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Die neue Welt · 1934-01-16 · Heft 332 (16.1.1934) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 332 (16.1.1934)
Date
1934-01-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 332 DIE NEUE WELT Seit«! Residenz Detroit war eine Hochachule für Antisemitismus, an welcher an die hundert Agitatoren aus aller Herren Länder auf seine Kosten, Reisespesen und volle Verpflegung mitmbegriffen, „studierten". In Millionen Exemplaren und zwanzig Sprachen versendete er „Die "Weisen von Zio n", ebenso sein Buch „Der internationale Jude", noch heute ein wichtiger Behelf im Dritten Reich, und sieben Jahre hindurch gab er sein blutrünstiges, antisemitisches Hetzblatt „The D c a rborn Independent" in einer Millionenauflage heraus. Die amerikanischen Juden wehrten sich und boykottierten die Ford-Automobile. Im Jahre 1927, als die allgemeine Konjunktur abwärts zu gehen begann und fiuch Ford daran glauben mußte, überlegte er sich die Sache und sagte sich, in gutbezahlten Riesenannoncen, vom Antisemitismus los. Der Mann, der Millionen und Millionen Dollars, vollwertige, für eine Welthetze gegen das Judentum verausgabt hat, erklärt jetzt, nie einen Cent für antisemitische Zwecke gegeben zu haben. Und es finden sich Zeitungen, auch jüdische, welche so etwas widerspruchslos abdrucken. Wieviel mag das kosten? Als größter Fabrikant aller Zeiten ist Herr Ford seit langem bekannt, jetzt ist er es auch als ebenso großer Lügner. Bernard Shaw/ Hiflei und Einstein Aus London : Auf eine Rundfrage des hitlerfreundlichen Prinzen Karl Anton Rolian, Herausgeber der „Europäischen Revue", Uber die Wirkung des Austritts Deutschlands aus dem Völkerbund antwortete George Bernard Shaw, er bewundere Hitlers Manöver, sonst habe er ernsteste Gründe zu einer Gegnerschaft gegen die Nazi-Regierung. Mein Erfolg in Deutschland, schreibt Shaw, beruht auf jüdischem Wagemut und jüdischem Kunstenthusiasmus. Mein Freund Einstein ist eine Persönlichkeit von solcher Weltbedeutung-, daß ich hoffe, der Kanzler Hitler werde ihn nicht nur rehabilitieren und sich bei ihm entschuldigen, sondern ihm auch eine S t r a d ivari-Geige in einem goldenen Geigenkasten und eine reich ausgestattete Villa zum Geschenk machen! (Bekanntlich wurde Einsteins gesamtes Vermögen in Deutschland samt Villa und wertvoller Geige beschlagnahmt. Die Red.) Meine Bücher sind in Deutschland tabu, meine Stücke werden in den Theatern ausgezischt, wobei gerufen •wird: „Nieder mit dem Juden Shaw!" Anscheinend glaubt Hitler, daß die Iren ein verlorener Stamm Israels sind. Wir dürfen nidht sdhweHgeeif Auf einem von Frau Anthony de Rothschild in London veranstalteten Frühstück zugunsten der geflüchteten deutsch-jüdischen Frauen und Kinder sagte der aus Deutschland vertriebene Schriftsteller Lion Feuchtwange r: Viele der in Deutschland gebliebenen Juden müseen, um nicht den Verstand zu verlieren, ihre Augen vor dem, was um sie herum geschieht, verschließen. Wen sie auch mit eigenen Augen gesehen haben, wie hunderte ihrer Brüder getötet, ins Gefängnis geworfen, gemartert und unsagbar gedemütigt wurden, müssen sie so tun, als wenn nichts geschehen wäre. Viele sind sich bereits dessen bewußt geworden, daß die deutschen Juden dem Untergang geweiht sind. Gut informierte Politiker schätzen die Zahl der Hitler- Anhänger auf kaum ein Drittel der Bevölkerung. Aber dieses Drittel hat die Ausrottung der Juden beschlossen; denn dieses Ziel ist das einzige im ganzen Nazi- Programm, dessen Durchführung im Bereich der Möglichkeit liegt. Ich allein habe in den ersten Monaten der Nazi-IJarrschaft sechs gute Freunde durch Mord, Ver£.tü.vnmelungsmord und Selbstmord verloren. Kein des Mordes an einem Juden Schuldiger wurde bisher bestraft. Wir besitzen bereits dokumentarische Belege über 377 Fälle, in denen Juden entweder von Nazis getötet wurden oder infolge Marterung Selbstmord verübt haben. Bestraft aber wurde bisher nur ein einziger württembergischer SA.