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Die neue Welt · 1934-01-05 · Heft 330 (5.1.1934) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
8 (1934)
Issue
Heft 330 (5.1.1934)
Date
1934-01-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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0 Nr. 330 DIE NEUE WELT Seite 3 erlegen, damit er ein freier Mensch wird, nicht Sklave des Effendi. Wir Juden waren es, die eine arabische Muster farm errichtet haben. Nicht die Juden, sondern die alten Umstände haben den arabischen Bauern zu einem unglücklichen Wesen gemacht. Ich würde es gerne sehen wenn ein Teil unseres Geldes zur Besserung des Loses der arabischen Arbeiter benutzt werden würde. Was die Kürzung der Zahl der jüdischen Zertifikate betrifft, so sind uns die naiven Argumente der Regierung unverständlich. Es gibt keine logische Rechtfertigung für diese drastische Beschneidung der von uns beanspruchten Zahl. Dennoch glaube ich, daß die Mandatarmacht es gut mit uns meint, wir sollten nicht immer wieder protestieren, sondern versuchen, sie zu überzeugen. Wir müssen Geduld üben und werden am Ende die Gewinnenden sein." Dem, was Prof. Weizmann über die Araberfrage Sagt, kann man so ziemlich zur Gänze beipflichten. Seinen absoluten Glauben an die „gute n" Absichten der Mandatarmacht und seine Stellungnahme gegen zionisti sehe Proteste muß man doch ablehnen. Es müßte doch auch Professor Weizmann bekannt sein, daß es heute einen leider sehr maßgebenden Kreis englischer Politiker und Beamten gibt, welcher ausgesprochen antizionistisch eingestellt ist. Und die von ihm angespriesene und auch stets geübte Politik des Nicht-Protestierens hat nicht zuletzt zu den heutigen Zuständen in Palästina geführt Es verdient bemerkt zu werden, daß die Konferenz nach und trotz der Weizmannschen Rede Protestresolutionen beschlossen hat Aus Berlin: Das Motto: „Wir sind und bleiben jüdische Deutsch e", das bei der zweiten großen Kundgebung der „Erneuerungsbewegung der jüdischen Deut sehen" im Logenhaus Joachimsthalerstraße ein die ganze Breite der Stirnwand des Saales einnehmendes Schriftband schmückte, bildete auch den Grundton der Ausführungen aller Redner in dieser Veranstaltung. Der Bundesvorsitzende Bruno W o y d a erklärte, die religiösen Juden hätten der Klarheit des Zionismus, der eine Heimat für das jüdische Volk in Palästina schaffen will, die ebenso deutliche Klarheit derer entgegenzustellen, die nur eine Heimat haben: Deutschland, da3 zugleich die Heimat ihrer Kinder sein soll. Gemeinderabbiner Dr. Julius G a 11 i n e r erklärte, die Juden hätten die Pflicht, an den nationalen Aufgaben des deutschen Volkes mitzuarbeiten, das ihr Volk geworden sei. Deutschtum liege nach einem Wort von Paul de Lagarde (des bekannten Rasseantisemiten. Die Red.) nicht im G e b 1 ü t e, sondern im G e m ü t e. Der gläubige Jude liebe seinen Glauben wie sein Vaterland. Religiöse Vertiefung müsse angestrebt werden. Wenn die nichtjüdischen Mitbürger sehen werden, wie tiefreligiöse Menschen die Juden sind, werden sie auch besseres Verständnis für die jüdische Religion aufbringen und die Juden ganz zu den Ihren zählen. Rabbiner Dr. Löwenstamm erklärte, Synthese von Deutschtum und Judentum sei heute zur sittlichen Aufgabe geworden. Rabbinatskandidat Gerhard Graf stellte der Rassentheorie die Milieutheorie gegenüber und erklärte: „Wir sind entweder Deutsche oder heimatlos!". Rabbiner Dr. Benno Gottschalk sagte: „Aus Liebe zu Deutschland stehen wir zurück und bekämpfen niemanden. Wir glauben aber, daß einst Liebe und Liebe einander begegnen müssen, weil wir nicht glauben können, daß es eine Mutter gibt, die die Liebe von 600.000 ihrer Kinder nicht mag. Ein jüdisches Schicksal An den Folgen schwerer Kriegsverletzungen starb in Breslau, 29 Jahre alt, der Gewerbeoberlehrer und Goldschmiedemeister Josef Z i p p c s. Er hatte sich im