist die Stimmung für Deutschland unter dem Einflüsse des Nuntius nicht geworden. Das steht fest, das spüren alle. Auch Berlin! Die dreißig Prozent außerhalb der Front sind jetzt sehr, sehr wichtig geworden, und nicht zuletzt die jüdischen Stimmen, auf welche Deutschland früher verzichten zu können glaubte. Um die geht jetzt ein heißes Werben. Man hat um der Juden willen eine ganz schwere Kanone ins Saargebiet geschickt, r*-n Vizekanzler Papen. Papen hat sich sofort an die Juden herangemacht, erst heimlich, dann offen. Er hat in den Zeitungen die Erklärungveröffentlicht, in welcher die Hitler-Regierung feierlich verspricht, daß die Rasscngesetzgebung auf die Juden im Saarland keine Anwendung finden wird, daß im Saarland bezüglich der Juden alles so bleiben werde wie vor der Machtergreifung durch Hitler. Jedoch die Saarjuden hö—-n diese Mitteilung mit sehr gemischten Gefühlen an. Herr von Papen hat bereits einmal in der Judensache, skrupellos die Unwahrheit gesagt. Das „Pariser Tagblatt" erinnert jetzt daran, daß am 7. März 1983 das „Neue Wiener Journal" eine von Herrn von Papen seinem Korrespondenten abgegebene Erklärung brachte, in welcher es wörtlich hieß: „Die jüdischen Staatsbürger in Deutschland dürfen versichert sein, daß ihnen gleiche Behandlung mit allen Staatsbürgern zuteil wird. Jeder jUdischc Bürger, der seine Pflicht erfüllt, darf auf gleich Behandlung vltons der Staatsautoritäterech- -il" So sprach rierr von Papen, der Mann mit der ' »rnen Stirne. So spricht er wieder. Es ist schwer anzunehmen, daß die Saarjuden dem Herrn von Papen auf den Leim gehen werden. Aber ausgeschlossen ist es nicht, denn es läuft nebenher eine Aktion ganz eigener, schier unglaublicher Art. Es kommen Sendlinge der Judenschaft aus dem Reiche ins Saarland, um die Juden zu bereden, doch für den Anschluß an Hitler-Deutschland zu stimmen. Sie arbeiten teils mit Versprechungen Papenscher Art, teils mit dem Hinweis auf die große Gefahr, welche den Juden Deutschlands droht, wenn ihre Brüder im Saarland es wagen würden, gegen Deutschland zu stimmen. Man weiß nicht, ob diese Sendlinge sonst anständige Menschen sind, welche durch Drohungen der Hitler-Regierung zu dieser üblen Misison gepreßt wurden. Oder aber ob sie zur Kategorie jüdischer Lumpen gehören — es gibt leider auch solche —, welche sich auch von einem Hitler kaufen lassen. Wir werden jedenfalls über den weiteren Verlauf der interessanten Vorgänge im Saarland berichten, , Mensch bleiben — strafbar Aus Leipzig wird berichtet: In der Sitzung des Hauptausschusses der Leipziger Stadtverordneten wurde ein Antrag angenommen, der die Amt senthebung für den Oberstudiendirektor Dr. Behrendts und für die Lehrerin Fräulein Vorwerk von der Goethe-Schule verfügt. Zweck der Enthebung ist die Eröffnung eines Dienststrafverfahrens mit dem Ziele der Dienstentlassung. Der Tatbestand ist für das heutige Deutschland sehr charakteristisch. Die Lehrerin hatte im Unterricht einer Schülerin die Deklamation eines Gedichtes de3 nationalsozialistischen Dichters Dietrich Eckart untersagt, weil sie fürchtete, daß dadurch zwei jüdische Schülerinnen der Klasse gekränkt werden könnten. Auf eine Beschwerde des Vaters der betreffenden Schülerin hatte Oberstudiendirektor Dr. Behrendts versucht, diesem das Verhalten der Lehrerin, das er als taktvoll bezeichnete, zu