Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 334 (23.1.1934)
- Date
- 1934-01-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 334 blE NEUE WELT Seite 3 ÜDAFRIKA-Ett NEUER Ljj XUSE/tDiLNST / EUROPA-SÜDAFRIKA ■VA MIT D£(V MOP£fiN£N Mtfk, OZ£ANIU£S£N 11^^ /fSitt^' I -■ / ' x*^. 1. Vaterländische Front und dfe Juden Je mehr Kräfte sich bereitstellen, Oesterreichs lebenswichtigsten Aufgaben — sedner Selbständigkeit und seiner wirtschaftspolitischen Stabilität — zu dienen, desto deutlicher grenzen sich die Räume ab, in der die einzelnen Elemente zu wirken haben. Wir nationale Juden haben niemals Zweifel darüber aufkommen lassen, daß wir gewillt sind, an Oesterreichs Wohlfahrt mitzuarbeitcw, und ebenso entschlossen, unsere staatsbürgerlichen Rechte, sollten sie von irgendwoher angegriffen werden, zu verteidigen. Beide Dinge haben nichts an ihrer Aktualität eingebüßt: Aufbau und Abwehr im Rahmen Oesterreichs finden uns bereit. Gerade heute, wo sich eine Umgestaltung der Machtbefugnisse vollzieht, können wir wieder einmal die Linie nachziehen, auf der wir unsere Beziehungen zu den politischen Gruppen Oesterreichs gesehen wissen wollen. Unsere Stellungnahme gegen die Linke, die Assimilations- und Korruptionskeime ohnegleichen in die Judenschaft Oesterreichs hineingetragen hat, braucht hier nicht nochmals präzisiert zu werden. Nichts berechtigt, anzunehmen, daß unter dem Aspekt verfassungsrechtlicher Aenderungen sich unser Standpunkt verrücken könnte. Aber auch unsere Stellungnahme gegenüber den sogenannten konservativ-vaterländischen Gruppen ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Als die Bedachtnahme auf eine zukünftige Entwicklung viele Oesterreicher veranlaßte, eine Revision Ihrer politischen Haltung vorzubereiten, haben wir nationalen Juden die Bereitstellung unserer Kräfte für ein selbständiges, ruhiges Oesterreich als eine Selbstverständlichkeit empfunden und deklariert. Die „Jüdische Volkspartei" hat aber auch gleichzeitig der Oeffentlichkeit mitgeteilt, daß sie die formelle Eingliederung von Juden in die Vaterländische Front, die sich deutsch-christlich erklärt, für unzweckmäßig halte und von einem solchen Schritt abrate. Damals hat ein führendes vaterländisches Blatt diese Stellungnahme als „offen und vernünftig" bezeichnet. Die Dinge sind im Werden. Seit dem Herbst haben sich die Versuche zur inneren Stabilisierung Oesterreichs noch mehr verdichtet. Die Führung der „Jüdischen Volkspartei Oesterreichs" hat die Richtigkeit 4hrer ursprünglichen Haltung durch die Tatsachen bestätigt gesehen. Heute kann das christlichsoziale „Linzer Volksblatt", ohne bei irgend einem vernünftigen Menschen Mißtrauen oder Widerspruch zu erregen, schreiben: „Es muß zugegeben werden — und es wird In Oberösterreich mit Bedauern verfolgt —, daß die Vaterländische Front noch nicht das Ist, was sie sein soll. Vor allem wird daran Kritik geübt — wir wollen dies nicht verhehlen —, daß In Wien der Vaterländischen Front so viele Jaden angehören. Dem Oesterreicher ist der Rassenantisemitismus fremd. Aber es ist doch klar, daß ein Jude niemals die Erneuerung des Staates in christlichem Geiste wünschen wird. Deshalb Ist auch für Juden In der Vaterländischen Front... kein Platz. Damit Ist die vaterländische Gesinnung der Juden gewiß nicht angezweifelt, die Juden können sich ja auch außerhalb der Vaterländischen Front sammeln