Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 328 (22.12.1933)
- Date
- 1933-12-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 328 DIE NEUE WELT Seite 3 Die „Uniersii€fiungskommi§sion/A ist eingeschlafen! Von Meir Großmann (London-Tel-Awiw) Auf dem Prager Zionistenkongreß, der einige tVochen nach der Ermordung Dr. Chaim Arlosoroffs tagte, •verlangten bekanntlich die Linken die Einsetzung einer Kommission, die — während die britisch-arabische Polizei in Palästina die Ausforschung der Mordtat betrieb — Untersuchen sollte, ob und inwieweit eine zionistische Partei Palästinas sich terroristischer Geheimbündelei schuldig gemacht habe und Urheberin des Mordes sei. Die Angelegenheit dieser Untersuchungskommission setzte den Kongreß in ungeheure Erregung und lähmte seine Arbeit. Der Vorsitzende der „Judenstaatspartei", Herr Meir Großmann, stellt in nachstehendem fest, daß die Forderung der Linken, d. h. die Einsetzung der Kommission, bloß ein Ablenkungsmanöver war und keinerlei Berechtigung hatte. Er schreibt: Alle, besonders jene, die an dem Prager Kongreß teilgenommen haben, erinnern sich gut daran, wie man dort mit der Forderung, sofort eine Untersuchungskommission einzusetzen, gepeinigt worden ist — eine Untersuchungskommission, die gewisse Beschuldigungen gegen Mitglieder einer zionistischen Partei auf ihren Sachverhalt prüfen sollte. Man hat gedroht, man werde eine den Mordfall Arlosoroff betreffende Erklärung nicht vorlesen lassen. Man hat die Stimmung des palästinensischen Jischuws in den schwärzesten Farben gemalt und behauptet, daß, falls nicht die Angelegenheit des Terrors und der Terrorpropaganda in Palästina ausgeforscht werden sollte, unsere ganze Aufbauarbeit in Gefahr gebracht würde. Es hieß; man dürfe nicht warten. Die Untersuchung Bei dringend und dürfe auf keinen Fall hinausgeschoben werden. Und wenn andere zu sagen wagten, daß man sich nicht in ein Gerichtsverfahren einmengen dürfe und daß es besser und klüger sei, eine spezielle Untersuchung j&m* JUDEN STAATS PARTEI Donnerstag, am 28. Drz. um Va* Uhr abds im Saale des Hotel Kontinental, Wien II, Taborstraße 4 Meir Grofpnann Vorsitzender der Judensiaattpariei (Tel-Awiw-London) Vortrag: „Die Vorgänge in Palästina" Eintritt 50 g erst eintreten zu lassen, bis das Gericht sein Urteil gefällt habe, hat man jene objektiven Warner fast als geheime Verbündete der „palästinensischen Terroristen" verschrien, j Die Linken haben durchgesetzt, was sie wollten. Die Allgemeinen Zionisten und der Misrachi ließen sich überreden, man hat tatsächlich die Arbeit des Kongresses unterbrochen. Das Aktionskomitee hat eine Kommission eingesetzt, die an den Kongreß mit dem Vorschlag herangetreten ist, eine andere Kommission zu wählen. In der ersten Sitzung des Aktionskomitees hat man tatsächlich gleich die in Rede stehende Untersuchungskommission gewählt. Alles wurde mit außergewöhnlicher Schnelligkeit in Szene gesetzt. Rascher, rascher — hieß es —, als könnte man, Gott behüte, zu spät kommen. Die Eile und das Drängen erzeugten den Eindruck, daß die Sache äußerst ernst und unaufschiebbar sei. Seit damals sind mehr als drei Monate vergangen. Aber in der Angelegenheit . der Untersuchungskommission herrscht eine seltene Stille. Man hört nichts von der Kommission. Man weiß sogar nicht einmal, aus welchen Personen sie besteht und ob sie überhaupt existiert. Ob sie ihre Arbeit begonnen hat! Ob sie sich in Palästina befindet! Es handelt sich doch hier nicht um ein geheimes Tribunal, sondern um eine Kommission, die vom Aktionskomitee eingesetzt worden ist, und» was die Hauptsache ist: Es hieß doch, es sei eine dringende Angelegenheit, die keinen Aufschub vertrage! All diese Fragen sind mehr als berechtigt. Es wundert mich nur, daß keiner sie bisher gestellt hat. Man terrorisiert nicht einen Kongreß und regt nicht die Welt auf, um