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Die neue Welt · 1934-02-23 · Heft 343 (23.2.1934) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 343 (23.2.1934)
Date
1934-02-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE WEL1 Nr. 343 Voraus muß man denken, sich sichern — versichern Phönix Allgemein« Varsictterur Wien IX. Bei., Alserplefit Nr. 3 Huberman, der jud'sdie Kulturbolsdiewik Noch während der letzten Zuckungen Oesterreichs im unglückseligen Bürgerkrieg trat Bronislaw Huberman, der jüdische Virtuose, in Wien mit der — Geige auf. Der Ueberraschungsstrich vor dem Wort „Geige" erhält seine Berechtigung, v.enn man bedenkt, daß die düsteren Stunden der letzten Woche in Wien für musikalische Produktionen nicht sehr geeignet waren. Aber Huberman spielte für die O p f e r. Man weiß, daß es auf beiden Seiten, bei der legalen und bei der illegalen Macht, Opfer gab, und darum konnte man im Zweifel darüber sein, welchen Opfern der Reinertrag des Huberman - Konzerts zugedacht sei: Huberman selbst, dessen paneuropäische Geisteshaltung bekannt ist, machte den Zweifeln ein Ende, indem er, vom Podium des Musikvereinssaals herab, mit der Geige in der Hand, erklärte, daß es hier nicht um eine politische Einstellung gehe, sondern daß der menschliche Impuls die Bedachtnahme auf alle Opfer fordere. Zweitausend Menschen, die Huberman geigen hören wollten, nahmen seine Deklaration mit Jubel, ja mit Enthusiasmus auf. Endlich ein Mann, fühlten sie, der nicht der Impression eines Augenblicks erliegt und dem nicht die Verschiebung von Machtverhältnissen eine Aenderung seiner Denkungsart und seines Menschentums aufzwingt. Der Jude Bronislaw Huberman empfand über die Gewalt des Augenblicks hinaus das Bedürfnis, ein Bekenntnis für den Frieden abzulegen; ein Bekenntnis, das nicht dem Mangel an Wirklichkeitssinn entspricht, sondern vielleicht gerade heute, wo so viele in Oesterreich die Bereitschaft zur Schwäche, zur Nachgiebigkeit, zur Gesinnungsweichheit und Gesinnungsheuchelei zeigen, als Zeugnis starken Charakters gewertet werden muß. Sind denn alle schönen männlichen Eigenschaften — wie Stolz, Würde und Mut — in den Stunden politischer Depression über Bord geworfen worden? Nach seiner Entscheidung spielte Huberman die vielgespielte „Chiaconne" von J. S. Bach für Violine allein, die himmelstürmende gotisch-germanische Fuge, der niemand Einzigartigkeit absprechen wird. Huberman spielte sie einzigartig. Der Jude Huberman reproduzierte sie in kristallheller Reinheit. Merkte jemand etwas vom parasitären Beatreben, von verderblichem Schmutz und Schund, von — „jüdischem Kulturbolschewismus?" In den Stunden innerer politischer Zerrüttung brachte ein Jude, ein jüdischer Künstler, Harmonie ins verwundete österreichische Gemüt. Er spielte um der Kunst und um der Menschlichkeit willen. Er war aus Palästina gekommen, aus dem jüdischen Palästina. Das hatte ihm die Kraft und die Eingebung geliehen. Es gibt keinen stärkeren Beweis gegen die Verleumdung: „Jüdischer Bolschewismus." Den schäbigen Judenfeinden werden wir damit nichts beweisen. Das wollen wir auch nicht. Aber für uns Juden bedeutet das Auftreten Hubermans im Wiener Musikvereinssaal eine Bestätigung der These vom nationalen Bewußtsein, das Kraft, Würde, Stolz und Bescheidenheit gibt... o. r. Die nadi§ien Palästina'Rei§en Am 19. Marx ab Wien über Rom und Neapel mit der „Vulcanla" zu Pe§§adi in Jerusalem_ Am 10. April ab Wien über Triest mit der „Italla" zur LevantegMesse in TeUAwiw Veranstaltet vom Oerein