Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 331 (12.1.1934)
- Date
- 1934-01-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 331 aber müssen wir Protest erheben gegen die ungerechten und lieblosen Verallgemeinerungen, mit denen man kurzerhand „die Juden" verantwortlich machen will für alle Krankheitserscheinungen an unserem Volkskörper." ..Weder die Zahl noch die wirtschaftliche Stellung noch auch der geistige Einfluß der Juden in der Schwei?: ist derart, daß man von einer drohenden Verjudung unseres Volkes sprechen und daraus den Vorwand für einen Feldzug des Hasses und der Verleumdung ableiten dürfte gegenüber Menschen, die zum großen Teil unsere Mitbürger sind, die alle ihre Bürgerpflcihten ebenso treu und loyal erfüllen wie andere Schweizer und die uns Christen in der Ehrfurcht und Pietät gegen die Eltern und in der Fürsorge für ihre Armen, ihre Alten und Kranken gelegentlich sogar beschämen." ,,Um der Liebe Christi willen, die alle Rassenunterßchiede überwindet und uns lehrt, uns als Kinder des einen Vaters zu betrachten, bitten wir unser reformiertes Volk, es möge sein Herz allen Gefühlen des Rassen- und Religionshasses verschließen und Gerechtigkeit Üben auch dem Volke gegenüber, das, als die Zeit erfüllt war, der Welt den Erlöser geschenkt hat..." Unterzeichnet ist der \ufruf vom Präsidenten des Kirchenrates Pfarrer J. R. Hauri und dem Sekretär Pfarrer W. Staub. * So erfreulich diese Kundgebung der protestantischen Schweizer Geistlichkeit ist, so zeigt sie anderseits, daß die antisemitische Propaganda in der Schweiz so groß und gefahrdrohend geworden ist, daß sie nicht mehr mit Schweigen übergangen werden kann. Der Hinweis auf Juden, welche die judenfeindliche Stimmung „gefördert" haben, bezieht sich auf die Sozialdemokraten und Kommunisten jüdischer Abstammung, welche zum Judentum größtenteils gar keine Beziehung mehr haben, deren Handlungen aber dem Judentum zur Last gelegt werden. Wie anderswo auch Traurige tihettogestalfen Der Umsturz in Deutschland hat es mit sich gebracht, daß wir ein neues Gesicht der deutschen Judenheit in ihren großen Teilen zu sehen bekamen — ein schöneres, besseres, würdigeres Gesicht. Viele deutsche Juden haben das Gefühl jüdischer Schicksalsgemeinschaft bekommen, und v/as das hundertjährige Bemühen um eine seelische Eingliederung in das deutsche Volk an der jüdischen Seele verschuldet hat, das beginnt abzufallen und einer natürlicheren Einsicht Platz zu machen. Die närrischen Gesten einzelner Gruppen, wie etwa der sogenannten nationaldeutschen Juden, wollen wir außer acht lassen. Aber es gibt noch andere, traurigere, beschämendere . . . In dem jetzt in ganz Deutschland vorgeführten Horst-Wessel-Film „Hans Westmar" wird u. a. auch ein jüdischer Kommunist gezeigt. Die Kommunisten haben einen sympathischen Vertreter bekommen, aber den Juden ist der Typ des anständigen Menschen vorenthalten geblieben. Es ist dies in einem Hitler-Film eine fast selbstverständliche Sache. Etwas anders allerdings sieht die Sache aus, wenn wir erfahren, wie der jüdische Kommunist dargestellt wird und wer ihn darstellt. In einem reichsdeutschen jüdischen Blatt lesen wir: „Der Darsteller der jüdisch-kommunistischen Figur zeichnet mit grob komödiantenhaften Mitteln eine Karikatur, die Grimasse eines Juden. Dauernd grinst er zynisch —■ er grinst, wenn er den Massen seine marxistischen Thesen vorspricht, er grinst, wenn er den Befehl zum Mord weitergibt. Die Doktorfrage erhebt sich: Konnten jüdische Kommunisten im Gegensatz zu nichtjüdischen in ernsten Augenblicken nicht ernst sein? Dieser Kommunist mauschelt nicht nur mit einer