später einfach die Sache einschlafen zu lassen — als wäre gar nichts geschehen. Ist etwas seit dem Prager Kongreß geschehen, das die Angelegenheit weniger dringend und aktuell gemacht hat? Und wenn dies der Fall ist, weshalb läßt man uns das nicht wissen? Die Zionistische Exekutive sowie die Histadruth sind uns eine Antwort schuldig. Ich frage: Wo steckt die Untersuchungskommission? Aus welchen Menschen besteht sie? Was hat sie bis jetzt unternommen? Rasiere dich Hessen Nimm die einzige schwedische Weltmarke immer Mordunfefsudiung ' Wie wir bereits gemeldet" haben, wird die Untersuchung' in der Mordaffäre Arlosoroff gegen die Beschuldigten Rosenblatt, Stawsky und Achi Meir noch immer weitergeführt. Trotzdem von einwandfreien Zeugen die Alibis für die Beschuldigten erhärtet worden sind, ist bisher keine Freilassung, allerdings auch keine Anklageerhebung erfolgt. Wieder ist die englische Kriminalbehörde an einem toten Punkt angelangt. Ueber die letzten Verhöre im Jaffaer Gefängnis liegen folgende Berichte vor: Am 14. Dezember wurde vom Jaffaer Untersuchungsrichter Bodi 11 y der Zeuge Josef Kanaani vernommen, der aussagte, Rosenblatt habe am Mordabend an der revisionistischen Zusammenkunft in Kfar Saba teilgenommen. Er selbst habe in der Versammlung das Protokoll geführt und habe Rosenblatt noch um 10 Uhr 30 Minuten abends gesprochen. Die Aussage des Zeugen machte starken Eindruck, da sie im Gegensatz zu der Behauptung der Anklage steht, daß das Protokoll der Versammlung gefälscht sei und daß man Blätter aus dem Protokollbuch entfernt habe. Der öffentliche Ankläger Shitrit hatte seinerzeit behauptet, daß die Protokolle zur Irreführung der Untersuchung nach dem Mord angelegt worden seien, zu einem Zeitpunkt, da Rosenblatt noch nicht verhaftet war. Der Verteidiger der Angeklagten, der aus London kürzlich eingetroffene Advokat Horace Samuel, protestierte aufs schärfste gegen diese Behauptung der Anklagebehörde und betonte, daß von einer Fälschung oder Korrektur der Protokolle nicht die Rede sein könne. Weiters wurde die 18jährige Tochter des vor einiger Zeit verstorbenen Eigentümers des Hotel Turgeman in Jerusalem, Levand Turgeman, einvernommen. Sie sagte aus, sie habe Abraham Stawsky am 16. Juni, dem Tage des Mordes, in die Liste der Hotelgäste eingetragen. Das Zimmergeld habe Stawsky, den sie nachher nicht mehr gesehen habe, im voraus erlegt. Der Kutscher Jakob Fried.mann aus Tel-Awiw bekundete, er habe dieselbe Nacht im Turgeman-Hotel zugebracht und dort zwei Männer beobachtet, jedoch nicht so genau, daß er sie mit Sicherheit wiedererkennen könnte. Dagegen behauptet der Bruder des Zeugen, Moses, er habe Stawsky am 17. Juni um 6 Uhr morgens (die Mordtat geschah am 16. Juni in Tel-Awiw um 11 Uhr abends) im Hotel gesehen und ihn später bei der polizeilichen Vorführung wiedererkannt. Er bestätigte die Behauptung Stawskys, daß dieser schon am Vortag einen Verband an der Hand getragen habe. (In der polizeilichen Anklageschrift wird angenommen, Stawsky habe sich die Verletzungen an der Hand beim Uebersteigen eines Stacheldrahtzaunes in der Nähe der Mordstelle zugezogen.) Professor Nahum Siousch, der als Alibi-Zeuge für Achi Meir geführt worden war, sagte aus, er habe Achi Meir am 15. Juni um 3 Uhr nachmittags in Jerusalem gesehen. Am folgenden Tage wurde das Mitglied der Palästina-Exekutive Mosche Shertok vernommen. Rechtsanwalt Horace Samuel, griff in die Verhandlungen ein und stellte eine Reihe von Fragen an Shertok. Dieser legte dem Gericht den jetzt in seinem Besitz befindlichen Revolver Dr. Arlosoroff vor, für den er seit dem 12. Juli einen Waffenpaß besitzt. Shertok erklärte, Dr. Arlosoroff habe, bevor er seine letzte Europa-Reise unternahm, den Revolver nebst anderen Effekten seinem Freunde Richard Richter in Tel-Awiw zur Aufbewahrung übergeben. Von diesem habe der Zeuge die Waffe