-Mann mit vier Tagen Gefängnis. Unter dem Druck des Auslandes ist ein Abflauen der Mordstimmung zu bemerken, dafür hat der „trockene Pogrom" eingesetzt, man läßt die Juden nicht leben. Die deutsches: Juden flehen uns an: seid still, wir sind eine haibt Million Geiseln in den Händen der Nationalsozialisten, was immer im Ausland gegen die Hitler-Bewegung unternommen wird, wir sind die Leidenden! Die meisten Juden haben nicht die Möglichkeit, aus Deutschland heriuszukommen, sie sind um ihre letzte Habe gekommen und das Ausland schließt seine Tore vor ihnen ab. Aber sollen wir darum schweigen? Das wäre der falscheste Weg. Es ist hoffnungslos, eine Verständigung mit den Nazis zu versuchen; die einzige Sprache, die sie verstehen, ist die der Gewalt. Man muß darum handeln, auch wenn vorübergehend dies die deutschen Juden hart treffen sollte. Denn es geht nicht allein um die Juden Deutschlands, sondern um die Juden der ganzen Welt. Feuchtwanger appellierte zum Schluß an die Anwesenden, daß sie daran mitwirken, wenigstens die Hilflosesten, die Kinder, die am meisten dem Gift ausgesetzt sind, das ihre Seelen zerstören könnte, aus der deutschen Hölle zu retten." Professor Artur Wolf. Der Wiener Musikpädagoge, Dirigent und Komponist Artur Wolf, ist vom österreichischen Bundespräsidenten durch die Verleihung des Titels „Professor" ausgezeichnet. Diese Auszeichnung wird vom jüdischen Publikum freudig begrüßt, denn Professor Artur Wolf ist eine ganz hervorragende Erscheinung in, jüdischen Kunstleben und hat sich speziell auf dem Gebiete der jüdischen Musik unvergängliche Verdienste erworben. Jiidi§cher Hoch§chulaus§chuR/ Wien (Exekutive des Gesamtverbandes jüdischer Hochsohüler Oesterreichs „Judäa") Donnerstag, den 18. Jänner, um 8 Uhr abends fin<M Pin allgemeiner >S t u d e n t e n t n g der „Judäa" statt. Es sprechen: Oberbaurat Robert Stricker: Die gegenwärtige Lage des Judentums. Koll. Josef Frankel: Die hebräische Universität. Dr. Fr. Morgenstern: Probleme und Aufgaben der „Judäa". Antijüdische Hetze in Serbien Aus Belgrad: In der südserbischen Stadt B i t o 1 j (Monastir) ist es zu antisemitischen Ausschreitungen gekommen. Eine Gruppe von jungen Leuten drang in mehrere Kaffeehäuser ein und überfiel dort unter antisemitischen Ausrufen jüdische Gäste. Die Behörden haben Maßnahmen getroffen, um ähnliche Vorfälle in Zukunft zu verhindern. Gleichzeitig mit diesem Bericht schreibt uns ein Leser aus Serbien: ,,. . . Man liest in jüdischen Zeitungen, daß Serbien vom Antisemitismus frei sei. Das stimmt leider nicht mehr, seit von Hitler-Deutschland aus hier eine systematische antisemitische Propaganda betrieben wird. Insbesondere zwei Zeitungen, welche von Deutschland bezahlt und weit unter den Gestehungskosten verkauft oder umsonst verbreitet werden, leisten sich eine blutrünstige Hetze. Es sind dies die serbische „Mali novini" in Belgrad und die kroatische „Sensacija" in Zagreb (Agram)." clhhgmu^Ji und AhkUupjp 4M^Sb*bUi*cAjtffa mi^niüqaiPli&um^ ^v^M^mm mim > -M^^ Jf-Kjijfi 1 fn,/i-i '?J-3 /Sv. j „Conte dl Sarola", vom 22. Fabruar bia 7. Mira: Genua, Neapel. Haifa (Jerusalem). Fort Said (Kairo), Athen, Neapel, Oenua. „Roma", vom 22. Februar bia 11. MIrz: Neapel, Athen, Istanbul, Rhodus, Halft (Jerusalem), Port Said (Kairo), Haifa, Neapel, Oenua. „Vuleanla", vom 21. MIrz bia 9. April: Ostern in Palästina Neapel, Palermo, Athen Haifa, Port Said, Haifa, Rhodos Patraa. Palermo, Neapel, Oenu.i. , Roma", vom S. April bis 23. April: Messe in Tel-Avlv Genna, Neapel, Taormina, Malta, Half«, Port Said, Rhodos, Athen, Neapel. „Vuleanla", vom 2. Mal bia 20. Mal: Messe In Tel-Avlv Neapel, Palermo, Athen, Beirut, Haifa, Port Said Haifa, Rhodos, Patra*, Palermo, Neapel, Cannes. Fahrpreise für die ganze Seefahrt inliluslve Verptleßti g u. Kabine ab S 430«— # ^LW^wi^c^TäCW LINE .»"