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Die neue Welt · 1934-02-23 · Heft 343 (23.2.1934) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 343 (23.2.1934)
Date
1934-02-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Emi'gungs'Aktion der Judenstaatspartei Der Weltverband Allgemeiner Zionisten stimmt zu Wir haben in der Vorwoche berichtet, daß die Weltleitung der Judenstaatspartei angesichts der Zerklüftung in der Zionistischen Organisation alle zionistischen Gruppen für die Bildung einer nationalen Front aufgerufen hat. Die Aktion der Judenstaatspartei wird insbesondere dann erklärlich, wenn man die Isolierung in Betracht zieht, in welche die vom Prager Zionistenkongreß einseitig zusammengesetzte Exekutive d«r Weltorganisation geraten ist. Die in ihren wichtigsten Teilen nur aus Angehörigen der linken Arbeiterpartei bestehende Exekutive hat den Kontakt mit den zionistischen Massen verloren und damit auch die Kraft, vor der Welt die zionistischen Forderungen wirksam zu vertreten, und das gerade in einem Augenblick, da die antizionistische Politik der Palästina-Regierung den so kräftigen Aufschwung der jüdischen Arbeit in Palästina verhängnisvoll bedroht. In diesem Zeitpunkt hat die Judenstaatspartei ausgesprochen, was allen der Sache ergebenen Zionisten am Herzen lag: Bildung einer nationalen Front! Die Parole hat auch rasch ihre Wirkung erzielt. Als erster hat der eine überaus große Zahl von Gruppen umfassende Weltverband der Allgemeinen Zionisten seine Zustimmung kundgegeben. Die Leitung der Judenstaatspartei gibt hierüber folgende Meldung aus: „Auf die in der Vorwoche seitens der Judenstaatspartei an alle zionistischen Parteien gerichtete Aufforderung, an einer Beratung teilzunehmen, in der die Möglichkeit der Bildung einer gemeinsamen einheitlichen Aktionszentrale für permanente Aufklärung der Oeffentlichk'clt über die zionistischen Forderungen und Ziele in Palästina erörtert werden soll, langte von dem Weltverband Allgemeiner Zionisten, Krakau, ein Antwortschreiben ein, in dem der genannte Verband die an ihn gerichtete Einladung annimmt und um Bekanntgabe des Termins und des Ortes dieser Beratung ersucht. Der Weltverband Allgemeiner Zionisten setzt hiebei voraus, daß die vom Exekutivkomitee der Juden- Existen* - Beteiligung Repräsentativer erstkl. Wiener Cafe-, Restauration*- u. Hotelf achmann aur ht Geldmann für Palästina. Unter -Weltpraxis 2434* an Annoncen-Expedition Helcrich Schalek, Wien I, Wollzeile 11 staatspartei gegebene Erklärung, wonach die in einer solchen Beratung beschlossenen Aktionen den normalen Lauf der politischen Arbeit der Exekutive nicht durchkreuzen sollen, in der Form erfüllt werden sollen, daß die Exekutive über die getroffenen Vereinbarungen informiert werden solle." Von der Juden§taatspartei Meir Großmann in Rumänien Das Büro der Judenstaatspartei teilt mit: Unmittelbar vor seiner Abreise nach Erez Israel weilte das Mitglied des Exekutivkomitees der Judenstaatspartei, Herr Meir Großmann, auch in Rumänien. Trotz der Kürze der Zeit hatte die Landesleitung ein reichhaltiges Arbeitsprogramm zusammengestellt, um dessen klaglose Durchführung sich in erster Linie der Präsident der Bukowinaer Judenstaatspartei, Herr Dr. Josef Mann (Cernauti) verdient machte. Bei seiner Ankunft in Cernauti wurde Herr Meir Großmann von einer zahlreichen Menge empfangen und ins Hotel „Schwarzer Adler" geleitet, wo