Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 337 (2.2.1934)
- Date
- 1934-02-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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M"r. 33T DIE NEUE WEVS Seit« 3 Aus der jüdischen Welt Litauen Obwohl ein kleines Land, schreibt Meir Großmann in einem Reisebrief, hat es doch seine großen Sorgen: es gibt eine Angelegenheit Wilna, eine Angelegenheit Memel, eine polnische und weißrussische Sorge und natürlich auch eine „Judenfrage". Es gibt zwar in Litauen unter 2,5 Millionen Einwohnern im ganzen 150.000 Juden, aber das genügt, um eine „jüdische Gefahr" an die Wand zu malen. POLEN! BILLIGE SONDERFAHRT nach Abfahrt: IS. Feber 1934, Rückfahlt: 4. Mär» 1934 Wien-Krakau mg% Wien-Lemberg £A und retour S 9Vi" und retour S ©Vi" Paß- und VlsaRebühren gratis! Numerierte Sitzplätze in beiden Richtungen, geheizte Pulimanwagen £ Polnisches Verkehrabüro, 4| ■ Wien III. Rennweg Nr. I Tel. U-16-4-90 .FRANCOPOL Worin besteht nun das Judenproblem in Litauen? Einfach darin, daß in den Städten die Juden dominieren. In den freien Berufen wie im Handel spielen sie eine große Rolle. Diese Erscheinung ist ganz normal, denn der Litauer ist seit jeher ein Bauer und die Intelligenz klein und arm gewesen. Die Juden hingegen sitzen seit Jahrhunderten in den Städten und alles hier Geschaffene ist auf ihre Initiative und ihrer Hände Arbeit zurückzuführen, zumal in der russischen Zeit, wo man es für selbstverständlich gehalten hat, daß der Fremde der Doktor, Apotheker, Ingenieur und Kaufmann sei. Der heutige litauische Nationalist betrachtet die Dinge ganz anders. .Für ihn ist Kaunas (Kowno) nicht einfach eine Handelsstadt, sondern der Sitz der Staatsregierung, das Zentrum des Landes. In den Jahren der litauischen Selbständigkeit ist eine Generation von Intelligenzlern herangewachsen, die der neue Staat benötigt: Beamte, Offiziere, Lehrer, Aerzte, Rechtsanwälte, Politiker, Gewerkschaftsführer — Menschen, welche für sich die Leitung des Staatswesens beanspruchen. Es ist das junge ©«schlecht, das von der Regierung fürsorglich gehütet wird. Nur unter diesem Schutz kann diese Kategorie der Konkurrenz der erfahreneren jüdischen Intelligenz standhalten. Sie ist es auch, die alle Stellen im Lande besetzt. Aber auch im ökonomischen Leben macht sich ein Prozeß der Eliminierung des Juden bemerkbar. Durch Gründung von Konsumgenossenschaften beseitigt man den jüdischen Händler, durch einen unsichtbaren, aber faktischen Numerus clausus verkleinert man den Prozentsatz der Juden in den freien Berufen. Durch vein nationale Hypothekarkredite stützt man den litauischer. Hausbesitzer in Stadt und Land. Man macht „Ordnung", schafft Platz für die „Heimischen". Dank des Umstandes, daß es ein P a 1 ä s t i n a in der Welt gibt, bezieht man die „bereits vorbereiteten Stellungen", wie es in den Heeresberichten gelautet hat. Die Juden liquidieren ihren Besitz und transferieren ihr Vermögen nach Palästina. Sie machen den anderen Platz. Und doch spricht man offen in der litauischen Presse davon, daß diese Ueberwanderung die litauische Wirtschaft schädige. Nun die Sprachenfrage: Jiddisch oder Hebräisch? Die litauischen Hebraisten haben tüchtig angepackt. Sie haben Schulen, Gymnasien, Lehrerseminare mit hebräischer Unterrichtssprache geschaffen, so daß heute die