Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 8 (1934)
- Issue
- Heft 330 (5.1.1934)
- Date
- 1934-01-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 330 DIE NEUE WELT Seite 7 AUS DEUTSCHLAND Beschränkte Aufenthaltsdauer für jüdische Ausländer Aus Berlin: Zahlreiche in Deutschland lebende ausländische -Inden, die Aufenthaltserlaubnis für-an beschränkte Dauer hatten, erhielten Vorladungen vom Polizeipräsidium, wo ihnen die Aufenthaltseilaubnisscheine abgenommen und gegen neue eingetauscht wurden, die auf eine b e sehr ii n k t e A u f e n t h a 11 s d a u e r von drei oder sechs Monaten lauten. Sehr viele Auslandsjuden, die seit vielen Jahren in Deutschland wohnen und hier Kapital investiert Ii a b e n, sind -durch diese neue Maßnahme in eine schwierige Lage geraten; es sind ineist Geschäftsleute oder Hausbesitzer, die ihre Unternehmungen nicht im Verlauf einer so beschränkten Frist liquidieren können und die bei Nichterneuerung der Aufenthaltserlaubnisse wirtschaftlich z u s a m m e n- D r r e. h e u müßten. Julius Streicher kündigt für 1931 „Vernichtuni; der deutschen Juden" au Alis Berlin: Der nationalsozialistische Führer Julius Streicher veröffentlicht in der Neujahrsnummer Seines in Nürnberg erscheinenden „Stürmer" eine Ankündigung, die besagt: Im Jahre 1933 gelang es uns, die jüdische Vorherrschaft zu brechen; 1934 werden wir eine Gesetzgebung schaffen, die zur vollständigen Vernichtung der Juden in Deutschland führen wird. Wir dürfen nicht auf halbem Wege stehen bleiben, da sonst die Gefahr besteht, daß die Errungcnscahften von 1933 verlorengehen. Die Synagogen in Deutschland Goebbels unterstellt Aus Berlin: Eine neue Regierungsverordnung unterstellt auch die Synagogen-Liturgie dem von Dr. Goebbels geleiteten Reichspropaganda-Ministerium. Kantoren, Chöre und Organisten der Kirchen und Synagogen müssen sich beim Musik-Departement des ReichspropagandwMinisteriums registrieren, wobei in Synagogen Beschäftigte einen speziellen Fragebogen ausfüllen müssen. Der Verein deutscher Christen nichtarischer Abstammung tagt Aus Berlin: Hier tagte in der letzten Woche der neugegründete „Verein deutscher christlicher Staatsbürger nichtarischer und nicht reinrassiger Abstammung". Zu den Vereinsmitgliedern, die in die vielen Tausende zählen, gehören laut den bekanntgegebenen Listen viele Mitglieder des höchsten Adels, so die Familien Wedel, Henckel-Donnersmarck usw. Weiterhin gehören dazu, was bisher unbekannt war, die Richthofens (denen der berühmte Kampfflieger Manfred von Richthofen entstammt, für dessen Gedenkbuch Goering selbst das Vorwort geschrieben hat). Fernerhin die Barone v. Hühnefeld (ein Hühnefeld war mit Köhl der erste deutsche Ozeanüberflieger), die Generale des Weltkrieges von Linsingen (der Sieger der Karpathoschlachten) und von Moßler (letzter Militärgouverneur von Elsaß-Lothringen) sowie auch der Baron von Simson,. dessen Großvater Wilhelm I. in Versailles 1870 im Auftrag der deutschen Länder die Kaiserkrone anbot. In dem Aufruf dieser Vereinigung heißt es u. a.: „Die ausgebürgerten deutschen Juden finden wenigstens wo anders eine gewisse Unterstützung. Wer aber kümmert sich um die Hunderttausende deutscher Christen, die plötzlich von ihren Mitbürgern jeder Zukunft beraubt und in die Pestquarantäne; gezwungen wurden?" Weitere Massenentlassung von Wissenschaftlern und Künstlern Aus Berlin: Wiederum ist eine lange Reihe um deutsche