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Die neue Welt · 1934-01-23 · Heft 334 (23.1.1934) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 334 (23.1.1934)
Date
1934-01-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 334 Doch den Nachlaß eines jüdischen Untermenschen refusieren die Herren Goebbels und Genossen nicht. Sie bedanken sich sogar öffentlich dafür. . . . Rigaer Kaufleute und ihte Genos§en Man kann nicht sagen, daß in der Welt der antideutsche Warenboykott als illoyales oder unwirksames; Mittel gegen den Hltler-Barbarisrnus angesehen wird. Im Gegenteil. Die Boykottkomitees haben an ihrer Spitze Persönlichkeiten, denen man Mangel an Kultur, an politischer Einsicht und an wirtschaftlichem Einfluß gewiß Dicht nachsagen kann. Sogar die Regierungen, die an völkerrechtliche Normen gebunden sind, verhehlen ihre Sympathie für die Bestrebungen der Boykott-Komitees nicht. Aber es gibt nicht nur Begriffe von Ehre und Würde ... In Riga hat sich ein all-lettländiscbes Komitee für den Boykott deutscher Waren konstituiert und eine Boykottparole ausgegeben. Eine natürliche Sache! Und doch fühlten sich in ihren geschäftlichen Interessen sieben Kaufleute gestört, sieben — jüdische Kaufleu t e. Sie führten Klage gegen die Tätigkeit des Komitees und sorgten dafür, daß während einer Sitzung des Boykottkomitees Polizei erschien, eine Durchsuchung vornahm und sogar einige Mitglieder des Komitees verhaftete. ... Unsere Leser werden sich an einige Rigaer Berichte erinnern, worin zu lesen war, daß es in der lettlandischen S*tadt eine Gruppe von Juden gibt, die gegen den Zionismus, gegen die nationaljüdischen Bestrebungen mit den unerhörtesten Mitteln agitieren. Es sind die Assimilantcn Lettlands, dde Gesinnungsgenossen jener Juden, die z. B. in Deutschland so jämmerlich Schiffbruch gelitten haben. Allerdings haben diese jüdischen Eigaer Kaufleute in ihren Bemühungen, die Boykottfront zu durchbrechen, Genossen: die antizionistischen Kommunisten und die zionistischen Arbeitervertreter, welche auf dem Prager Zionistenkongreß die nationale Boykottparole gegen Hitler- Deutschland verhindert haben. Palästina im Sdinee 1. Aus Jerusalem wird berichtet: In Palästina hat starker Schneefall eingesetzt. Jerusalem und die umliegenden Hügel sind ganz in Schnee gehüllt und bieten ein hier selten gesehenes malerisches Bild. Die Karäer wollen nach Palästina Die Judenfeinde von gestern wollen heute wieder ins Jüdische Nationalheini l Im Warschauer Palästina-Amt der Zionistischen Organisation ist eine Abordnung' w o i h y n i s c h e r Karäer unter Führung ihres Chachams erschienen, um die Zuteilung von Palästin a- Einwanderung sz e r t i f i k a t e n, Unterstützung bei der Errichtung von Ausbüdungsstätten für Karäer-Chaluzim und deren Unterweisung in der hebräischen Sprache zu erbitten. Die Mitglieder der Delegation, die infolge ihrer großen A r m u t gezwungen waren, den Weg von Wolhynien nach Warschau zu Fuß zurückzulegen, erklärten, es gebe in Wolhynien einige hundert karäische Landarbeiterfamilien, die in großer Not seien und den Wunsch hätten, sich in Palästina niederzulassen. Die Leiter des Warschauer Palästina-Amtes haben versprochen, die Bitte der Karäer an die Exekutive der Jewish Agency weiterzuleiten. Die Karäer sind eine jüdische Sekte, die nur die Gebote und Vorschriften der Bibel anerkennt, dagegen die rabbinischen Auslegungen, Tradit i'o n e n und Gesetze ablehnt. Der Gründer der Sekte, Anaa, starb zu Ende des achten Jahrhunderts; eeino Anhänger wurden zunächst als Ananiten bezeichnet. Sie bildeten eine