Alter von Jahren, im vierten Kriegsjahre, in seiner Heimatstadt Konstantinopel dem deutschen Heer angeschlossen und war der jüngste Freiwillige des deutschen Heeres. Infolge seiner besonderen Sprachkenntnisse leistete er dem Detachement, dem er zugeteilt war, auch als Dolmetscher gute Dienste. Der Knabe verlor im Kriege beide Beine und wurde durch Verleihung des Eisernen Kreuzes, des Eisei-nen Halbmondes und des Verwundetenabzeichens ausgezeichnet. Als hundertprozentiger Kriegsbeschädigter ging Josef Zippes nach Deutschland, um Jiier sein Leben neu aufzubauen. Er bestand sein Abitur, machte das Examen als Goldschmiedemeister, wurde 8ewerbeoberlehrer in Breslau, studierte später Kunstgeschichte und hatte — wie namhafte deutsche Fachwissenschaftler ihm einmütig testierten — Anwartschaft luf einen Posten als Museumsleiter. Er war ein süchtiger Jugenderzieher. Wer ihn kennenlernte, war gefesselt von seiner Erscheinung, von der Reinheit seines Charakters, von seiner Liebe zu Deutschland und seiner Sultur. Seine körperlichen Leiden — nur auf Stöcken ider im Selbstfahrer konnte sich Zippes fort- Jewegen — hinderten ihn nicht an intensiven Studien md der strengsten Erfüllung seiner Lehrerpflichten. In liesen Tagen unterzog er sich nach zahlreichen vorgegangenen einer letzten Operation an seinen bellen Beinstümpfen, nach der er verblutete. Die letzten Ereignisse in Deutschland haben das Geben Josef Zippes' verbittert. Man wagte nicht, ihn, den der Nimbus des jungen Helden umgab, sofort seines Oberlehrerpostens zu entheben, sondern suchte die Schüllar seiner Klasse gegen ihn aufzuwiegeln: sie sollten ein Gesuch einreichen, daß sie von ihm nicht mehr unterrichtet zu werden wünschen Die Schüler, auch die nationalsozialistisch gesinnten, lehnten das ab. Man lud Zippes vor eine Kommission des Breslauer Magistrats, in der man ihn aufforderte, sein Amt als Gewerbeoberlehrcr niederzulegen, weil er als einziger Jude im preußischen Unterricht swesen nicht tragbar sei. Der Vorsitzende des Stadtrats zweifelte die Echtheit seiner Militärpapiere an und meinte, die könno ihm irgend ein Soldatenrat während der Revolution „ausgestellt" haben. Man berief sich dabei auf eine Acußerung des getauften Obermagistratsrates Callomon, dessen Vater Repräsentant der jüdischen Gemeinde in Breslau war. Wenn dies ein „R a s s egenösse" 3age, erklärte der Vorsitzende, müsse es doch stimmen. Zippe3 begabt sich in das zuständige Ministerium nach Berlin, wo ihn der nationalsozialistische Dezernent sofort empfing und seiner Entrüstung Ausdruck gab, daß man es wage, einen Menschen, der freiwillig seine gesunden Knochen für Deutschland geopfert hat, so zu behandeln. Ein Beamter des Ministeriums begab sich nach Breslau mit der Weisung, die Angelegenheit zu ordnen. Der Magistrat Breslau wurde gezwungen, Zippes weiter zu beschäftigen, man setzte aber seinen Unterrichtsplan auf vier Stunden wöchentlich herab. Bpaef aus Zürich Von rechts und von links Ein Leser schreibt uns aus Zürich: Die Zeit, da man in der freien, demokratischen Schweiz eine Judenfrage nicht kannte, ist vorbei. Nicht nur während der parlamentarischen Wahlen in den letzten zwei Jahren gab es eine starke antisemitische Agitation. Jetzt, nach den Wahlen, wird die Judendebatte energisch fortgesetzt. Ihre Intensität steht in einem argen Mißverhältnis zur geringen Zahl der Schweizer Juden. Dann zeichnet sie sich dadurch aus, daß sie nicht von einer Seite betrieben wird. Von rechts und von links wird gegen die Juden geschrieben und gesprochen. Die Rechten beschäftigen sich mit den jüdischen „Bolschewiken", die Linken mit dem korrupten jüdischen „Großkapital". Beide werfen sich gegenseitig vor, von Juden gekauft und dirigiert zu sein. So sagt beispielsweise die „Neue Schwei z", Organ des Mittelstandes, in einem Artikel gegen die sozialdemokratische, rote Internationale, daß diese unter