Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 339 (9.2.1934)
- Date
- 1934-02-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 339 DIU NEUE WELT Seite 3 ' Eimgung§aktion der Juden§laal§parlei Die Welt-Leitung der Judenstaatspartei übermittelt uns zur Veröffentlichung den nachstehenden Text eines Schreibens, welches sie an die Leitungen aller zionistischen Parteien gerichtet hat: „Die gegenwärtige kritisch gewordene politische Situation im Zionismus erfordert gemeinsames Eingreifen der gesamten zionistischen Oeffentlichkeit ohne Unterschied der Parteigruppierung." „Wir schlagen Ihnen daher die Abhaltung einer unverbindlichen Beratung vor, in welcher über die Möglichkeit der Bildung einer gemeinsamen Aktionszentralc für permanente Aufklärung der Oeffentlichkeit über die zionistischen Forderungen und Ziele in Palästina verhandelt werden soll." „Die Tätigkeit einer solchen Zentrale soll den Qang der normalen politischen Arbeit der Exekutive nicht durchkreuzen. Sie soll vielmehr diese in bestimmter Richtung ergänzen. Es hat sich erwiesen, daß die politische Aufklärungsarbeit, schon wegen ihrer verschiedenartigen Formen, nicht auf die Tätigkeit der Exekutive allein beschränkt bleiben kann." „Um die immer wachsende Zersplitterung innerhalb des Zionismus einzudämmen, sowie Eiuzclaktionen der politischen Gruppen hin tan zuhalten, muß der Zusammenschluß aller aktiven Kräfte im Zionismus auf diesem Arbeitsgebiete angestrebt und zuwege gebracht werden." „Das Exekutivkomitee der J u d e nstaatspa, rtei wird dieser Beratung einen genauen Plan über politische Aktionen für die nächste Zeit vorlegen, der zunächst einen Jüdischen Nationalen Appell an da« Britische Imperium vorsieht." „Es wird beabsichtigt, die obenerwähnte Beratung Ende Februar in Erez Israel abzuhalten." „Wir ersuchen Sie, uns mitzuteilen, ob Sie bereit, wären, an dieser Beratung teilzunehmen, und gegebenenfalls iVn Namen Ihrer Vertreter bekanntzugeben." „Diese Einladung wird den Leitungen sämtlicher Parteien zugesandt, welche am letzten Zionisten-Kongreß teilgenommen haben." * Angesichts der außenpolitischen und innenpolitischen Lage im Zionismus erübrigt es sich, die Notwendigkeit der hier vorgeschlagenen Aktion erst zu beweisen. Jeder verantwortlich denkende Zionist wird es dankbar begrüßen, daß der Versuch unternommen wird, das so herrlich gedeihende jüdische Aufbauwerk in Palästina vor den von verschiedenen Seiten drohenden Gefahren zu schützen, politisch zu sichern. Die Judenstaatspartei, welche in Kämpfe um parteiliche Machtpositionen innerhalb der zionistischen Organisation nicht verwickelt ist, tritt als berufener Mittler auf. HB Toscanini und Huberman Aus dem Chaos der Welt steigen zuweilen Erscheinungen auf, die inmitten großen Schmerzes und tiefer seelischer Bedrückung beglücken. Auch im Bereich des jüdischen Menschen... Arturo Toscanini, der berühmte Dirigent der Mailänder Scala und des New-Yorker philharmonischen Orchesters, hat in der musikalischen Welt den Ruf eines unbeugsamen, nur der Kunst dienenden Menschen. Sein Wille gilt als stark und unbeugsam, sein Sinn für musikalisches Reproduzieren als genial. Man wußte vieles von diesen männlichen, stolzen Eigenschaften zu erzählen: Toscanini hatte sich in Mailand geweigert, nach einem Beethoven-Konzert den faschistischen Marsch „Giovinezza" mit seinem Orchester zu spielen. Jetzt ist Toscanini, der vor einigen Monaten in Wien dirigierte, wieder in Amerika. Er wird bejubelt, gefeiert, überall, in allen Kulturländern bis auf Deutschland, Hitler-Deutschland — und das mit Recht. Hitler-Deutschland hat, wie man weiß, die „nichtarischen" ausübenden Musiker und Dirigenten hinausgeworfen. Und als Ebbe in den Konzertsälen eintrat, bemühte sich der von Göbbels