und ihre Dienste dem Vaterland weihen." Das Organ der österreichischen Sozialdemokratie, die „Arbeiter-Zeitung", respektive ihre vom Judentum abgefallenen und die Judenfrage verfälschenden Wortführer, glossieren die vorstehende Betrachtung des christlichen Blattes unter der Spitzmarke „Hinaus mit den Juden!". Sie wollen den von ihnen weggelaufenen Juden demonstrieren, daß sie jetzt mit einem Hinauswurf bedacht werden, wo sie doch bei der Sozialdemokratie so gut aufgehoben waren. Wir unsererseits müssen den Standpunkt des christlichsozialen Blattes als offen und vernünftig bezeichnen. Hier ist aber auch ein deutlicher Wink an die österreichischen Juden, sich weder rechts noch links, sondern im eigenen Volkslager zu sammeln. HU Wenn man die Hitler-Bewegung, soweit sie das Judentum betrifft, mit antisemitischen Bewegungen früherer Zeiten vergleichen will, etwa mit der zaristischrussischen, rumänischen, ukrainischen, so scheitert der Versuch. Da gab es wilde Pogrome, aber sie trugen lokalen und zeitlich eng begrenzten Charakter. Sie wirkten auf die Umwelt nicht beispielgebend, sondern überall, auch in den judenunfreundlich gesinnten Kreisen, befremdend und abstoßend. Niemand brachte es über sich, diese Geschehnisse öffentlich zu billigen. Demgegenüber ist festzustellen, daß der Vorstoß Hitlers gegen das Judentum in Form und Charakter unendlich brutaler und opferreicher, überall in der Welt bei großen Gruppen begeisterte Zustimmung findet. Der Hitler-Antisemitismus Ist universell, er arbeitet und wirkt allweltlich. Es wäre töricht und gefährlich, daran .vorbeisehen zu wollen. Nachstehend einige Beispiele aus von einander örtlich und national weit entfernten Gebieten. In Griechenland. Aus Saloniki: Die Athener und Salonikier Zeitungen befassen sich eingehend mit der Aufdeckung einer geheimen Verschwörung deutscher Nationalsozialisten und griechischer Royalisten, deren Ziel die Erx-ichtung einer monarchistischen Hitler-Diktatur in Griechenland ist. Neben Griechen sind Deutsche und Oesterreicher, die in« Athen leben, in die Verschwörung verwickelt. Die führenden Zeitungen „Elephteros Anthropos" und „Acropolis" enthüllen, daß nicht weniger als zehn Millionen Drachmen aus Deutschland nach Griechenland gebracht und für Nazi-Propaganda ausgegeben seien. Sie fordern die Ausweisung des deutschen Nazi-Führers Kurdorfer aus Athen, der offen für die Hitler-Diktatur in Griechenland Propaganda macht, und Magen darüber, daß ein Teil der griechischen Presse durch das Naai-Geld korrumpiert worden ist. Die neugebildete Faschisten - Organisation „OEKK" wurde mit Nazi-Geld erhalten, ihr Führer sei der Bruder des jetzigen Finanzministers Loverdos. Die griechisch-faschistische Bewegung hat, entsprechend ihrem deutschen Vorbild, einen ausgesprochen judenhetzerischen Charakter. Im Fernen Osten. Aus Charbin: Die vor der Bolschewistenherrschaft in Rußland nach der Mandschurei gefluchteten Weißgardisten, die sich seit Jahren antisemitisch betätigen, haben nun die Verbindung mit den deutschen Nationalsozialisten aufgenommen, von denen sie finanziell unterstützt werden. Die Weißgardisten haben den Terror gegen die jüdische Bevölkerung verstärkt und haben es zuletzt erreicht, daß der jüdische Vorsitzende der Charbiner Börse Jakob K ab alkin, ein führender Industrieller, der diesen Posten seit zehn Jahren bekleidet, seine Demission geben mußte. Die