Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 329 (29.12.1933)
- Date
- 1933-12-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 329 JgSS v^\\^\ ■ Bionistische Bürokratie zeigt nach außenhin ein gegen- Bätzlichea Bild. Wenn sie auf äußere Gegner stößt, zeigt sie sich jeder energischen Handlung unfähig, weicht aus und ist immer nicht nur zum Nachgeben, sondern auch zum Preisgeben der wichtigsten Postulate bereit. Ihr Leitmotiv ist: Man darf die Araber nicht reizen, man darf die Engländer nicht reizen, man darf niemanden reizen. Damit wird jeder Versuch von zionistischer Seite, äußeren Gegnern und Feinden tatkräftigen Widerstand zu leisten, behindert. Auf dem vorletzten Zionistenkongreß in Basel hat diese Bürokratie die energische Stellungnahme gegen die antizionistische englische Paßfield- Regierung und die Annahme einer Erklärung über das zionistische Endziel verhindert. Auf dem Präger Kongreß hat sie die Aufnahme des Kampfes gegen Hitler-Deutschland verhindert und ist dafür eingetreten, auf den Boykott zu verzichten und mit Hitler-Deutschland Geschäfte zu machen. Sie hat die Aktionen und Erklärungen dieses Kongresses so verwässert, daß sich die nichtjüdische Welt enttäuscht von ihm abwandte. (Dafür hat sie unter bedenkenloser Ausbeutung und Verdrehung des Mordfalles Arlosoroff auf diesem Kongresse eine schmähliche Hetze gegen ihre revisionistischen Gegner entfesselt.) Jetzt nach dem Prager Kongreß, welcher der linken Bürokratie die Leitung der zionistischen Organisation restlos ausgeliefert hat, steht der Zionismus vor einer schweren Prüfung. Die Palästina-Regierung hat es gerade angesichts der Judenkatastrophe in Deutschland unternommen, die jüdische Einwanderung nach Palästina zu sperren und die berüchtigten „Touristenjagden" zu veranstalten. Statt das jüdische Volk aufzurufen, beschränkt sich die Leitung auf nutzloses Bitten, und nicht genug damit: Sie fällt der zionistischen Masse, die zur Selbsthilfe greifen will, in den Rücken. Die Bürger der jüdischen II # TA BOR STRASSE 48 Stadt Tel-Awiw sind auf die Straße gezogen und haben vor der ganzen Welt gegen das dem jüdischen Volk zugefügte Unrecht demonstriert. Die zionistische Leitung hat nichts besseres zu tun gewußt, als von den „Demonstranten" offiziell abzurücken. Ja, noch mehr, die Vertreter der zionistischen Regierungspartei haben im Stadtrate von Tel-Awiw die Veranstalter der patriotischen Demonstration denunziert, förmlich der antizionistischen Palästina-Regierung zur Bestrafung empfohlen. Brutal, rücksichtslos nach innen — schwächlich verzagt nach außen. Das ist das Kennzeichen der linken Bürokratie, welche heute die zionistische Organisation regiert. Es ist höchste Zeit, daß die Zionisten am Beispiele jener großen Organisationen lernen, die jetzt vor unseren Augen zusammenbrechen, als Opfer des zügellosen Schaltens und Waltens einer übermächtig gewordenen Parteibürokratie. AUS PALÄSTINA Die Palästina-Judenheit zur Einwanderungsfrage Aus Jerusalem: Die vor kurzem in Tel-Awiw gegründete Liga zum Schutz des jüdischen Rechtes auf Einwanderung nach Palästina, der hauptsächlich Vertreter der rechtsstehenden Gruppen angehören, hat den Beschluß gefaßt, eine Delegation nach dem Ausland zu senden, um dort über die großen Gefahren der die Einwanderungen beschränkenden Verfügungen aufzuklären. Die Liga hält in ganz Palästina Protestversammlungen ab. Die Untersuchung des Arlosoroff-Mordes — Weitere Entlastungszeugen für den angeklagten Bosenblatt Aus Jerusalem: In der Arlosoroff-Morduntersuchung wurde der Schriftführer der Brith-Trumpeldor- Gruppe von Kfar Saba, Elieser Burstein, vernommen. Er bestätigte die Angaben des Zeugen Canaani, daß dieser und nicht Bürstein in der Versammlung, der Rosenblatt am Mordabend beiwohnte, das Protokoll geführt hat. Er selbst, Burstein, habe aus religiösen Gründen — es war Freitagabend — die Führung des Protokolls abgelehnt, doch könne