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Die neue Welt · 1934-01-26 · Heft 335 (26.1.1934) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 335 (26.1.1934)
Date
1934-01-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIU NEUJü WELT Nr. 385 Streng «wa KURPENSION DR. NICHT rituell geführte Dependance des Mac« SaMtortaM SEMMERING 1040 m Seehöhe Separate Kinderabteilung Auskunft J. Eisenberg, Wien II, Große Ptarrgasse Nr. 8 Telephon: A-45-4-92 kehrende Motiv für all die Gewalttaten, die das deutsche Hakenkreuz an den Juden geübt hat. Die ungesunde Schichtung der Juden in Deutschland könnte immerhin den Anschein erwecken, daß die Betrachtungsweise zum Teil berechtigt sei. Anders in Palästina. Hier, im werdenden Judenstaat, ist der Jude zu seiner einstigen Beschäftigung und sozialen Struktur zurückgekehrt — zur Arbeit auf dem Acker und in der Werkstätte. Aber die deutschen Greuel-Antisemiten wollen auch das nicht wahrhaben. So schreibt ein Professor Erwin Enzenberg, in der „Wacht im Osten" (Zoppot) über die Juden in Palästina: „Bei einer längeren Palästina-Reise hat immerhin ein aufmerksamer arischer Beobachter tatsächlich einmal einen Juden in seinem Garten Orangen pflücken sehen. Trotzdem war die Antwort des jüdischen Palästina-Reisenden auf die Frage, wie es in Palästina gehe, gewiß auch richtig: ,Wie soll es schon gehen? Mies. Die Araber wollen nicht arbeiten.' Man erzählt sich, Sir Herbert Samuel, der, selbst Jude, bis vor einem Jahr .Vizekönig' von Palästina war, sei dort Antisemit geworden. Er mochte auch sehr schöne Ideale — für die anderen gehabt haben." Durch die allgemeine Anerkennung des zionistischen Aufbauwerkes in Palästina verliert die nationalsozialistische These von der jüdischen Rassenminderwertigkeit ihren Boden. Das wollen die Herren „Professoren" des Dritten Reiches verhindern und greifen daher zu Fälschungsversuchen ä la „Protokolle der Weisen von Zion". Wobei ihre Ignoranz nicht kleiner ist als ihre Verleumdungssucht. Vera Sdiwarz als HitlcrvAgenlin Ein Freund unseres Blattes in Jugoslawien schreibt uns: Die bekannte Wiener Opernsängerin Frau Vera Schwarz, eine Jüdin, hat jetzt eine Konzertreise durch Jugoslawien unternommen. Ihre gesanglichen Leistungen haben das jüdische Publikum, welches ihre Konzerte füllte, befriedigt, ihr sonstiges Benehmen hat Empörung hervorgerufen. Frau Vera Schwärt hat nämlich vor Hitlers Augen Gnade gefunden und darf, trotzdem sie Nichtarierin ist, in Berlin den Hakenkreuzlern vorsingen. In einem Interview, das sie dem Zagreber „Morgenblatt" gewährte, hat sie sich dieses Um- Standes gerühmt, obzwar die Sache für sie nicht sehr rühmlich ist. Aber das wäre nicht das ärgste. Sie ist, wohl um sich die Gunst Hitlers zu erhalten, ihren verjagten und ins Elend gestoßenen jüdischen Kollegen in den Rücken gefallen. Sie hat die Mitteilung, daß sie im März in Berlin auftreten werde, mit folgender Bemerkung (wörtlich wiedergegeben) verbunden: „In Deutschland treten auch heute noch sehr viele ausländische Künstler und auch Nichtarier auf. Ueberhaupt hat da» deutsche Theaterleben keine großen Aenderungen erfahren. Alles ist, wie ea w a r." Das ist nicht nur eine Lüge, die dazu dienen soll, den Protest des Auslandes gegen den brutalen Antisemitismus der Hakenkreuzler zu entkräften, als „Greuelmärchen" hinzustellen. Dieses „Alles ist, wie es war", ist, von einer Jüdin ausgesprochen, eine grenzenlose Infamie gegen die Tausende jüdischer Künstler und Künstlerinnen, die heute als entwurzelte Bettler von Stadt zu Stadt gestoßen werden. * Wir haben diesem Bericht nichts hinzuzufügen. Höchstens eines: Wenn Frau Vera Schwarz sich schon