wenigen deutschen Juden, die nach dem Fernen Osten geflüchtet sind, werden von den Weißgardisten verfolgt und erhalten Briefe, in denen ihnen mit dem Tode gedroht wird. Der Wirtschaftsboykott gegen Deutschland wirkt sich in der Mandschurei sehr stark aus. Die jüdischen Handelshäuser haben jeden Verkehr mit ihren früheren deutschen Geschäftsfreunden abgebrochen. Die deutsche Firma Siemens-Schuckert hat sich darum genötigt gesehen, ihr Charbiner Büro nach Hongkong zu verlegen. In der Schweiz. Aus Zürich: Der in Zürich erscheinende „Reichsdeutsche", Organ der in der Schweiz ansäßigen Reichsdeutschen, hat sich vollkommen in den Dienst der nationalsozialistischen Propaganda gestellt und betreibt diese Propaganda nicht nur unter den Reichsdeutschen, sondern auch unter den Schweizern. Das Blatt bringt Bilder von ermordeten Nationalsozialisten und setzt in deren Mitte das Bild Karl Radeks, des früheren Sowjetbotschafters in Berlin, mit folgender Ueberschrift: „Der geistige Urheber, Chef der kommunistischen Propaganda in Deutschland, Jude". Das Blatt teilt mit, daß anläßlich der Gründung einer Nazi-Gruppe in Zug der deutsche Konsul in Zürich, der „Landespropagandaleiter" für die Schweiz Kloetzel und der Pfarrer von Luzern Dr. Karrer Ansprachen hielten. Für Osljuden — Konzentrationslager Aus Berlin: Ministerpräsident Göring als Chef der Geheimen Staatspolizei hat an sämtliche Staatspolizeistellen einen Erlaß gerichtet, in welchem es mit Bezug auf rückkehrende Emigranten heißt: „Die Rückkehr der vielen Tausenden von Flüchtlingen nichtdeutscher Staatsangehörigkeit — ihre Zahl beläuft sich nach Mitteilungen des Lausanner Flüchtlingshilfswerks auf 16.000 von insgesamt 60.000 Flüchtlingen — ist im neuen Deutschland nicht erwünscht. Falls diese meist jüdischen, aus dem Osten eingewanderten Personen wieder in Deutschland auftauchen sollten, sind sie in polizeiliche Haft zu nehmen und bis zur endgültigen Ausweisung ineinKonzentrationslager zu bringen." Aus der feinen Ctesellsdtaft Aus Paris: Die ostjüdischen Verbände Frankreichs hielten eine Konferenz ab, welche einen Appell an alle in Frankreich lebenden Ostjuden zur Aufbringung von mindestens einer Million Francs für Hilfe an die deutschen Juden richtete: Baron Robert de Rothschild unterstützte als Gastredner diesen Appell und teilte mit, daß die französischen Juden bis heute neun Millionen Francs für Hilfe an die deutschjüdischen Flüchtlinge aufgebracht haben. Er tadelte mit scharfen Worten jene reichen Flüchtlinge, die sich ihren notleidenden Brüdern gegenüber gleichgültig verhalten. Der A. H. Verband und die Aktivitas der jüdisch-akademischen Verbindung „U n i t a s" gibt geziemend Nachricht vom Ableben ihres lieben A. H. Dr. Josef Pollatschek Rechtsanwalt welcher Mittwoch, den 17. Jänner nach kurzem, schwerem Leiden verschieden ist. Das Begräbnis fand am 19. Jänner 1934 statt. rrawn Für die Aktivitas: Für den A. H.