Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 330 (5.1.1934)
- Date
- 1934-01-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 329 DIE NEUE WELT Seite 9 Da§ Bluf ruft Von Joseph Kessel (Paris) Im Pariser „Matin" veröffentlicht der berühmte französische Schriftsteller unter dem Titel „L'appel du sangs" an leitender Stelle eine Betrachtung, die wir nachstehend wiedergeben. — Die Redaktion. Am vergangenen Donnerstag marschierten vierzigtausend Juden aus allen Schichten und aus zwanzig Ländern gemeinsam durch die Straßen von London, um gegen die Qual des langsamen Todes zu protestieren, den das Hitler-Regime den jüdischen Bürgern auferlegt hat. Es gab darunter Menschen, die schon seit langem assimiliert sind, die das britische Reich wie ihr eigenes Fleisch lieben, stolz auf seine Größe, auf seine Macht, für die sie auch ins Feld gezogen sind. Es gab auch darunter solche, die die altehrwürdige Metropole nicht kannten, die in ihren Gesichtszügen und in ihrem Gebaren noch die Gewohnheiten und die Male des Ghettos tragen aus Galizien, Polen, Litauen und Ukraine. Heftig, zungenschnell, gestikulierend wie von Fesseln Gehemmte, die Brust halb entblößt, in Kleidern aus Whitechapels muffigen Trödlerläden scheinen sie nichts mit den nüchternen Passanten zu tun haben, deren Aussehen nett und pedantisch ist, würdig eines britischen Bürgers, und die sich teilweise dem Zug verbrüdern. Und vielleicht findet sich unter diesen hier Lord Melchett, der, vom König Georg geadelt, seit seiner Geburt der protestantischen Kirche angehörig, zum Judentum zurückgekehrt ist in öffentlich-feierlicher Art. Ihn drängten nicht atavistische Gewissensbisse, sondern es war tiefempfundenes Solidaritätsbedürfnis zu den schwer verfolgten deutschen Juden. ••> Dieses edle Zeugnis eines reichen und mächtigen Mannes, der von Geburt an jeder Tradition, jeder heimischen Atmosphäre entrissen war, einer alten mit dem englischen Boden tief verwurzelten Familie angehört und im englischen Milieu atmet und der ob seiner inneren Gegnerschaft gegen das Hitler-Regime wieder ein Band dort anknüpft, wo er sich bereits losgelöst glaubte, — dieses edle Zeugnis hat die ganze Welt erschüttert. Aber ein Beispiel würde nicht genügen, um die gebieterische Kraft des Blutes zu erweisen; es gibt andere, viel geringfügigere und weniger bekannte, die diese Kraft viel ergreifender bezeugen. Im letzten April schiffte ich mich auf einem englischen Dampfer nach Amerika ein. Alles war hier nobel, genau, ausgezeichnet eingerichtet. Die Salons hatten das Aussehen eines fashionablen Klubs.. Bei den Mahlzeiten ging es still und außerordentlich diskret zu. Die Folge solch eines Zustandes ist immer Mangel an Heiterkeit, an dem allein ich ein wenig litt. Daher war ich sehr glücklich, die Bekanntschaft eines Fabrikanten zu machen, der sich genau so aufführte, wie seine englischen Landsleute, gleichzeitig aber meisterhaft verstand, tiefbewegende Geschichten glänzend zu erzählen. Er stammte aus Südafrika. Seine Kindheit hatte er unter derben Farmern verlebt, unter Zulus und Halbwilden. Er kannte das Idiom dieser Eingeborenen, ihre Gesänge und Tänze. Wenn er auch beim Whisky teils aufgeräumt, teils schwermütig wurde, fand er sich bald wieder