eingesetzte Musikgeneral Wilhelm Furtw ä n g 1 c r, den berühmten und attraktiven Toscanini für Bayreuth, für Berlin, für Deutschland zu gewinnen. Toscanini sagte ab. Er erklärte sich mit den davongejagten jüdischen Dirigenten solidarisch. Eine Tat, die ihm neue Freunde gewann. Vornehmlich in Amerika. Nun erfahren wir aus New York etwas Pikantes: Die amerikanische zionistische Vereinigung drückte dem tapferen und ehrlichen Toscanini für seine Haltung gegenüber Nazi-Deutschland ihren Dank aus, indem sie ihn in das Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds eintrug. Es war eine einfache, aber erhebende Zeremonie im Hotel Astor. Toscanini erwiderte mit ein paar Worten: Sein Künstlerherz versteht die Ehrung und weiß sie zu schätzen. * Bronislaw Huberman konzertiert zum dritten Male in Palästina. Der aus Polen stammende Jude hat sich zwar „immer zu erkennen" gegeben, aber niemals deklariert. Wahrscheinlich hat ihn die Kunstausübung okkupiert. Er wollte der Kunst dienen und keine Götter neben ihr dulden. Das Werden des jüdischen Palästina hat mit seinen Reflexen auch den großen Geiger berührt. Nicht die Konjunktur, sondern ein Drang des Herzens und Intellekts hat ihn nach Erez Israel geführt. Wie so viele Hunderttausende hatte auch e r sein Erlebnis mit Pogrom-Deutschland. Auch er wurde „freundlich um seine Mitwirkung gebeten" und sagte ebenso freundlich ab. Das war keine Geste, das ging auch über das Solidaritätsbewußtsein mit seinen Kollegen hinaus. Huberman wirkt nicht in einem Land, das den Juden entrechtet und zu entehren versucht... Huberman besitzt auch eine kulturell-politische Einstellung. Er ist Paneuropäer. Er sieht das Heil der Menschheit in einer Union der europäischen Völker. Nichtsdestoweniger hat er seine jüdische Seele gefunden. Auf einem Bankett in Tel-Awiw hat er kürzlich erzählt, daß das jüdische Aufbauwerk in Palästina ihm jeden Zweifel an der Wiedergeburt des jüdischen Volkes genommen habe; daß der Zionismus etwas Großes sei, da er den Juden nicht nur lehre, Orangen zu züchten, sondern auch die alten und neuen europäischen Kulturwerte zu bewahren und zu vermehren. Vielleicht werde von Zion wieder ein für die. ganze Menschheit gültiges Wort ausgehen... Lassen wir Huberman träumen, lassen wir ihm sein paneuropäisches Ideal. Möge er uns mit seiner Kunst feeglücken, das ist. de Hauptsache. Seine, halb humanitäre, halb kosmopolitische Einstellung auch in den Fragen der jüdischen Zukunft tut niemandem weh. Die Geschichte geht, weiter. Das jüdische Volk leidet und schafft. Im Ringen um eine neue Form jüdischen Zusammenlebens sind Worte und Taten, wie Toscanini und Huberman sie bezeugen, freundliche Meilensteine auf einem harten Weg.., osro. Die Araber im Mordprozeß Arlo§orotf Falsche Fußspuren — Von einer Bestechung — Der „Davar" hetzt weiter Aus Jerusalem wird unter dem 5. d. M. gemeldet: Der Verteidiger Horace Samuel ersuchte um eine Vertagung des Verhörs um zwei Wochen zwecks Einziehung von Erkundigungen über den Araber Abdul Majid, der seinen Haftgenossen Dalhendi Bukhari des Mordes an Arlosoroff und sich des Beiseins beim Mord beschuldigt. Polizeirichter B.odilly lehnte das Vertagungsgesuch ab. Daraufhin erkundigte sich Horace Samuel nach den Namen jener Polizeioffiziere, die' Majids Geständnis entgegennahmen. Staatsanwalt Shitreet erwiderte, es seien dies der jüdische Untersuchungsbeamte Zvi Rosen und Inspektor Shauki Said; die erste Beichte habe Majid vor einem arabischen Mithäftling abgelegt. Der jüdische Polizist Friedländer sagte aus, man habe die Fußspuren des Mörders verfehlt, weil die Spurensucher in der Mordnacht irrtümlicherweiset!) seinen, Friedländers, Fußspuren, statt denen des Mörders folgten. Zu dem Bericht über die zwei Araber