Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 338 (6.2.1934)
- Date
- 1934-02-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 338 RUNDSCHAU Universität, verschweigt aber, daß die ausländischen Hörer inbegriffen sind. Also Hörer, die nie ihren Beruf in Oesterreich ausüben werden, dafür doppelte Studientaxen leisten, viel Geld in Oesterreich verzehren und der österreichischen Wissenschaft zu Weltgeltung verhelfen. Nach diesen klotzgroben Entstellungen beginnt die Arbeit mit der feinen Giftspritze. Die „Reichspost" schließt ihren Aufsatz so: „Interessant ist vielleicht auch die Feststellung, wofür die Juden kein Interesse haben. An der f o r s twissenschaftlichen Abteilung der Hochschule für Bodenkultur und an einzelnen Abteilungen der Leobener Bergakademie waren überhaupt keine Juden inskribiert. Was einigermaßen begreiflich ist. Denn zum Holzhandel braucht man schließlich keine forstwissenschaftlichen Kenntnisse und die Betätigung als Grubeningenieur ist nicht ganz ungefährlich..." Wir können der so harmlos fragenden „Reichspost" Auskunft geben, warum es keine jüdischen Forst- und Bergstudenten gibt. Weil ihre Gesinnungsfreunde dafür gesorgt haben, daß seit Jahrzehnten kein Jude als Forstmann oder Bergingenieur angestellt wird. Aus dem gleichen Grunde findet man ja auch an den österreichischen Lehrerbildungsanstalten keine jüdischen Hörer! Die beleidigende, wirklich schwer zu qualifizierende Bemerkung von der „Gefährlichkeit" der von den Juden gemiedenen Berufe richtet sich von selbst. In der Form zeigt sie einen bei einem führenden Blatte wirklich zu bedauernden Tiefstand. An der Sache ist sie einfach läppisch. Die Juden sind feig? Am gleichen Tage bringen die Zeitungen die Nachricht, daß einer der abgestürzten, tollkühnen russischen Stratosphärenflieger ein Jude Ussischkin ist. Wir könnten Hunderte von waghalsigen jüdischen Fliegern, Sportlern und Artisten nennen, die Tag für Tag mit dem Tode spielen. Aber wozu? Bleiben wir beim „Grubeningenieur". Seit wann ist dieser Beruf gar so gefährlich? Unter den Listen verunglückter Bergleute finden sich in ganz seltenen Ausnahmen die Namen von Grubeningenieuren, weil diese ja bekanntlich in der Regel oben sitzen. Und ein jüdischen Baumeister, der auf dem Bau herumklettert, oder ein jüdischer Arzt, der im Seuchenspital arbeitet, beweist mindestens so viel Wagemut, wie der „tapfere christliche Grubeningenieur" von der „Reichspost". Was bezweckt die „Reichspost"? Sie hat schon einmal ziemlich unverblümt erklärt, daß sie die antisemitisch eingestellte deutsche Jugend durch Betonung des judenfeindlichen Standpunktes aus dem Lager Hitlers ins christlichsoziale und österreichische bringen wiU. Das ist eine zu plumpe Spekulation. Der Jugend muß sie schon etwas mehr bieten als ein paar Juden zum Frühstück. Hingegen kompromittiert sie die Sache des hart bedrängten Oesterreich, dessen der „Reichspost" doch so nahestehende, Regierung die Kulturwelt um Beistand gegen den Hitler- Terror anruft. Man kann nicht Recht für sich fordern und gleichzeitg anderen, und sei es auch Juden, Unrecht zufügen. Oder glaubt die „Reichspost", durch den „scharfen" Ton die österreichischen Juden einschüchtern und zu freiwilliger Preisgabe von Rechten bewegen zu können? Soweit die bewußte, zu ihrem Volkstum stehende Judenschaft in Frage kommt, täuscht sie sich gewiß. Die bewußte Judenschaft ist jederzeit zu offener Aussprache über Maßnahmen bereit, welche der Regelung des Verhältnisses zwischen den nichtjüdischen und jüdischen Staatsbürgern dienen können. Aber Drohungen und Verunglimpfungen weist sie zurück. Drohungen und Verunglimpfungen werden sie nie dahin bringen, sich einschüchtern zu lassen und Menschen- und Bürgerrechte, die man ihr in Deutschland in einer von der ganzen Kulturwelt als schmachvoll verdammten Art geraubt hat, in Oesterreich aus freien Stücken preiszugeben. Exekutive