er bezeugen, daß Rosenblatt an der Versammlung teilnahm. Auch der Orangenpflanzer Mordechai Rappaport bekundete, Rosenblatt am 16. Juni abends, zur Zeit des Lichteranzündens, in Kfar Saba gesehen zu haben. Trauerfeier für die Opfer des Bombenanschlages in Nahallal Aus Jerusalem: In Nahallal fand anläßlich der ersten Jahrzeit nach dem Tode des Kolonisten Joseph Jacoby und seines Sohnes David, die im Dezember vorigen Jahres einem arabischen Bombenanschlag zum Opfer fielen, die Aufstellung eines Grabsteins und eine Trauerfeier statt. Besonders ergreifend wirkte der Vortrag von Davids Trauerlied über Saul und Jonathan durch zwei Schulkameraden des ermordeten David Jacoby. Der Grabstein trägt folgende Inschrift: „Der Vater ward ermordet, als er von des Tages Arbeit ruhte. In der Blüte seiner Kindheit, ehe er noch das Leben kannte, ward der Sohn hinweggerafft. Ihr Andenken wird geheiligt sein." Immer mehr Juden verlassen die Palästina^Polizei Aus Nazareth: Die letzten drei jüdischen Polizisten von Nazareth, das Hauptpolizeistation für den gesamten Emek ist, haben Entlassungsgründe eingebracht und wollen sich Zivilberufen zuwenden. Nach und nach wird das palästinensische Polizeikorps vollkommen judenfrei. Niedrige Bezahlung und Zurücksetzungen im Dienste werden als Grund für das Ausscheiden der jüdischen Polizisten angegeben, Wieviel jüdisches Kapital wurde nach Palästina eingeführt? Aus Jerusalem: Die frühere Zionistische Exekutive hat ein Buch über „Die Struktur der Immigration und des Kapitalimports nach Palästina" herausgegeben. Aus diesem Buche ergibt sich ein Ueberblick über die Immigration und die Entwicklung des jüdischen Aufbauwerkes im Lande von 1926 bis August 1933. Diese Periode wird in den Abschnitt der Krise 1926 bis 1929 und den Abschnitt des Aufschwunges 1930 bis 1933 eingeteilt. Man sieht aus diesem Buch, daß die jüdische Industrie sich bis zur Hälfte des Jahres 1933 stark entwickelt hat. Die Zahl der Betriebe ist von 2475 bis auf 3150 gestiegen; das investierte Kapital hat sich von 2i235.000 auf 4,630.000 engl. Pfund erhöht. Die Zahl der Arbeiter hat sich von 10.968 auf 16.900 vergrößert. Der Wert der Produktion ist von 2,510.500 auf 3,580.000 engl. Pfund angewachsen. In der Zeit von 1926 bis Hälfte 1933 sind 5 5 3 Kapitalisten ins Land gekommen, welche mit sich einen Betrag von 2,080.918 engl. Pfund brachten. Hiervon kamen 146 Personen aus den Vereinigten Staaten mit einem Kapital von 372.210 engl. Pfund und 37 Personen aus Polen mit 513.600 engl. Pfund. In den drei Jahren von 1026 bis 1929 kamen 214 Personen mit nur 718.850 engl. Pfund. Interessant ist die Art der Beschäftigung dieser Einwanderer. 185 Leute mit einem Kapital von 874.115 engl. Pfund haben ihrGeldinPlantagen investiert; 38 Personen mit 737.800 engl. Pfund haben ihr Geld in Plantagen und anderen Geschäften eingelegt. 86 Personen mit 368.060 engl. Pfund wurden Hausbesitzer; 51 mit 109.930 engl. Pfund wurden Industrielle; 51 mit 115.515 engl. Pfund wurden Kaufleute; 19 mit 24.305 engl. Pfund haben einen freien Beruf ergriffen, außerdem sind 13 Personen mit einem Besitz von 11.490 engl. Pfund als Büroangestellte tätig. Neue jüdische Unternehmungen in Palästina Aus Jerusalem: Von den in letzter Zeit in Palästina neugegründeten Unternehmungen sind die Mediterranean S h i p p i n g and T r a d i n g Co., Ltd. (Mittelmeer-Schiffs- und Handelsgesellschaft) und die von amekanischen Juden gegründete Electric Refrigoration and Appliance Co. Ltd. (Gesellschaft für elektrische Kühlanlagen und Installationen) hervorzuheben. Von den im letzten Amtsblatt veröffentlichten 17 neuen offenen Handelsgesellschaften sind 16 von Juden gegründet. Sie umfassen u. a. eine allgemeine Restaurationslizenz für die Levante-Messe, eine rumänisch-palästinensische Handelsagentur und eine Keksfabrik. Viereinhalbtausend Juden im Oktober nach Palästina eingewandert Aus Jerusalem: Wie amtlich mitgeteilt, sind im Oktober d. J. 4572 Einwanderer, unter ihnen 4449 Juden, nach Palästina gekommen, davon 410 der Kapitalistenklasse zugehörig, die ein Eigenkapital von mindestens je 1000 Pfund besitzen. Diese Einwanderer, die mit 427 Angehörigen kamen, brachten ein Kapital von etwa einer halben Million Pfund mit. 32 Juden, die auf Grund von Touristenvisen nach Palästina gekommen waren, wurde die Erlaubnis zu dauernder Niederlassung erteilt. 