rechtfertigen, und sich mit ihr solidarisch erklärt. Eine derartige Handlungsweise von Lehrer und Lehrerin, so wird in dem Antrag ausgeführt, könne im nationalsozialistischen Staate unter keinen Umständen geduldet werden. Der Schulausschuß beschloß deshalb die Enthebung der genannten Lehrpersonen. * Das Vorgehen der Leipziger Stadtverordneten ist durchaus folgerichtig. Leute wie dieser Dr. Behrendts und dieses Fräulein Vorwerk könnten tatsächlich, wenn man sie frei schalten und walten läßt, das System sprengen, auf welchem das Dritte Reich errichtet wird. Das Dritte Reich kann nur erhalten werden, wenn seine Führer — von Hitler bis zum letzten SA.-Kommandanten — vom Volke als ritterliche Lichtgestalten betrachtet und ge- Raslere dich besser! nimm die einzige schwedische Weltmarke! BEKANNTMACHUNG Die Inhabung der bekannten yff^ RESTAURATION HOTEL STEFANIE (ehemals Operer), II., Taborstr. 12, Tel. 46-5-57, beehrt sich, den p. t. Gästen zur Kenntnis zu bringen, daß es ihr gelungen ist, das in weitesten Kreisen bekannte Ehepaar Hugo und Julie Herlinger, geb. Zöllner, jahrzehntelange Mitinhaber des Restaurants Zollner, zur Mitarbeit im Restaurant Hotel Stefanie, II., Taborstraße 12, zu gewinnen, so daß auch dadurch bei sehr mäßigen Preisen für ausgezeichnete Küche und erstklassige Getränke bestens vorgesorgt ist. Wer noch nicht versucht, der komme und bleibt sicher Stammgast. achtet werden. Wenn man aber den Direktor Dr. Behrendts und die Lehrerin Vorwerk, welche vor den Seelen jüdischer Kinder Respekt haben, neben Hitler und seinen Freunden, welche die Seelen jüdischer Kinder zertreten, bestehen läßt, ergibt sich ein Gegensatz, der die Autoritäten des Dritten Reiches einfach vernichtet. Im Lichte des Menschentums der beiden Lehrer tritt das Unmenschentum der Machthaber des Dritten Reiches zu arg in die Erscheinung. Also muß man sorgen, daß Gestalten wie Direktor Behrendts und Fräulein Vorwerk weggejagt werden. Das ist nicht grausame Willkür, sondern zwangsläufige Amtshandlung. Das Dritte Reich darf Menschentum nicht dulden, denn es müßte daran zugrunde gehen. //Unter besonderen l|m§iänden Zur Tagung des zionistischen Aktionskomitees i/ Das kongreßlose Jahr 1934 hat die Bewältigung wichtiger Aufgaben vor sich. Man steht nicht auf beifallsumrauschter oder mißfallstöniger Tribüne. In engerem, darum nicht minder verantwortungsschwerem Kreise sollen Entscheidungen getroffen werden. Die letzten Geschehnisse in Palästina und ihre politischen Hintergründe sind der Boden, auf dem sich die Beratungen der nächsten zionistischen Tagung abspielen werden: Die zionistische Exekutive hat das Aktionskomitee für die Zeit vom 25. bis SO. März nach Palästina einberufen. Wie die Exekutive in ihrem Bulletin selbst erklärt, findet diese Tagung „unter besonderen Umständen" statt. Die Besonderheit dieser Umstände bezieht sich aber nicht auf den Umstand, daß durch den Tagungsort Palästina zahlreiche Aktionskomiteemitglieder entweder fehlen oder durch Ersatzmänner vertreten sein werden — insgesamt gibt es 108 A.-C.