des Komitees der jüdischen Dele« gationen tritt in Prag suiammen Aua Paris: Am 11. Februar findet in Prag eine Sitzung der Executive des Comite de8 Delegations Juives statt, an der vor allem Vertreter der mittel- und osteuropäischen jüdischen Gemeinschaften teilnehmen werden. In der Sitzung wird eine ganze Reihe aktueller politischer Probleme, die jetzt im Mittelpunkt der Arbeit des Komitees der jüdischen Delegationen stehen, behandelt werden. In dieser Sitzung wird auch über die Frage entschieden werden, obdiejüdischenMinderheiteng r u p p e n ihre Beziehungen zu dem Minderheitenkongreß aufrechterhalten sollen oder nicht. In Paris haben sich bereits 2000 Wähler für die Wahl zum Jüdischen Weltkongreß registriert. In einer Massenkundgebung für den Weltkongreß forderte Leonce Bernheim zum energischen Kampfe gegen den wachsenden Antisemitismus in Frankreich auf, der angesichts der schwebenden direkten Verhandlungen mit Hitler immer frecher wird. Es sprachen dann die Mitglieder des Council der Jewish Agency Robert Bollack und .Teffroykin. Dr. J. Schechtmann erklärte im Namen der Revisionisten, daß diese am Kongreß teilnehmen werden. Emil Ludwig Aber den jüdischen Weltkongreß Der bekannte Schriftsteller Emil Ludwig aus Deutschland wurde von seinem Vater, dem seinerzeit sehr angesehenen Professor der Augenheilkunde Cohn in Breslau, als Christ erzogen. Unter dem Eindruck der Ereignisse in Deutschland Ist Emil Ludwig wieder in die jüdische Gemeinschaft eingetreten. Die demnächst in jiddischer Sprache erscheinende Zeitschrift „Der jüdische Weltkongreß" (Paris) enthält einen Artikel von Emil Ludwig, in welchem er u. a. schreibt: „Die Vertretung, zu deren Schaffung in diesem Jahre der Jüdische Weltkongreß zusammentritt, ist nach unserer Auffassung ein Zusammenschluß zu dem Zwecke, im Rate der Völker die Juden so zu repräsentieren, wie alle anderen, zum Teil viel kleinere Völker lange Zeit vor dem Völkerbund überall repräsentiert waren. Der Einwand, daß ihr Land nur einen Teil ihrer Bürger aufnehmen kann, ist hinfällig; in diesem Sinn ist Palästina das unverlorene Mutterland, das Millionen von Kindern in alle Welt gesandt hat, andere wieder glückhaft aufnimmt, denn so war der Lauf der Geschichte . . ." „Im Unterschied zu allen anderen Völkern werden wir, wie der V a t i k a n, so glücklich sein, keine Kanonen zu besitzen, sondern durch das moralische Faktum su wirken, als letztes Überlebendes Volk des Altertums Schutz und Gerechtigkeit zu fordern, wo man sie uns verweigert. Denn dies muß vor alllem die Vertretung des Judentums bedeuten: Schutz gegen Unrecht. Es darf sich nicht wiederholen, daß wir im Falle einer grausamen Verfolgung einen schottisch-amerikanischen Christen (Anm. der Red.: Gemeint ist der vom Völkerbund ernannte Hochkommissär für die deutschjüdischen Flüchlinge, MacDonald) übers Meer kommen lassen müssen, um hunderttausend verbannte Juden zu vertreten. Weil ich diesen vortrefflichen Hochkommissär seit langem persönlich hochschätze, darf ich auf den Vorgang warnend verweisen . . ." „Eine Vertretung der Judenschaft, die Männer ihres Vertrauens, zum größten Teil aus direkten Wahlen, aus allen Ländern sammeln wird, nach einer zweitausendjährigen Zerrissenheit, die Verfolgung und innerer Unfriede gezeitigt haben, kann allein imstande sein, vor den Mächten der Welt dieses Volk international zu vertreten, besonders wenn es als solches irgendwo auf der Welt verfolgt wird. Wenn es heute schon Schiffe gibt, die unter zionistischer Flagge segeln, so wird es morgen jedem natürlich erscheinen, daß beim Völkerbund und bei den einzelnen Mächten ein legitimer Verwaltungsrat oder ein einzelner vorstellig wird, um Klage zu führen gegen Unrecht, wie wir es seit dem vorigen Jahr in Deutschland erleben. Die Mutter wird jedes ihrer Kinder schützen, nicht nur durch Aufrufe, Komitees, Sammlungen und Versammlungen, sondern nach den