Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 337 (2.2.1934)
- Date
- 1934-02-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2711952-2711960--4156-2717598- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 337 SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUSRE« |; Zentrale: IX., Berggasse 19, Tel. A-t7-3-99 ti. A-16-9-34 '< 1 Lieferant füt Heilanstalten Abteilungen für -^-fleisch; unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr II;; Kultusgemeinde Wien II Autoxustallung Kostenlot :: IX. Bergpasse 19 XVHS., Währlnger tr. S7 •> i >..................................♦...................11 Landesverweisung rückgängig gemacht werden. Der Banus des Draubanats, Dr. Marusic, stimmte der Ansicht der Delegation zu, daß Zionisten nicht Kommunisten sind. Der Polizeichef aber erblickt in den Polen ein unerwünschtes Element und besteht auf Landesverweisung. Ukrai'imdie HakenkreuzFer gegen Sdiwarzbart Aus Toronto (Kanada) wird unter dem 25. ds. gemeldet: Vor einigen Tagen wurde hier ein Bankett zu Ehren Schalom Schwarzbarts vorbereitet. (Schwarzbart hat vor sechs Jahren den berüchtigten Pogromhelden Hetman P e 11 j u r a in Paris erschossen und ist vom französischen Geschworenengericht freigesprochen worden.) Die Polizei verbot die Abhaltung des Banketts, weil die ukrainischen Nationalsozialisten drohten, in den Saal einzudringen und alle Teilnehmer zu attackieren, ja sogar die Anstiftung von Unruhen ankündigten. Auf Veranlassung der Regierung gestattete die Polizei, daß Schwarzbart bei geschlossenen Türen eine Bede halte. Der Saal war überfüllt. Das Haus war von Polizei umringt, so daß es zu keinerlei Störungen kam. HamgunsKonzert an Budapest verboten Aus Budapest: Das Konzert des berühmten jüdischen Chors „H a n i g u n", das in der Budapester Musikhochschule stattfinden sollte, ist unterblieben. Ein Führer des Hanigun-Chors teilte der Presse mit, daß die Polizei das Konzert nicht genehmigt habe, obwohl die Mitglieder des Chors die Einreisebewilligung erhalten hatten und auch der Text des Programms der Polizei vorgelegt worden war. Dieses Programm bestand aus alten jüdischen Volksweisen und bekannten Chören, deren Text in allen jüdischen Gebetbüchern steht. Oberstadthauptmann Dr. Ferenczi erklärte auf Befragen, das Konzert „sei nicht zeitgemäß". Gegen diesen Entscheid des Oberstadthauptmanns hat der Hanigun-Chor beim. Ministerium des Innern Berufung eingelegt, da für das Konzert lediglich künstlerische Gesichtspunkte in Frage kämen. Der Hanigun-Chor setzt sich aus ehemaligen namhaften Solisten deutscher Opernhäuser zusammen, die wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum ihre Sängerkarriere in Deutschland haben aufgeben müssen. Rückgang der jüdischen Kriminalität in New York am 50 Prozent Aus New York: Wie dem Bericht des jüdischen Verbandes für soziale Hilfe zu entnehmen ist, ist die jüdische Kriminaltät in New York im Verlauf der letzten zehn Jahre um 50 Prozent gesunken. Während 1921 Juden unter der Gesamtzahl der Kriminellen noch mit 14 Prozent vertreten waren, macht dieser Prozentsatz für 1933 nur noch 7,1 aus. Während 1921 331 jüdische Verbrecher von New Yorker Gerichten abgeurteilt wurden, war ihre Zahl im Jahre 1930 bloß 197. Der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung New Yorks beträgt bekanntlich etwa 30 Prozent. Die Zionisten Hollands gegen die Exekutive Auf der soeben abgehaltenen Jahreskonferenz der Zionisten Hollands war die Zionistische Exekutive Gegenstand härtester Kritik. Es wurde ihr Mangel an Fähigkeit und Willen zu wirksamem Auftreten gegenüber der antizionistischen Politik der Palästina-Regierung vorgeworfen. Im Auftrage der Konlerenz bringt nun der Bundesvorstand des niederländischen Zionistenverbandes allen Landsmannschaften und Sonderverbänden der Zionistischen Weltorganisation in einer von seinem Präsidenten S.Bernstein und dem Sekretär Martin Le vi e unterzeichneten Zuschrift folgende von der letzten Jahreskonferenz des Niederländischen Zionistenverbandes (Nederlandscher Zionistenbund) gefaßte Resolution zur Kenntnis: Die 34. Jahresversammlung des