Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 330 (5.1.1934)
- Date
- 1934-01-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE NEUE WELT Nr. 330 GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH &ien,I.Bez„ Seitenstettengasse 2, Tetephon U-28-J-2& XI..Zent>n1irit>dhot neb.d. J.7nt, Jeteohon U-1X-0 85 Lebensversicherungs-Gesellschaft PHÖNIX Aus dem Jahresberichte 1932: Versicherungsb.stand Prämien- und Zinsen- Einnahmen Garantienlittel Auszahlungen an d. Versicherten S 2.728.C0O.C0O-- „ 179,000.000 - „ 527,000.000-- „ co.ooo.coo-- Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Tschechoslovakische Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, Fürstentum Liechtenstein, Ungarn, Polen. Jugoslavien, Bulgarien, Üriechenland, Rumänien, Palästina, Syrien, Türkei. Tunis und Aegypten. liff Sicht auf die Staats- und Gemeindezugehörigkeit. Bevorzugt sind: Von allen anderen Bewerbern solche der Unterstützung •würdige und bedürftige Einschreiter, welche die Verwandtschaft oder Schwägerschaft mit dem am 14. April 1899 verstorbenen Stifter, Herrn Adolf Stern, oder dessen Gattin, Frau Therese Stern geb. Kanitz, nachzuweisen vermögen. Verleihungstag: 14. April 1934. Gesuchsbeilagen: Geburtsschein, bzw. Trauungsschein, Armutszeugnis, eventuell Verwandtschaftsnachweis. — Letzter Tag der Einreichungsfrist: Sl. Jänner 1934. Einreichstelle: Fürsorgezentrale der isr. Kultusgemeinde Wien, I., Seitenstettengasse 2, I. Stock. Karoline-Güterbock-Stiftung. Gesamtverleihungsbetrag: S 250.—. B ewerbungsberechtigt sind: Arme, kranke Frauen und Mädchen mosaischer Konfession. Bevorzugt sind: Solche arme, kranke Frauen und Mädchen mosaischer Konfession, welche in Hohe leben oder daselbst zuständig sind. — Gesuchsbeilagen: Geburtsschein, ärztliches Zeugnis, Mittellosigkeitszeugnis. — Letzter Tag der Einreichungsfrist: 31. Jänner 1934. — Einreichstelle: Fürsorgezentrale der isr. Kultusgemeinde Wien, I., Seitenstettengasse 2, I. Stock. Jüdi§die Bühne II., Praterstraße 60 Das Gästepaar Anna Lerner und David S e i d e rmann, das durch seine Leistungen beim Wiener jüdischen Publikum bereits populär geworden ist, zeigt sich in der neuen Gesangskomödie „Das glückliche Mädel" in allen ihren Vorzügen. Frau Lerner als arme, brave Tochter und D. Seidermann als Mann von Charakter bauen das halb kriminalistisch-dramatische, halb heitere Stück auf und geben den anderen Mitwirkenden, vor allem Cilli Bell, Israel Kamay und S. Zucker, ferner Hausknecht als chinesischem Diener Gelegenheit zur Entfaltung ihrer Talente. Blendende Tanzduette Lerner-Seidemann rissen das volle Haus mit. Direktor A. Bell sorgte für v/ohlige Bühnenbilder. —ld. * Ab Freitag, den 5., bis Dienstag, den 9. d: „A Harz fin a Mamen", Lebensbild in 3 Akten mit Gesang von Jakobowicz. Beginn 8.30 Uhr. Mittwoch, den 10., und Donnerstag, den 11. d., wegen Vorbereitung der neuen Premiere, bleibt das Theater geschlossen. — In der Jüdischen Bühne, II., Praterstraße 60, beginnen ab 12. d. Frau Mae Schoenfeld und Herr Irving Jacobson aus Amerika ihre Gastspiele, und zwar mit der musikalischen Komödie „Oj, Amerika!". N. I. Brlnd, der bekannte jüdische Schriftsteiler, liest Freitag, den 5. Jänner, 8 Uhr abends, im Saal der Städt. Angestellten, Wien, I., Hohenstaufengasse 8, aus eigenen Schriften. Karten bei Rath, II., Taborstraße 20 a. An die Freunde und Leser des Blattes! Wenn Sie der Ansicht, sind, daß die „Neue Welt" ein empfehlenswertes Blatt ist, geben Sie uns freundlichst die Adressen von Freunden und Bekannten an. Wir werden denselben die „Neue Welt" durch mehrere Wochen zur Probe gratis zukommen lassen. Wenn wir uns bei der Werbung auf Sie berufen dürfen, bitte dies ausdrücklich zu bemerken. Aus der Zusendung erwachsen weder Ihnen noch den Kmnfängern irgend welche Verpflichtungen. Die Verwaltung der „Neuen Welt". 