eine Reihe von Besprechungen mit den leitenden Funktionären der Judenstaatspartei abgehalten wurden. Nachmittags sprach Herr Großmann bei einem Presseempfang zu den zahlreich erschienenen Vertretern der rumänischen jüdischen und allgemeinen Presse über „Die Ideologie und Organisation der Judenstaatspartei". Dieses Referat wurde von den Zeitungen in zahlreichen ausführlichen Artikeln eingehend behandelt. An der anschließend abgehaltenen Parteikonferenz nahmen — außer dem Präsidenten der zionistischen Landesorganisation und der Judenstaatspartei Altrumäniens, Herrn Dir. Ph. Rosenstein (Bukarest) — Vertretern der Ortsgruppen Seret, Storojinsti, Campulung, Vatra-Dornei, Vijnite usw. teil. Auf dieser Konferenz erstattete Adv. Josef Mann ein eingehendes Referat über den Stand der rumänischen Judenstaatspartei. Abends hielt Herr Großmann im Festsaal des Jüdischen Hauses einen Vortrag. Der Andrang war derartig, daß die Polizei den überfüllten Saal sperren mußte. Ueber 2000 Personen folgten den zweistündigen Ausführungen des Redners und zollten ihm begeisterten Beifall. Die Rede Großmanns machte einen gewaltigen Eindruck und zahlreiche Teilnehmer schlössen sich der Judenstaatspartei an. Die Judenstaatspartei der Bukowina hat während der kurzen Zeit ihrer Tätigkeit eine rege Tätigkeit entfaltet und auf organisatorischem Gebiet große Erfolge erzielt. Der offizielle Beitritt des jüdischnationalen Bildungszirkels „Jididia" zur Judenstaatspartei hat im Lande größtes Aufsehen erregt. In Begleitung Direktor Rosensteins begab sich Meir Großmann über Bukarest, wo er einige Stunden weilte, nach Konstanza, um sich von hier nach Erez-Israel einzuschiffen. Zerklüftetes Die „Aufrollung" der Judenfrage im nationalsozialistischen Deutschland durch die Gesetzgebung und das Verhalten der nationalsozialistischen Gesellschaft zu den Juden brachte die deutsche Judenheit dazu, ihr Schicksal ins Auge zu fassen: den Weg, den sie bis dahin zurückgelegt hatte und den Weg, den sie von nun ab zu gehen willens sei. Und wie immer diese Betrachtungsweise gewesen sein mag — darin waren sich alle jüdischen Elemente klar, daß das Verhältnis des Juden zur deutschen Umwelt eine radikale Umgestaltung erfahren müsse. Es bedurfte geraumer Zeit, bis aus dem Chaos gegensätzlicher Anschauungen und Wünsche der Gedanke einer Einigkeit des deutschen Judentums geboren wurde. Die Realisierung dieses Gedankens hieß „Reichsvertretung der deutschen Juden". Man war sich natürlich bewußt, daß die bestandenen weltanschaulichen Divergenzen nicht aus der Welt geschafft werden, aber die einigenden Momente schienen in den Stunden gemeinsamer Bedrängnis die trennenden in den Hintergrund zu drängen. Jedenfalls verlangte der Entschluß, sich zusammenzuschließen, auch den Entschluß, seine seelische Haltung zu ändern: das Bekenntnis also zur jüdischen Nation. Die Unsicherheit der materiellen Lebensgestaltung, die Unmöglichkeit, sich in den nationalsozialistischen Zeitgedanken einzugliedern, gab Gelegenheit zu einer Definition vom Jude-Sein in nichtjüdischer Umwelt, gab jedesfalls den Traum von einem jüdischen Deutschtum oder von einem deutschen Judentum auf. Die Besinnung war natürlich mit schmerzlichen Empfindungen verbunden. Aber das Bewußtsein, nach anderthalb Jahrhunderten erfolgloser Emanzipation und Assimilation den Anschluß an die jüdische Schicksalsgemeinschaft finden zu können — wenn auch unter dem Druck