Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 328 (22.12.1933)
- Date
- 1933-12-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Bette* DIE NEUE WELT Nr. 328 Schalom Alejchems 50Jährlges Schriftstellerjubiläum Sehl Heim in New York Bekanntlich hat Schalom Alejchem in seinem Testament den Punkt vermerkt, seine Verwandten und Freunde mögen seinen Jahrzeittag nicht in Trauer verbringen, sondern zusammenkommen, etwas aus seinen Schriften vorlesen und dabei heiter lachend sich unterhalten! Die Schalom-Alejchem-Familie, die in den Bronx (Viertel von New York) wohnt: Die grauhaarige anmutige Frau Esther, die Töchter und Schwiegersöhne, der Sohn Und die Enkel hüten Schalom Alejchems testamentarischen Wunsch mit besonderer Innigkeit. Sie verstehen und ehren den Sinn dessen, was der verstorbene Meister gefordert hat. In den Bronx hat noch Schalom Alejchem selbst gewohnt. Jetzt lebt dort Schalom Alejchems Witwe Esther Rabinowitsch, in einer bescheidenen, aber gut und geschmackvoll eingerichteten Wohnung. Fast 16 Jahre sind seit Schalom Alejchems Tod vergangen. Und immer noch weht sein Atem darin. In jedem Winkel ein Bild, eine Skizze, ein Porträt des verstorbenen Meisters, unzählige Ausgaben seiner Werke. Am Jahrzeitabend kommt man in Wohnzimmer von Frau Esther Rabinowitsch zusammen. Der Tisch ist gedeckt. Zum engeren Familienkreis gehören: Die Schwiegersöhne, der hebräisch-jüdische Schriftsteller J. D. Berkowitsch (aus dessen Feder das Erinnerungswerk „Elf Jahre mit Schalom Alejchem" stammt), B. Z. Goldberg, der bekannte Publizist, und der Privatgelehrte Michael Kaufmann, die Tochter Lily Kaufmann und der Sohn, M. Rabinowitsch, ein bekannter Maler. Zu diesen stoßen jüngere und ältere Schriftsteller und bilden einen harmonischen Kreis. Es ist neun Uhr. Man öffnet die Tür zwischen Wohn- und Empfangszimmer. Einer der nächsten Angehörigen, meistens einer der Schwiegersöhne, liest das Testament vor, insbesondere jene Stellen, die sich auf Wunsch nach Lachen und Heiterkeit beziehen, und es wird allen schwer, den Kopf aufrechtzuhalten und den Drang der Tränen zu unterdrücken. Hierauf liest man eine Schalom-Alejchem-Erzählung. Da muß man lachen, von ganzem Herzen lachen. Heiterkeit und Frohsinn sind eingezogen, jene zauberhafte Stimmung, die Schalom Alejchems Dichtungen hervorrufen ... 'Und wenn man auf all die Bilder, Skulpturen, Porträts und Photographien von Schalom Alejchem blickt, kommt es einem vor, als würden sich seine kleinen Augen hinter den Brillengläsern mit dem Lachen füllen, das alle Pein, ja sogar den Tod überwindet. Elf Jahre m t Sdtalom Alejchem Von J. L. Berkowitsch Aus J. L. Berkowitsch' Memoiren bringen wir im nachstehenden jenes Kapitel, worin er die Entstehung dieser Erinnerungen an seinen Schwiegervater motiviert und die Art seiner Darstellung aus äußeren und inneren Umständen begründet. Unmittelbar nach dem Tode Schalom Alejchems, vor rund i6 Jahren also, forderten mich Menschen meiner Umgebung auf, in Bild von Schalom Alejchem zu entwerfen, von seinem Leben und Schaffen, in Form von Erinnerungen an ihn. Es war mir besohieden, mit Schalom Alejchem aus allernächster Nähe elf Jahre lang in Berührung gewesen zu sein, vom Zeitpunkt, da er seinen ständigen Wohnort Kiew verließ und die jüdische Welt, so wie sie ihn kennenzulernen begann, bis zu seinen letzten Tagen. Obendrein war ich mehr als zehn von den elf Jahren ein Mitglied seiner Familie, wohnte zumeist mit ihm zusammen, beobachtete ihn in verschiedenen Situationen und seelischen Zuständen, wurde miteinbezogen in sein Schaffen und in sein Verhältnis zur Außenwelt. Und soga* in Zeiten, da wir voneinander getrennt waren, hielt er mit uns, mit mir und meiner Frau, seiner ältesten Tochter, steten Kontakt aufrecht in allen Dingen, die ihn betrafen: mit seiner Arbeit, seinen Plänen und Wünschen, seinen