jüdischer Führung stehe. Sie schreibt u.a.: Rasiere dich besser! die ei nzige schwedische Weltmarke „Es geht in der Schweiz nicht gegen den Juden, sondern gegen den Geist des internationalen Juden, gegen dessen verderblichen Einfluß auf Wirtschaft, Politik, Kunst, Literatur und Religion sich das gesunde Empfinden des Volkes auflehnt. Im Grunde handelt es sich nur um das uralte Menschheitsproblem, daß der bodenständige, den Pflichten fester Ordnung verbundene Mensch sich nicht durch geistige Landstreicher, Parasiten und Nut zn i e ß e r seines Fleißes und seines Schutzes zur dummen Milchkuh machen und mit verderblichen Krankheiten infizieren lassen will. — Daß auch in der Schweiz die Exponenten jener Erscheinungen, die das Empfinden des Volkes verletzen, gewöhnlich jüdische Na.mer> tragen (Dicker, Farbstein usw.), das mag man um der .rechten' Juden willen bedauern, ändert aber nichts an der Tatsache der Erscheinungen." Am gleichen Tage bemüht sich das sozialdemokratische „Volksrecht" nachzuweisen, daß Hitler von Juden bezahlt wird, respektive das jüdische Großkapital sich Hitlers bedient, um die Arbeiterschaft zu versklaven. Mit Hinweis auf den „Verband nationaldeutscher Juden" schreibt die sozialdemokratische Zeitung: „Die nationaldeutschen Juden, in einem eigenen Verband zusammengeschlossen, wollen nicht minder stramme Hitler-Buben sein als die Arier. Aber sie fordern ihren Preis: Adolf der Große soll gebieten, daß unterschieden werde zwischen Deutschjuden und F r e m d j u d e n. Es sollen die Deutschjuden, die erfüllt seien von strammem SA.-Geist, gleich behandelt werden wie Arier. Diese Forderung ist ganz natürlich. Hitler steht im Dienste des Großkapitals. Wo das Großkapital personifiziert ist in Juden und wo es sich so stark mit andern Kapitalsinteressen verbindet, daß die .Vernichtung' dieser Interessen geschäftlich schädlich wäre, da arrangiert sich der Judentöter mit dem Juden. Und der also ,aus- gezeichnete' Jude bemüht sich gerne, des Judentöters würdig zu erscheinen. Die .Geschäftemacher' des Dritten Reiches finden sich.'' So wirft eine Partei der anderen „ihre" Juden vor und das Resultat ist, daß der Antisemitismus gleicherweise in den rechtsorientierten bäuerlichen und mittelständischen wie auch in den linksorientierten Arbeiterkreisen floriert. Es ist ein geringer Trost, daß auf der rechten Seite einige Assimilationsjuden als Geldgeber und auf der linken Seite einige Austrittsjuden eine gewisse Rolle spielen. Ihre Existenz verstärkt nur die judenfeindliche Strömung auf beiden Seiten. Ein national eingestelltes Judentum, das beiden Seiten Achtung einflößen konnte, fehlt leider noch in der Schweiz. ■Me Sorgen de§ amerikanischen Judentums Die Not der Arbeiter und Handwerker — Man will sie auf dem Lande ansiedeln — Die Regierung gibt 500.000 Dollar — Die Judengeraeinden sollen eine 50-Millionen-Dollar-Anleihe garantieren bringen vermögen, soll derselbe in der Form eines Darlehens gegeben werden. Nach dem Referat Benjamin Browns traten andere Redner auf, die eine großzügigere Siedlungsaktion propagierten, und zwar eine, die über den Plan einer lediglich randstädtischen landwirtschaftlich-industriellen Siedjung hinausgehen soll. Diesen Anträgen gemäß beschloß die Konferenz, sich an die jüdischen Gemeinden der Vereinigten Staaten' mit dem Ersuchen zu wenden, eine Anleihe von 50 Millionen Dollar unter ihrer Garantie aufzulegen, deren Ertrag zur Ansiedlung jüdischer Arbeitsloser New Yorks und anderer Großstädte in den Weststaaten als Farmer verwendet werden soll. Es wurde ein Ausschuß eingesetzt, dem die Verteilung der aus dieser Anleihe an die jüdischen Farmer zu gewährenden Kredite obliegen soll. Das amerikanische Judentum, vor kurzem noch der Lichtpunkt und die Hoffnung im jüdischen Weltelend, ist in schwere Sorgen geraten und hilfsbedürftig geworden. So rasch es aufwärtsging, so rasch geht es jetzt