Verzerrung des Akzents, sondern auch mit den Händen, die er gespreizt an Nase und Stirn führt. Wenn nach einer Saalschlacht die Schupo den Saal geräumt hat, kriecht als letzter unter dem Rednerpult, von einer Fahne zugedeckt, dieser Redner des Abends hervor — und watschelt mit der mauschelnden Legitimation „Ich bin Reichstagsabgeordneter" davon. Der Darsteller dieser Figur wird nicht genannt. Will ihn die Nazipresse schonen? Nein. Denn er ist — Jude, Träger eines in der literarischen und filmischen Welt bekannten Namens. Er heißt Hugo D ö b 1 i n, ist der Bruder des Schriftstellers Alfred Döblin. Ueber einen zweiten Juden ähnlichen Kalibers erfahren wir folgendes aus Zürich: Am 22. Dezember hat sich bei dem Zürcher sozialistischen Rechtsanwalt Rosenbaum-Ducommun ein Flüchtling aus Deutschland polnischer Staatsangehörigkeit, der Geschäftsreisende Leizer Kaphan, gemeldet und folgendes zu Protokoll gegeben: Er hätte auf Anstiften des Grafen Helldorf mit van der Lübbe und zwei Nationalsozialisten an der Brandlegung im Reichstag mitwirken sollen, sei aber dann im letzten Augenblick, als die Gruppe bereits in den unterirdischen Gang im Reichstagsgebäude eingedrungen war, aus Angst entwichen und gleich darauf über die Grenze nach Polen geflohen. Er habe van der Lübbe 1928 in Holland kennen gelernt, die Freundschaft sei in Berlin fortgesetzt worden; van der Lübbe habe ihn in die Sache hineingezogen. Die Verhandlungen mit den Nationalsozialisten hätten in deren Hauptquartier in der . Hedemannstraße zu Berlin stattgefunden. Zwei Nazis, .' Schulz und Krause, hätten als Führer bei der Brandj «tiftung gedient. Er, Kaphan, sei anfangs September in j Jüdische Kolporteure j für zweimal wöchentlich erscheinende Zeitung g e s u c ht! Vorzustellen unter Vorweisung von Dokumenten wochentags von 9 bis 3 Uhr, Ii, Untere Augartenstraße 38, I. Stock O Innsbruck von einem Bekannten, dem er sich anvertraut habe, aufgefordert worden, der Polizei Mitteilung von seinen Kenntnissen zu machen. Er habe dies auch getan, sei aber in eine andere Angelegenheit in Innsbruck verwickelt und sechs Wochen in Haft behalten worden. Dabei hätte ihm der Untersuchungsrichter, ein Nationalsozialist, seine Dokumente, so vor allem einen Brief des Grafen Helldorf und zwei Photographien van der Lübbes, abgenommen. Kaphan erklärte sich bereit, seine Angaben vor dem Leipziger Gericht zu erhärten, falls ihm freies Geleit und der Schutz der polnischen Gesandtschaft in Berlin gewährt würden. Die Schweizer Presse will in den Behauptungen Kaphans einen Anhaltspunkt dafür finden, daß versucht worden sei, auch Juden in den Reichstagsbrandprozeß mitzuverwickeln, um den Brand als Signal zu einer jüdisch-kommunistischen Verschwörung hinstelk zu können. Jedenfalls bleibt es unbestreitbar, daß ein j ü d ischer Kommunist kein Bedenken trug, sich für die verbrecherische Teilnahme am Reichstagsbrand anwerben zu lassen und gegebenenfalls die 600.000 jüdischen Staatsbürger Deutschlands in höchste Gefahr zu bringen. Die Resultate der Assimilation sind furchtbar. An ihrem äußersten Ende stehen Figuren wie Hugo Döblin und Leiser Kaphan, herausgeschleudert aus jeder Gemeinschaft, traurige Ghettogestalten, zu jämmerlichem Scheitern verurteilt . . . Die Peftilsonsbewegung der Ziomsien*RevfsfoiHsten . Paris, 5. Jänner. Den ersten offiziellen.Schritt in der Petitionsbewegung bedeutet ein Schreiben, das die Weltunion der Zionisten-Revlsionisten dem französischen Außenminister, dem englischen Botschafter in Paris und allen Pariser Botschaftern und Gesandtschaften übergeben hat. Das Schreiben bezieht sich zunächst auf die unter dem jüdischen