Beziehungen zu Menschen, seiner Freude und ßeinem Leid. Er tat dies in lebendigen und klar durchsichtigen Briefen, die er uns fast täglich schrieb, worin er seltene Kunst offenbarte — einer der meisterhaftesten Briefschreiber, die die Weltliteratur kennt. Damals aber, unmittelbar nach Schalom Alejchems Tod, konnte ich eine solche Arbeit nicht unternehmen. Schalom Alejchem war für mich nicht nur ein Mensch, der, mir nahestand, voll väterlicher, heller, warmer Güte, die meine besten Jugendjahre bestrahlten, sondern auch ein Schriftsteller, der mir nahestand, der nächste von allen Wegweisern der jüdischen Literatur der Zeit. Ich war monatelang und auch Jahre nachher in doppeltem Sinn ein Trauernder, trauerte tief um ihn und sehnte mich schmerzvoll nach seinem lauteren, schöpferischen Lächeln, das so frühzeitig erlosch in unserer grauen literarischen Atmosphäre. In einer solchen Seelenverfassung war es schwer, Betrachtungen über Schalom Alejchems Leben und mein Verhältnis zu seiner Persönlichkeit zu literarischem Thema zu machen. Mehr noch: ich war der Ansicht, daß" ich das so früh nicht tun dürfe. Zu nahe stand damals noch vor mir sein so plötzlich dahingegangenes farbiges und reiches Leben, auf daß ich es in klarem, geläutertem Licht hätte sehen können. Und zu stark ^war meine persönliche Sehnsucht nach seiner abgetretenen Gestalt, als daß ich sie mit der gehörigen Ruhe hätte betrachten können. Doch die Jahre laufen, und nun sind schon allmählich fast 16 Jahre vorüber, seitdem Schalom Alejchem uns verlassen hat. In dieser Zeitspanne ist bei uns über Schalom Alejchem eine ganze Literatur geschrieben worden. Ich selbst habe auch schon einmal versucht, einige gedrängte Kapitel über sein Leben und Schaffen zu geben. Diese Schalom-Alejchem- Literatur gehört aber durchaus zu jener Art, die sich mit der Forschung und Durchleuchtung von Schalom Alejchems Werk befaßt; an seine Person selbst, an sein menschliches Wesen, aus dem sein künstlerisches herauswuchs, ist nur selten wer herangetreten. Daß will ich jetzt versuchen. Ich glaube, es ist die Zeit dazu schon gekommen. Mehr noch. Ich meine, ich darf es nicht mehr verschieben. Denn je mehr Jahre vergehen, desto trüber werden im Gedächtnis die Bilder und Ereignisse von einst. Zwar werden dunkel nur unwichtige Dinge; das, was von Gewicht war, hat sich einmal für allemal ins Hirn so eingeritzt, daß die Zeit es nicht mehr verwischen kann Hiebei muß ich aber vorausschicken, daß ich es nicht unternehme, Schritt für Schritt den elf Jahren meiner Bekanntschaft mit Schalom Alejchem nachzugehen — das würde ein bißchen zu lang geraten. Ich gedenke hier in Beschreibungen und Erzählungen nur die wichtigsten Momente und die wichtigsten Ereignisse seines Lebens wiederzugeben, diejenigen also, die klar seinen Charakter, seine Lebensphilosophie und seine Beziehungen zur Welt und den Menschen, zu verwandten und fremden, widerspiegeln, und selbstverständlich — seinen wahrhaft sprudelnden Humor, der so reich gewesen ist an Einfällen und „Abschnitzeln", wie er selbst sie zu nennen pflegte. Diese Beschreibungen sollen in besondere Kapitel eingeteilt werden, wenn sie sich chronologisch aneinanderreihen. Und da die letzten elf Jahre von Schalom Alejchems Leben sich auf verschiedene Länder verteilen, in Rußland beginnen und sich von Galizien durch Westeuropa nach Amerika ziehen und die Zeit ungewöhnlich war — angefüllt mit Revolutionen, Pogromen, Wanderbewegungen und Weltkrieg —, so werde ich all das gleichsam als Hintergrund meiner Erinnerungen streifen müssen. Ich weiß, daß das alles keine leichte Aufgabe ist. Ich habe vom Leben einer berühmten und mir nahestehenden Persönlichkeit zu erzählen und jede Mithilfe der Phantasie auszuschalten. Und das ist schwierig für einen Schriftsteller, dessen Form die belletristische ist. Für eines stehe ich ein: die Tatsachen, die ich vorbringen werde, werden bestimmt kein Produkt der Phantasie sein. Was mir zweifelhaft erscheint, werde ich lieber bleiben lassen oder als zweifelhaft angeben. Nicht ganz stehe ich ein für die genaue Wiedergabe von Gesprächen, die in meinen Erinnerungen als solche auftauchen werden. Einer solchen Exaktheit des Gedächtnisses kann sich ja nur selten wer rühmen. Man kann den Inhalt eines Gesprächs behalten, das vor irgend welchen 26 Jahren vor sich ging, aiber nichtseinen genauen Wortlaut. Der Leser wird es als Worte nehmen müssen, die vom Gedächtnis nur ungefähr reproduziert werden. Was allerdings Gespräche Schalom Alejchems betrifft, so waren sie immer so ursprünglich und so eigentümlich, von einer so unnachahmlichen humorsitischen Anmut, daß sie sich dem Gedächtnis fast wörtlich einprägen mußten. Schon hier an Ort und Stelle benütze ich dieses mir selbst bewilligte Privilegium, um etwas, das rein persönlich ist, zu sagen: ich trete an die Beschreibung des Lebens von Schalom Alejchem bangen Gemüts heran. Es ist dies für mich nicht nur volle Pflicht als Schriftsteller, sondern auch von großem Reiz. Ist es für einen Schriftsteller schon reizvoll, sich in einen Dutzendmenschen, in irgend einen Simon ben. Josef, hineinzuversenken, wie reizvoll erst, wenn es sich um eine solch magnetische Persönlichkeit wie Schalom Alejchem handelt. Je mehr ich mich jetzt in das Leben Schalom Alejchems vertiefe, in das Phänomen seines Wesens in unserer Mitte, um so mehr reift der Gedanke, daß man aus ihm einen herrlichen jüdischen Roman schaffen könnte, einen Roman, in dem der Held, ein strahlendes jüdisches Volkskind, sein trauriges Volk in den traurigsten Zeiten laut lachen lehrt, seine Trauer weglachen lehrt... Meine Aufgabe ist keine so weite und tiefe wie die Umgießung von Schalom Alejchems Leben in die Form eines Romans. Ich will nur einfache Erinnerungen an ihn schreiben, wirkliche Ereignisse des Lebens. Dennoch fühle ich, daß ich vor einem ernsten literarischen Versuch stehe, ein Versuch zunächst ernst für mich selbst, den Schalom Alejchems Geist auch heute noch lebendig umschwebt, so lebendig, daß es mir manchmal vorkommt, als beugte er sich über meine Schulter und wollte das lesen, was ich über ihn schreibe. Ja, sogar jetzt, wie ich schon oben erwähnt habe, steht Schalom Alejchem lebendig vor meinen Augen, jetzt, sechzehn Jahre nach seinem Tod. loh kann ihn keinesfalls, auch in meinen Gedanken nicht, in das Buch der Verstorbenen einschreiben. Schon allein sein Name, der ewig lächelnde, ewig grüßende, läßt das nicht zu. Heute noch kann ich es mir nicht abringen, dem Namen Schalom Alejchems das „Er ruhe in Frieden" beizufügen, nicht einmal „Gesegnet sein Andenken", wiewohl sein Andenken mir doppelt gesegnet ist. Vielleicht kommt es daher, daß ich immer wieder zu seinen Werken zurückkehre, wo aus jedem Blatt seine tiefe, junge, lautere SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUEREI Zentrale: IX, Berggasse 19, Tel. A-17-5-99 u. A-16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen fUr ^?-F8eisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr Kultusgemeinde Wien Autozusteilung kostenlos IX. Berggasse IS ✓ XVIIfl., Währingerstr. 97 Stimme ertönt, sein gutes, lauteres Lachen. Und nicht nur im Wachen, auoh im Traum sehe ich ihn immer lebendig. Mit seltsamer Hartnäckigkeit wiederholt sich mir von Zeit zu Zeit immer wieder derselbe Traum, in dem mir plötzlich klar wird, sein Tod sei ein Irrtum, in Wirklichkeit lebe er; er ist nur abgesondert von der Welt und hat sich von den Menschen zurückgezogen, auf daß sie ihn bei der Arbeit nicht stören. Und er führt mich in den dunklen Tiefen des Traums an seinen Tisch und zeigt mir, er schreibe, er schreibe... Ich wühle in Bergen von feingebundenen Manuskripten, geschrieben auf feinem Papier in