Grundsätzen des internationalen Rechtes, das heute so wenig angewandt wird und morgen wieder eine moralische Macht ersten Ranges darstellen wird . . „Als die Deutschen in Belgien einbrachen, war das Land zu schwach, um sich zu wehren; aber sein moralischer Hilferuf war stark genug, die halbe Welt in Bewegung zu setzen. Wäre kein König, kein Parlament dagewesen, so hätte man sich mit Protesten begnügt. Die Juden haben weder König noch Parlament. Aber eine organisch geschaffene Vertretung wird von der ganzen Welt anerkannt und darum gehört werden, wenn es wiederum einer gerüsteten Macht einfallen sollte, sich auf eine ungerüstete Minderheit loyaler Bürger zu werfen, um ihnen aus Eifersucht auf deren Ueberlegenheit Ehre, Freiheit und Eigentum auf schmähliche Weise zu entwenden." „Deutsche" Professoren Im modernisierten S t a m b u 1, recte Konstintinopcl, ist eine neue Universität errichtet worden, eine Lehr- und Lernstätte für die moderne türkische Jugend. Da die Türkei noch keine geeigneten Lehrkräfte besitzt, wurden auswärtige Professoren berufen. Professoren aus Deutschland. Die jüdische Presse verzeichnete kürzlich ihre Namen. Es waren Gelehrte von Rang und Ansehen, ja von Weltgeltung — aus Deutschland! Aber diese Männer übersiedelten nicht freiwillig nach Stambul. Sie wurden von ihren Lehrstühlen verjagt; verjagt nicht wegen Unfähigkeit und Ehrlosigkeit, sondern weil sie Juden, also „minderwertige" Kulturverderber waren. Jetzt sind sie in der Türkei als Zierden der neuen Stambuler Universität. Jetzt sind sie nicht mehr semitische Untermenschen, sondern Leuchten deutscher Wissenschaft, denn das Naziblatt „DerFührer" schreibt über sie: „Auch die anderen Völker erkennen an, daß die deutsche Wissenschaft auf allen Gebieten die in der Welt führende ist. Darum hat auch die neugegründete Universität in Stambul eine ganze Reihe von deutschen Professoren aus dem Reich, Oesterreich und der Schweiz an ihre Lehrstühle geholt. Die Zahl beträgt gegenwärtig nicht weniger als 35. Wo man Leistung braucht, holt man Deutsche. Das hat auch der Boykott gegen Deutschland auf allen Gebieten nicht zu ändern vermocht. Deutschland führt, und wenn sich die anderen tausendmal vor Neid heiser schreien!" Deutschland führt! Auch in der Barbarei! Auch in der Verlogenheit! Ein moderner Kreuzzug Das Hauptorgan der christllcbsozialen Partei Oesterreichs, „Reichspost", erhält von seinem Jerusalemer Korrespondenten einen Bericht Über die Lage Palästinas, worin es heißt: „Seit einigen Wochen diskutieren die palästinensischen Zeitungen die Notwendigkeit, daß auch die christliche Welt eine nationale Bewegung einleite, um die heilige Stätte gegen die Gefahr des Zionismus zu verteidigen. Zu dieaem Zwecke arbeitet man jetzt den Plan aus, um in Jerusalem einen allgemeine«» , arabisch-christlichen Kongreß einzuberufen, der, wie die panislamltiache Konferenz, die vor drei Jahren bei der Omarmoschee tagte, die Mittel erörtern sollte, um eine allgemeine Opposition der Christen gegen die jüdische Einwanderung nach Palästina zu fördern. Das Jaffaer Blatt „Falastin" geht weiter und rät, daß die arabischen politischen Führer die Franzis» kanerkustodie der Terra Santa einladen sollen, daß diese als traditionelle Vertreterin der katholischen Interessen im Heiligen Land, den Anfang macht, um einen modernen Kreuzzug der christlichen Welt gegen den Zionismus zu organisieren. Um die öffentliche Meinung des Abendlandes für die Sache der Araber in Palästina zu interessieren, wird zu Jerusalem ein englisch geschriebenes Wochenblatt herausgegeben, das „Die Arabische Eidgenossenschaft" heißt und dessen Redakteur ein christlicher Araber aus Bethlehem ist." Seitdem jüdische Arbeit und jüdischer Geist das verwahrloste Palästina der Kultur zuführt — im Namen und Rahmen völkerrechtlicher Verträge —, hetzen gewisse christliche Kreise die Araber gegen den Zionismus auf. Der Erfolg