Reisender Kaufleute Oesterreichs yremdenverkehradiengt__ Billige Arrangements / Auskünfte und Prospekte: REISEBÜRO «MARI EN BROCKE» (Palästina-Dienst, Leitung: Berta Taubes), Wien I, Rotenturmstraße 26, Telephon R-24-2-86 und R-24-2-87 Zur Lage der Juden in Oesterreich und Deutschland Was das englische Judentum sagt — Protest gegen Premier MacDonald Aus London wird gemeldet: In der Sitzung des Jewish Board of Deputies (Deputiertenrat der englisch-jüdischen Gemeinden) erstattete Leonard G. Montefiore den Bericht zur heutigen Lage der ' österreichischen Juden und sagte: Die österj reichische Judenheit befand sich während der Kampftage | in der Lage eines, der auf einem Pulverfaß sitzt; jedes an sich unbedeutende Ereignis konnte eine Katastrophe Tür sie auslösen. Nun ist die Lage etwas beruhigt. Die Juden Oesterreichs sind in die katastrophalen Ereignisse nicht verwickelt worden, und die von manchen Zeitungen gebrachten Berichte Uber eine Massenflucht der österreichischen Juden haben sich in keiner Welse bewahrheitet. . Der Präsident dea Board of Deputies Neville Laski fügte zu dem Bericht hinzu: Die österreichischen Juden befinden sich am Rande eines Vulkans; wir müssen äußerste Vorsicht walten lassen und nichts unternehmen, was ihre Position verschlechtern könnte. Die Lage hat sich in den letzten Tagen etwas beruhigt. Ich habe mit jüdischen Stellen in Oesterreich und in der Tschechoslowakei telephonische Unterredungen gehabt, und aus beiden Ländern wurde mir versichert, daß die Berichte über eine Judenflucht aus Oesterreich vollkommen aus der Luft gegriffen sind. Nunmehr berichtete Leonard G. Montefiore über die Lage in Deutschland. Die jüdische Situation in Deutachland, sagte er, wird bald der gleichen, die vor wenigen Jahren für die Juden in Sowjetrußland bestand. Wenn man an die Sowjetregierung mit einer Beschwerde herantrat, sagte sie: Wir sind nicht verantwortlich für das Werk der Kommunistischen Internationale. Die heutige deutsche Regierung hat, wenigstens in der wirtschaftlichen Sphäre, eine unterschiedliche Behandlung der Juden untersagt, aber die halboffizielle NS.- Hago setzt, davon unberührt, ihren Feldzug gegen die jüdische Wirtschaft fort, und die Zeitungen arbeiten mit den gleichen Boykottauf forderung e n, den gleichen Lügen und den gleichen Verleumdungen wie zuvor. Es hat den Anschein, daß die Nationalsozialisten gar nicht mehr die Zeit erwarten können, da die ersten hunderttausend SA.-Leute sich in das Zivilleben zurückziehen und jeder von ihnen dea Posten, den jetzt noch ein Jude inne hat, besetzen wird. Chefredakteur Morris Myer bemängelte, daß Montefiore in seinen Berichten mehr Nachdruck auf die Flüchtlinge und auf die Vertreibung der Juden aus ihren Arbeitsstellen gelegt und sehr wenig über die Entrechtung der deutschen Juden gesagt hat. Die deutschen Judenfrage ist nicht eine Frage von Arbeitsstellen, sondern eine der bürgerlichen und der Menschenrechte. Wir fordern die bürgerliche Gleichberechtigung der deutschen Juden, und solange Deutachland diesen Grundsatz nicht akzeptiert, werden wir unseren Ruf in die Welt hinausschicken. Easterman sagte, in Deutschland seien die Juden völlig zermalmt. Aber auch die Lage der Juden in Polen, in Griechenland und in Rumänien sei ernst. Auch in England sei die Lage eine solche, daß gewisse Gegenmaßnahmen sofort ergriffen werden müßten. Percy Samuel klagte darüber, daß man nichts über die Unterhaltungen, die zwischen dem vom Völkerbunde ernannten Hochkommissär für Flüchtlinge und dea