4) Marinka Erzählung von Ch. N. B i a 1 i k. (Uebersetzt von Oskar Rosenfeld) Und Marinka neigt den Kopf und lauscht. Aber im selben Augenblick, da das Hoftor jenseits des Obstgartens zweimal knarrt und sich hinter der Tante Rücken schließt, steht sie schon beim hohen Zaun, der die beiden Höfe trennt. Seitdem die Juden dort eingezogen sind, kann sie stundenlang so hinter dem Zaun stehen, das Köpfchen auf beide Hände gestützt und die Augen an den Spalt geheftet. So dazustehen ist ihr viel lieber als zu sitzen und sich auf der Mauerbank ^u langweilen. Sie bekommt neue Menschen zu sehen und hört irgend welche recht sonderbare, aus dem Kehlkopf kommende Worte, kein einziges zu verstehen. Auf dem Boden jenseits des Zauns befinden sich Ubereinandergelegt und wahllos aufgeschichtet Stockwerke von Holz und überhaupt Lager von Klötzen, Balken, Schindeln, Brettern, Stangen, darunter viele alte und schwarzgewordene, eine Menge neue und feuchte, die noch in frischer Weiße glänzen, da und dort leuchtend in fetten klebrigen Tropfen rohen, scharfriechenden „Harzschweißes". Ueber den Hof kommen und gehen Fuhren. Zwischen den Holzbergen dreht sich in einem Kaftan eine niedrige bärtige Gestalt mit einem runden Bäuchlein, hantiert dort herum und krächzt und gerät in Schweiß. Wo konnte sie ihn nur gesehen haben? Es kam ihr vor, sie hätte ihn schon irgendwo einmal gesehen. Ja, ja, es ist wirklich er! Wahrlich, jener Mensch, der sie damals so sehr erschreckte, wie sie Tag und Nacht in einem Winkel gesessen und geweint hat. „Und das ist wirklich der Jude", stellt Marinka voll Schreck fest und blickt darum v/eiter hin. Dem Juden um die Beine herum schlängelt sich ein feiner, anmutiger, schwarzlockiger Junge; er klettert immer wieder auf die geschichteten Hölzer, auf und ab, springt über Klötze, über Bretter, tut als wäre er ein Kutscher, gibt sich wie auf dem Kutschbock und fuchtelt mit der Peitsche in der Luft: „He, he!" Der Alte im Kaftan schreit ihn an, zupft ihn vom Holzberg herunter, stoßt ihn von hinten mit dem Knie und treibt ihn weg — und der Junge begibt sich mit bitterem Gewein eilends auf den Heimweg. Bald darauf läßt sich im Hof eine quietschende Weiberstimme von der Wohnung heraus vernehmen: „Nine-Lipe! Nine- Lipe!"... Darnach Lärm und Geschrei, wovon Marinka nicht ein einziges Wort versteht . . . der kleine Skuripin, der ebenfalls dabei gestanden, beginnt plötzlich gegen den Zaun zu springen und bellt „haff"-„haff". Zitternd tut Marinka einen Sprung vom Zaun weg und läuft mit Skuripin sofort zurück an ihren Platz — zur Mauerbank. Ein herzig-lebhafter Junge, ging es Marinka durch den Sinn, ist auch er ein Jude? Marinka, nachher noch ein paar Tage verstört, tat ihren Dienst bei Skuripintschicha und half ihr bei der Arbeit im Haus. Da man im Obstgarten gerade die Bäume stutzte, gab sie sich mit der Kleinen einen ganzen Tag ab und trieb sich mit ihr hin und her. Da lauf in den Keller, kletter' auf den Boden, dort muß sie den Hühnern und den Schweinen Futter stellen — und zu all dem fängt sie allemal Kniffe ab. Beim Juden auf dem Hof hört man immer nur, wie Bretter unter „Trachtararach" hinauf- und hinuntergeworfen werden. Und die Skuripintschicha hörte nicht auf, vor Wut zu kochen und zu kneifen . . . Und etliche Tage herum, als Marinka wieder alleingeblieben war und einen Blick durch den Spalt tat, war für sie überhaupt nichts mehr zu sehen. Eine Menge Balken, neben dem Zaun aufgeschichtet, verstellten ihr den ganzen nachbarlichen Hof. Von der drüberen Balkenseite kamen dumpfe Laute hergetragen, unverständlich und etwas sonderbar: La-la, la-la. Sie lauschte, versenkte sich in die Laute, ob sie nicht vielleicht des Jungen Stimme erkenne — nein, des Jungen Stimme war nicht darunter. Am nächsten Tag, frühmorgens, gleich wie die Tante den Hof verlassen hatte, stand Marinka wieder beim Zaun. Beim näheren Augenschein fiel ihr das Loch eines Knotens auf, der aus einem Zaunbrett herausgefallen war. Das kleine Loch, schiefliegend und ovalförmig wie ein Ochsenaug, stand nicht hoch von der Erde, genau gegenüber des Nachbars Mauerbank. Marinka ging in die Knie und blickte durch das kleine Loch hindurch. Ringsum dunkel, still — still. Zwischen dem Zaun und des Nachbars Haus, hart unter dem Dachrand, zog sich ein schwarzer Streifen frisch aufgebrochener Erde. Der Streifen stellte eine ganze Reihe winziger Beete vor, und mitten