meldet die J. T. A.: Es handelt sich um die Araber Abdul Majid (Medschid) und Issar Derwisch, die unter der Anklage eines im November 1933 an einem Araber in der Gegend bei L u d d begangenen Mordes im Gefängnis sitzen. Diese beiden haben der Polizei erzählt, daß sie an dem kritischen Tage am Strand von Tel-Awiw spazieren gingen und, als sie einen Mann mit einer Frau erblickten, den Mann um Angabe der Zeit baten. Der Betreffende erwiderte, er könne im Finstern nicht auf die Uhr sehen, worauf der andere Araber die elektrische Taschenlampe gehoben habe, um ihm zu leuchten. Im selben Moment habe er in der Hand seines Begleiters einen Revolver erblickt. Issar Derwisch habe beabsichtigt, durch den Revolver den Mann zu erschrecken und zur Flucht zu veranlassen, um sich dann der Frau zu bemächtigen. Als der Mann aber nicht floh, sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als ihn zu erschießen. Bei diesen Angaben verwickelten sich die beiden Araber in Widersprüche, und bei einem weiteren polizeilichen Verhör gaben sie schließlich an, daß Rosenblatt, Stavsky und ein Araber namens Subchi, die mit den beiden erstgenannten Arabern zusammen im Gefängnis waren, Abdul Medschid unter Verheißung einer Geldsumme von 1000 Pfund veranläßt hätten, sich selbst des Mordes an Arlosoroff zu bezichtigen, da sie ja ohnedies bereits eines Mordes überführt seien. Horace Samuel brachte vor dem Untersuchungsgericht die Beschwerde vor, daß die Arbeiterta.sreszeitung „Davar" und einige offenbar von Arbeiterparteilern herausgegebenen Flugblätter die Behauptung verbreiten, daß Revisionisten, die wegen eines Reise billig nadi A P 0 L E N SS"1' LemVergu"\ourS9o!- Auskünfte: E. FERSTEL (Dr. S.Tocker), I, Kärntnerring 12. Tel. U-40-301 anderen Mordfalles im Gefängnis sitzender Araber Abdul Majid und Issar Derwisch mit. Geld bestochen hätten, damit sie sich auch zu dem Mord an Arlosoroff bekennen. Samuel deutete an, daß die Staatsanwaltschaft der Behauptung, daß die Araber bestochen wurden, nicht fernsteht, ja sie wahrscheinlich inspiriert habe. Staatsanwalt Shitreet trat diesen Ausführungen Samuels energisch entgegen. Polizeirichter Bodilly erklärte, er werde gegen die Verbreitung der Behauptung von der Bestechung der Araber einschreiten. Die Beschwerde Samuels leitete er an das Oberste Gericht in Jerusalem. Das Oberste Gericht gab der Beschwerde Horace Samuels statt und lud den verantwortlichen Redakteur von „D a v a r" und die Herausgeber der erwähnten Flugblätter ein, sich darüber zu äußern, wie sie dazu kommen, Stawsky und seinen Anwalt der B cstechung der Araber zu zeihen. Unter Umständen könne darin eine Verächtlichmachung des Gerichts erblickt werden. Der Redakteur der arabischen Zeitung „AI Jameä AI Islamia" wurde ebenfalls vor das Oberste Gericht geladen. Das Verhör wurde aber bald nach dessen Beginn verschoben. // Ihr ordinärer Antisemitismus" Im Querido-Verlag in Amsterdam erscheint jetzt ein Buch von Heinrich Mann: „Der Haß. Deutsche Zeitgeschichte", in dem der berühmte „deutscharische" Schriftsteller die Triebkräfte des nationalsozialistischen Umsturzes in Deutschland aufdeckt. In einem „Ihr ordinärer Antisemitismus" überschriebenen Kapitel führt er aus: „Die Deutschen hassen die Juden. Wenigstens glauben sie es ihren Führern, die den Antisemitismus ausschreien wie eine deutsche Errungenschaft. Die Deutschen begehen gegen ihre eigene jüdische Minderheit jetzt sogar Handlungen, mit denen sie sich selbst am meisten schaden. Denn sie verfallen der Verachtung, und das ist schlimmer, als wenn man gehaßt wird." „. ä * Ich habe meine Landsleute immer nur bedauert, wegen ihrer unglücklichen Leidenschaft, andere zu hassen, nur weil sie vermeintlich bevorzugt vom Glück waren... Nach dem verlorenen