ganze litauische Judenjugend hebräisch spricht. Das ist ein gutes Aktivum für alle Palästina-Emigranten, die leichter ein Zertifikat und leichter Arbeit bekommen. Die Hebräisierung hat dem Jiddisch nicht geschadet. Man spricht heute ein ebenso gutes Jiddisch wie früher, ja es erscheinen heute sogar drei jiddische Zeitungen in Kowno. Man hört in Litauen Hebräisch, Jiddisch, Russisch, Litauisch. Die Sprachen leben in Frieden nebeneinander: Litauisch und Russisch für Fremde, Jiddisch für sich, Hebräisch für die Zukunft. Au§ Polen Aus Warschau: Die Regierungsparteien im Sejm haben bei Abwesenheit der Abgeordneten der Oppo* sition den von der Regierung unterbreiteten neuen Verfassungsentwurf, der die Rechte des Parlaments stark einschränkt und manche andere Volksrechte begrenzt, in zweiter und dritter Lesung unter Kundgebungen des Jubels mit einer Zweidrittelmehrheit angenommen. Die Abstimmung kam so überraschend, daß sogar am besten informierte Politiker sich vor vollkommen neue Tatsachen gestellt sehen. Abgeordneter und Vizevorsitzender des Sejm, Car, der über den Verfassungsentwurf referierte, versicherte, die neue Verfassung bedeute nicht Diktatur. Josef Pilsudski sei kein Diktator, sondern eine moralische Autorität. Die nationalen Minderheiten werden in Polen immer mit einer Toleranz behandelt, wie sie ihresgleichen in der Geschichte nicht hat. Polen wird diese Politik weiterführen und allen Ratschlägen einer gewissen Partei des rechten Flügels (gemeint sind die Nationaldemokraten), einen Teil unserer Mitbürger, die Juden, der politischen Rechte ganz (?). zu berauben, nicht folgen. Im Namen des Jüdischen Klubs gab Abgeordneter Dr. Sommerstein die folgende Erklärung ab: „Die bisherige Verfassung gewährte den Juden formale Gleichheit und die Möglichkeit, in den parlamentarischen Körperschaften vertreten zu sein. Gegenüber der neuen Verfassung müssen wir vor allem feststellen, daß das aktive Wahlrecht zum Senat auf eine sehr kleine Zahl privilegierter Bürger beschränkt ist. Auf diese Weise verliert die jüdische Bevölkerung die Möglichkeit, auf die Zusammensetzung des Senats, dessen Rechte außerordentlich erweitert wurden, irgend einen Einfluß auszuüben. Die jüdische Bevölkerung fordert für sich das v o 11 e R e c h t, in beiden parlamentarischen Kammern vertreten zu sein; dieses Postulat bewegt sich auf der Linie der Verschmelzung aller Bürger zu harmonischer Mitarbeit für das Wohl Polens. Als eine parlamentarische Repräsentanz der jüdischen Bevölkerung steht der Jüdische Klub auf der Wacht vor ihren Rechten und erklärt sich außerstande, solchen Aenderungen der Staatsordnung zuzustimmen, die die Verwirklichung der Gleichberechtigung unmöglich machen." Hungertyphus im Warschauer Judenviertel Aus Warschau: In den letzten Tagen wurden im Warschauer Judenviertel zwanzig Fälle von Hungertypus registriert. Die auf die Notlage der in übervölkerten und unhygienischen Stadtteilen lebenden Menschen zurückzuführende Krankheit ist seit dem Kriege in Polen nicht mehr aufgetreten. Aus Lettland Aus Riga: Die Koalition der nationalen Letten und der Russen, die die Mehrheit im Studentenrat der Rigaer Universität bilden, hat beschlossen, mit Juden und Deutschen nicht zusammenzuarbeiten und hat demgemäß nur Letten und Russen in die Leitung und Kommissionen gewählt. Rasiere dich