Wissenschaft und Kunst sehr verdienter Männer aus den Aemtern entfernt worden, die meisten wegen ihrer jüdischen. Abstammung. Diese Entlassungen betreffen u. a.: Direktor Prof. Bruno Paul von den Meisterateliers der Akademie der Kunst, Direktor Professor Poelzig und vier Professoren von den Vereinigten Staatsschulen für Kunst, Direktor Dr. Kaesbach und sieben Professoren von der Kunstakademie Düsseldorf; fünf Professoren der Meisterateliers in Breslau, Geheimrat Prof. Dr. Wätzold, Direktor Geheimrat Dr. Friedländer, die Professoren Dr. Glaser, Dr. Lehmann, Doktor Wied, die Kustoden Prof. Dr. Hermann, Dr. Cohn, Dr. Volbach, Ruhemann, Dr. Neumayer und Wertheimer von den Staatlichen Museen in Berlin, Geheimrat Direktor Doktor Justi von der Nationalgalerie. An der Musikhochschule Berlin wurden beurlaubt: Pruewer, Feuermann, Kreuzer; Sachs, Schönberg, Schreker, an der Akademie für Kirchenmusik Dr. Moser und andere mehr. P/ILiUiSTINAs REISE Mit dem Lloyd - Dampfer „Tevere" (14*000 Tonnen) über Rom und Neapel/ Abfahrt von Wien 17« Jänner 1934 Arrangement und Reiseleitung Frau Berta Taubes Auskünfte: Reisebüro Marienbrücke (Paustlnadienst, Wien I, Rotenturmstraße 26. Tel. R-24-2-86, ta'pllch von 10 bis 1 Uhr Juden vom Studium in Deutschland endgültig ausgeschlossen Aus Berlin: Reichsinnenministcr Dr. F r i c k hat die Zahl der Abiturienten, denen im Jahre 1934 die Hochschulreife zuerkannt werden soll, auf 15.000 für das ganze Reich begrenzt. 1932 betrug die Zahl der bei den Hochschulen angemeldeten Studierenden 24.700. Nach den für die Auswahl maßgebenden Gesichtspunkten wird andersrassigen Studenten deutscher Staatsangehörigkeit, d. h. jüdischen Studenten, der Zutritt zur Hochschule künftig versperrt sein. Nur die bereits einer Hochschule angehörenden jüdischen Studenten dürfen ihr Studium beenden, ohne aberdamitdiegeringste Anwartschaft für eine Betätigung in wissenschaftlichen Berufen innerhalb der deutschen Grenzen zu erwerben. Die jüdischen Pfarrer in Deutschland Aus Berlin : Die Zahl> der evangelischen Pfarrer in Deutschland, die jüdischer Abstammung sind, wurde von einigen Seiten mit etwa 600 angegeben. Der „Deutsche Herold" stellt demgegenüber fest, daß seit der Reformation 63 inzwischen verstorbene Pfarrer jüdischer Ankunft im Amt gewesen sind. Heute leben noch 37 eveanglische Pfarrer jüdischer Abkunft, von denen 29 im Amte sind und 8 im Ruhestand leben. Für die Zukunft, schreibt „Deutscher Herold", ist ^es ausgeschlossen, daß Judenstämmlinge evangelische Pfarrer werden. Keine jüdischen Feiertage im deutschen Kalender Aus Berlin: Das hessische Staatsministerium ließ folgende Mitteilung an den Bezirk Darmstadt des Deutschen Buchdruckervereins gelangen : K DIESER WOCHE kB f\ 1, Wollzeile 17 W Tel. R-21-2-16 Vom 5. bis 12. Jänner 1934 „Zum Leb an verurteilt" miS Joan Crawford u. Gary Cooper Sonn- und wochentags: 4, 5.45, 7.30, 9.15 Uhr &CHwgb¥ii^ Vom 5. bis 12. Jänner 1934: „Der Fremdenführer von Paris11 mit Maurice Chevalier Beginn wochentags: '745, 7, V,H) Uhr. Sonntags ab 3 Uhr „Wir ersuchen Sic, Ihre Mitglieder zu veranlassen, daß in den deutschen Kalendern die jüdischen Fest- und Feiertage nicht mehr aufgeführt werden. Die mit der Vergebung von staatlichen Druckarbeiten beauftragten Stellen haben wir ersucht, auch ihrerseits die mit amtlichen Aufträgen bedachten Druckereien hierauf aufmerksam zu machen." 