zu geruhiger Haltung zurück. Er hatte nämlich bei der berittenen Polizei gedient, wo nur Disziplin, Herrscherton und Strammheit galten. Er war Meister im Boxen und ein ausgezeichneter Führer ausgedehnter Dromedarzüge. Er verstand treffsicher einem Raucher die Zigarette aus dem Mund wegzuschießen oder dasselbe Kunststück auch mit einer langen Peitsche zustande zu bringen. Man könnte ein ganzes Buch über seine Abenteuer schreiben, eines Mannes, der zu den bedeutendsten Industriellen Londons gehörte. Ich sah ihn in New York wieder. Eines Tages kamen wir am Madison Square vorbei, es fand dort eine, der alltäglichen Versammlungen statt, die dem Vorübergehenden nicht mehr auffallen, weil sie schon zur Gewohnheit geworden sind In der Tat, jeden Tag sprach dort jemand über Kommunismus oder über das Christentum, Uber die Verteidigung der schwarzen Rasse auf einem improvisierten Podium vor Arbeitslosen, Müßiggängern und Neugierigen. Mein Weggenosse zog die Schultern hoch und war gerade im Begriffe, einige privatintime Bemerkungen voll Ironie und Geist zu machen, als er plötzlich, wie ich beobachten konnte, mit seltener Teilnahme die Leute anstarrte, die das Rednerpult umgaben. Alle waren sie gespannt, leidenschaftlichen, östlich geschnittenen Gesichts, armselig gekleidet. Fasziniert ging der Südafrikaner auf sie zu. Ich folgte ihm. Wir hörten einige Wortfetzen des verdeckten Redners. Er sprach über Hitler, Uber die Konzentrationslager, Uber Antisemitismus. „Es stimmt", murmelte mein Bekannter. „Ich war im vergangenen Monat in Deutschland. Ich muß meine Meinung sagen." Indem er seine kräftigen und ruhig-breiten Schultern zusammenpreßte, erreichte er die Estrade, stellte sich neben den kleinen, fieberhaft erregten Menschen, mit Augen, in denen Visionen blitzten. Und es war im Verlauf der zufälligen Unterhaltungen mit dem Engländer von Stand das erstemal, wo ich bemerkte, daß er Jude sei. (Aus dem Französischen übersetzt von o. r.) Histadruth Iwrith. Samstag, den 6. d. M., 4 Uhr nachmittags, findet im Klucky-Tempel, XX., Kluckygasse, ein h o b r ä i s c h e r O n e g h Sabbath statt. — Hebräische Predigten. Samstag, den 6. d. M., 3/49 Uhr vormittags, hält Herr cand. phil. et theol. D. Ochs im Kleinen Tempel, II., Tempelgasse 3, eine hebräische Predigt über das Thema: Sinath olam leam olam. Zum ersten Mal hält ein Schüler des Wienei' Rabbinerseminars die Fflichtpredigt in hebräischer Sprache. — Freitag, den 12. d. M., i j5 Uhr nachmittags, hält Herr Rabbiner Dr. M. Zicke r im Tempel, II., Sebastian-Kneipp-Gasse, eine Predigt in hebräischer Sprache. — Samstag, den 6. d. M., pünktlich '/,9. Uhr abends, im Saale der Stanislauer, II., Praterstraße 11, I. Stock, spricht Herr Rabbiner Prof. Dr. M. Murmelstein über „Eldath hadaniw David Harubeni". — Seminare der Histadruth: \»7 Uhr Seminar für neuhebräische Literatur (Auerbach); V-i8 Uhr Seminar für Mischnah und Agadah (Rabbiner Dr. M. Zicker). — Sonntag, den 7. d. M.. pünktlich '-8 Uhr abends, im Saale des Pädagogiums, IL, Tempelgasse 3, III., Stock, Kinus hamorim statt. Hamarzeh: M. Kinbein. Hanose: Phraseologia iwrith. Alle Lehrer sind verpflichtet, zu diesem Kinus zu kommen. liibel- und Talimulvorlräge im Beth Halmeseth „Bene- Berith", XX., Kaschlgassc -1 (Rabbiner Moses Horowitz), jeden Sonntag, Dienstag und Donnerstag beim Abendgottesdienst, Freitag nach dem Abendgottesdienst. Ehemalige Schüler der jüdischen Volks- und Ilauptschule Talmud-Thorn, Wien, IL, Malzgasse 16, werden gebeten, bei der konstituierenden Generalversammlung ihres Vereines am Sonntag, den 7. d. M., um J.jll Uhr vormittags im Turnsaal der Schule bestimmt zu erscheinen. Das einleitende Referat hält Hofrat Dr. S. Frankfurter, Wien. Talinud-T hora-SchulveiTin. Sonntag, den 7. d. M., im Turnsaal der Schule, IL, Malzgasse 16, ordentliche G o n e r a 1 v e r s a m m 1 u n g. Anschließend gründende Generalversammlung des Vereines ehemaliger Schüler der Volks- und Hauptschule Talmud-Thorn, Wien, tt. Knileitendes Referat: Hofrat Dr. S. Frankfurter. Amtlidhe Verlautbarungen Aew US Israelitischer Jugendgottesdienst. Samstag, den 6. Jänner 1933, findet in allen Gemeinde- und Vereinssynagogen der Jugendgottesdienst um 3 Uhr nachmittags statt. Die Kleiderstelle der Fürsorgezentrale bittet dringendst um Zuweisung von brauchbaren Bekleidungsgegenständen jeder Art, Wäsche, Schuhe etc. für Männer, Frauen und Kinder. Telephonische oder schriftliche Benachrichtigung erbeten an die Fürsorgezentrale des isr. Kultusgemeinde Wien, I., Seitenstettengasse 2, Tel. U. 25-5-85, welche die Abholung veranlaßt. Warnung! In letzter Zeit wird geschlachtetes Geflügel, welches unter keiner Kontrolle steht, als „koscher" verkauft, obwohl die Herkunft desselben ganz unbekannt ist und die Konsumenten weder über den Schächter noch über seine Verläßlichkeit auch nur im geringsten informiert sind. Auf diese Weise werden viele Käufer in bezug auf Kaschruth irregeführt. Das Rabbinat der israelitischen Kultusgemeinde Wien sieht sich daher veranlaßt, vor Einkauf von kontrollos geschlachtetem Geflügel eindringlichst zu warnen, damit diejenigen, die auf „Koscher" reflektieren, von „Trefoth" verschont bleiben. Das Rabbinat übernimmt nur für solches Geflügel die Verantwortung, welches mit einer Plombe des Rabbinats der israelitischen Kultusgemeinde Wien oder eines ihm unterstehenden Schächters versehen ist. Für jedes andere Geflügel lehnt das Rabbinat die Verantwortung ab. Feierliche Jahrzeit nach Dr. Adolf Jellinek im Tempel, I., Seitenstettengasse. Aus Anlaß der vierzigsten Wiederkehr des Todestages des Predigers Dr. Adolf J e 1- 1 i n e k s. A. findet Samstag, den 6. Jänner 1. J., im Tempel, I., Seitenstettengasse, im Anschluß an den Abendgottesdienst (17 Uhr) eine Gedenkfeier statt, bei welcher Herr Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang die Ansprache halten wird. Predigten und Schriiterklärungen in den Gemeinde- und Bezirkssynagogen. Freitag, den 5. Jänner 1934 werden bei den um 4 Uhr beginnenden Abendgottesdiensten in nachbenannten Gemeinde- und Bezirkssynagogen Predigten abgehalten und zwar: II., Pazmanitcngasse 6, Rabbiner. Dr. Z. Taubes; IX.,Müllnergasse 21, Rabbiner Dr. A. Z. Schwarz; XIX., Dollinergasse 3, Rabbiner Dr. A. Frankfurter. Samstag, den 6. Jänner 1934: beim Hauptgottesdienste Schrifterklärungen: XX., Kluckygasse 11, Rabbiner Dr. B. Murmelstein; XXI., Holzmeistergasse 12, Rabbiner Dr. M. Rosenmann. —• Dr. Jellinek-Gedenkfeier. Im Anschluß an den