Kriege blieb den Deutschen vorerst keine Aussicht, ihr falsches Selbstgefühl noch einmal an Fremden zu erproben. Sie mußten den Gegenstand ihrer Rache im Innern suchen und fanden die Juden. Die Juden sollen unbedingt eine Gefahr sein, für die deutsche Wirtschaft und besonders für die deutsche Seele. „Das Geld, das ihr zum Juden tragt, ist verloren für die deutsche Wirtschaft", damit begründen die siegreichen Nationalsozialisten den Boykott der jüdischen Läden. Einen so offenkundigen Unsinn können nicht einmal sie selbst glauben. Aber es handelt sich auch gar nicht um die Wahrheit, sondern um einen V o r w a n d, die eigenen schlechten Gefühle zu entladen, und außerdem um innere Annexionen, die einzigen, die getätigt werden können. Denn die halbe Million Israeliten wächst an bis auf fünf Millionen, wenn alle Familien gemischten Blutes mit eingerechnet werden. Kein einziger aus dieser Menschenmasse hat künftig Zutritt zur Verwaltung, zum Anwaltsberuf, zum Handel oder zur Finanz. Sie sollen Hungers sterben. Ein ebenso einfaches wie wirksames Verfahren, um einen Bevölkerungsüberschuß loszuwerden! Es schadet nichts, wenn damit ein ganzes Volk vergiftet wird." „Die Nazi würden dies Volk niemals erobert haben, hätten sie sich nicht des Hasses bedient. Der Haß war ihnen nicht nur das Mittel, hochzukommen, er war der einzige Inhalt ihrer Bewegung. Die Republik hassen und sie stürzen, um selbst die ganze Macht zu bekommen, jahraus, jahrein haben sie das dem Volk als national eingeredet, und die Republik nannten sie eine Judenrepublik, einfach, um dem Volk beide zugleich verhaßt zu machen, die Republik und die Juden. Es ist eine Ehre für die Juden, daß ihr Name verbunden ist mit dem Versuch eines menschlichen, freiheitlichen Regimes; denn das war die Republik bei aller ihrer Unzulänglichkeit." „Dieselben Juden, die Deutschland wie ihre zweite Heimat durch die ganze Welt tragen, in Deutschland selbst werden sie für minderen Rechtes erklärt, sie dürfen keine öffentliche Aemter bekleiden, aber man darf sie ermorden oder zugrunde richten, wenn man nicht gerade gut gelaunt ist und sich damit begnügt, sie auf öffentlichem Platz mit ihren Zähnen das Gras ausreißen zu lassen." „Ich weiß nicht, was jedes fühlende Herz mehr empören muß, die Grausamkeiten oder der Hohn, der sie begleitet. Aus Pogromen und Boykott werden Volksbelustigungen gemacht, und das ist auch ihr einziger praktischer Zweck. Der deutschen Wirtschaft ist mit Judenverfolgungen so wenig gedient wie dem deutschen Namen. Aber eine heruntergekommene Menge, der erlaubt wird, mit der Qual von Menschen ihren Spaß zu treiben, vergißt darüber auf einige Zeit, daß sie selbst so elend bleibt wie zuvor, und daß die zur Macht gelangten Abenteurer ihr im Grunde nichts, aber auch gar nichts zu bieten haben." „. . . Das ist unverzeihlich und * wird es bleiben. Das Land, für dessen Kultur und Gesittung wir alle gearbeitet haben, das Land, dessen geistiger Besitz auch durch meine ganze Kraft bereichert worden war, es ist von Menschen ohne Wissen und Gewissen erniedrigt, verroht und in einen Zustand versetzt worden, wie keine äußere Niederlage und nicht einmal die Zerstückelung des Staates ihn hervorbringt. Es ist der Verachtung ausgeliefert." Polenreise im Februar. Unter bewährter Führung findet im Februar eine billige Polenreise statt, geheizte Pullmanwagen, reservierte Plätze, mäßige. Preise. Nach Krakau, Lemberg etc. Diese Reise steht im Zusammenhang mit der Reise des Syndikates der Journalisten in Lemberg, welche Gäste aus Polen nach Oesterreich bringt. Die Gäste aus Polen bleiben in Wien vom 7. März bis 28. März 1934. Näheres über beide Reisen i »wie auch Prospekte: Büro E. Ferstel (Dr. S. Tocker), I., Kärntner» ring 12. Telephon U-40-301, Ü