an der Futterkrippe Hitlers gütlich tut, soll sie das möglichst still besorgen. Es könnten ihr sonst beim nächsten Auftreten vor Juden Unannehmlichkeiten zustoßen. Von der Trennungsorthodoxfe Die polnische Landeskonferenz der Agudas Jisroel, die in der Vorwoche tagte, nahm eine Reihe Resolutionen an, die sich teils auf die Galuth, teils auf Palästina beziehen. Was die Galuth betrifft, wurde beschlossen, den Jüdischen Weltkongreß nicht zu beschicken, hingegen an den Hilfsaktionen für die deutschen Juden teilzunehmen. Bei dieser Gelegenheit spricht sich die Aguda für den Boykott deutscher Waren seitens ihrer Mitglieder aus. Bezüglich Palästinas wird die Schaffung eines Fonds von 1 Million Zloty für den Keren Hajischuw (orth. Kolonisationsfonds), die Gründung einer orthodoxen Arbeiterorganisation und einer hebräischen Tageszeitung in Jerusalem beschlossen. Außerdem eollen Wege zur Verständigung mit den Arabern gesucht werden. Wie man sieht, handelt es sich hier um den Versuch, in die Kompetenzen der Zionistischen Organisation einzugreifen. Hiebei darf nicht vergessen werj den, daß die Rabbiner-Kommission der Aguda eine Zu- | samraenarbeit mit dem Misrachi ablehnt, solange dieser einen Teil der Zionistischen Organisation bildet. Die Vertreter der jüngeren Generation und der i Eine Sprache im Sterben ♦ ♦ ♦ Die erste englisditfudische Aus New York: Das von Jacob Landau, Direktor der Jüdischen Telegraphen-Agentur, seit einer Reihe von Jahren in New York herausgegebene „Jewish Daily Bulletin" — bisher ein nur informatorischen Zwecken dienendes tägliches kleines Nachrichtenblatt — erscheint seit 16. Jänner 1934 als große englisch geschriebene Tageszeitung unter der Mitarbeit hervorragender jüdischer und auch nichtjüdischer Publizisten der Vereinigten Staaten und Europas. Redaktionsleiter ist. der Schriftsteller Hermann Bernstein, bis vor kurzem Gesandter der Vereinigten Staaten in Albanien. Die erste Nummer des Blattes brachte zur Einführung einen Glückwunsch Prof. Albert Einsteins, in welchem es u. a. heißt: „Eine Informationsquelle von diesem Umfang und dieser Wirkung in heutiger Zeit, da große Teile des jüdischen Volkes in ihrer materiellen und moralischen Existenz gefährdet sind, hat weitreichende Bedeutung. Möge diese Zeitung dazu beitragen, das jüdische Solidaritäts- und Verantwortungsgefühl zu stärken und uns zu ermutigen, aus den schwierigen äußeren und inneren Problemen der Zeit neue Lebenskraft zu schöpfen." Das Erscheinen der ersten Nummer wurde durch ein Bankett gefeiert, dem Professor Einstein und 400 prominente Gäste beiwohnten. Glückwunschbotschaften sandten Präsident Roosevelt, der Gouverneur des Staates New York Herbert H. Lehman, der frühere Gouverneur und Präsidentschaftskandidat Alfred Smith und der Bürgermeister von New York La Guardia. Die amerikanische Tagespresse berichtet über die Feier in großer Aufmachung. * Jacob Landau hat mit dieser Gründung dem jüdischen Volke in der ganzen Welt einen ganz hervorragenden Dienst erwiesen und verdient hiefür vollste Anerkennung. Doch gibt das befriedigende Ereignis auch Anlaß zu einer ernsten Betrachtung. Das Erscheinen einer Aguda-Arbeiterschaft schlugen auf der Konferenz die schärfsten Oppositionstöne gegen die jetzigen Führer der Aguda an, die die soziale Notlage der orthodoxen Arbeiterschaft ignorieren und zulassen, daß die orthodoxen jüdischen Fabrikanten ihre Betriebe an Sabbattagen auf Grund eines Schtar mechira (Scheinübertragung des Betriebes an einen Nichtjuden) arbeiten lassen. , Die letzte Landeskonferenz der Aguda bezeugte wiederum deren Scheinhefligkeit in religiösen Fragen, den durchsichtigen Versuch, sich