war das Erscheinen einer panarabischen Bewegung, die letzten Endes auch nicht vor den Positionen des Vatikans haltmachen würde. Die Bemühungen des Monsignore Barlassina, des fanatischen Eiferers und „Araberfreundes", des Mannes, der versuchte, dem protestantischen Erzbischof von Canterbury das Betreten der heiligen Stätten Palästinas zu verwehren, werden zweifellos dieselben Erfolge für die katholische Welt haben, wie die bisherigen Wühlereien seiner Anhänger. Um der Chance willen, ein paar Mohammedaner zu bekehren, die arabischen Chauvinisten gegen ein Kulturwerk hetzen — das ist bestimmt kein gesundes Beginnen. Faschismus und ludenfragc Aus London: In der „Daily Mail" veröffentlicht der Führer der „British Union of Fascists", Sir Oswald Mosley, unter der Ueberschrift „Wofür wir eintreten" einen Artikel, in dem er seine Partei gegen den Vorwurf, sie treibe antisemitische Propaganda, in Schutz nimmt. Man klagt uns, schreibt Sir Oswald, des Antisemitismus und der Rassen- und Religionsverfolgung an. Diese Beschuldigung ist falsch. Unter einem Schwarzhemdenregime in England wird niemand seiner Rasse oder seines Glaubens wegen verfolgt werden. Andererseits werden wir gegenüber den vaterlandsfremden Interessen der Hochfinanz, die die Geldmacht Englands zugunsten seiner Feinde mißbraucht, angemessen verfahren. Auch sie wird unter einem Schwarzhemdenregimc den Grundsatz: „Vor allem England" befolgen müssen. Aus Warschau: In Warschau wurde eine neue „Partei der polnischen Faschisten" gegründet, die ihre Mitglieder hauptsächlich aus den Reihen der von der Regierung aufgelösten antisemitischen Organisationen „Rozwoj" und „Obwiepol" rekrutiert. Wer die neue Partei, der anscheinend große Mittel zur Verfügung stehen und die im Zentrum der Stadt, in der Marszalkowskastraße, luxuriös eingerichtete Parteiräume eröffnet hat, finanziert, ist ein die polnische Oeffentlichkeit lebhaft interessierendes Geheimnis. Goering klagt die Juden an Aus London: „Morning Post" begann mit dem Abdruck einer Aufsatz reihe des Ministers Hermann Göring, der „die nationalsozialistische Revolution in Deutschland vor dem Ausland zu erklären und zu rechtfertigen" versucht. In seinem ersten Aufsatz widmet Göring einen Abschnitt auch den Juden, gegen die er die Beschuldigung erhebt, sie trügen einen großen Teil der Verantwortung für die „verderbliche Tätigkeit der Sozialdemokrate n". Der hohe Prozentsatz der Juden unter den sozialdemokratischen Führern und Agitatoren, schreibt Göring, sei „erstaunlich". In den Tagen des Aufruhrs nach dem Kriege „schössen diese jüdischen Führer wie giftige Pilze aus der Erde". Wo immer Soldatenräte gebildet wurden, waren Juden die Führer, „eben jene Juden, die sich an der Front nicht sehen ließen, sondern in der Etappe beschäftigt wurden oder sich als unentbehrlich in der Heimat schreiben ließen, wo sie Militär- und Beamtenposten bekleideten". Die Redaktion der „Morning Post" rückt denn auch im Leitartikel von den Behauptungen Görings ab und betont, sie identifiziere sich in keiner Weise mit Göring3 Ausführungen, sondern bringe sie als einen lehrreichen Einblick in den „Seclenzustand Nazi« deutschlands." Der Prager „Hagibor" geht nicht nach Deutschland Aus Prag: Die Schwimmsektion des jüdischen Sportvereines „Haglbor" in Prag hatte vor kurzem zu entschulden, ob die Hagibor-Schwimnaer an den Europa-Meisterschaften in Magdeburg teilnehmen sollen. Einstimmig wurde beschlossen: „Jüdische Sportler können es mit Ihrer Ehre nicht vereinbaren, in einem Lande an den Start zu gehen, in welchem Juden vollkommen entrechtet und von der Ausübung des Sports im offenen Wettkampfe ausgeschlossen sind." Der anwesende Vertreter des tschechoslowakischen Schwimmverbandes erklärte, kein jüdischer Sportler könne gezwungen werden, für den Verband in Magdeburg an den Start zu gehen, obwohl man gerade auf einige jüdische Schwimmer angewiesen Ist.