Zeitlang eine sehr beträchtliche Gemeinde. In den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens war die karäische Sekte unter den Juden weit verbreitet; es war ihr gelungen, zahlreiche Bekenner der Mutterreligion in Aegypten, Palästina, Syrien, Babylonien und Persien zu' ihren Anschauungen zu bekehren. Durch die erfolgreiche Polemik des Leiters der Akademie von Sura, S a adia al Fayyumi, gegen die Karäer gelang es im zehnten Jahrhundert, die dem traditionellen Judentum drohende Gefahr vollständig abzuwenden und seinen Sieg über das Karäertum zu sichern. Zu Beginn der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts wurde das Zentrum karaitischer Aktivität aus Asien nach Europa verlegt. Schon zu Beginn des 12. Jahrhunderte sind starke Karäergeoieinden in S ü d r u ß 1 a n (i, vor aJlem in der K r i m, . festzustellen. Am Ende des }4. Jahrhunderts siedelte der litauische Großfürst W i t o 1 d eine Anzahl von Karäern aus der Krim als Kolonisten in Litauen an und wies ihnen auch einen Teil der Stadt T r o k i im Gouvernement Wilna als Wohnsitz zu. Später siedelten sich Karäer auch in anderen litauischen Städten an und wanderten zum Teil nach Wolhynien und Galizien aus. In Rußland erlangten die Karäer ihre Emanzipation lange vor der Emanzipation derübrigenJuden, Indem sie diese vor den Behörden herabsetzten und-behaupteten, dieKaräerbättenlnRußlandlangovor Aus dem Nachlaß Der Nachlaß Popper-Lynkeus' in zehn großen Kartons befindet sich im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv. Manuskripte, Pläne, Bemerkungen, Schulzeugnisse, Briefe, Photographien, mathematische und physikalische Rechnungen, Notizen usw. Der genaue Inhalt dieses Nachlasses ist bis nun der Oeffentlichkelt nicht bekannt. Das Studium dieses Nachlasses wäre für einen Popper- Lynkeus-Anhänger, der auch in der Mathematik und Physik bewandert ist, von größtem Wert. Der folgende Beitrag ist von Josef F r ä n k e 1 dem Popper-Lynkeus-Nachlass entnommen. I. Popper-Lynkeus und der Zionismus. Popper-Lynkeus war ein Anhänger des „Monismus", der „All-Einheitslehre", und gehörte dem Wiener „Monistenbund" an. Dieser veranstaltete im November 1918 eine interne Versammlung. Dieser Versammlung berichtete Dr. S. Bernfeld, daß Josef Popper-Lynkeus sich dem jüdischen Nationalrat zur Verfügung gestellt habe, Popper-Lynkeus sei jüdischer Nationalist und Anhänger des Zionismus geworden. Diese Mitteilung wirkte im Monistenbund sensationell. Popper-Lynkeus wurde von den Assimllanten verschiedener Färbungen angegriffen. Schließlich sah sich der achtzigjährige Popper-Lynkeus veranlaßt, das Wort zu ergreifen und richtete an den Präsidenten des Monistenbundes ein Schreiben, damit dieser seine Stellung zum jüdischen Nationalismus Und Zionismus der Mitgliedern des Monistenbundes bekanntgebe. Es lautet: „Wien, 1. Dezember 1918. Herrn Direktor Edgar Herbst, Präsident des Monistenbundes in Wien. Die zionistische und die jetzt so heftige jüdische Bewegung überhaupt begrüße ich mit vieler Sympathie, denn sie stärkt das im ganzen und großen fallende Selbstbewußtsein der Juden und fördert ohne Zweifel auch die Entwicklung der ihnen eigentümlichen Art der Kultur und ihrer latenten Naturanlagen, wobei ich besonders auf die Entwicklung der merkwürdigen und großen Anlagen der Ostjuden rechne. Ich sehe ja eine solche Bewegung bei jedem Volk, ob groß oder klein, sehr gerne, und wenn es nichts weiter gälte, als zum Beispiel sein Volkslied zu entwickeln, so ist das schon eine Bereicherung der Weltkultur. Natürlich interessiert mich in dieser Beziehung das Judentum gana