• I.UttRNTNtftniNG 6 - TEL < U *»7-5 bO 32 jüdische Professoren aus Deutschland in Kon» stautinopel Aus Konstantinopel: Von 150 Lehrstellen, welche die neue türkische Universität in Konstantinopel errichtet hat, wurden 32 an deutsche Juden verliehen. Das monatliche Gehalt beträgt 500 türkische Pfund (zirka 2000 Schilling). Die Regierung hat die Verträge mit den Professoren für die Dauer von fünf Jahren abgeschlossen. Unerquickliches um die Wiener Judengememde < Keine Ehrentage! Vor zwei Tagen wurde nach langer Verhandlung ein Beamter namens Popper, der bei der Wiener Kultusgemeinde einen hohen Vertrauensposten bekleidete, wegen jahrelang fortgesetzter Betrügereien im Amte verurteilt. Die Verteidiger und die Zeugen, in der Mehrzahl Beamte der Gemeinde, sprachen stundenlang über fahrlässiges Gebaren im Gemeindehaushalte, Kontrollosigkeit, Cliquenherrschaft von befreundeten und verwandten Beamten, pflichtwidriges Verschweigen von Verfehlungen aus Furcht vor Cliquen etc. Im Urteile wurde dem Angeklagten als Milderungsgrund der Mangel an Kontrolle angerechnet, welche zur Zeit seiner Amtsführung im Gemeindehaushalte geherrscht hatte . . . Die Tage dieses Gerichtes waren keine Ehrentage der großen, angesehenen Wiener Judengemeinde. Einen Lichtblick bedeutete die Feststellung des Gerichtsvorsitzenden, daß die derzeitige Leitung der Gemeinde für ausreichende Kontrolle gewissenhaft sorgt. Es ist Pflicht aller Gemeindemitglieder, der Leitung hiebei moralisch beizustehen. Die Reste einer „patriarchalischen" Periode wegzuräumen, in welcher die Freunde- und Verwandtenwirtschaft im Apparat der Judengemeinden als eine geradezu selbstverständliche Sache geduldet wurde, ist keine leichte Aufgabe. Eine Lumperei Ein anderer Vorfall aus jüngster Zeit zeigt, daß die Judengemeinde in Hinkunft nicht nur die fachlichen, sondern auch die jüdischen Qualitäten der Stellenwerber sorgfältig wird prüfen müssen. Die Judengemeinde darf kein Sprungbrett für Austrittler und Täuflinge sein. Der Spezialist für Urologie und Primarius des kaufmännischen Spitals, Dr. L i c h t e n s t e r n, ist aus dem Judentum ausgetreten. Dieser Dr. Lichtenstern war sechg Jahre Sekundarius und Assistent am Spital der Judengemeinde gewesen. Vor Dutzenden Bewerbern hat man ihm den Vorzug gegeben und im Judenspital wurde er ausgebildet, dort hat er sich seinen Ruf geschaffen und einen großen Kreis von jüdischen Patienten aus aller Welt gewonnen. Dieser Mann, der dem Judentum also seinen Ruf und sein Vermögen dankt, ist jetzt unter dem schäbigen Vorwande ausgetreten, daß seine Kultussteuer um dreihundert Schilling (!) zu hoch bemessen sei. Der Mann hat Häuser, Villen und Autos. Vorgestern ließ er noch durch Tageszeitungen berichten, daß er in den Prunkräumen seines Heims rumänische und polnische Prinzen und österreichische Erzherzoge bewirtet hat. (Die Rechnung für Kaviar dürfte mehr als dreihundert Schilling ausgemacht haben.) Diesen Fall sollen sich die jüdischen Patienten merken und die Judengemeinde soll alles tun, um eine Wiederholung nach Möglichkeit zu verhüten. Bei Bewerbern um Stellen der Judengemeinde darf künftighin nicht nur die „fachliche" Eignung geprüft werden. Es muß auch geprüft werden, ob der Lebenslauf des Bewerbers Gewähr dafür gibt, daß er ein bewußter, treuer Jude ist. Aus Jerusalem, lß. Jänner: Soeben hat die Regierung eine Verordnung über kommunale Selbstverwaltung (Genieiiuleräte) in Kraft treten lassen. Vorläufig werden in 28 Orten Gemeinderäte gewählt werden. Der High Commissloner setzt die Zahl der Räte in jeder Gemeinde fest. In Jerusalem und Haifa kann er zwei Räte ernennen. Er ernennt auch die Bürgermeister und Vizebürgermeister aus der Reihe der Räte und kann sie jederzeit absetzen. Mit Ausnahme von T e I - A w i w liat jeder männliche palästinensische Bürger von 25 Jahren aufwärts Stimmrecht und von SO Jahren aufwärt» auch passives Wahlrecht, letzteres aber mir, wenn er in der Gemeinde für unbewegliches Eigentum mindestens 1 Pfund Steuern jährlich oder mindestens 2 Pfund an Gemeindeabgaben jährlich leistet. In T o I - A w-4 w haben auch Frauen, ebenso wie Männer, von 25 Jahren aufwärt« aktives und passive» Wahlrecht. Die an sich zu billigende Verordnung gibt der Judenschaft zu Befürchtungen Anlaß. Im Vorjahre hat der High Commissloner vor dem Völkerbund erklärt, daß nach Regelung der Gemeindeordnung der Legislative Council (Parlament) errichtet werden wird. Ein Parlament mit arabischer Majorität wird von den Juden aller Richtungen als Bruch des Mandats und Gefahr für das jüdische Aufbauwerk angesehen. Judenpässe werden eingezogen Aus Paris: Das „Pariser Tagblatt'* meldet aus Deutschland, daß, nachdem ab 1. Jänner 1934 die Ausreisesichtvermerke abgeschafft wurden und jeder Inhaber eines deutsehen Fasses frei ins Ausland reisen kann, die Behörden in Bingen am Rhein sämtlichen jüdischen Einwohnern der Stadt die Pässe abnahmen, um sie zu hindern, ins Ausland zu gehen. In Paris erregt es Aufsehen, daß Flüchtlingen aus Deutschland, die sieh auf dem deutschen Konsulat wegen irgendeiner Auskunft einfanden, kurzerhand die Pässe abgenommen wurden. In mehreren Fällen wurden jüdische Flüchtlinge unter irgendeinem Vorwand zum Konsulat geladen, wo man ihnen die Pässe abgenommen und ungültig gemacht hat. Sdläditen — zwei Monate Gefängnis Aus Wiesbaden: Trotz Verbotes schächtete der jüdische Metzger Ludwig Frohwein in Hochheim a. M. unter Hilfeleistung seines Vaters Salomon noch bis Mitte August 1933. Wegen dieses „schweren Verstoßes gegen die gesetzlichen Bestimmungen" erhielt Frohwein eine Strafe von zwei Monaten Gefängnis, sein Vater eine solche von sechs Wochen. In der Verhandlung vor der Strafkammer suchten die Angeklagten ihre Handlungsweise mit ihrer streng mosaisch-religiösen Einstellung zu entschuldigen. Der Staatsanwalt betonte demgegenüber, daß sich die Angeklagten eines schweren Verstoßes schuldig gemacht hätten, da sie ein fremdes Recht, nämlich den Talmud, über deutsches Gesetz stellten. Eine neue Spezialität Aus Berlin: Bekannt sind die Maßnahmen der Vereinigten Staaten Amerikas und einiger europäischer Staaten, so zuletzt Hollands, gegen die von deutschen Emissären organisierte antisemitische Hetze. Nunmehr Ist man in Deutschland zu einem anderen System übergegangen: Man organisiert die in Deutschland lebenden Angehörigen fremder Staaten im antisemitischen Sinne und will auf diese getarnte Weise den urdeutschen Antisemitismus exportfähig machen. Sonntag fand im Lehrer-Vereinshaus zu Berlin eine Werbeversammlung der unter der Aegide des Reichspropagandaministerivuns gebildeten ./Nationalsozialistischen Niederländischen Arbeiterpartei" statt. Der Leiter, Major K r u y t, gab als Zweck der Versammlung die Errichtung einer Ortsgruppe Berlin an. In der Einladung, die auch in Deutschland lebenden holländischen Juden — offenbar in Unkenntnis ihrer Zugehörigkeit zum Judentum — zugegangen ist, hieß es: „Es spricht Kreisleiter Duinker, Essen, über das Thema: Nationalsozialismus und die Juden in Holland. Es ist Pflicht eines jede» national denkenden Holländers von arischer

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