Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 339 (9.2.1934)
- Date
- 1934-02-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 339 IflNOPROGRAMME ■m DIESER WOCHE Wollzeile 17 Tel. R-24-2-16 KREUZ-KINO Vom 9. bis 16. Februar 1934 „Das Geheimnis von Madame Blanche" mit Iren« Dünn« Sonn- und wochentags: 4, 5.45, 7.30, 9.15 Uttr Die Phanla§ie hinkt nadi Schon glaubt man d i e Verworfenheit der antisemitischen Wüstlinge in Hitler-Deutschland ganz erfaßt 2u haben und gerät immer wieder vor neue Unfaßbarkeiten. In einer deutschen Stadt war einem jüdischen Rechtsanwalt die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft wegen nichtarischer Abstammung entzogen worden. Er bezeichnete sich in der Folge als „früherer Rechtsanwalt" oder „Rechtsanwalt a. D.". Der Vorstand der Anwaltskammer vertrat die Auffassung, daß diese Titelführung unzulässig sei, veranlaßte die B eschlagnahme von Briefbogen und sonstigen Drucksachen des jüdischen Rechtsanwaltes durch die Polizei und erstattete Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Das Amtsgericht verurteilte den ehemaligen Rechtsanwalt zu einer Geldstrafe und begründete sein Urteil damit, daß in bezug auf die Titelführung der als nichtarisch gelöschte Rechtsanwalt einem ehrengerichtlichausgeschlossenenAnwaltgleichzustellen sei und dieser mache sich durch Fortführung des Titels strafbar. Akademiker, Juristen, Richter begnügen sich nicht damit, einen Kollegen schnöde seiner Rechte beraubt und auf die Straße geworfen zu haben. Nein! Sie lassen ihn nicht einmal in Ehren verhungern. Sie bespeien ihn, sie setzen den beraubten und bestohlenen Standesgenossen einem Verbrecher gleich, der Klientengelder gestohlen hat. Die Diebe stempeln den Bestohlenen zum Diebe. Da kann wirklich die kühnste Phantasie nur nachhinken. Saloniki Aegypten und England helfen Hitle? Aus Kairo wird uns berichtet: Von Kairo sprach über alle deutschen Sender der Sonderberichterstatter des „Völkischen Beobachters", W. Dieverge, über „die Bedeutung des vor dem Kairoer Internationalen Gemischten Gericht erstrittenen deutschen Sieges über das Weltjudentum". Der Vorfall zeigte, daß die Hitler-Regierung nicht allein über den. deutschen Rundfunk voll verfügt, sondern auch den Einfluß besitzt, einen von der Regierung Aegyptens, eines e'n glischen Mandatslandes, kontrollierten Sender in den Dienst der antisemitischen Propaganda zu stellen. Dieverge gab einen durchaus tendenziösen Bericht über den Verlauf des Prozesses des jüdischen Bankangestellten J a b e s gegen die Führer des Deutschen Klubs in Kairo als die Verbreiter deutscher antisemitischer . Hetzschriften in Kairo. Dieverge beschimpfte den Kläger Jabes und dessen Rechtsanwalt Leon Castro und nannte sie Sendlinge der jüdischen Weltliga, die das „neue Deutschland" vor der Weltöffentlichkeit zur Rede stellen wollte, aber schimpflich unterlag. Am Schluß rief Dieverge — wie die deutschen Zeitungen freudig feststellen — „ein von Herzen kommendes „Heil Hitler." aus Aegypten nach der Heimat herüber". Arabische Propaganda s Nordamerika Aus New York: Das hiesige jüdische „Morgenjournal" bringt eine Notiz über die antisemitische und antizionistische Propaganda einer Radiostation. Am letzten Samstag abends wurde diese Radiostation eine Stunde hindurch den Arabern zur Verfügung gestellt, welche sie dazu ausgenützt haben, um gegen die Juden und gegen dieZionisten zu hetzen, unter Bezug auf die letzten Ereignisse in Paläsina. Alle Araber in Amerika und in allen anderen Ländern wurden aufgefordert, eine einheitliche Front gegen die jüdische Gef a h