abwärts. In New York allein sind über eine Million Juden, Arbeiter- und Handwerkerfamilien, brotlos geworden. Bald wird es dort so aussehen, wie in den verelendeten Ghetti Mittel- und Osteuropas. Das Elend wird aber dort noch schmerzhafter wirken, weil es keine an Entbehrung gewöhnten Luftmenschen trifft, wie im alten Ghetto, sondern Menschen, deren Lebensführung Züge der Wohlhabenheit trug, gutbezahlte Arbeiter und Handwerker. Um der würgenden Not zu begegnen, will man sie aus den Großstädten aufs Land führen. Aus New York wird berichtet: Unter den amerikanischen Juden, insbesondere unter den arbeitslos gewordenen jüdischen Handwerkern und A rheitern der Großstädte, hat eine Bewegung nach dem flachen Lande eingesetzt. Eine provisorische Kommission unter der Leitung von Benjamin Brown will die Bewegung organisieren und für Beschaffung geeigneten Bodens und von Produktionsmitteln sorgen. Vorerst sollen jüdische Familien, die bisher in der New Yorker Kleiderindustrie Beschäftigung fanden und jetzt nach längerer Arbeitslosigkeit keine Hoffnung mehr haben, in dem früheren Beruf ein Unterkommen zu finden, landwirtschaftlich ausgebildet und angesiedelt werden. Die Kosten für die Ansiedlung einer Familie berechnet man mit 3000 Dollar. Vorgesehen ist auch, daß die Neusiedler in den Arbeitspausen der Landwirtschaft sich gewerblich und in der Industrie betätigen sollen. Die Bewegung hat nun auch die Förderung der Bundesregierung der Vereinigten Staaten gefunden, welche der Siediungskommission mitgeteilt hat, daß sie 5 0 0.0 0 0 Dollar für Ansiedlung von 200 arbeitslos gewordenen jüdischen Familien als Anleihe sofort zur Verfügung stellt. Diese Familien sollen aus der New Yorker überfüllten Kleiderindustrie entnommen und auf einer Farm in Monmounth Country (New Jersey) angesiedelt werden. Die Siedlung soll eine Musterkombination von Landwirtschaft und Industrie darstellen. Im Hotel Pennsylvania in New York fand vor wenigen Tagen eine Konferenz zur Förderung des jüdischen Landansiedlungswerks statt, an der 600 Delegierte von 270 jüdischen Organisationen teilnahmen. Benjamin Brown entwickelte das Siedlungsprogramm. Die Siedlung soll auf kooperativer Grundlage erfolgen. Die Fabrikanten n den Städten werden ersucht werden, die Farmer zeitweise in der Industrie zu beschäftigen. Dies wird ein wichtiger Schritt in der Richtung der vom Präsidenten Roosevelt eingeschlagenen Politik der Dezentralisierung, d. h. Ueberführung von Tausenden Personen aus den Industriezentren in die gesunde Atmosphäre des Landlebens, sein. Eine Siedlerfamilie erlegt 500 Dollar und erhält ein Haus und eine Bodenfläche sowie die nötigen Farmgeräte. Denjenigen, die diesen Betrag nicht aufzu- Der Plan sieht schön aus, aber es wäre verfehlt, die großen Schwierigkeiten zu verkennen, die sich ihm entgegenstellen. Die amerikanische Landwirtschaft ist notleidend und wird es in absehbarer Zeit bleiben. Die Kosten pro Familie sind im Anschlage hoch, sie werden in Wirklichkeit höher sein. Es wird keine leichte, vielleicht eine unmögliche Sache sein, heute aus der amerikanischen Judenschaft 50 Millionen Dollar herauszuziehen. Die Umschichtung der Juden in den Vereinigten Staaten ist notwendig. Aber es wäre verfehlt, an Palästina zu vergessen, das heute schon mindestens so gute Chancen und gewiß die größte Garantie für eine wirkliche Verwurzelung im Boden bietet. Zionistisches Jugendseminar Veranstaltet von der Judenstaatsjugend Dienstag, den 9. Jänner 198 4, eröffnet Herr David Nebenzahl einen Zyklus von Vorträgen über „Jüdische Politik". Beginn 8 Uhr abends im Heim, II., Untere Augartenstraße 88. — Gäste unterschiedslos willkommen. HECHALUZ HALEUMI Samstag, den 6. Jänner 1Q3S, in den Feshälen des Jüdisdien Heimes, H, Unt. Augartensiraße 38 GROSSE AKADEMIE MIT TANZ Beginn: 8 Uhr abends Eniree: S i.ßO

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