besser! die einzige schwedische Weltmarke Ein neues hohes Amt lür Lord Reading Aus London: König Georg von England ernannte den Marquis of Reading (einst Sir Rufus Isaacs), früheren Vizekönig von Indien und späteren Außenminister des Britischen Reiches, zum Lord Warden of the Five Ports (Lord-Gouverneur der Fünf Häfen) anstelle des zurückgetretenen Earl Beauchamp. Es ist dies eines der höchsten Aemter, die das Britische Reich zu vergeben hat. Das Amt eines Lord Warden of the Five Ports datiert noch aus der Sachsenzeit, als die fünf Häfen — Sandwich, Dover, Hythe, Romney und Hastings — ein wichtiger Teil im System der Landesverteidigung waren. Später wurden ihnen noch Winchelsea und Rye hinzugefügt. Die offizielle Residenz des Lord-Gouverneurs ist Walmer Castle. „Sunday Times" schreibt: Der König hat, indem er den Marquis of Reading mit diesem Amt betraute, eine glückliche Wahl getroffen. Reading ist damit Nachfolger eines William Pitt, eines Duke of Wellington und anderer berühmter Männer geworden. Von den Männern des heutigen England genießt Marquis of Reading höchstes Vertrauen und Sympathie bei allen Parteien. * Rufus Isaacs hat als Anwalt in London begonnen. Er ist dem Judentum treu geblieben, hat sich aber früher im jüdischen Leben nicht betätigt. Als Vizekönig von Indien hat er dem Zionismus und dem jüdischen Palästina gegenüber eine wenig freundliche Haltung eingenommen. Wohl mit Rücksicht auf die antizionistische Agitation unter den 70 Millionen indischer Mohammedaner. Nach dem palästinensischen Pogrom 1929 hat er seine Haltung geändert. Er stellte damals und später bei verschiedenen Anlässen der zionistischecn Sache seine Dienste zur Verfügung. Er beteiligte sich auch am wirtschaftlichen Aufbau Palästinas und ist im Präsidium der Ruthenberg A. G., welche Palästina mit elektrischer Kraft versorgt. Die amerikanische Regierung erleichtert die Einwanderung deutscher Juden Aus Washington: Die Regierung der Vereinigten Staaten will die Einwanderung deutscher Juden nach Amerika erleichtern. Das State Department (Außenamt der amerikanischen Regierung) hat die amerikanischen Konsuln in Deutschland angewiesen, gegenüber Personen, die sich um Visa zur Einwanderung nach Amerika bewerben, eine entgegenkommendere Haltung als bisher einzunehmen. Es besteht die Möglichkeit für die sofortige Einwanderung von mindestens 2 5.0 00 Personen aus Deutschland in die Vereinigten Staaten im Rahmen der Deutschland zugewiesenen Quote, die seit 1930 nur zu etwa 10 Prozent ausgenützt worden ist, J«d«r kann Das große Los gtwlnncnI Anläßlich der Uraufführung des besten LUCIE-ENGLISCH- Lustspielschlagers dieser Saison DAS GROSSE LOS mit Lud« Englisch und Harn Braut«watttr R«fli*: Carl Betia veranstaltet die Lux-Film-Oes. m. b. H. ein großes Preisausschreiben Für die beste Beantwortung der Frage: „Warum Ist Lud« Englisch «In Uabllng dar Wlanci 1" 400 Schilling Bargeldpreise -V.00w9,,ar4 Alles Nähere ab heute Im Opern-Kino I. Imperial-Kino I. Löwen-Kino HI. Maria Thereaien-Klno VII. Flieger-Kino IX. SchloB-Kfno XII. smshmsm Lux-Film-Oes. m. b. H., Wien VII. ■■■■■■■■■■ Der Streit im amerikanischen Judentum stört das Hilfswerk Aus London: Der „Jewish Chronicle" beklagt es, daß die Londoner Konferenz für Hilfe an die deutschen Juden keine befriedigenden Resultate erbracht hat. Zahlreiche wichtige