Volk durch die Verhältnisse in Palästina geschaffene Mißstimmung, die sich allmählich zu Aktionen gegen die Politik der britischen Bürokratie verdichtet hat, eine Politik, die entgegen den Mandatsbestimmungen die Entwicklung des jüdischen Nationalheimes zu vereiteln sucht. Im Petitionsbrief wird darauf hingewiesen, daß ungeachtet aller konstruktiven Erfolge der Juden, deren intensive Arbeitsleistung die Bewunderung der Welt erregt hat, der Anteil der Juden an der gesamten Bevölkerung Palästinas relativ zu sinken beginnt. Die Politik der Mandatsregierung, welche die jüdische Einwanderung nach Westpalästina einschränkt, den Juden den Zutritt nach Transjordanien verwehrt, aber einen dauernden und eingestandenermaßen unkontrollierten Zustrom transjordanischer Araber nach Palästina zuläßt, soll fortgesetzt werden. Ein solcher Zustand bedeute eine direkte und vorbedachte Verletzung der elementaren Grundsätze des Mandats. Die Politik der Mandatsregierung berufe sich auf die „Grenzen der wirtschaftlichen Kapazität Palästinas für die Absorbierung von NeueinwanCerern", berücksichtige aber nicht den Umstand, daß durch das ausgezeichnete jüdische Siedlermaterial und den Kapitalszufluß diese Kapazität unbegrenzte Möglichkeiten in sich schließt. Der Petitionsbrief macht weiters auf die Zurücksetzung des jüdischen Elements im Staatsdienst, bei der Durchführung öffentlicher Arbeiten und bei der Polizei aufmerksam und stellt fest, daß die Beamtenschaft in Palästina fast durchwegs von einem judenfeindlichen Geist beherrscht wird. Das jüdische Volk, heißt es weiter, kann diesen Zustand nicht länger ertragen. Es sieht die Zeit gekommen, da es seine Stimme zum Protest zu erheben genötigt ist und die Anklage offener systematischer und bewußter Verletzung des Mandats durch die Palästina- Verwaltung erhebt; da es sich genötigt sieht, eine Untersuchung, Revision und Wiedergutmachung zu fordern. Die Petition als solche, so wird erklärt, trägt keinerlei Feindseligkeit gegen irgendeine Nation. Sie hat den Zweck, das öffentliche Gewissen in Großbritannien, in dem Lande der Mandatarmacht, in der Weise zu erwecken, daß es von sich aus das Palästina- Regime als dem nationalen Prestige Englands untreu brandmarken wird. Dr. Hermann Kadfedi ge§forben Dr. Hermann Kadisch war einer jener seltenen Politiker, denen Tagcserfolgc nichts bedeuten, die keinen Sinn für „Konjunktur" haben, sondern ihren Blick in die Zukunft richten und der Entwicklung vorbauen. Solchen Menschen blüht kein Lob der Gasse, man betrachtet sie als von einer fixen Idee besessene Schwärmer, als Sonderlinge, und die flachsten Dummköpfe sprechen von ihnen mit einem überlegenen Lächeln. Vor mehr als vierzig Jahren, als die österreichische Monarchie als unerschütterliche Großmacht galt, deckte Dr. Kadisch die Schwächen dieses Riesenbaues auf und warnte und warnte. Die anderen Politiker, insbesondere die jüdischen, sahen nur die großen Nationen, Deutsche, Polen, Magyaren. Doktor Kadisch wies auf die kleinen, aufstrebenden Nationen hin, mit welchen niemand rechnete, an deren Schicksal alle Regierungen und großen Parteien achtlos vorübergingen. Er trat für die Gleichberechtigung dieser Nationen ein, weil er in ihr die einzige Garantie für den Bestand der Österreichischen Großmacht erblickte. Man ging an seinen Warnungen unberührt vorüber und an der Unzufriedenheit seiner kleinen Völker ist Oesterreich zugrunde gegangen. Dreißig Jahre vor seinem Beginne sah Doktor Kadisch den Weltkrieg vom Balkan her kommen. Immer und immer wieder suchte er die Aufmerksamkeit Oesterreichs auf die später so verhängnisvoll gewordene südslawische