r, besonders in Palästina, zu schaffen. Die Zeitung verlangt von der Radiostation, welche von den Juden große Einnahmen hat, diesem Treiben ein Ende zu bereiten. Die Exekutive des jüdischen Weltkongresses tagt in Prag Aus Paris: Am 12. Februar tritt in Prag die Exekutive des Jüdischen Weltkongrosses zu einer Beratung zusammen, an der hauptsächlich die Exekutive-Mitglieder aus den Ländern Mittel- und Osteuropas und Vertreter der im Exekutivkomitee nicht vertretenen Länder teilnehmen werden. Eine Sitzung der Exekutive-Mitglieder aus den westeuropäischen Ländern findet Ende Februar in Paris statt, In den Prager und in den Pariser Beratungen werden Zelt und Ort des Zusammentretens des Judischeu Weltkongresses, sowie die Tagesordnung des Kongresses und der Modus der Delegiertenwahlen definitiv festgesetzt werden. Drei interessante Palästina-Reisen. Siebe Inserat. Die große alte historische Stadt, die jüdische Initiative und jüdische Arbeit aufgebaut hat, ist heute eine verlorene jü dische Festung, eine Ruine, die nicht mehr auferstehen wird. Von den knappen 60.000 Juden, die noch in Saloniki geblieben sind, müssen nicht weniger als 45 Prozent GemeindeunterstUtzung verlangen, obwohl kein Geld mehr da ist und das Budget einer Fiktion gleicht. Die unglücklichste Periode für die Saloniker Judenschaft war das achtjährige Venizelos-Regime, das eine j antisemitische Parole hauptsächlich zu Wahlzwecken in | der Viertelniillion-Stadt Saloniki benötigte, eine Parole, die lautete: Schluß mit dem Einfluß der Juden auf! die griechische Politik! Venizelos tolerierte den Judenhaß, dessen Träger sich in der nationalistischen Gruppe „Hellas" organi-! sierten und den schändlichen Pogrom im Jahre 1931 in-! szenierten. Bei den Wahlen gaben die Juden ihre Stimmen \ gegen die Venizelos-Partei für die heutige Regierung j ab, aber die Situation hat sich nicht gebessert.! In den letzten 8 Jahren gab es eine ständige jüdi- ' sehe Abwanderung aus Saloniki. Die meisten Juden gingen nach Frankreich, ungefähr 100 Familien nach Spanien, dessen republikanische Regierung alles tat, um die Sympathien der sephardischen Juden, der Spaniolen, für ihre alte „Heimat" zu gewinnen. Aber das Befinden der Juden bei der „Mutter S p a n i e n" ließ bald zu wünschen übrig. Die schweren politischen Kämpfe gestatteten kein ruhiges Leben und keinen gesicherten Erwerb. Der griechische Konsul in Barcelona riet den Saloniker Juden, nicht mehr nach Spanien zu kommen, da er nicht mehr in der Lage sei, für etwaige Rückreisespesen aufzukommen. Man fährt also weiter, nach Marokko, Tunis oder gar zurück nach Saloniki — die Hoffnung auf Spanien ist zerronnen. Keine kleinere Enttäuschung für die Saloniker Juden war Palästina. Es ist keine Kleinigkeit, wenn fast 7000 Juden, 12 Prozent der jüdischen Bevölkerung, sich direkt oder indirekt nach Palästina begaben. Man hat dort Häuser und Villen gebaut, Frieden und Beschäftigung gefunden. Nicht weniger als 4000 Saloniker Juden befinden sich in Tel-Awiw. Vor einigen Monaten hat auch ein jüdisches Element auszuwandern begonnen, das man nur in Saloniki antrifft: Hafenarbeiter! Hunderte Familien von Lastträgern, Matrosen, Schiffsbauarbeitern und Fischern sind nach Haifa gegangen, mehr als 200 Familien stehen zur Ausreise gerüstet. Dieser Tage sind auch die ersten 11 Chaluzim abgereist, die ihre Hachschara in Saloniki absolviert haben — als Landarbeiter und Orangenpflanzer. Plötzlich haben die Verordnungen gegen die „Illegalen" und die Razzien alle Hoffnungen der Saloniker Judenschaft zerstört. 