3000 jüdische Anwälte aus der Organisation ausgestoßen Aus Berlin: Der Deutsche Anwalt-Verein mit 15.000 Mitgliedern ist in Hamburg in einer Vollversammlung der Mitglieder nach entsprechender Satzungsänderung aufgelöst worden. Die Mitglieder sind einzeln in den Nationalsozialistischen Juristenbund aufgenommen und in die Rcichsfachgruppe Rechtsanwälte eingegliedert worden. Die früheren nichtarischen Mitglieder — nach den letzten Angaben etwa 3000 nichtarische Anwälte — sind nicht übernommen worden. AUS PALAST Lebt noch der Dybuk Fünfundzwanzig Wochen dauert die Untersuchung gegen die zwei Beschuldigten in der Mordaffäre A r 1 osoroff,. fast ebenso lang der Versuch, eine Gruppe palästinensischer Zionisten mit Achi Meir an der Spitze für den Mord moralisch verantwortlich zu machen. Die kriminalistische Ausbeute ist gering. Ja, man kann sagen: Je kleiner das Resultat, desto größer die Blamage. Aber es ist notwendig, auf die Umstände zurückzugreifen, Unter denen der Apparat der englisch-arabischjüdischen Untersuchungsbehörde zu arbeiten begonnen hat. Vom ersten Augenblick an versuchten die Herren der palästinensischen Arbeitergewerkschaft Histadruth, gegen einen bestimmten zionistischen Kreis Stimmung zu machen und der Behörde zu suggerieren, daß hier die Mörder zu suchen seien. So wurde eine kriminalistische Angelegenheit in einen politischen Tages kämpf hineingezerrt. Die linken Führer gingen noch weiter. Sie nahmen direkten Anteil an der Untersuchung, bemächtigten sich verschiedener corpora delicti, maßten sich schließlich die moralische Kontrolle über alles an, was in den Bereich der Arlosoroff-Mordaffäre gehörte. Neben der gerichtlichen Untersuchung ging eine Verfemung jener Juden einher, die sich dem Stimmungsterror der linken Arbeiterführer nicht fügten. Doch die kurzen Beine der Histadruth-Lügen waren nicht rasch genug, um dem Tempo der Tatsachen zu entrinnen. Die Hand der Untersuchungsbehörde griff immer wieder ins Leere, die der Tatzeugin, Frau Sima Arlosor o f f, immer wieder daneben. Selten noch wurde in einem Kriminalprozeß so viel „Verdächtiges", substanzielles und psychologisches, durch ein paar Gegenangriffe der Beschuldigten zerstört. Die Herren der Polizei, der Untersuchungsrichter, die Fußspurensachverständigen, die Haupt- und Nebenzeugen der Anklage hatten nach kurzer Zeit nur mehr die eine Aufgabe, das von ihnen erzeugte „Material" so lang als möglich noch zu stützen. Bevor es zusammenbrach, gab es noch einen kühnen Versuch, die aufkeimende Wahrheit zu vernichten. Aber wie macht man Hagel? Auch für dieses übermenschliche Unterfangen fand die Histadruth ein Auskunftsmittel. Auf dem Prager Kongreß, der so viele wichtige Dinge zu beschließen hatte und gewiß nicht zu dem Zweck einberufen worden war, der jüdischen Gasse ein Schauspiel zu' bieten, verlangten die Delegierten der Poale Zion die Einsetzung einer Untersuchungskommission für den Fall Arlosoroff, sozusagen eine „zionistische." Nebenuntersuchung gegen die sogenannte zionistische Terrororganisation Brith Habirjonim, auf daß — so schlugen die Histadruth-Herren Wirbel — das „moralische Gewissen" des palästinensischen Jischuw beruhigt werde. Schon wetterleuchtete das blutige Fanal „ä la Reichstagsbrand" auf dem Horizont (der Kongreß ließ sich einschüchtern und bewilligte die Kommission!), als plötzlich die laute Schaumschlägerei einem stillen „Nimmerwiedersehen" wich. Seit dem Prager Zionistenkongreß ist von der Kommission weder etwas zu sehen