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Die neue Welt · 1934-02-27 · Heft 344 (27.2.1934) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 344 (27.2.1934)
Date
1934-02-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 344 DIE NEUE WELT Seit« 9 AUS DEUTSCHLAND Man will keine „Jüdischen" Hüte und Kappen Aus Berlin: Die „Gubener Zeitung" berichtete über eine Betriebsversammlung der Hutfabrik 6 t e i n k e, die sich damit beschäftigte, daß infolge des Starken Anschwellens der uniformierten Verbände die Hutfabriken große Absatzmöglichkeiten verlieren. Um hier vorzubeugen, fuhr eine Abordnung der Hutindustrie unter Führung des Oberbürgermeisters von Guben zur Reichszeug« «eisterei nach München, um für die Betriebe die Genehmigung zur Herstellung von Uniform-Kopfbedeckungen zu erlangen. Das Verlangen wurde abtchlägig beschieden, weil in den betreffenden Betrieben jüdisches Kapital arbeitet. Auch die Genehmigung zur Herstellung von Arbeitsdienstmützen wurde kürzlich vom Arbeitsministerium an die Bedingung ge- Jmüpft, daß die jüdischen Betriebe sich bis zum 15. März gleichgeschaltet haben, d. h. in * r i 3 c h e Hände übergangen sind. Der Oberzeugmeister legte u. a. dar, daß die Reichs- SSeugmeisterei nie und nimmer eine Genehmigung zur Her- »tellung von Parteidienstkleidung: an Firmen erteilen werde, die in jüdischen Händen seien oder die abhängig seien von jüdischem Kapital. Es sei ein Irrtum, wenn jüdische Kapitalisten und Geldgeber glaubten, die Arierfrage würde von der N, S. D. A. P. wieder beseitigt oder nicht ernstgenommen. Es könne aber auf die Dauer nicht geduldet werden, daß der hochwertige deutsche Arbeiter zur Arbeitslosigkeit oder zur Kurzarbeit verdammt werde, weil di« Fabriken sich in jüdischem Besitze befänden. Es sei Pflicht der N. S. D. A. P. als Träger des Staatsgedankens, hier eine Lösung zu finden. Es wären auch bereits Verhandlungen aufgenommen, um die Fabriken, die heute noch von jüdischem Kapital beherrscht würden, in deutsche Hände überzuführen. (Aua den Worten des Reichszeugmeisters geht hervor, daß auf eine Ausmerzung der Juden aus der deutschen Industrie hingearbeitet wird.) Für Juden gilt kein öesetx Aus Berlin: Das deutsche Devisenrecht erlaubt bekanntlich unter Vorlegung des Reisepasses Beträge bis zu 200 Mark monatlich durch die Post ins Ausland zu senden. Der 38 Jahre alte jüdische Arzt Dr. Berthold Friedländer, als Kriegsverletzter zur Kassenpraxis zugelassen, sandte seinen zwei nach Frankreich ausgewanderten Brüdern auf seinen Paß, den Paß seiner Frau, den seiner Schwiegermutter und den seines Gartenarbeiters je 200 Mark, was nach dem Gesetz erlaubt, ist. Trotzdem wurde er wegen Devisenvergehens angeklagt und vom Gericht zu zehn Monaten Gefängnis und 10.000 Mark Geldstrafe, ersatzweise zu weiteren drei Mona ten Gefängnis, verurteilt. Seine Ehefrau erhielt an Stelle einer Gefängnisstrafe von einem Monat eine Geldstrafe von 500 Mark und der Gärtner einen Monat Gefängnis. Das Verfahren gegen die Schwiegermutter wurde eingestellt, sie müßte aber eine Buße an die Winterhilfe zahlen. In der Urteilsbegründung erklärte der Vorsitzende des Schöffengerichts, das Gericht habe sich hier über den toten Buchstaben hinweggesetzt und nach dem Sinn des Gesetzes das Urteil gesprochen. Auflösung der jüdischen Sportorganisationen Aus München: Die bayerische politische Polizei hat die bayerischen Landesverbände der jüdischen Sportorganisationen „Makkabi" (nationaljüdisch) und „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" (assimilatorisch), die