60 Zertifikate sind. für 3500 Anspruchsberechtigte vorhanden, für Menschen mit kleinen Kapitalien, Maschinen und Kenntnissen. So stehen die Saloniker Juden zwischen zwei Uebeln: zwischen Palästina, das sie nicht herein läßt, und zwischen Griechenland, dessen Regierung judenfeindlich ist. Zeitungen erzählen, daß ein Abgesandter Hitlers,, namens KUhdorfer, der großen Einfluß im Außenministerium in Athen hat, ein Hitler-Regime in Griechenland in die Wege leite. Eine liberale Zeitung schreibt: „Jagt den Hitler-Agenten hinaus, bevor wir ihn lynchen!" Aber diese eine Stimme kommt nicht gegen den Hakenkreuzler auf, der über Millionen Propägandagelder verfügt und dessen Freunde im Außenministerium sitzen ... Die Gefahr für die Saloniker Juden, denen Palästinas Tore verschlossen sind, ist sehr groß. Vom Weltverband für liberales Judentum Aus London: Unter dem Vorsitz von Rabbi Doktor Mattuck tagte soeben in London das Direktorium des Weltverbandes. Der Vizepräsident, Herr Heinrich Stern, unterbreitete einen Bericht des neugegründeten holländischen Zweiges des Weltverbandes. Sodann Paläsfina'Reisen Am 21. Februar ab Wien über Rom und Neapel mit dem „Conte dl Savola" zu Purim nadi TelaAiuw_ Am 19. Mir» ab Wlan über Rom und Neapel mit der „Vulcania" zu Pessadi in lemsalem_ Am 10. April ab Wlan über Triest mit der „Mails" zur LevantesMesse in TeUAwi'iv Der polnische Ministerpräsident und der Handelsminister nehmen an der Tel-Awiwer Messe teil. Aus Warschau: Wie die Warschauer Presse meldet, werden sich Ministerpräsident Jendrzejewlcz und Handelsminister Z a r z y c k i nach Palästina begeben, um an der felerUchen Eröffnung des polnischen Bavillons auf der Tel-Awiwer Messe teilzunehmen. Billig« Arrangements / Auskünfte und Prospekte: REISEBÜRO «MAR I E NB RUCKE» (Palästina-Dienst, Leitung: Berta Taubes), Wien I, Rotenturmstraße 26, Telephon R-24-2-86 und R-24-2-87 wurde ein Bericht der Liberalen Gemeinde in Melbourne (Australien) behandelt. Die Organisationsleiterin Frau Margarete Goldstein berichtete Uber ihre Arbeit in Ungarn. In Budapest hat sie eine Anzahl Versammlungen von Mitgliedern der allgemeinen Jüdischen Gemeinde und der Jugend arrangiert. Ernste Arbeit hat sie in Wien geleistet, hier ist die Arbeit, noch im Gange. Ein Bericht aus Südafrika besagt, daß die neugegründete liberale Gemeinde in Johannisburg unter Rabbi Weiler bereits ein Grundstück für den Bau einer Synagoge erworben hat. Aus verschiedenen Ländern liefen Berichte ein, daß sich dort liberale Gruppen organisieren. Es wurde beschlossen, im Juli 1934 eine Weltkonferenz abzuhalten, deren Hauptdiskussionsthema sein wird: „Judentum und menschliches S c h i c k s a 1". Eine Sondertagung der Jugend wird das Thema „Was die Jugend zum liberalen Judentum beitragen möchte" theoretisch und praktisch erörtern. * BemerkungderRed. In Wien hat der Vorstand der Judengemeinde in Ausübung des ihm zustehenden Aufsichtsrechtes der religiös-liberalen Gruppe die Abhaltung von Gottesdiensten untersagt. Die Gruppe hat zu dem Mittel gegriffen, ihre religiösen Zusammenkünfte in Privatwohnungen unter der Bezeichnung „Stunden der Andacht" abzuhalten. Von den Maranen in Chile In Chile lebt eine Gruppe von Menschen, die sich „Jüdische Gemeinde" nennt, zirka 600 Familien zählt und einen selbständigen Stamm mit fremdartigen Gebräuchen darstellt. Diese Gruppe wandte sich jetzt an den englischen König," mit der Bitte, sich in Palästina ansiedeln zu dürfen. Es ist niemanden bekannt, woher diese „Jüdische Gemeinde" stammt. Nach ihrer eigenen Behauptung besteht sie aus Nachkommen der ersten Maranen, die im 17. Jahrhundert