der Not — und die Früchte jüdischer Volkssolidarität genießen zu dürfen, sollte mit dem Aufgeben vererbter Vorstellungsinhalte nicht zu teuer erkauft sein. Die Reichsvertretung der deutschen Juden ist, wie man jetzt gewahr wird, ein äußerst loser Rahmen. Die extrem assimilantistischen Kreise wollen wieder den Stiefel küssen, der sie tritt. Und sogar die weniger Assimilierten, weniger Entjudeten, die Anhänger des liberalen Centraivereins, versuchen, sich dem eisernen Ring des deutschen Judenschicksals zu entwinden. * Sie suchen ein Loch, durch das sie mit Anstand durchschlüpfen können. Wer ein Bild dieses Zustandes bekommen will, braucht sich bloß der Lektüre der C-V,- Judentum ♦ ♦ ♦ Zeitung vom 15. Februar d. J. zu unterziehen. Auf derselben Seite, die den zur Einigkeit appellierenden Aufruf der „Reichsvertretung der deutschen Juden" enthält, versucht der Hauptschriftleiter des Blattes Dr. Alfred Hirschberg eine deutsche Judenassimilation in neuem Gewand den in der Reichsvertretung vereinigten Juden mundgerecht zu machen. Aber es geht einem Führer des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens nicht allein darum, die Notwendigkeit dieser neuen Assimilation darzutun, sondern den jüdischen Nationalgedanken in den Kreisen der heute die Assimilation Verneinenden zu diskreditieren. Dr. Hirschberg und sein nächster Anhang will wieder nur mv1 ausschließlich auf deutschem Boden „arbeiten, denken, zeugen, sterben". Er will nicht anerkennen, daß ein jüdisches Palästina auch die Juden der Galuth geistig, seelisch und schließlich sozial und politisch zu verändern vermag. „Die Umwandlung von Palästina selbst zu einem freien Erez Israel wandelt nirgendwo außerhalb Palästinas Juden minderen Rechtes zu freien Bürgern und Juden. Die geistig-kulturelle Bedeutung eines freien Erez Israel für alle Juden und die gesamte Menschheit,; wenn es ein jüdisch gebundenes Land und kein kleiner Nationalstaat im vorderen Orient wird, werten wir so sehr, wie unsere Treue zu Stamm und Glauben der Väter stark und unzerstörbar ist." So schreibt Herr Dr. Hirschberg. Man könnte zunächst glauben, daß er hier doch etwas Positives vom zionistischen, jüdischen Palästina für das Galuthjudentum erwarte. Aber flugs ist es mit diesem Schein vorbei, wenn man weiterliest: „Man muß sie (die Assimilation und die Emanzipation) als die Innen- und Außenseite desselben Vorganges werten: Einordnung in die Umwelt als gleichwertig-gleichberechtigte Menschen und zugleich Erhaltung und Fortentwicklung echter jüdischer Werte." fllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllHIIIIIIIIIIIIIH IrVfANISCHEWITZ-i MAZZOTH g die weltberühmte und unübern 1 treffliche Qualitätsmazzoth 1 | Nur geringes Quantum eingelangt! | | Alleinverkauf: | | JOSEF GOTTESMANN/ WIEN, II. § Tandelmarktgasse 0a Telephon A-48-6-98 | lllllllllllilllllllllllllllllllllllll^ Autor. Vertreter für Oesterreich: Gustav Wilder, Wien IV/ Rainerg« 31 Telephon Von der Synthese dieser Innen- und Außenseite erwartet die liberale Assimilation den „normalstabilen Lebenszustan d". Sie glaubt nämlich zu wissen, daß nichts im Bereich der deutschen Umwelt imstande sein werde, diesen Zustand zu stören, nichts, nicht einmal der — Antisemitismus. Um das zu beweisen, versucht Herr Dr. Hirschberg als Wortführer der liberalen Assimilation eine neue Darstellung der judenfeindlichen Tendenzen: „Antisemitische Wellen bedeuten nur, daß