im November 1933 von der Reichsregierung als die einzigen legalen deutsch-jüdischen Sportorganisationen anerkannt wurden, aufgelöst und in der gleichen Verfügung den Verband jüdischer Gemeinden Bayerns ermächtigt, eine neue jüdische Sportorganisation für Bayern unter den folgenden Bedingungen zu bilden: 1. Die Beamten, die jüdische Frontsoldaten sein müssen, sind vom staatlichen Sportkommissär zu ernennen; 2. diese Beamten müssen an jedem ersten una dritten Mittwoch des Monats vor dem Münchener Sportkommissär erscheinen, um über die Arbeit der Organisation zu berichten; 3. die Organisation kann Mitglieder der aufgelösten jüdischen Sportorganisationen aufnehmen, aber nicht in geschlossenen Körperschaften, sondern als Einzelpersonen. Was deutsche Volfcssdiüler lernen Aus Hamburg wird berichtet: Zeitungen veröffentlichen ein Rundschreiben der Hamburgischen Eandesunterrichtsbehörde an die Volksschulen über Erblehre und Rassenkunde, worin dem Geschichtsunterricht u. a. folgende Aufgaben gestellt werden: „Die Judenfrage ist besonders geeignet, den Willen zur Arteinheit triebsicher zu machen. Nachdem die Gefahr einer Verjudung Deutschlands durch fremdrassige Vermischung, wirtschaftliche Ausbeutung, politische Vorherrschaft und kulturelle Zersetzung noch einmal kurz dargestellt ist, sind die Lösungsmöglichkeiten der Judenfrage auch an außerdeutschen geschichtlichen Beispielen zu erörtern: die Ausrottung (Pogrome) ist ganz verwerflich; die Auswanderung (Zionismus), ist sehr beschränkt; die Angleichung (Assimilation) ist gerade gefährlich; die Absperrung (Ghetto) ist nicht wiederherstellbar; nur die klare rechtliche Scheidung zwischen Wirts- und Gastvolk, wie sie in der Gesetzgebung des Dritten Reiches angebahnt ist, verspricht Erfolg. Schrifttum: Theodor Frttsch, Handbuch der Judenfrage. Hammer-Verlag, Leipzig, 34. Auflage, 1938, Leinw. 4.50 RM." (Fritschs „Handbuch der Judenfrage", das verlogenste und verleumderischeste Pamphlet, das je gegen die Juden geschrieben wurde.) Arierparagraph für Kindergärten Aus Hamburg: Das Landesjugendamt und das Jugendamt Hamburg teilten den jüdischen Kindergärtnerinnen (Besitzerinnen von Kindergärten U3W.) mit, daß ihnen nach den bestehenden Vorschriften, wonach die Erziehung und Pflege arischer Kinder nur durch Arier geschehen darf, die Erziehung und Pflege arischer Kinder untersagt wird. Bis zum 31. März 1934 müssen die arischen Kinder aus diesen Kindergärten ausgeschieden, sein, Ausbürgerungen naturalisierter Juden Au3 Berlin: In ganz Deutschland werden gegenwärtig jene Juden, die nach dem 9. November 1918 naturalisiert worden sind, aus der deutschen Staatsbürgerschaft ausgesperrt. Das Gesetz wird sehr streng durchgeführt. Im Staatsanzeiger wurde am 17. Februar die Liste von 35 preußischen Fami- Grlechenland, Rhodos, Zypern, Syrien, Palästina und Aegypten — jeden Tag eine andere Stadt, ein neues Land — sehen die Teilnehmer der PAG -Reisen für wenig Geld in kurzer Zeit! 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Von densUbernenTempelger&ten nahmen sie nicht« mit, sondern sertrümm e r t e n sie und warfen die Trümmer auf den Fußboden. Die eingeleiteten Erhebungen verliefen bisher ohne Ergebnis. Die Polizei nimmt an, daß es sich um Mitglieder rechtsradikaler Verbände handelt. Eine neue jiddische Tageszeitung Aus Kowno: Seit dem 26. Jänner erscheint in Kowno, der Ha^uptstadtLitauens, eine neue große Tageszeitung „Der Moment" in jiddischer Sprach*, für die als Herausgeber J. Dilion und als verantwortlicher