feiner, perlenklaren Schalom- Alejchem-Schriftzügen, wie er es einst so liebte, und es ziehen an meinen Augen neue literarische Schätze vorüber, solche, die zu einem neuen, noch nicht geahnten Schalom-Alejchem-Genuß führen, weit in eine neue, noch nicht geahnte Schalom-Alejchem-Welt... Will England Palästina zum Ghetto machen? Aus Jerusalem wird gemeldet: Der Oberrabbiner von Palästina, Cook, der Dichter Chaim Nachman Bialik und die Führer sämtlicher Parteien Palästmas veröffentlichen ein Manifest an die Judenheit der ganzen Welt, in dem es u. a. heißt: Die Politik der englischen Regierung in Palästina, insbesondere die Einschränkung der jüdischen Einwanderung in einer Zeit, in der das Land jüdische Arbeit so sehr braucht, ferner die angekündigte Einsetzung eines Legislative Council (Parlamentes) verstärken die Befürchtungen unter der Judenheit, daß England als Mandatarmacht für Palästina entgegen den gegebenen Versprechungen und dem Geiste des Mandates die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims erstarren lassen und die Juden in ihrer ureigenen Heimat Palästina in ein enges Ghetto einschließen wolle. Das Manifest ruft die Weltjudenheit zum organisiertem planmäßigen Abwehrkampf auf. Eine vom Jerusalemer Waad Hair (jüdische Gemeinde-Organisation) bei Teilnahme der Mitglieder dea Waad Leumi einberufene "Versammlung nahm eine sehr scharfe Protestresolution gegen die Einwanderungsbeschränkung und die unwürdigen „Touristen jagden* an. In der Resolution wird die Regierung aufgefordert die Tore Palästinas den jüdischen Massen in verschiedenen Ländern zu öffnen. Die Prozentnorm nützt den Juden auch nichts Aus Berlin. Der Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung hat in einem Erlaß Bestimmungen über die endgültige Zulassung nichtarischer Studierender an den amtlichen Kunstschulen und Akademien, Meisterateliers, Hochschulen für Musik und den Meisterschulen für musikalische Kompositionen getroffen. Nach den Richtlinien der Kunstabteilung des Ministeriums darf der Anteil der nicht arischen Studierenden auch an diesen Schulen den Hundertsatz von 1,5 der Gesamtheit der Studierenden nicht überschreiten. Den Nachweis künstlerischer Eignung sieht der Erlaß in der erfolgreichen Ablegung der Aufnahmeprüfung an der Hochschule; der Nachweis der persönlichen Eignung dagegen werde erst dann angenommen werden können, wenn der Bewerber den Nachweis geführt hat, daß sowohl er als auch seine Vorfahren in enger Beziehung zum Deutschtum gestanden haben. (Nach dieser Bestimmung werden in erster Reihe oder vielleicht nur „christliche Nichtarier" bei der Aufnahme berücksichtigt werden, während Juden, auch der liberal-assimilatorischen Richtung, draußen bleiben müssen. Es ist dies eine Konzession an den „Verband christlicher Nichtarier", der sich gleichgeschaltet und ein rückhaltloses Bekenntnis zum „neuen Staat" abgegeben hat und dessen Verbindungen bis in die höchsten Spitzen des Nationalsozialismus hinauf reichen. So raubt die Einbeziehung der christlichen Nichtarier in den Numerus clauses fast jedem Juden die Möglichkeit, von den Bildungsgelegenheiten im Dritten Reich Gebrauch zu machen.) Der Erlaß hebt gleichzeitig ausdrücklich hervor, daß ein Anspruch auf Zulassung zum Studium keinem nichtarischen Bewerber zusteht. Polenreise zu Weihnachten. Im Anschluß an die Reise des Verbandes der Journalisten aus Polen fährt am 28. Dezember 1933 ein Sonderzug nach Polen. Pullman- Wagen,, reservierte Plätze, ermäßigte Preise. Diese Reise ist der billigste Polenausflug in diesem Jahr. Auskünfte im Sekretariat, Wien, I., Kärntnerring 12, Tel. U-40-301. Büro: E. Ferstel-Dr. Tocker. Die Reisegesellschaft bleibt bis zum 28. Dezember in Wien und es werden tägliche Ausflüge auf den Semmering, nach Baden und in dit weitere Umgebung Wiens veranstaltet. Programme un4 Prospekte im obigen Bürau f