Frage zu lenken. Man lachte über seine Beharrlichkeit und nannte ihn spottend den „serbokroatischen Spezialisten". Und die südslawische Frage, wegen derer man Dr. Kadisch bespöttelte, war es, die den Krieg und das Unheil über die Welt gebracht hat. Man mißt die Größe eines Politikers an der Größe der Erfolge, welche durch Befolgung seiner Weisungen zustande gekommen sind. Es gibt aber einen ebenso zuverlässigen Maßstab: Die Größe des Unglücks, welches aus der Nichtbefolgung der Ratschläge eines Politikers entsteht. An diesem Maßstabe ist Dr. Kadisch zu messen. Der Europäer Dr. Kadisch war von jüdischem Nationalgefühl durchdrungen. Seine Beschäftigung mit den Vorgängen in der weiten polltischen Welt entfernte ihn nicht vom Judentume, sie brachte ihn seinem Volke immer näher und näher. Er war einer der ersten, welche Abkehr von jeder Art der Assimilation predigten und für konsequente Verfolgung jüdischnationaler Politik eintraten. Er gehörte zu den Schöpfern der jüdischnationalen Bewegung in Oesterreich, welche auf die übrige Welt vorbildlich wirkte. Viele der jüdischen Politiker, welche heute in den neu entstandenen Staaten Mittel- und Osteuropas wirken und führen, sind Schüler des Mannes mit dem weiten Blick und dem guten Herzen. Aus Polen Aus Warschau: Bei Beratung des Budgets des Ministeriums für soziale Fürsorge in der Budgetkommission des Sejm schilderte Abg. Dr. Rosmarin, der Sprecher des Jüdischen Klubs, die jüdische Not in Polen. Die Wirtschaftskrise, sagte er, wütet mit besonderer Vehemenz in der jüdischen Sphäre. Eine Auswanderung ist fast unmöglich; dennoch ist es bezeichnend, daß unter den verhältnismäßig wenigen Auswanderern in den ersten zehn Monaten des Jahres 1933 fast 90 Prozent Juden waren. Während i. J. 1932 2875 Juden nach Palästina wanderten, gingen in den ersten zehn Monaten 1933 schon 9490 Juden allein auf Grund von Einwanderungszertifikaten nach Palästina; die wirkliche Zahl jüdischer Plaästina-Wanderer aus Polen war viel größer. 1932 wanderten 8730 Juden, in den ersten zehn Monaten 1933 bereits 14.837 Juden nach Uebersee- Iändern. Die Regierung stützt die jüdische Auswanderung nach Palästina zwar moralisch, nicht aber auch materiell; die Regierung sollte mindestens 100.000 Zloty für die Hachschara-Gruppen hergeben. Die jüdischen Institutionen haben 3ich fast ganz verausgabt, die Wan» dererschutzgesellschaft wird aus Geldmangel ihre Büros schließen müssen. Das jüdische Rettungskomi t e e in Warschau, das zahlreiche jüdische Familien vor dem Hungertod bewahrt, hat von der Regiei*ung keinen Groschen bekommen. Das gleiche gilt für die Waisen-Hilfszentrale, die Gesundheitszentrale und andere für die Judenheit lebenswichtige. Institutionen, die sehr bald ihre Tätigkeit werden einstellen müssen, falls ihnen die Regierung nicht zu Hilfe kommt. Die Darlehenskassen „Gemilath-Chassadim" haben von der Regierung keinen Groschen bekommen, obwohl sie Hunderttausenden Juden die Möglichkeit zu einer wirtschaftlichen Existenz verschaffen. Der staatliche „Arbeitsfonds" berücksichtigt nicht jüdische Arbeitslose. Der Minister für soziale Fürsorge Hubicki erwiderte auf die Ausführungen Rosmarins: Ich erkläre kategorisch, daß mein Ministerium den Institutionen de$ nationalen Minderheiten bei Verteilung vou Subsidien objektiv gegenübersteht. Die jüdischen Institutionen, die Abg. Rosmarin erwähnt hat, werden, wie ich zugeben muß, musterhaft verwaltet, aber es sind Institutionen, die große Mittel erfordern, die die finanziellen Möglichkeiten unserer Fonds Ubersteigen, (Anm. der Redaktion: Warum gibt man aber gar nichts?) LESET UNO VERBREITET „DIE NEUE WEIT"!