Redakteur L. Tabatschnik zeichnen. In dem ersten programmatischen Leitartikel weist die Redaktion darauf hin, daß die Zeitung in einer Zeit tieftragischer Erlebnisse im Judentum zu erscheinen beginnt. Die Zeitung will die Interessen der jüdisohen Kaufmannschaft und des Handwerkertums wahrnehmen und für die kulturellen Belange des litauischen Judentums kämpfen. Dem Zionismus soll ein Hauptteil der Aufmerksamkeit gewidmet werden, und zwar will die Zeitung für einen „judenstaatlichen echten Zionismus Uberparteilichen Charakters" eintreten. Innere Verlegenheiten Palästinensischer Bericht von „Ruhe" herrscht im Land. Sie wirkt verdächtig. Die große Erbitterung über die letzten Verordnungen der Regierung gegen Einwanderer und Touristen ist weniger laut geworden. Hie und da noch vereinzelte Proteste, aber die gesellschaftliche Energie des Jischuw hat nachgelassen und man fragt sich: Haben wir uns mit dem Zustand, der in den letzten Monaten geschaffen wurde, bereits abgefunden? Was ist zu tun? Zu welchen Taten rüstet die vereinigte Opposition, wenn man überhaupt von einer solchen sprechen darf? Es hat auch gar keinen Zweck, noch eine zweite Frage zu stellen, obzwar dieselbe unter normalen Umständen natürlich und selbstverständlich wäre: Was tun die offiziellen zionistischen Stellen? Welchen Standpunkt nehmen sie ein, worin besteht ihre Arbeit? Diese Frage ist aus einem sehr einfachen Grund völlig überflüssig geworden. Hier liegen die Karten offen auf dem Tisch, das Antlitz unserer offiziellen politischen Instanzen ist enthüllt, ihre Taten sind offensichtlich und erfordern keine weiteren publizistischen Kommentare. Gab es noch vor einiger Zeit Diskussionsmöglichkeiten über die Schädlichkeit des Systems der offiziellen zionistischen Leitung, so gibt es jetzt auch darüber keinen Streit mehr. In der Frage der Einwanderung hat die Leitung ihr wahres Wesen offenbart. Diese Frage war ihr Prüfstein. Sie hat endgültig versagt. In der letzten Sitzung der Einwanderungskommission der Jewish Agency hielt Jizchak Grünbaum, der Referent der Exekutive für Einwanderung, ein eingehendes Referat, das ersichtlich machte, wie weit die offizielle zionistische Leitung von den Lebenserfordernissen und der ökonomischen und geistigen Not des jüdischen Volkes in der Galuth entfernt ist. Für die Leitung, so sagte Herr Grünbaum, ist kein Grund für Lärm vorhanden. Es besteht Gefahr, unsere Lage hiedurch noch mehr zu verwirren. Man solle besser nicht von den 25.000 illegalen Touristen sprechen. (Tatsächlich Ubertreibt Herr Grünbaum die Zahl, denn es befinden sich höchstens 7000 im Lande.) Man dürfe von den Verhaftungen und Ausweisungen nicht als einem „Regierungssystem" sprechen, denn es sind „nur einzelne" Menschen, die man ausgewiesen hat. So sprach Herr Jizchak Grünbaum in einem Moment, da in den Gefängnissen von Tel-Awiw, Jerusalem, Tiberias und Akko verhaftete Juden sitzen, da an den Grenzen Einwanderer und Touristen angehalten werden. Im ganzen Lande wird die Razzia fortgesetzt, allerdings in einer ruhigeren und kultivierteren, dafür gefährlicheren Form. Das Referat Herrn Grünbaums machte aber noch andere interessante Dinge bekannt. In Einwanderungsangelegenheiten muß die zionistische Leitung, die Jewish Agency ihre Unterhandlungen mit dem berüchtigten Herrn Hyamson führen, weil sich der High Commissioner weigert, solange die „illegale" Einwanderung anhält, mit der zionistischen Leitung Verhandlungen zu führen. Die Regierung bemüht sich, so den jüdischen offiziellen Stellen das Einbekenntnis