N. Z. B., erwägend a) daß das Palästina-Mandat noch immer nicht nach seinem Sinn und Wortlaut ausgeführt wird, und daß vor allem diejenigen Bestimmungen, unausgeführt bleiben, welche aktive Förderung der Errichtung des Jewish National Home seitens der Mandatarmacht vorschreiben; b) daß im besonderen die Zulassung arabischer Immigration in Palästina sowie die Ein- < sebränkung jüdischer Immigration aus politischen Gründen in Widerspruch steht zum Wortlaut und Sinn des Palästina-Mandats; c) daß für die zionistische Lösung der Judenfrage *me aktive Mandatspolitik unerläßliche Bedingung ist; <t) daß die Weltgeschehnisse der Allgemeinheit die Notwendigkeit, die Judenfrage zu lösen, deutlich gezeigt haben, so daß der Moment besonders günstig ist, diese Angelegenheit in breiter Form aufzurollen; fordert die Exekutive der Zionistischen Weltorganisation auf. unverzüglich die nötigen Schritte zu unternehmen, um die Angelegenheit der integralen Durchführung des Palästina-Mandats bei den in Frage kommenden Instanzen in Behandlung zu bringen. AUS PEimCHlUMP •■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■p Keine Greuel ♦ ♦ ♦ Aus Prag: Im Konzentrationslager Oranienburg befand sich sechs Monate lang der sozialdemokratische Reichstassabgeordnete und frühere Generalsekretär der Deutschen Friedensgesellschaft Gerhart Seger (Dessau). Ihm gelang es, auf abenteuerliche Weise zu entfliehen; er hat über seine Erlebnisse und Beobachtungen einen Bei rieht geschrieben, dessen Wahrhaftigkeit er durch die eidesstattliche Versicherung, „nichts verschwiegen und nichts hinzugefügt zu haben", bekräftigt. Das Buch erj scheint bei der Verlagsanstalt Graphia & Co., Karlsbad, | Kantstraße (zirka 80 Seiten, Preis 10 tsch. K). Ein Geleitj wort dazu hat Heinrich Mann geschrieben. Als Ergänzung ( j zu seinem Bericht gibt Gerhart Seger der Jüdischen j j Telegraphen-Agentur noch die folgende Darstellung des J Martyriums der „Judenkompagnie" von Oranienburg: „Wie in allen anderen Konzentrationslagern, so sind auch in Oranienburg die Juden besonders 3chlimm behandelt worden. Es bestand vom Juli bis Mitte September eine „Judenkompagnie", die das dauernde Objekt schamloser Quälereien durch die SA.-Sadisten des Lagers war. Der Sturmführer Stahlkopf war dabei einer der eifrigsten. Wenn er, was oft genug geschah, angetrunken aus der Stadt zurückkam oder sich sonst in „angeregter" Stimmung befand, ging er in den Schlafsaal VII und holte sich Jüdische Gefangene heraus, um sie entweder in seinem Zimmer zu schlagen oder auf dem rückwärtigen Hof des Lagers Uber die Hindernisbahn mit der Eskaladierwand zu jagen oder sie sonst mit Schmutzarbeiten zu peinigen. Angehörige der Judenkompagnie, besonders lange der ehemalige sozialdemokratische Abgeordnete Ernst Hei 1 mann, mußten die Latrinen des Lagers sauberhalten. Ein jüdischer sozialdemokratischer Lehrer mußte unmittelbar nach seiner Einlieferung stundenlang vor dem Abort der SA. stehen und jedem eintretenden SA.-Mann die Tür öffnen. Ein jüdischer Religionslehrer aus Rathenow wurde vom ersten Tage seiner Einlieferung an unerhört behandelt. Seine aufrechte Art, den Schmähungen zu begegnen, löste bei den SA.-Leuten eine grenzenlose Wut aus. Fast jede Woche brachte dieser Mann im Dunkelarrest zu: wochentags wie sonntags wurde er von Stahlkopf unzählige Male über die Hindernisbahn gejagt. Selbstverständlich waren auch diesem Mann die Haare kurzgeschoren worden. Einige Wochen tat im Oranienburger Lager ein Sturmbannführer namens Paege Dienst, der ebenfalls ein besonders wütender Antisemit war. Er verfügte, daß kein Jude mit einem anderen Gefangenen sprechen dürfe; er wies den jüdischen Gefangenen auf dem hinteren Hof des Lagers eine abgegrenzte Ecke zum Auf- und Abgehen an und verbot ihnen auch das Betreten des allgemeinen Tagesraumes der Gefangenen. Kurz nach den Märzereignissen wurde in der südlichen Umgebung Berlins, in Wolzig, ein jüdisches Landerzieh ungsheim von den Nationalsozialisten ausgehoben. 