um 5 Uhr abends beginnenden Abendgottesdienst findet anläßlich der 40. Wiederkehr des Todestages des Predigers Dr. Adolf Jellinek s. A. im Gemeindetempel I., Seitenstettengasse 4 eine Gedächtnisfeier statt. Die Gedenkrede hält Herr Oberrabbiner Dr. D. Feuchtwang. Samstag, den 6. Jänner d. J. findet im Tempel, XX., Kluckygasse 11, bei dem um 5 Uhr abends beginnenden Gottesdienste eine hebräische Predigt des Rabbiners Dr. B. Murmelstein statt. Markus Engels Paulincn-Stiftung. Aus den Erträgnissen der obgenannten Stiftung gelangt der Betrag von S 6000.— an hilfsbedürftige Nachkommen der nachbenannten Geschwister des Herrn Markus Engel zur Verteilung: Samuel Engel, Charlotte, geborene Engel, verehelichte (Adolf) Hirschfeld, Rosa, geborene Engel, verehelichte (Philipp) Blas. — Bewerber und Bewerberinnen, welche den vorstehend angeführten Bestimmungen entsprechen, wollen ihre Gesuche bis spätestens 31. Jänner 193-1 an das Kuratorium der Markus Engels Paulinen-Stiftung, Wien, I., Seitenstettengasse 2, übersenden. — Den Gesuchen, welche detaillierte Angaben über alle für die Beurteilung der persönlichen Verhältnisse der Gesuchsteller maßgebenden Umstände zu enthalten haben, sind anzuschließen: das Geburtszeugnis, eine Lebensbestätigung, ein Mittellosigkeitszeugnis, ferner amtliche Dokumente, durch welche die Abstammung des Bewerbers oder der Bewerberin von dem obgenannten Bruder oder einer der obgenannten Schwestern des Herrn Markus Engel nachgewiesen wird. Julius Fränkelsuhe Stipendienstiftiiug. Für arme Studierende der Wiener Universität israelitischer Konfession gelangen eine Anzahl von Stipendien zur Verleihung. Bewerber und Bewerberinnen um diese Stipendien wollen ihre Gesuche bis längstens 3 1. J ä n n e r 1 9 3 4 an das Kuratorium der Stiftung zuhanden des Stiftungsadministrators, Herrn Dr. Eugen B o s c h a n, Rechtsanwalt, Wien, L, Oppolzergasse 4, richten. Den Gesuchen, welche detaillierte Angaben über alle für die Beurteilung der persönlichen Verhältnisse der Gesuchsteller maßgebenden Umstände zu enthalten haben, sind anzuschließen: Geburts- und Heimatschein, ein Mittellosigkeitszcugnis, der Index sowie Ausweise über die bisherigen Studienerfolge. Die Auszahlung der verliehenen Stipendien erfolgt in zwei gleichen Raten, und zwar am 1. März und am 1. Juni 1931. Jakob-Luxemburg-Stiftung. G e s u in t v e r 1 e i h u n g s b e t r a g: S 600.—. B ew e r b u n g s b e r e c h t i g t sind: Hilfsbedürftige jüdische Witwen, welche im III. Wiener Gemeindebezirk wohnhaft sind. Bevorzugt sind: Von den obenbezeiehneten Personen: Beamtenswitwen galizischer Herkunft, wenn ihnen durch die Verleihung eines Betrages zu einer Existenz verholfen wird und dio Erziehung der verwaisten Kinder ermöglicht, resp. erleichtert wird. Einreichungsfrist: 1. bis 31. Jänner 193-1. G es u c h s b e i 1 a g e n: Geburtsschein, Totenschein des Gatten, event. Geburtsscheine der Kinder. Ein ruich stelle: Fürsorgezentrale der isr Kultusgemeinde Wien, L, Seitenstettengasse 2, I. Stock. Adolf-und-Therese-Stem-Wohlt iitigki-it tiltiuig. V e r 1 e i h u n g s b e t r a g: S 110.—. Beweib u n g berechtigt sind: Würdige bedürftige Personen jüdischer Konfession ohne Unterschied des Geschlechtes und «ha« Rücfc»