in Palästina eine ihr nicht zukommende Position zu erobern, und vor allem die Fortsetzung der Machinationen gegen den Zionismus nach innen und außen. So wurde seitens der Aguda bezüglich des kürzlich . in Polen gegründeten Pro-Palästina- Komitees der Verdacht ausgesprochen, dieses könnte die Aguda von der Regierung Pilsudski, mit der sie zusammen arbeite, entfernen. Kein Agudah-Kongreß in Palästina Aus Jerusalem: Die Weltzentrale der Agudas- Jisroel-Organisation hat ihre palästinensische Zweigorganisation verständigt, daß der für diesen Sommer geplante Agudah-Kongreß in Jerusalem nicht abgehalten werden wird. Es sei beschlossen worden, den Agudah-Kongreß zu einem späteren Zeitpunkt außerhalb Palästinas abzuhalten. Wiener Judengememde Das Budget für 1984 einstimmig genehmigt Der Voranschlag, welcher S 6,521.670 Gesamteinnahmen und S 6,575.210 Gesamtausgaben vorsieht, wurde in zwei öffentlichen Plenarsitzungen des Vorstandes behandelt. Entgegen vielen Voraussagen ist es der zionistischen Leitung der Gemeinde, welche die Geschäfte vor einem Jahre Übernommen hat, gelungen, das Bugdet nicht nur auszugleichen, sondern wichtige Posten auf dem Gebiete der Jugenderziehung and der Fürsorge auszugestalten. In Anbetracht der schweren Wirtschaftskrise, welche namentlich auf den Juden Wiens schwer lastet, ist diese Leistung besonders hoch zu werten. Im Verlaufe der Debatte wurde das auch von der Opposition anerkannt. Dr. Jakob Ehrlich, der Sprecher des Zionistischen Klubs, nahm die Gelegenheit wahr, dem Finanzreferenten Vizepräsidenten Dr. S. Ltfwenherz, auf dessen Schultern die Hauptarbeit für das Budget lastete, den Dank nnd die Anerkennung für seine unermüdliche und ersprießliche Arbelt auszudrucken. Der Voranschlag wurde einstimmig genehmigt. Jüdische Berufsumftdifditung Aueh In Amerika notwendig In Chikago fand unter dem Vorsitz des Präsidenten des American Joint Committee, Felix M. Warburg, eine Konferenz des Zentralrates der jüdischen Wohlfahrtsverbande der Vereinigten Staaten statt, in der Fragen der Normalisierung des judischen Wirtschaftslebens und der wirtschaftlichen Eingliederung aus Deutschland ausgewanderter Juden besprochen wurden. Der vom Völkerbund eingesetzte Oberkommissär für Emigrantenfragen, James G. Mao- Donald, erstattete ein Referat, in dem er ausführte, die Bemühungen des internationalen Emigrantenhufswerke seien bisher in erster Linie darauf gerichtet ge« Tagesseftung ist erschienen jüdischen Tageszeitung in englischer Sprache ist efn Zeichen des Niederganges der jiddischen Sprache. Bisher waren es nur in jiddischer Sprache geschriebene Tageszeitungen mit Riesenauflagen, welche zu den jüdischen Massen sprachen. Die Gründung einer e n g 1 Is c h geschriebenen Tageszeitung wäre noch vor wenigen Jahren als fruchtloses Unternehmen betrachtet und verlacht worden. Jiddisch war die Sprache der Arbeiter, der Kaufleute, der Handwerker, die Sprache im Hause, die Sprache in den Versammlungen, vor allem die Sprache der Einwanderer, die immer auf Neue dem Jiddischen seine Geltung erhielt. Mit der Sperre der Einwanderung begann der Niedergang. Er ist nicht aufzuhalten. Bald wird Jiddisch nur mehr auf einen kleinen Wirkungskreis beschränkt sein. Der Prozeß ist übrigens nicht auf Amerika beschränkt. Er vollzieht sich vielleicht etwas langsamer, aber doch unaufhaltsam innerhalb der jüdischen Massensiedlungen in Osteuropa, wo die heranwachsende Jugend in immer größerem Maße entjiddischt wird. Es gibt Juden, die mit Schadenfreude den Prozeß verfolgen, weil ihrer Ansicht nach die Sprache „unschön" ist. Es hat keinen Sinn, mit so bornierten Menschen zu rechten, es ist ein Zeichen tiefster