Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 332 (16.1.1934)
- Date
- 1934-01-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 332 Taufschein . .! Und die Verlassung? //., TABORSTR.46 drängen lassen. Wir sollen täglich angstschlotternd die Gerichtssaalrubrik studieren, ob nicht, Gott behüte, ein jüdischer Name darin zu finden ist. Dann sollen wir flehen: „Um Himmelswillen, ihr lieben Herren Nichtjuden, verallgemeinert nicht. Es gibt ja auch anständige Juden! Wir sollen beständig die eigenen Lumpen verstecken, verkleinern und reinwaschen und die gesellschaftlichen Senkgruben der anderen Völker durchschnüffeln, ob da nicht mehr und noch ekelhaftere Zuchthauspflanzen zu finden sind. Wir haben dasselbe unverbrüchliche Recht auf Lumpen wie alle anderen. Begeht ein Jude ein Verbrechen, mag der Richter sprechen. Wir aber sind es niemandem schuldig, uns mit großer Fluchgebärde von ihm abzuwenden, zu beweisen, daß wir nicht mitschuldig sind. Wir sind auch nicht verpflichtet, für jeden jüdischen Gauner mit zwanzig arischen Schwerverbrechern aufzuwarten, für jedes jüdische Lümpchen mit zwanzig christlichen Erzlumpen. Wir sind verpflichtet und gewillt, das sittliche und geistige Niveau unseres Volkes immer zu halten und zu heben. Wir tun es zum Heile unseres Volkes im Dienste der Menschheit. Nicht wegen der vergleichenden Verbrecherstatistik, nicht unter der Fuchtel der Antisemiten, nicht aus Furcht vor ihnen. Stawisky — ein Jude? Soll er einer sein! ■Y- Das muß gesagt werden und noch eines: Jahrtausende hindurch wird das jüdische Volk mißhandelt, entehrt, in den Kot getreten. Die Mitwelt tut nichts, um es vor dem Aergsten zu schützen. Trotz aller Scheußlichkeiten setzen sich Minister und Diplomaten mit Herrn Hitler und seinen Leuten an den Tisch, als ob nichts geschehen wäre. Darf eine solche Mitwelt darob verwundert, darob entrüstet sein, daß aus dem gequälten Volke Rebellen hervorgehen, zu allem entschlossene Rebellen gegen die politische und wirtschaftliche Ordnung? Setzt doch ein anderes Volk unter die gleichen Bedingungen wie das jüdische! Wohin wird es seelisch geraten? Theodor H e r z 1, der Wiedererwecker der jüdischnationalen Idee und Schöpfer des Judenstaatszionismus, hat immer und immer darauf hingewiesen, daß die ungelöste Judenfrage eine schwere Krankheit ist, nicht nur der Juden, sondern der ganzen Kulturwelt. Sie muß geheilt werden. Das ist ein Problem. Stawisky ist keines. Robert Stricker. Verein Wir unentgeltlichen Arbeitsnachweis Wien, II., TaborstraJJe 59 (Tel. A-42-3-16) Jüdische Arbeitnehmer .suchen Beschäftigung als: Anstreicher, Bürokräfte aller Art, Elektrotechniker, Diener, Hausgehilfinnen, Hilfsarbeiter, Handwerker, Lageristen, Manioulanten, Schneider, Verkäufer, Wirtschafterinnen usw. Jüdische Arbeitgeber, fordert euren Bedarf an Arbeitnehmern bei obigem Verein an! Vor kurzem haben wir berichtet, daß der von der österreichischen Regierung für den renommierten Weltkurort Badgastein eingesetzte Kommissär Herr Del-Negro die freie Stelle eines Kurdirektors in v r rfassungswldriger Weise ausgeschrieben hat. In der Kundmachung wurde von den Bewerbern die Beibringung eines Taufscheines und der Nachweis der deutschen Volkszugehörigkeit gefordert. Damit waren jüdische Staatsbürger von der Bewerbung ausgeschlossen. Auf Grund unserer Meldung hatte die „Jüdische Volkspartei Oesterreichs" in einer an den Regierungskommissär von Badgastein gerichteten Zuschrift Vorstellungen erhoben und die Aenderung der verfassungswidrigen Ausschreibung gefordert. Sie hat uns die Zuschrift und die Antwort zur Verfügung gestellt. Die Zuschrift lautet: „Wien, 5. Jänner 1934. An den Herrn Regierungskommissär für Badgastein. In der a in t- 1 i o h en Ausschreibung für den Posten eines Kurdirektors von Badgastein wird vom Bewerber die Beibringung des Taufscheines und der Nachweis der deutschen Vol k szu gehör ig keit gefordert. Die Gefertigte erlaubt sich höflichst darauf aufmerksam zu machen, daß diese Art der Ausschreibung den Bestimmungen der österreichischen Verfassung, wonach die Bewerbung von öffentlichen Stellen allen Staatsbürgern ohne Ansehen der Konfession oder Itasse offenstehen muß, widerspricht. Die Gefertigte ersucht daher um Aenderung der amtlichen