-Mitglieder und Ersatzmitglieder, 7 Virilisten, 4 Vertreter des palästinensischen Nationalrats (Waad Leumi) und 3 Mitglieder der Fonds —, vielmehr auf die Zustände in der zionistischen Organisation selbst. Die Tagung findet tatsächlich unter besonderen Umständen statt. Die aktuellen Fragen der Einwanderung, des weiteren Aufbaues, der R c ttung der jüdischen Massen aus der zunehmenden Verelendung sollten wohl geeignet sein, alle Kräfte des zionistischen Aktionskomitees in Anspruch zu nehmen. Zu ihrer Bestürzung erfährt die zionistische Welt, daß die Initiative der Exekutive auf schulmeisterliche Disziplinarprozesse gegen die Revisionisten und auf Beschwichtigungsmanöver gegenüber den elementarsten Bedürfnissen zionistischer Patrioten, in diesem Fall des „Misrachi", gerichtet sein werde. „Besondere Umstände!" Die Petitionsbewegung der revisionistischen Union hat den Unwillen der Exekutive hervorgerufen. Diese will auf der A.-C.-Sitzung den Disziplin- Paragraphen behandeln, also wieder mit jenen Mitteln arbeiten, die sich auf dem Prager Zionistenkongreß unter der Vorherrschaft der Linken so verhängnisvoll ausgewirkt haben. Inzwischen gibt es schon ein betrübendes Vorspiel. Die zionistische Exekutive hat den Betarim, der revisionistischen Jugendorganisation, das Recht auf Einwanderungszertifikate abgesprochen und eine Erklärung der revisionistischen Union hervorgerufen, in der es u. a. heißt: „Durch ihre Handlungsweise, die nicht nur einen Bruch sozialer Ethik, sondern gleichzeitig auch — vom Standpunkt der Einwanderungsgesetzgebung — ungesetzlich ist und einen Mißbrauch von „Staatsfunktionen" zugunsten innerer Parteiregelungen darstellt, hat die zionistische Exekutive endgültig die Vorwürfe bestätigt, die ihr seitens verschiedener Flügel der zionistischen Bewegung gemacht wurden, daß sie nämlich aus Wahlen hervorgegangen ist, welche in der Atmosphäre von Bluthetze stattgefunden haben, und von einem Kongreß gewählt wurde, der alle parlamentarischen Traditionen über Bord geworfen hat. Eine solche Exekutive ist nicht berechtigt, den Zionismus weder nach innen noch nach außen zu vertreten. Damit wird auch wieder die Frage aktuell, ob solch eine Exekutive das Organ sei, dem man die verantwortliche Aufgabe der Zertifikatenverteilung anvertrauen könne." „Die Union der Zionisten-Revisionisten wird alla legalen Mittel anwenden, um die Durchführung dieses Streiches unmöglich zu machen, und gibt bekannt, daß der Boykott, der durch die Union gegen die Schedule vom Jahre 1933 ausgesprochen wurde, nicht für die Schedule des Jahres 1934 gilt, von welcher die Betarim die volle Anzahl der ihnen zukommenden Zertifikate verlangen werden." „Insolange der Beschluß der zionistischen Exekutive besteht, wonaeh die Betarim nicht die zionistischen Fonds genießen können, so daß ihnen die Kolonisation auf dem Boden des Jüdischen Nationalfonds verwehrt ist, hat die Union der Zionisten-Revisionisten angeordnet, daß kein Revisionist sich an den Aktionen des Keren Hajessod und des Keren Kajemeth beteiligen darf. Gleichzeitig hat der Schilton des Betar eine Order an alle Betarim erlassen, die es ihnen verwehrt, sich an den Fonds zu beteiligen und vor allem an den Purimsammlungen für den Keren Kajemeth teilzunehmen." Man mag über die Art dieser Abwehr welcher Auffassung au,:h immer sein, jedenfalls ist sie ein Symptom dafür, daß die zionistische Exekutive in ihrem Prestige WeinrEi'nkauf ist Verfrauenssadie! Verlangen Sie ausdrücklich: Jn allen einschlägigen Geschäften erhältlich! Autor. Vertreter für Oesterreich: Gustav Wilder, Wien IV, Rainerg« 31 Telephon U«42-4«84