besonders, da ich in dasselbe hineingeboren bin und daher auch eine intimere Kenntnis seiner eigentümlichen Natur und Kultur besitze, gerade so wie man sich für seine eigene mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm der Geburt Jesu gelebt und somit an dessen Kreuzigung nicht teilgenommen. Bis in die jüngste Zeit blieb ein gespanntes Verhältnis zwischen Karäern und Juden bestehen. Die Zahl der Karäer wird gegenwärtig auf etwa 12.000 geschätzt, von denen 10.000 in Rußland und Polen leben. Popper*Lynkeu§' Familie ganz besonders interessiert, wobei man alle di« anderen Kulturen achtet." Eine klare Sprache. II. Aphorismen. Nicht 2000 Jahre, sondern 200 bis 300 Jahre liegen zwischen Aristoteles und uns, dann Nacht und Mittel« alter. *? Licht erhellt die äußere Welt, Dunkel die innere,! * Mensch und Luftballon blähen sich um 00 mehr, Je höher sie steigen. * Ein neugeborenes Kind ist das egoistischeste Raab« tier; es erobert sich das Leben, obwohl es schwach Ist;! nur geben wir diesem Räuber leicht und gern, was er will» * An Kindern sind drei Dinge angenehm zu beobachten: Keine Narrheit, keine Verstellung, keine Erl« volität. * Die Welt ist wie eine neckische, halb untreue Geliebte, lachendes Auge in Tränen. * Denken gehört zum „Sein" wie Riechen und Hörem K> Wem das Glück hold, dem glaubt man Verstand auf den Augen leuchten zu sehen. * Je mehr man jemanden achtet und schätzt, desto weniger intimen Umgang soll man mit ihm pflegen. * Gold erwerben ist tierisch, Geld besitzen ist göttlich* * Ohne positive Religion lebt sich's schwer, mit keiner noch schwerer. * Das Individuum ist wie eine stets gespannte Feder, * Wenn wir Erbsünde haben, warum nicht auch Erbtugend? * Liebe zur „Menschheit" ist ästhetisch, Liebe zu allen Menschen reell. hat die Regierung die einzelnen Gruppen aufgefordert, ihre Forderungen zu unterbreiten. Die Studentenschaft an den Universitäten Jassy und Czernowitz fordert Numerus clausus für Juden an Mittel- und Hochschulen, die von Temesvär auch für Intelligenz- und Wirtschaftsberufe, andere Gruppen kleiden ihre antijüdischen Forderungen in Worte wie „Sicherung nationalrumänischer Kultur", „gegen religiöse Sekten" usw. Handelsbeziehungen zwischen Bußland und Palästina Aus Jerusalem: Die arabische Tageszeitung „Fa lastin" teilt mit, daß zwischen der russischen Handelsvertretung in Konstantinöpel und einem führenden arabischen Kaufmann in Jaffa erfolgversprechende Verhandlungen über Erweiterung der Handelsbeziehungen zwischen Sowjetrußland und Palästina auf folgender Grundlage geführt werden: Rußland importiert größere Massen Cltrus-Früchte aus Palästina, wogegen Palästina ein entsprechendes Kontingent russischer Waren einführt. Aus Rumänien Aus Bukarest: Der Vertreter der J. T. A. hat mit dem früheren Deputierten und jetzigen Generalsekretär der Jüdischen Partei Dr. Michael Landau über die gegenwärtige Lage der eine Million Seelen zählenden Judenschaft Rumäniens gesprochen. Landau betrachtet die Lage mit Besorgnis. Die äußere Ordnung sei wohl gewahrt, aber eine innere Entspannung ist nicht erfolgt- Der Antisemitismus ist in den letzten Jahren in Rumänien eine Frage parteilicher Taktik. Die Regierungen haben diesem Treiben zu lange ruhig zugesehen. Vor etwa fünf Jahren' konnte man noch die Volksstimmung nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich gegen die Juden ausnutzen. Heute nicht mehr. Die jüdischen Massen sind völlig proletaris i e r t, das Elend ist groß. So wurde denn von den Judengegnern die akademische Jugend mobilisiert; wohin das führt, hat man eben schaudernd