Ausschreibung in diesem Sinne und zeichnet in Erwartung eines Bescheides mit vorzüglicher Hochachtung: Für die Jüdische Volkspartei Oesterreichs, Oberbaurat Robert Stricker, Obmann." Die Antwort: Gemeindeamt Badgastein, 8. Jänner 1934. An die Jüdische Volkspartei Oesterreichs. Wien I. In Erwiderung Ihrer gesch. Zuschrift vom 5. Janner 1934 erlaube ich mir mitzuteilen, daß der Nachweis der Deutschen Nationalität (zu deutsch Volkszugehörigkeit), womit kein Rassebegriff verbunden ist, hierzulande allgemein üblich ist, wie Sie sich zum Beispiel aus der Kundmachung des Landeshauptmanns von Salzburg über die Ausschreibung einer Arztensstelle überzeugen können, die wie die fragliche hiesige Kundmachung auf Seite 1 der amtlichen Salzburger Landeszeitung vom SO. Dezember 1933 enthalten Ist. Zu einer Aenderung (Ergänzung) der hiesigen Kundmachung reicht die Zeit nicht mehr hin, übrigens wurde die Kundmachung in einer Beratung sämtlicher Beiräte der Gemeinde Badgastein Bedarf an jüdischen Hieben gedeckt Die Niederlage, welche sich der frühere Weltboxmeister, der Deutsche Max Schmeling im Kampfe gegen den amerikanischen Juden Max Baer vor Jahresfrist geholt hatte, wurde in Hakenkreuz-Deutschland als ein schmachvoll verlorener Krieg empfunden, als Nationalunglück. Nun fügt es sich tückischerweise, daß alle Sterne am amerikanischen Boxhimmel jüdisch sind. Wenn also Herr Schmeling überhaupt drüben kämpfen will, muß er wieder gegen einen Juden antreten. Dazu wird uns aus Berlin geschrieben: Wie die hiesige Sportpresse meldet, ist der für Mitte Februar angesetzte Kampf zwischen Max Schmeling und dem amerikanischen Schwergewichtsboxer King Levinsky im Stadion von Chikago abgesagt worden. Schmeling erklärte, daß er gegen einen Juden nicht antreten werde, der Vertrag sei ohne seine Zustimmung abgeschlossen worden. Ob Schmeling diese Erklärung freiwillig abgegeben hat oder auf höheren Befehl, es steht fest, daß Schmeling und mit ihm Deutschland auf die Wiedererlangung des Weltmeistertitels damit verzichten. Denn der Weg zum Titelhalter, dem Juden Max Baer, geht über den aufstrebenden jungen jüdischen Boxer King Levinsky, der Sharkey und Mac Corkondale überlegen abfertigte und jetzt gegen den englischen Schwergewichtler Larry Gains nach London verpflichtet ist. Allerdings bemüht man sich in gewissen sportlichen Kreisen, das Duell Schmeling—Levinsky doch zu ermöglichen. Man will eben auf das große deutsche Boxgeschäft nicht verzichten. Jetzt entsteht die Frage, ob sich unter den gegebenen Verhältnissen ein Jude dazu hergeben soll, gegen den Hitler-Liebling anzutreten. King Levinsky — nicht zu verwechseln mit Battling Levinsky, dem Weltmeister im Halbschwergewicht der Jahre 1916 bis 1920 — heißt eigentlich Harry Krakow und stammt aus Polen. Von Beruf ist er Fischgroßhändler — deshalb führt er in Boxkreisen den Namen „kingfish" (Fischkönig). Bekannt wurde Levinsky bereits im Jahre 1931, als er den ehemaligen Weltmeister Tommy Loughran, der ursprünglich als nächster Gegner für Schmeling aufgestellt war, in zehn Runden schlug, wobei er seinen Gegner mehrmals auf die Bretter schickte. 1932 besiegte Levinsky sogar P a o 1 i n o, verlor jedoch gegen Max Baer, Carnera und andere Spitzenkönner. Seinen letzten Erfolg erzielte er vor einigen Wochen, als er den Exweltmeister Sharkey entscheidend schlug. Durch diesen Sieg ist Levinsky, der 1932 noch an vierter Stelle der Weltrangliste geführt wurde, nach Meldungen des amerikanischen Fachblattes und offiziellen Organs „The Ring" an zweiter Stelle gleich nach Max Baer nominiert worden. Levinsky ist in Amerika als der härteste Schläger bekannt. und der Kurkomniission Badgastein, unter denen all« derzeit, erlaubten Parteien vertreten sind, festgesetzt, ohne daß von irgend einer Seite oin Bedenken gegen eine Stelle des Textes erhoben worden wäre. Der Regiemngskommissär für die Gemeinde Badgastein: Del-Negro. Diese Antwort verdient festgehalten zu werden. Ueber die Angelegenheit „Tauf schei n" geht der Herr Regierungskommissär mit großartigem Schweigen hinweg. Die Gesetzwidrigkeit der von ihm gezeichneten Ausschreibung kann er nicht leugnen und entschuldigt sie mit dem Hinweis darauf, daß auch der Landeshauptmann von Salzburg gegen das Gesetz verstoßen hat! Er