in gewissen Gegenden und Lebensbezirken aus dem zögernden Tempo der jüdischen Angleichung oder der besonders bedingten mangelnden Anerkennungsbereitschaft der Umlebenden Spannungen entstanden, die sich Luft machten." Es gehört wahrlich heroische Selbstverleugnung und selbstmörderische Objektivität dazu, den dynamischen Antisemitismus Hitler-Deutschlands als eine — Entspannung zu bezeichnen. Aber Herr Dr. Hirschberg geht noch weiter. Er stellt fest, daß ein neues Ideengut in Deutschland verbindlich geworden ist, daß neue Vorstellungen das heutige Deutschland beherrschen und im Gegensatz zum bestehenden, gesetzten Recht stehen. Damit nun der Jude nicht sein Gleichgewicht verliere, damit er im heutigen Deutschland ebenso leben könne wie im vorhitlerischen, müsse er eine neue Synthese von Deutschtum und Judentum suchen. Dr. Hirschberg formuliert seinen Wunsch so: „Der Neubeginn unserer Emanzipationsbemühung, sie ist das A und O unseres Denkens und unserer Planung, ist ohne Schaffung neuer Assimilationsvoraussetzungen nicht möglich . . . Wenn überhaupt, dann besteht bei der Umwelt die Bereitschaft, ein ursprünglich-wesensechtes, zeitnahes Judentum in Deutschland als deutsches Judentum anzusehen, nicht eine jüdische Gruppe, die, weil sie nicht eingeschaltet werden konnte, in sich ein Museum ihr bequemer, aber vom Deutschtum selbst als wertlos bezeichneter deutscher Altertümer bewahrt." Zum Schluß hält es Herr Dr. Hirschberg für notwendig, daß wir Juden „neben den in der Geschichte sichtbaren Wandlungen und Wanderungen die unsichtbaren Fügungen und Waltungen empfinden und auch für unsere Zeit und Zukunft als wirksam herbeiwünschen." Wenn, wir diesen von Richard - Wagner - Texten entliehenen Schwulst bloßlegen, so kommen wir zu der Hoffnung dieser deutschen Juden, 'eder im A imilationsbereich, unterzutauchen und sich von jenen jüdischen Volksgenossen zu distanzieren, die die Assimilationskrankheit überwunden haben. Wenn die bisherige liberale Assimilation sieh die Zukunft des jüdischen Volkes in Deutschland so wünscht, wie Dr. Hirschberg sie gezeichnet hat, dann allerdings ist vom Versuch, die in Deutschland lebenden Juden im harmonischen Rahmen der Reichsvertretung zu einer geschlossenen Einheit zu bringen, nicht viel zu erwarten. Die deutsche Judenheit wird weiter erschüttert bleiben, ja sogar für eine seelische und soziale Stabilisierung ungeeignet werden. * Die Betrachtung der Lage der deutschen Judenheit führt uns zwangläufig dazu, den Ideenzustand unserer jüdischen tsbürger mit den Vorgängen und politischen Unterströmungen in Oesterreich in Beziehungen zu bringen. Die Verschiebung der Machtverhältnisse in unserem Staate könnte leicht die Urteilskraft der jüdischen Bevölkerung trüben und ~;e wieder Anschluß an nicM^'Msche Gruppe" suchen lassen. Wie wechselreich auch der Geschichtsverlauf jüdischen Daseins sein mag — in einem Punkt bleibt er unverändert: in der Notwendigkeit, sich nicht die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen politischen oder weltanschaulichen Strömungen einzumischen, sondern dem Frieden für das jüdische Volk und die umgebende Welt zu dienen. Nur der Wille zu friedlicher Konzentration aller Kräfte für die Ehre, Würde und Existenz der Judenheit kann der Zerrüttung, wie wir sie leider noch heute bei den deutschen Juden sehen, Einhalt gebieten. o. rt ■•

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