von Spanien nach Chile ausgewandert sind. Da sie auch hier von der Inquisition bedroht waren, pflegten sie die jüdischen Bräuche nur im geheimen, Im Laufe der Zeit ist ihre Verbindung mit dem Judentum sehr schwach geworden. Beschneidung gibt es bei ihnen nicht, aber sie halten den Sabbat. Sie feiern auch das Laubhüttenfest und wohnen volle acht Tage in leichten Hütten. Sie glauben an den jüdischen Messias und an den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem. Vom Strafo§phärenflleger Elijahu Ilssisdikui Aus Moskau: Der beim russischen Stratosphären- Rekordflug umgekommene junge jüdische Gelehrte Elijahu (IIja) Ussischkin wurde mit seinen beiden Kameraden in einem Ehrengrab an der Kreml-Mauer in Moskau beigesetzt; ihr Grab befindet sich direkt am Lenin- Mausoleum. Der Trauerfeier am Roten Platz an der Kreml-Mauer wohnten alle Mitglieder des Politbüros unter der Leitung Von Stalin und eine nach Zehntausenden zählende Trauermenge bei. Vor dem Gebäude des Aeroklubs in Moskau wird den drei Helden ein Denkma 1 errichtet. Elijahu Ussischkin, Sohn eines jüdischen Arbeiters, hat ein Alter von nur 24 Jahren erreicht. Auf seine wissenschaftliche Karriere wurden große Hoffnungen gesetzt. Mit 21 Jahren graduierte er am Leningrader Physikalisch-Technischen Institut und wurde zwecks weiterer Forschungsarbeit dem weltberühmten Physiker Professor Abram Joffe, der ebenfalls Jude ist, attachiert. Das Instiut beauftragte ihn mit der Konstruktion der Wilson-Kamera, die dem Studium kosmischer Strahlen dienen soll. Im vergangenen Jahre widmete er sich ausschließlich dem Studium kosmischer Strahlungen und hielt gleichzeitig Vorlesungen am Physikalisch-Technischen Institut. Er hinterließ mehrere Abhandlungen von hohem wissenschaftlichem Wert. Ein Jude Oberstaatsanwalt von New Jersey. Aus New York: David T. Willentz, ein führender demokratischer. Anwalt und Politiker, ist zum Oberstaatsanwalt des Staates New Jersey ernannt worden. Willentz ist 38 Jahre alt und wird als politischer Führer wie als Jurist sehr geschätzt. Bei der letzten Demokratischen Convention war er Führer der Delegation des Staates New Jersey. Er ist orthodoxer Jude, Mitglied der Synagogengemeinde „Schaare-Tefiloth" und Vorsitzender der Young Men Hebrew Association (religiöser Verband der jüdischen männlichen Jugend) in New Jersey. „Den Juden soll kein Unrecht geschehen." Aus Warschau: Anläßlich eines Empfanges zu Ehren des Marschalls Pilsudski in Wilna wurde dem Marschall mitgeteilt, daß das jüdische Krankenhaus der Stadt infolge gewisser behördlicher Maßnahmen geschlossen werden soll. Marschall Pilsudski erklärte sofort, sich für die bedrohten jüdischen Interessen einsetzen zu wollen. Er sagte wörtlich: „Den Juden Wilnas soll, Gott bewahre, kein Unrecht zugefügt werden." Dank dem Eingreifen Pilsudskis wurde das Fortbestehen des Krankenhauses gesichert. Nur noch 10 Tage haben Sie die Möglichkeit, sich der Palästina-Reise Purim in Tel-Awiw mit den Riesen- Luxusdampfern „Conte di Savoia" und „Roma" anzuschließen. Reisebüro Wien, I., Rotenturmstraße 20 (Ecke Fleischmarkt 1), Tel. R-24-5-25. Ein Jubilar Am 1. Adar feiert Herr Oberrabbiner Professor Dr. Adolf Schächter in St. Pölten seinen 70. Geburtstag. Oberrabbiner Dr. Schächter *at mehr als 40 Jahre sein Amt ausgeübt und ist seit einigen Monaten in Pension. Er genießt sowohl infolge seiner großen Gelehrsamkeit als auch seiner hervorragenden Charaktereigenschaften allgemein das größte Ansehen und, begeht seinen Geburtstag in völliger Gesundheit. Wir bringen den» Jubilar die herzlichsten Glückwünsche dar.