stellt die Gesctzesverletzung als eine „allgemein übliche" Sache dar. Die Forderung auf Aenderung der Ausschreibung im Sinne des Gesetzes lehnt er ab, weil die Zeit nicht reicht. (Nebenbei bemerkt, ist die fragliche Stelle bis heute nicht besetzt, also kann sie am 5. Jänner gewiß nicht besetzt gewesen sein.) Schließlich beruft sich der Herr Regierungskommi3sär darauf, daß die Vertreter der politischen Parteien nichts gegen die Form der Ausschreibung eingewendet, ihn also, wie er meinte, zu einer Gesetzesverletzung ermächtigt hätten. Die Frage, wie die Parteienvertreter und wie insbesondere die sozialdemokratischen Vertreter dazugekommen sind, eine solche Ausschreibung gutzuheißen, ist interessant, aber nicht entscheidend. Entscheidend ist der Wortlaut! der Verfassung, nach der keinem Staatsbürger wegen seiner Religion oder Abstammung die Erlangung von, öffentlichen Stellungen und Aemtern verwehrt werden darf. Diese Verfassung hat der Herr Regierungskommissär mit Diensteid beschworen, er darf sie nicht verletzen* Wie wir erfahren, will die Leitung der Volkspartei die Angelegenheit den maßgebenden Regierungsstellen vorlegen. c Der Fall ist auch von einem anderen Gesichtspunkt beachtenswert. So schreibt eine Wiener Tageszeitung mit Bezug auf die von uns aufgerollte Angelegenheit: „Gastein ist unser einziger, wirklich internationaler Kurort, der Weltkurort Oesterreichs. Es wäre schade, wenn sein Fremdenverkehr unter den Nazibestrebungen der Kurkommission oder einzelner Hoteliers leiden müßte. Das Spiel kann für den Kurort gefährlich werden." Zum Tode Jakob Wassermanns Ein intimer Freund des plötzlich gestorbenen; Dichters erzählt unter dem Motto „Die Hinrichtung; Jakob Wassermanns" in einem Prager Blatt u. a< wie folgt: „Die deutschen Verleger erhielten kürzlich vom Leipziger Börsenverein für den deutschen Buchhandel di€i Aufforderung, bestimmte Autoren nichtmehrzu verbreiten. Veranlaßt war diese Aufforderung vom Kampfbund für deutsche Kultur, und den Verlegern wurde für Veröffentlichung dieser Maßnahme Strafe angedroht. Die Verleger faßten sie als Verbot ihrer Autoren! auf, obgleich das Schreiben nicht von einer Behörde kam, Nach ihren Erfahrungen wußten sie, daß das Verbot diesmal auf einem Umweg erfolgte, um weniger Aufsehen zu erregen. Unter den verfehmten Autoren befand sich auch Jakob Wassermann. Er empfand dies als einen besonders bösartigen Schlag. Er trug schwer genug an den neuen Zuständen in Deutschland, so schwer, daß er an Herzbeklemmungen litt ... Er hielt sich für eine deutsch-jüdische Mischung, und sein Werk war ein offene» Bekenntnis dazu, mit einer Hinneigung zum Deutschtum. Er hegte die Anschauung, daß daa Judentum ihm Vergangenheit und Erbe sei, das Deutschtum aber Gegenwart und Wirkungafeld. Jakob Wassermann fühlte den Boden des geliebten Deutschland unter seinen Füßen schwinden. Er empfand den Boykott seiner Bücher als Hinrichtung. Der Herzschlag, der ihn tötete, war kein Zufall." * Die Erkenntnis, daß die Assimilation eine Lüge, daß es für den Juden unmöglich ist, in die Familie anderer Völker einzudringen, einer der „Ihren" zu werden, wirkt sich auf die Assimilationsjuden verschieden aus. Die wenig wertvollen — und das sind die ungeheuer vielen — schließen rasch die Augen, verstopfen sich die Ohren, waten weiter durch den Schlamm der Verachtung, verharren in fruchtloset! Zudringlichkeit an die anderen. Die wenigen mit Eigenleben und Eigenwillen zerbrechen an der furchtbaren Wahrheit, daß ihr Schritt vom jüdischen Volkstum weg ein Weg Ins Leere, in den Abgrund war. Jakob Wassermann war einer dieser. Den Weg zurück über die Enttäuschung zum jüdischen Volk finden nur wenige, seht wenige. Das kurze Gedächtnis eines großen Herrn „Ich bin kein Judenfeind. Die Juden füllen ihren Platz in der sozialen Struktur der Welt ehrenhaft aus. Ich habe jüdische Geschäftsfreunde, jüdische Kunden... Ich habe niemals, weder direkt noch indirekt, auch nur einen Cent für antisemitische Zwecke beigesteuert." Ausgerechnet Henry Ford gibt im „New York Evening Journal" diese Erklärung ab. Man muß schon sagen, der Mann versteht sein Geschäft. In den, Jahren 1919 bis 1922 entfaltete Ford eine antisemitische Prop*» ganda in bis dahin unerhörten Dimensionen ** Woof! RUNDSCHAU