Borniertheit, eine durch viele Jahrhunderte von Millionen gesprochene Volkssprache nach dem Maße des eigenen Geschmacks abschätzen zu wollen. Aber diejenigen, die gleichgültig an der Erscheinung des Niederganges vorübergehen, seien daran erinnert, daß dieses Jiddisch das wirksamste Mittel des durch die Welt und die Jahrhunderte gejagten Volkes gegen das Untergehen war. Ueber 80 Prozent der Juden wußten, daß — wohin sie auch verschlagen würden — sie Brüder finden, mit denen sie sich sofort verständigen können. An diesem einen Momente ist zu erkennen, daß der Niedergang der jiddischen Sprache den Verlust eines wertvollen Mittels zur Erhaltung der Volkseinheit und damit des Volkes bedeutet, für das gewiß nur schwer und spät Ersatz gefunden werden wird. wesen, sobald als möglich eine Anzahl von jüdischen Auswanderern in Gebieten unterzubringen, wo ihre Eingliederung in das Wirtschaftsleben ihrer neuen Umgebung möglich ist. Die Notwendigkeit, auch in Amerika an die Berufsumschichtung der jüdischen Bevölkerung heranzugehen, betonte Felix M. Warburg in seiner Ansprache. Die jüdische Jügend müsse dahin beeinflußt werden, sich anderen Berufen zuzuwenden als denjenigen, in denen Juden bereits in allzu großer Zahl vertreten sind. Es werde die Frage gestellt werden, in welcher Weise die amerikanischen Juden sich an der wirtschaftlichen Wiederaufbauarbeit beteiligen: man müsse dafür sorgen, daß auf diese Frage eine befriedigende Antwort erteilt werden könne. Schließlich befürwortete Warburg warm die Verwendung öffentlicher jüdischer Mittel für Erziehungszwecke und erklärte, mit der Gewohnheit, die Budgetposten für Erziehungszwecke zu kürzen, müsse Schluß gemacht werden. Nach ihm sprach der Arbeiterführer und Herausgeber des „Jewish Daily Forward" B. C. Vladeck, der die Notwendigkeit betonte, sich auf die Rolle zu besinnen, die die Juden vernünftigerweise im sozialen und wirtschaftlichen Leben Amerikas zu spielen haben, und vor der Gefahr warnte, daß die amerikanische Judenheit in eine ebenso unglückliche wirtschaftliche Schichtung geraten könnte wie die Juden Deutschlands. Zum Konflikt xwfsdicn luden und Minder« heftskongreß Auf dem vorjährigen Kongreß der Minderheit e n hat sich ein Konflikt zwischen den jüdischen Mitgliedern und dem Präsidenten und der Mehrheit ergeben, der dazu führte, daß die jüdische iwlegation den Kongreß verließ. Die Ursache war, daß das Präsidium, dem Drucke der deutschen Delegation nachgebend, die Vorlage einer von der Jüdischen Delegation eingebrachten Resolution gegen die barbarischen Judenverfolgungen in Hitler-Deutschland nicht zuließ. Wir haben seinerzeit Uber diesen Vorgang ausführlich berichtet, und einer der Führer der jüdischen Delegation, Dr. Emil Margulles, Vorsitzender der Jüdischen Partei in der Tschechoslowakei, hat den Fall in unserem Blatte ausführlich behandelt. Nun wird uns aus Genf gemeldet: Der Vollzugsausschuß des Europäischen Minderheltenkongresses hat in einer kürzlich in Wien abgehaltenen Sitzung dem verstorbenen ehemaligen langjährigen jüdischen Mitglied des Ausschusses Leo Motz* kin einen warmen Nachruf gewidmet. Wie der augenblicklich in Genf weilende Generalsekretär des Minderheitenkongresaes, Dr. A m m e n d e, dem JAT.-Vertreter mitteilt, hat der Vollzugsausschuß gleichzeitig ein Schreiben an alle seine bisherigen jüdischen Mitglieder gerichtet, in dem er sie zu einer persönlichen Aussprache mit den anderen, insbesondere den deutschen Ausschußmitgliedern und dem Vorsitzenden Dr. Wifan, nach Wien einlädt Diese Aussprache soll eine K1 ä* rung der Vorfänge« die während de« letalen

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