40 Schüler im Alter von 13 bis 22 Jahren wurden unter dem (nicht zutreffenden) Vorwand, mit dem kommunistischen Jugendverband in Verbindung gestanden zu haben, für zwei Monate ins Konzentrationslager Oranienburg gebracht. Ist es an sich schon eine Barbarei ohnegleichen, derartige Kinder, der sorgsamsten Erziehung durch geschulte Pädagogen bedürftige junge Menschen in ein Konzentrationslager zu bringen, so wurde diese Barbarel noch verschärft durch die rohe Behandlung. Zu einer miserablen Unterbringung, die die jungen Menschen verwahrlosen ließ, kam die Mißhandlung: ein SA.-Mann namens Anders, ein verrohter j Trunkenbold, war zum ständigen Kommandeur dieser ' Gruppe bestimmt worden und übte diesen Auftrag in verwegenstem Umfang aus, mit Schlägen, Strafexerzieren, Zwangsarbeit, mit Schikanen aller Art. War Oranienburg im ganzen eine Hölle, so war es dies für die jüdischen Gefangenen im besonderen. Im ersten Drittel des September wurde die „Judenkompagnie" aufgelöst, ein Teil der Gefangenen kam nach Sonnenburg, ein anderer nach Papenburg." Jüdische Kriegsblinde werden hinausgeworfen Aus Berlin: Auf Grund schriftlicher Verhandlungen des Reichsbundes jüdischer Front« Soldaten mit der Nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung, Fachabteilung Bund erblindeter Krieger, ist folgendes festgestellt worden: „Jüdische Kriegsblinde können nicht weiter Mitglieder des Bundes erblindeter Krieger sein, da es sich um eine Fachabteilung der N. S. K. O. V. handelt." Greuclurteile Aus Berlin. Das Berliner Sondergericht verurteilte eine jüdische Frau, welche über die schlechte Behandlung erzählte, der sie im Konzentrationslager ausgesetzt war, zu neun Monaten Gefängnis. Das gleiche Gericht verurteilte einen jüdischen Kaufmann, welcher erzählte, daß er mit eigenen Augen gesehen habe, wie SA.-Leute mehrere Juden ermordeten, zu acht Monaten Gefängnis. Es ist bekannt, daß den Angeklagten in Prozessen wegen Verbreitung sogenannter Greuelnachrichten niei m a 1 s Gelegenheit gegeben wird, die Wahrheit ihrer B ehauptungen zu erweisen; Verurteilungen erfolgen, auch wenn öffentlich bekannte Greueltatsachen weitererzählt werden. Juden dürfen sich nicht mehr öffentlich zeigen Aus Nürnberg: Eine Zustandsschilderung des von Hitlers Freund und Arrangeur des Judenboykotts im Frühjahr 1933, Julius Streicher, herausgegebenen „Stürme r" beleuchtet die tragische Situation der Juden in Mitteldeutschland. Der „Stürmer" stellt frohlockend fest, daß ein Jude in Franken sich, nicht mehr öffentlich zeigen darf, da jeder fränkische Bürger bereits so weit erzogen worden ist, daß er ein jüdisches Gesicht auf den ersten Blick erkennt. Von auswärts eintreffende Juden werden sogar von Kindern erkannt und verhöhnt. Der „Stürmer" nimmt scharf Stellung dagegen, daß man zugunsten der "Leipziger Messe die wirtschaftlichen Schranken gegen die Juden lockern will, und besteht darauf, daß der wirtschaftliche Feldzug gegen die Juden so lange fortgesetzt wird, bis der letzte Jude aus dem Leipziger Handel hinausgestoßen ist. Die ausländische jüdische Presse in Deutschland nicht mehr vertreten Aus Berlin: Auf der Jahresversammlung des Vereines der ausländischen Presse in Berlin wurde in dem den Mitgliedern erstatteten Jahresbericht mit Bedauern festgestellt, daß die Politik der nationalsozialistischen Regierung die ausländischen jüdischen Pressevertreter gezwungen hat, Deutschland zu verlassen. Heute, so wurde im Bericht festgestellt, sind die großen jüdischen Tageszeitungen Amerikas, Polens und anderer Länder sowie die ausländische jüdische Presse überhaupt einzig und allein durch die Jüdische Telegraphen-Agentur vertreten, die ihren Dienst in Deutschland aufrechterhält. In dem Bericht wurden weitere Schwierigkeiten aufgezählt, unter denen ausländische Pressevertreter in Deutschland arbeiten müssen, und festgestellt, daß eine große Zahl von Korrespondenten direkt des Landes verwiesen oder durch Maßnahmen zum Verlassen Deutschlands gezwungen wurde. Weiters wurde mitgeteilt, daß das Presseamt des Reichstages das Ersuchen des Vereines der ausländischen Presse, auch dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur eine Pressekarte zum Besuch der Reichstagssitzungen auszufolgen, abschlägigbeschiedenhat.