abzupressen, daß eine „illegale" jüdische Einwanderung betrieben wird, und hat den Wunsch, die Zustimmung der zionistischen Leitung zur Bekämpfung der i 11 e g a 1 e*h Alijah zu erzwingen. Diese Zustimmung wäre der Preis, um den die Regierung bereit wäre, die Zahl der Einwanderungs-Zertifikate diesmal etwas zu erhöhen. Und schon finden sich im jüdischen B. Weinstein (Tel-Awiw) Lager Menschen, die diesem Vorschlag, als Ausweg der Krise, zustimmen wollen. Eine besondere Schärfe gewinnt die Frage der Touristik in Hinblick auf die Levante-Messe. Es liegen triftige Verdachtsgründe vor, daß die Regierung das bisher gehandhabte System weder ändern, noch abschwächen will, sondern in rigorosester Weise gegen die ankommenden,Touristen vorgehen wird. Ein Kommentar ist überflüssig, denn nach Ansicht der Regierung dürften nur jene Touristen ohne Erschwernisse (das heißt ohne Kaution) ins Land kommen, die „reale" und „praktische" Verbindung mit der Messe haben. Was die anderen Touristen anlangt, so unterliegen sie auch zur Messezeit den bestehenden Vorschriften. Die zionistische Leitung tröstet uns zwar damit, daß die Verhandlungen in der Frage der Messe-Touristen noch nicht beendet sei. Doch zweifelt niemand mehr an dem Resultate dieser „Verhandlungen", an welchen der High Commissioner anscheinend gar nicht teilnimmt. Die Massentouristik, welche nicht nur der Messe, sondern dem ganzen Lande ungeheuren Nutzen bringen könnte, wird durch eine Serie von Begrenzungen und Erschwernissen abgewürgt. In den Regierungsämtern häufen sich die Ansuchen von kapitalistischen Einwanderern aus den Galuthländern. Sie bleiben monatelang unerledigt. Eine Durchschnittsrechnung hat ergeben, daß bis zur Erledigung eines solchen Gesuches jetzt acht Monate verstreichen. Die Befürchtung, daß von nun ab bis zur Erledigung zwei Jahre verstreichen werden, ist mehr als begründet. Von 6000 unerledigten Einwanderungsgesuchen von Handwerkern sollen 650 bewilligt werden. Von der nächstfälligen Zahl neuer Zertifikate spricht man überhaupt nicht mehr. Die Jewish Agency fürchtet diese Angelegenheit zu berühren, um sich nicht derselben Behandlung von Seiten der Regierung auszusetzen, wie vor einem halben Jahr. Sie fürchtet für das Prestige der obersten nationalen Vertretung der Juden. Die Jewish Agency und der Waad Leumi setzen ihre Verhandlungen mit der Regierung in der Frage des Budgets für Schulen und Spitäler fort, als wäre der Grundstock unserer nationalen Politik im Lande normal und gefestigt. In ihrer Kurzsichtigkeit, in ihrer Unfähigkeit, den Ernst der gegenwärtigen Lage zu erfassen, geben die Herren der Jewish Agency ihren Durchfall, ihre Fehler nicht zu, obzwar sie innerlich fühlen, daß dem nationalen Werke eine große Gefahr droht, die außerordentliche Mittel erfordert. Die vom Waad Leumi eingesetzte politische Kommission ist nur ein Sprachrohr der regierenden linken Arbeiterpartei. Die Sitzung des Nationalrates wurde verschoben, die Partei, die alle Macht in Händen hat, treibt seit acht Monaten frivoles Versteckenspiel. Ideologische Auseinandersetzungen sind in diesem Falle zwecklos. Herrscher, die den Boden unter ihren Füßen wanken fühlen, die den Kopf verloren haben und sich dennoch an ihre Macht klammern, bringen Unglück über ihr Volk. Diskussionen haben keinen Sinn. Was der Moment erfordert, ist der Zusammenschluß aller nationalen Kräfte, jetzt den Druck nationaler Kraft einzusetzen und die Machthaber zur Uebergabt der Leitung zu zwingen.

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