erlebt, wie ein antisemitischer Student den Ministerpräsidenten Duca ermordete. Die jüdischen Massen, führte Landau aus, sind auch deshalb in Unruhe, weil im gegenwärtigen Parlament eine eigentliche Vertretung der Judent>chaft nicht vorbanden ist. Die Jüdische Partei wird auch weiterhin dafür eintreten, daß die verfassungsmäßig verbürgte Gleichberechtigung der Juden auch faktisch durchgeführt wird und die Juden den anderen Minoritäten gleichgestellt, d. h. als nationale Minderheit anerkannt werden. Aus Czernowitz: Die Blätter melden, daß das Kultusministerium den jüdischen Gemeinden und Rabbinaten das allen anderen Konfessionen gewährte Recht auf Portofreiheit für ihre Korrespondenzen entzogen hat. Auf Grund dieser Verfügung hat die Zentralpostdirektion alle Postämter telegraphisch verständigt, daß keine unfrankierte Korrespondenz seitens der Kultusgemeinden und Rabbinate entgegengenommen werden darf. Aus Bukarest: Aus Anlaß des Ende Jänner in St. Severin stattfindenden Studentenkongresses Hakoah siegt auds hu IH* und 12« FrankreicfuSpiel Nachdem Hakoah den S. C. E 10 i 1 c überlegen mit 10:0 abfertigte, trat sieinLeHavro gegen den dortigen Fußballklub zu ihrem letzten Spiele in Frankreich an. Es hatte sich eine Rekordzuschauermeuge von über 8000 25usehern eingefunden, dio Hakoah mit einem großartigen Spiel restlos begeistern konnte. Ohne Mühe und unter ständiger TJcberlcgenheit siegte dio jüdische Mannschaft 3:0. Die Tore erzielten Mausner (2) und Ehrlich. Mit diesem Spiel hat Hakoah ihre Wintcrrclsc abgeschlossen. Die jüdische Mannschaft trug innerhalb von vier Wochen zwölf Spiele aus und konnte acht davon siegreich beenden. Vior Spiele endeten unentschieden« Hakoah trifft heute in Wien ein. Konzert Büda§dbey Mu§ik Der sich gestellten Aufgabe eingedenk, der Propaganda des .Wortes die der Tat folgen zu lassen, hat Joachim Stutschewsky das Programm des letzten Konzerts jüdischer Musik durch einige Uraufführungen bereichert. Kompositionen von Stillmann, Kreiu, Milner und vornehmlich Joel Engel sind in den jüdischen Wiener Musikkreisen bereits populär geworden, ebenso wie die Namen der Ausführenden Hanna Schwarz, Robert Spitz, Hans Lewitus, Elsy Stein, Lotte Hammerschlag und E. G a r a. Der ausschlaggebende Impuls geht von Israel Brandmann und Joachim Stutschewsky aus, die als Komponisten wie ausübende Musiker aus dem Wiener jüdischen Musikleben nicht mehr wegzudenken sind. Brandmanns Palästinensische Weise und Stutschewskys Kinah und Meditation Chassidlque als Uraufführungen fanden ein begeistertes Publikum. Im nächsten Konzert erwarten wir nunmehr auch Namen von Komponisten, die In jüdischem Rahmen bisher nicht zu hören waren, rd. Wlnterfahrten ins Sonnonland. Wenn die Winterszeit ihren Höhepunkt erreicht, wird die Sehnsucht nach sonnendurchfluteten Ländern übermächtig. So sind denn auch das Ziel der Sonderfahrten der „Italia - Cosulich" Aegypten und Palästina, die Länder ältester und neuester Kultur. Die Vereinigten Flotten Italiens setzen Ihren Stolz darein, für diese Fahrten ihre allererste Garnitur von Ozeanriesen zu verwenden: „Conte di Savoia", „Roma" und „Vulcania", aus dem Luxusdienst nach Nordamerika dem internationalen Publikum wohlbekannt. Auskünfte über diese überaus preiswerten Fahrten (von S 420 aufwärts), die schon am 22. Februar beginnen, bei der Generalagentur der „Italia-Cosulich", Wien, I., Kärntnerring 6. . E irf Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei- und Verlags-A.-G. Ignaz Steinraann, beide Wfte% EX., Universitätestraöe t.

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