Mitgliedern der Berliner Regierung geführt wurden, erfahren kann. Ratsherr Benno Pearlman bemerkte, er erinnere sich nicht, vom Premierminister Ramsay MacDonald auch nur ein einziges Wort des Tadels hinsichtlich der Behandlung der Juden Deutschlands gehört zu haben. Leonard G. Montefiore bemerkte zum Schluß: Wir alle bedauern das Schweigen des englischen Premierministers. Aber wir dürfen auch der Reden nicht vergessen, die der Außenminister Sir John Simon und der Unterstaatssekretär Ormsby Gore bei der Behandlung der deutschen Judenfrage in Genf gehalten haben. Zum antideutschen Wirtschaftsboykott Polen, das judenreichste Land Europas, hat vom ersten Augenblick an — ohne jeden Beschluß und ohne jede Parole — instinktiv den Boykott deutscher Waren als Antwort auf die barbarischen Methoden des Hitler-Regimes geübt. Allmählich schritt die Judenheit Polens zu einer systematischen Boykottbewegung. Aber erst die Gründung des Anti-Hitler-Komitees hat die Möglichkeit einer intensiven Boykottpropaganda gegeben. Vor einigen Tagen fand in Warschau die Tagung des zentralen Anti-Hitler-Komitees statt. Es gab eine Reihe von Anregungen und auch einige wichtige Beschlüsse. Die Konferenz forderte nämlich die Judenheit Polens auf, den Kampf gegen den Hitlerismus auf internationalem Gebiet mit ganzer Kraft weiterzuführen. Sie anerkannte bei ihren Beratungen die Zweckmäßigkeit der Boykottaktion, welche die wirksamste Waffe im Kampf gegen die Entrechtung der deutschen Juden sei, und forderte alle Juden auf, die Boykottaktion zu popularisieren und zusammen mit den verschiedenen Anti-Hitler- Komitees zu arbeiten. Wichtig ist die Proklamation einer einmaligen verpflichtenden und allgemeinen Selbstbesteuerung der ganzen Judenheit zur Gründung eines Boykottaktionfonds. Damit ist jener organisatorische Schritt getan, über dessen Wert sich die ganze Kulturwelt einig ist. In den Vereinigten Staaten besteht bereits ein antihitlerisches Organisationsdepartement, das aus einer einmaligen Selbstbesteuerungssumme erhalten sind. und die Preisschilder mit den Farben Schwarz-Rot-Gold ausstatteten. „Fridericus" bemerkt mit Schadenfreude: „Doch das Auge des Gesetzes wachte und — hast du mich nicht gesehen — saßen die beiden schwarz-rot-goldenen Juden, um sie vor etwaigen Unliebenswürdigkeiten der empörten Bevölkerung zu schützen, in Schutzhaft." Eine feine Anuralfskammer Aus Berlin: Der Bericht der Berliner Anwaltskammer über das Jahr 1933 enthält ein Ehrengerichtsurteil gegen einen Anwalt, der anläßlich der Ausstellung der Ausweise zum Betreten der Gerichte für arische Rechtsanwälte objektiv unrichtige Angaben über seine Abstammung gemacht hatte. Das Ehrengericht konnte zwar nicht nachweisen, daß der Angeklagte seine Erklärung bewußt falsch abgegeben hatte, gelangte aber zur Ueberzeugung, daß ihm große Fahrlässigkeit vorzuwerfen sei. Es erkannte auf Warnung und erklärte zu den Gründen in dem Urteil u. a., die Umstände hätten den Anwalt zu besonderer Sorgfalt veranlassen müssen. Die Ausschaltung jüdischer Aerzte schreitet weiter fort Aus Berlin: In verschiedenen Orten sind neuerdings auf Veranlassung des Verbandes Privater Krankenversicherung» - Unternehmungen Deutschlands, Leipzig, „Listen staatsfeindlicher und nichtariacher Aerzte" aufgestellt worden, deren Rechnungen von den Gesellschaften der Privaten Krankenversicherungen nicht mehr erstattet würden. Auf Grund dieser Listen haben zahlreiche Bezirksdirektionen die Erstattung der Rechnungen jüdischer Aerzte, die bei den reichsgesetzlichen