drin stak ein Grabeisen. Zu sehen war niemand. „Wer kann es da sehen?", wunderte sich Marinka. Still, man geht! Skuripin sprang auf, bereit zu bellen. „Tss" — machte Marinka und beruhigte den Hund, darnach gab sie sich weiter dem Lauschen hin. Nicht daß man geht, nein, jemand springt vielmehr. Ein wirkliches Springen drüben: Hop-hop! — Wie Pferdegetrapp, immer näher hierher, hierher . . . Und schon kommt durch das Hintergäßchen, zwischen Zaun und Wohnhaus der schwarz-, anmutig gelockte Junge gesprungen. „Das ist er" — erkennt Marinka ihn und hält den Atem ein. Der Junge strahlt vor großer Freude und Glück. Läßt ein Tänzlein los und singt: „S'ist da, s'ist da!" Aus seinen geschlossenen Händen schütten sich allemal durch die zusammengedrückten Finger Erbsen, Kürbiskerne und Fisolen zur Erde. „Verrückt" - denkt sich. Marinka und ein stilles Gelächter bleibt ihr kitzelig im. Hals stecken. Aber sie hält sich zurück. Mit einer Hand hält sie sich den Mund, mit der andern — Skuripin. Sie erkennt an seinem Zittern, daß er sich kaum zurückhalten kann, vielleicht daß er losgeht. „Was ist da?" sagte sie, wobei gegen ihren Willen ihrem Mund ein Lächeln entschlüpfte, und schon bereute sie. Den Jungen befiel eine leichte Erregung und er sah sich erstaunt um . . . Und jäh behielt er die Körner in der Tasche. Das Lächeln bemerkend, ließ er sich lautlos auf die Knie nieder und tat einen Blick dahin mit leicht erschreckten Augen. Von dort fiel ihm ein Lächeln entgegen, ein kluges, helles . . . Eine Weile blieben sie still und verlegen. „Wer bist du?" trug er endlich dem Auge die Frage hin. „Ich . . . Marinka . . ." „Und ich bin Noach! . . ." Sie blieben eine Weile still. Marinkas Lächeln war ein wenig verblaßt. Noach betrachtete sie eine Weile und stieß dann wie verdrossen hervor: „Was schaust du her? Du?" „Gar nichts. Ich will sehen, was du da machst!" „Ich? . . . Ich schau da . . ." „Hi-hi-hi!" — zerlachte sich Marinka und vergrub ihren Kopf zwischen den Schultern. „Was lachst du, du?" rief Noach geärgert aus, ein wenig beleidigt. Gerade jetzt stieß der Hund ein Gebell aus. Noach versöhnte sich rasch und führte mit ihr ein Gespräch über den Hund. Er fragte, sie antwortete. Und so ging es weiter, bis er sie überredete, mit dem Hund zu ihm hinüberzukommen in das Hintergäßchen. „Ich, siehst du —" ließ sich Noach in Betrachtungen mit ihr ein — „ein Ackerchen seh ich. Komm, wollen wir beide sehen. Ich hab alles, was 'man braucht, so wahr ich lebe. Hier sind Fisolen, und Erbsen, und Kerne", dabei zog er aus den Taschen nacheinander all die Dingerchen heraus, „wirst keinem was erzählen?" warf er ihr plötzlich die Frage hin — „es gehört der Mutter. Ich habs unbemerkt weggetragen, die Mutter soll nicht wissen. Wenn es sich auswachsen wird, werd ich ihr hunderttausendmal mehr geben. So wahr ich lebe . . . Nun, Marinka, willst du?" Marinka schüttelt den Kopf: Nein! „Weshalb?" fragte Noach, in seinem Selbstvertrauen erschüttert. „So, denn, im Hintergäßchen gibts keine Sonne." „Was gibts nicht?" ruft Noach verwundert und erschrocken aus. „Es wird wachsen in die Erd' hinein, umsonst deine Arbeit." „Oh, nicht wahr ist das", sagt Noach wieder gekränkt und fast dem Weinen nahe, „es wird wachsen, wachsen, sehr, sehr wird es groß werden. Gegen Abend kommt die Sonne her. Ich hab's selbst gesehen, ich weiß es besser . . ." Marinka antwortete nichts darauf. Sie nahm den Hund zu sich auf ihre Hände, fuhr ihm weich über den Kopf und blies ihn unter die Ohren kühl an. Noach wollte ihr noch etwas sagen, aber da ließ sich über den Hof eine quietschende Frauenstimme aus der Wohnung heraus hören: „Noach, Noach!" Noach tat einen Sprung und war im Nu aus dem Gäßchen verschwunden. (Fortsetzung folgt.) Wochen-Kalender Jänner ™ I Tebeth 5694 1933 rinn j 5 Freitag 18-n» Sabbateinganp 4.10 6 Samstag 19 tr Sabbatausgang 5 10 TT 10K ,13 n*)BBH ftÜV C 7 Sonntag 20-3 8 Montag 21-io 9 Dienstag 22-33 10 Mittwoch 23-» 11 Donnerstag 24-13 TTiPPntümer Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei- und Verlags-A.-G. Ignaz Steinmann, beide Wien, * 6 IX„ Universitätsstraße 6—8. SU