Beschlüsse der Konferenz konnten im Hinblick auf dieUneinigkeitimamerikanischen Judentum (Streit zwischen American Jewish Committee und American Jewish Congress) bisher nicht zur Durchführung gelangen. Die in London vereinbarte Bildung eines Generalrates und einer Exekutive ist unterblieben. Darunter leidet nun die Hilfsaktion, für die deutschen Juden. Obwohl das amerikanische Judentum zwölfmal so groß ist wie das englische Judentum, wurde in England die gleiche Summe für die Hilfsaktion aufgebracht wie in Amerika. (Arim. d. Red.: Jewish Committee ist die Vertretung der reichen, assimilatorisch eingestellten Judenschaft, der Jewish Congress ist jüdischnational.) Die Führer der amerikanischen Zionisten beim englischen Botschafter in Washington Aus Washington: Eine Abordnung der amerkanischen Zionistischen Organisation, bestehend aus deren Repräsentanten Morris Rothenberg, Doktor Stephen S. Wise, Louis Lipsky und aus den Leitern, bezw. Leiterinnen der zionistischen Nebenorganisationen, besuchte heute den englischen Botschafter in Washington, Herrn L i n d s a y, und überreichte ihm den Text der Resolution gegen Einschränkung der Einwanderung in Palästina, die in der großen Kundgebung am 10. Jänner in New York gefaßt worden war. Botschafter Lindsay versprach, die Resolution an seine Regierung und die anderen zuständigen Stellen weiterzuleiten. Studienreise polnischer Lehrer nach Palästina Aus Warschau: Eine Abordnung der polnischen Lehrerschaft unter Führung ihres Präsidenten Kampecki hat sich an das zionistische Zentralkomitee in Polen mit der Bitte gewandt, eine Gesellschaftsreise nach Palästina für 50 Lehrer an polnischen Schulen zu organisieren. Der Präsident des Lehrerverbandes erklärte, die polnische Lehrerschaft habe viel von dem außerordentlich hohen Stand des jüdischen Schulwesens in Palästina gehört und wolle durch Studien an Ort und Stelle Erfahrungen für die eigene pädagogische Tätigkeit gewinnen. 62 polnisch« jüdische Studenten ausgeschlossen Aus Belgrad: 62 jüdische Studenten aus Polen, die an der Universität in Ljubljana (Laibach) inskribiert hatten, weil sie wegen des in Polen zwar gesetzlich unzulässigen, aber dennoch praktisch geübten Numerus clausus nicht studieren können, haben das Unglück gehabt, nunmehr auch aus der Universität in Ljubljana ausgeschlossen zu werden. Der Rektor begründete den Ausschluß mit der Ueberfüllung der Universität, wo z. B. zwei Medizin-Jahrgänge für 80 Hörer bestehen, die aber von 216 Hörern, davon 62 polnischen Juden, unter ihnen 6 Jüdinnen, besetzt sind. Auch Doppelvorlesungen schaffen keine Abhilfe. Als bei einer Verhaftung von 37 kommunistischen Studenten es sich herausstellte, daß acht der Verhafteten Juden aus Polen waren, schritt die Polizei zur Verhaftung aller 62 polnischjüdischen Studenten, von denen bald 54 freigelas'sen wurden; alle aber wurden von der Universität relegiert und erhielten die Weisung, Ljubljana, bzw. Jugoslawien binnen kürzester Zeit zu verlassen. Eine Vertretung des Bundes der jüdischen Gemeinden Jugoslawiens unter Führung von Dr. Ladoslav S i k in Zagreb bemühte sich, daß Relegierung und Nach Palästina mit der (ompaß Tours Offizielles Propagandabüro derStadtgemeinde Tel-Aviv Am 21. Februar 1934 ✓ Von S 420.- aufwärU Auskünfte und Anmeldungen: IX, Spitalgaste Nr. 3 / Telephon B»42-S*38