-Verband: stud. jur. Georg Mohr Dr. Alois Fischer GENUA MAftSElUE GIBRALTAR DAKAR KAPSTADT NATAL EASTLINGSFAHftT VON GENUA am 6.K0.1934 VEREINIGTE FLOTTtN, GENUA WIEN,IvKflRNTNERRING 6, U47-5-40 RUNDSCHAU ,,VBnBBHBH8BHBflBBS9HHMBHBBBB9SHBBERBHBBBHBHBflflHB^IHiHV^ Lehar und der jüdische Asphall Der aus der Slowakei stammende Komponist Franz Lehar, in Oesterreich allerdings heimatberechtigt durch den großen Anteil, den seine Operetten an der Ausfuhrbilanz haben, hat nun auch seinen Einzug in die Wiener Staatsoper gehalten. Seine Operette „Giuditta" fand Gnade in den Augen der Faktoren, die für das repräsentative musikalische Gesicht des neuen Oesterreich verantwortlich sind. Und diese Faktoren sind es auch, welche dem Laien, der staunt, und dem Fachmann, der sich wundert, alltäglich Bilanzen vorlegen; Ziffernsummen realer und Möglichkeiten irrealer Natur. Mit einem Trommelwirbel, der in früheren Jahrhunderten nur im Burghof gegenüber der Staatsopernverwaltung zu hören war, hat dieso die Notwendigkeit, eine Lehar-Operette aufzuführen, an die Wand gemalt. Insbesondere die christlichsoziale „Reichspost" — heute eine 50prozentige Vertreterin der „völkischen Belange" — hat für dieses Werk „geworben". Es sind also diesmal keine Juden Pate gestanden. (Sie sind nur nachgelaufen.) Es fehlten darum auch im Zusammenhang mit der Lehar-Operette alle jene Exzesse gegen die „Juden, die vor keiner Tradition Respekt haben", der Ehrwürdigkeit des nobelsten Musikinstituts Gewalt antun, den Geist der Mache und des Kitsches in das Gebiet der reinen Kunst verpflanzen, mit einem Wort: „Rebbach"! suchen. Wir Juden sind „diesmal" unschuldig Man kann uns in der Causft Lehar-Staatsoper nichts vorwerfen. Unsere Hände sind rein und — leer. Zum Glück. Denn es hätte auch anders kommen können. Zum Glück waren es die christlich-deutschen Kreise, die Herren der Bundestheaterverwaltung, die, fasziniert von der Möglichkeit eines Geschäftes der „Asphaltkultur" Lehar-Beda die Pforten der Staatsoper öffneten. Und die Presse? Sie benahm sich patriotisch und gab nur untertänigst dem Kurs der Bundestheaterverwaltung ein Vertrauensvotum. So wird es bis zum nächstenmal gehen. Und sollte da das Geschäft versagen, sind wieder nur die jüdischen Kulturbolschewiken schuld. Dodh seinen NadilaB nimmt er gern Die Nazideutschen haben den Juden nicht gern, den lebenden Juden. Sie entrechten ihn, entwürdigen ihn, peinigen ihn, erschlagen ihn. Das ist Programm, Weltanschauung. Wenn sie ihn brauchen, sieht die Sache allerdings anders aus. Dann mißbrauchen sie ihn. So wurde z. B. Prof. M i 11 wo c h, nachdem er weggejagt worden v/ar, an die Berliner Universität wieder zurückberufen, da er in Deutschland der einzige ist, der das Abessynische in Wort und Schrift beherrscht. Und so werden beispielsweise die jüdischen Gelehrten Willstädter und Haber das Dritte Reich auf den kommenden Chemikerkongreß vertreten. Aber den toten Juden — mag er erschlagen oder verblichen sein — drücken die Hakenkreuz-Machthaber an ihr treudeutsches Herz, besonders wenn jener etwas hinterlassen hat. Voll Wärme und unausgesprochener Anerkennung berichtet der „Völkische Beobachter": „Kürzlich wurde auf dem Notariat in Wellheim der auf Murnau bezügliche Teil des Testaments des in Hochried verstorbenen Amerikaners Dr. James Loeb eröffnet. Die Gemeindeverwaltung Murnau erhält 80.000 Dollar zur Errichtung einer Stiftung für Bedürftige und Kranke. Verwalter Müller erhielt 35.000 Dollar. Auch alle Angestellten mit 10 und mehr Dienstjahren wurden reich bedacht. Außerdem ist im Testament verfügt, daß alle Schuldscheine, die im Nachlaß liegen, geschenkt werden," Auf die lebenden Juden verzichtet, wie gesagt, das Dritte Reich. Sie sind Verwüster, Bolschewiken, Totengräber des deutschen Namens. Von ihnen darf nicht einmal ein reinrassiger deutscher Hund einen Bissen. nebjueAt