136 Personen wurde die Einreise nach Palästina verweigert. Eine neue große Versicherungsgesellschaft in Palästina Aus Jerusalem: Wie die Jüdische Telegraphenagentur erfährt, soll demnächst in Palästina eine neue große Versicherungsgesellschaft durch führende ausländische Gesellschaften mit einem Kapital von 15 0.0 00 palästinensischen Pfund begründet werden. An dem Gründkapital werden sich die Assicurazioni Generali in Triest und die Anglo Palestine Bank mit je 50.000 Pfund beteiligen. Den Rest werden Einzelaktionäre im Ausland aufnehmen. Dr. Georg Halpern, einer der Direktoren des Jewish Colonial Trust, soll zum Leiter des Konzerns bestimmt werden, als sein Stellvertreter wird der Direktor der Assicurazioni Generali, Smolenski, ein Bruder (!) des verstorbenen hebräischen Dichters Perez Smolenski, genannt. Die in Tel-Awiw vor einiger Zeit von S. S. Bloom aus Philadelphia und anderen jetzt in Tel-Awiw ansässigen Palestine General Insurance Company soll in dem neuen Versicherungskonzern aufgehen. Erste Versuchssendungen des Tel-Awiwer Rundfunks Aus Tel-Awiw: In Tel-Awiw wurde eine Radiostation errichtet, die bereits eine Reihe gelungener Probesendungen vorgenommen hat. In Tel-Awiw und in den Kolonien von Judäa und der Scharon-Ebene war der Empfang, abgesehen von geringfügigen Störungen durch Radiotelegramme vorbeifahrender Schiffe, durchaus klar. Die Sendestärke der Station soll auf das Achtfache ihrer gegenwärtigen Kapazität erhöht werden. Es wird erwartet, daß sie ihre normale Funktion anläßlich der Levante-Messe 1934 aufnehmen wird. Ausfuhr von Zitrusfrüchten aus Palästina bis Mitte Dezember Aus Jaffa: Bis Mitte Dezember wurden in Palästina seit Beginn der Ausfuhrsaison 843.604 Kisten Zitrusfrüchte verladen. Neben Orangen wurden 90.000 Kisten Grape Pruits und 10.000 Kisten Zitronen ausgeführt. Autostraße zwischen Haifa und Bagdad Aus Haifa: Unterrichtete Kreise in Bagdad und in Haifa nehmen an, daß die englische Regierung ihren Plan, neun Millionen Pfund in einer Eisenbahnlinie Bagdad—Haifa zu investieren, aufgeschoben hat, da die Rentabilität nicht feststeht. Die Linie würde über eine weite Wüstenstrecke führen und sich nur bei einem starken Warenverkehr erhalten können. Nunmehr plant die englische Regierung die Anlegung einer Auto- Chaussee Haifa—Bagdad, die nur eine halbe Million Pfund kosten würde, wobei noch die Kosten auf die Regierungen von Irak, Transjordanien und Palästina proportioneil verteilt werden könnten. Die Chaussee würde mit Abfallprodukten des Irakpetroleums stets in sehr gutem Zusand erhalten werden können. Eine Firma ist bereit, mehrere Personen und 50 Lastautomobile über die Strecken verkehren zu lassen. Die Pahrtdauer würde zwölf Stunden betragen. Die Chaussee würde außerordentliche Bedeutung für den ganzen Nahen und einen Teil des Mittleren Ostens haben. Vermehrung des palästinensischen Geldumlaufs Aus Jerusalem: Die wachsende Prosperität Palästinas kommt darin zum Ausdruck, daß die Regierung sich genötigt gesehen hat, den Geldumlauf um eine weitere Million Pfund zu erhöhen. Die in England geprägten neuen Münzen lagern im Tresor der Zentrale der Barclay's Bank in Jerusalem. NÄCHSTE PALÄSTINA» REISE Mit dem Llöyd - Dampfer „Tevere" <14«000 Tonnen) über Rom und Neapel/ Abfahrt von Wien 17» länner 1934 Arrangement und Reiseleitung Fnu Berta Taubes - Auskünfte: Reisebüro Marienbrücke (Palästinadienst), Wien I, Rotenturmstraße 26, Tel. R-24-2-86, tiqlioh von to bis t Uhr