noch zu hören. Aber wie überall im Leben, so mußten auch iri der Kriminalaffäre Arlosoroff die Gerüchte den Tatsachen Platz machen. Das Jaffaer Gefängnis mit seinem öden Hof und mit seinen öden Kammern bekam frische Luft: Es erschien, als Verteidiger, der englische Advokat Horace Samuel. Dieser ausgezeichnete Anwalt, nicht angekränkelt von des Dybuks Blässe, ließ sich von dem Geplätscher der britischen Untersuchung nicht imponieren. Er scherte sich den Teufel um das von der Histadrutli konstruierte blutige Fanal ä la Reichstagsbrand. Er ging aufs Ganze. Erschrocken begannen die linken Führer und ihre Gefolgschaft zu merken, daß der neue Verteidiger, Horace Samuel, keinen Respekt habe vor der Majestät der linken Exekutive und keine Angst vor dem Kartenhaus der Untersuchungsbehörde. Es gab nämlich Gelegenheit, diese Eigenschaften zu beweisen. Fünfundzwanzig Wochen nach der Ermordung Arlosoroffs legte dessen Revolver der Arbeiterführer und Nachfolger Arlosoroffs, Mosche S h e r t o k, der Untersuchungsbehörde zu Füßen. Man hatte fast schon an diesen Revolver vergessen. Aber da man auch schon an die todbringende Revolverkugel vergessen hatte, wünschte Horace Samuel eine Konfrontierung der 10°- volverkugel mit dem Revolver. Die Linken versuchten den energischen Wahrheitsucher Horace Samuel der Blasphemie zu zeihen. Dia Korrespondenten in Tel-Awiw berichteten von dem „dreisten" Angriff des Verteidigers, der es wage, die aus dem toten Körper Arlosoroffs extrahierte Revolverkugel mit dem Kaliber des im Besitz des lebenden Arlosoroff gewesenen Revolvers zu konfrontieren. Die Wahrheit ist auf dem Marsch und die Angst der Histadruth, ihr moralisches Prestige zu verlieren, will sie aufhalten. Es gibt verschiedene Versionen, verschiedene Hypothesen rings um den Mord an Chaim Arlosoroff. Die eine, die von den Arbeiterführern als unumstößliche Wahrheit in die Welt gesetzte, daß weder Kommunisten noch Araber, sondern Revisionisten die Täter seien, ist nach fünfundzwanzig bangen Wochen zusammengestürzt. Der pythagoreische Lehrsatz ist gegenüber der Tatsache, daß von einer terroristischen Verschwörung keine Rede sein könne, ein Hirngespinst. Die Nebel verfliegen. Der Revolver Arlosoroffs, von Mosche Shertok ein paar Monate treu der Untersuchungsbehörde entzogen, liegt vielleicht schon in den Händen der Jaffaer Kriminalisten. Frau Sima Arlosoroff hatte Zeit genug, wiederum irgend einen zionistischen Jüngling zu „agnoszieren". Herr Horace Samuel hat die Fähigkeit, den Dybuk aus Tel-Awiw auszutreiben. o. r. in Aus Tel-Awiw wird uns' geschrieben: Heuer zum erstenmal wurde in Tel-Awiw daa Chanukafest nicht in gewohnter Weise begangen. Es gab keinen Zug durch die Straßen, keine Gesänge und Lieder und keine brennenden Lichter in den Händen der Kleinen, die mit so rührender Freude das schöne Fest begehen. Vor Jahren gab es bereits einmal eine Störung dieses traditionellen Zeremoniells. Damals war die Gegnerschaft zwischen den politischen Parteien sehr scharf, ein Zustand, der sich bis heute noch gesteigert hat. Das heurige Chanuka gibt Gelegenheit, sich an den seinerzeitigen Zwischenfall zu erinnern. Vor einigen Jahren wurden die Mitglieder der Arbeiter-Kinderschule bei dem Marsch durch die Straßen von Tel-Awiw von jugendlichen Mitgliedern der Betar-Organisation attackiert. Man wird sich natürlich darüber wundern, daß ein Kinderzug durch die festlich beleuchteten Gassen des jUdischMI