Krankenkassen kraft Gesetzes nicht mehr zugelassen sind, verweigert, zum Teil auch die Rechnungen für die Behandlung jüdischer Patienten. Warum Juden in Schutzhaft kommen Aus Berlin: „Fridericus" meldet aus Stavenhagen, der Vaterstadt des plattdeutschen Dichters Fritz Reuter, daß die zwei jüdischen Geschäftsleute dieser Stadt in Schutzhaft genommen wurden, weil sie einen billigen Inventurverkauf veranstalteten Wie jüdische Unternehmungen arisch werden Aus Berlin: Die Presseabteilung des Justizministeriums teilt mit, daß der jüdische Textilfabrlkant S. Cohn und der Kaufmann Ernst Cohn, beide in Bremen, unter dem Verdachte, ein größeres Kapital im Auslande zu besitzen und diesen Tatbestand den Behörden verschwiegen zu haben, verhaftet wurden und daß die Fabrik von S. Cohn dem Präsidenten der Bremer Textilbörse Dr. Cr am er übergeben wurde. Alle nichtarischen Geistlichen entfernt Aus Berlin: Das Evangelisch-Lutherische Landeskirchenamt Sachsens erläßt folgende Verordnung: „Geistliche oder Beamte, die nichtarischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen." Arische Firmenverzeichnisse Aus Berlin: Wie „Der Deutsche", die Tageszeitung der Deutschen Arbeitsfront, mitteilt, haben einige von der Zeitung als „auch-arisch" bezeichnete Firmen eine einstweilige gerichtliche Verfügung gegen die Verteilung des vom Zentralkomitee zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze herausgegebenen. Reichsbezugsquellenverzeichnisses erwirkt. Hiezu bemerkt das Blatt: Wir können nicht stark genug unsere Verwunderung darüber ausdrücken, daß große, angesehene Berliner Firmen so wenig Rassebewußtsein haben, bzw. heute noch eine solche Unkenntnis der nationalsozialistischen Weltanschauung und damit im Dritten Reich das Fundament allen Fühlens, Denkens und Handelns. Die Aufstellung und Verteilung eines arischen Lieferantenverzeichnisses von berufener Stelle kann daher nie und nimmer als geschäftliche Schädigung für Firmen angesehen werden, die es nicht für notwendig halten, sich darin eintragen zu lassen. Oder sollte etwa gar die Rücksicht auf nichtarische Kundschaft sie zu dieser Handlung bewogen haben? Hochsaison in Palästina Die Zeit von März bis Mai ist die höchst« Saison für Palästina-Touristik. Die klimatischen Bedingungen des Landes sind zu dieser Jahreszelt für den Fremdenverkehr besonders günstig. Hiezu kommen noch die traditionellen Palästina-Besuche zu Ostern. In diesem Jahre wird die Palästina-Touristik dadurch riesig verstärkt, daß im Anschluß an die Osterfeiertage die L e v a n t e -M e s s e In Tel-Awiw stattfindet, die Widerhall nicht nur In der jüdischen Welt gefunden hat, sondern auch in den breitesten Wirtschaftskreisen Europas und Amerikas. Das Reisebüro Compass Tours, welches als offizielles Propagandabüro der Stadtgemeinde T e 1 - A w 1 w fungiert, veranstaltet am 10. März auf der „Vulkania" eine Osterreise und die offizielle Messereise der Oesterreichischen Kollektivausstellung unter dem Protektorate der Handels- und Gewerbekammer. Alle Interessenten werden dringend ersucht, sich mit den Anmeldungen zu beeilen, damit die Möglichkeit besteht, sie gut unterzubringen. Anmeldungen und Auskünfte im Weltreisebüro Compass Tours, Wien IX., Spitalgasse 3, Telephon B-42-5-38. Das Weltrelsebüro CompassTours, IX., Spitalgasse 3, teilt mit, daß programmgemäß die Palästina- Reisegesellschaft am 21. Februar mit dem Reisebegleiter Herrn M. Lutzky mittels Sonderwagen Wien verlassen jjaj»

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