übernommen. Das Gericht behielt den Revolver zurück. Hierauf wurden mehrere Zeugen vernommen, die das Alibi Achi Meirs stützten. Salomon Preis, Baruch Schochtmann und Frau Jawnee 1 i, die Gattin des Rechtsanwalts Jawneeli, bei dem Achi Meir in Jerusalem wohnte, sagten aus, sie hätten Achi Meir am Mordabend zwischen 6 Uhr 15 und 8 Uhr 30 in Jerusalem gesehen. Frau Jawneeli fügte hinzu, Stawsky sei um 5 Uhr nachmittags in ihr Haus gekommen und habe nach Achi Meir gefragt. Zwei weitere Zeugen, Abraham Elmaleh und David Luschinsky, ehemaliger Sekretär beim jüdischen Friedensgericht, erklärten, sie hätten Achi Meir am Mordabend um 7 Uhr 15 in Jerusalem gesehen. Der Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien, II., Taborstraße 59, Tel. A-42-3-16, bittet die p. t. Arbeitgeber angesichts der Notlage der jüdischen Arbeitslosen um Anmeldung ihres dauernden oder vorübergehenden Bedarfes an qualifizierten kaufmännischen Angestellten, Arbeitern, Handwerkern und Hauspersonal aller Art bei dem angeführte» Verein. Mitgeteilte Wünsche Werden sorgfältigst berücksichtigt. Ein Bolväry-Meisterlustspiel wie „Das Blaue vom Himmel"! Liane Haid / Viktor de Kowa in dem Schlagerlustspiel mit der neuentdeckten Heike JUroensen Paul Kamp, Jessie Vihrog und Max Gülstorf! Regie: Gesa v. Bolvary / Musik: frfcnx Grolhe Uraufführung ab heute: OPERN-KINO, l< IMPERIAL-KINO, I. MARtA-THERESIEN-KINO, VII. ■..........;■■ Monopol Huschak & Co., Wien VII, "■" Aus der Pre§§e Die Berliner „Jüdische Bundschau" schreibt im Zusammenhange mit den gegen die Pinwanderungssperre gerichteten jüdischen Demonstrationen in Tel- Awiw: „Die bedauerlichen Vorfälle, die sich in Tel-Awiw abgespielt haben, zeigen, daß tatsächlich in den Beziehungen der palästinensischen Juden zur Mandatarmacht ein kritischer Moment entstanden ist, der das sofortige Eingreifen verantwortlicher Faktoren erforderlich machen würde. Leider fehlt es in der zionistischen Bewegung an der starken Führung, die wir in dieser Situation nötig hätten; dieautoritativ für das jüdische Volk zu sprechen imstande wäre." — Die „Rundschau" kommt etwas spät zu dieser Einsicht. Sie hat die auf dem Prager Kongreß gewählte linke zionistische Leitung herzlich begrüßt und das Mißtrauen aller anderen zionistischen Gruppen gegenüber dieser Leitung ziemlich schärf abgelehnt. Im Hamburger „Israelit. Familienblatt" schreibt Rabb. Dr. Prinz (Berlin) über Juden und Weihnachten: „Die Feier des Weihnachtsfest es durch Juden trug in sich alle Inkonsequenzen einer unechten, nur assimilatorischen Begegnung. Es begegneten sich hier nicht Judentum und Christentum. Es war überhaupt keine echte und wa,hre Auseinandersetzung. Das entjudete Judentum feierte e n tchristlichte Weihnachten. Die Weihnachten der Juden hatten mit der Christnacht nichts zu tun. Ausgelaugt im eigenen Judendasein, verfälscht in der' eigenen Judenexistenz — fälschten sie das fromme Weihnachtsfest der Christgeburt — in ein d e u tsches Volksfest um. Statt frommem Mythos mußte der Lichterglanz herhalten, statt heiligen gesungenen Liedern — das G es c h en k. So wuchs, auf unechtem Boden, ein unechtes Fest. Das Weihnachtsfest der Juden wurde so zur Groteske. Die Karikaturisten der Welt bemächtigten sich rasch des willkommenen Gegenstandes. Der Kontrast war echt und erschütternd komisch. Die Judenfamilie, die um den Christbaum versammelt war, mußte jeden natürlich Empfindenden abstoßen. Das wurde von den gläubigen Christen als eine illegale Grenzüberschreitung empfunden. Nur die Juden selbst empfanden nichts, spürten nichts, und viele spüren auch heute noch nichts. Auch noch heute feiern in Berlin und in anderen Städten Tausende von Juden „ihr "Weihnachtsfest! Unter dreizehn Sextanten einer Berliner Realschule, die ich befragt habe, feiern noch mehr als die H ''ä 1 f t e Weihnachten!" Die Straßburger Zeitung „La Tribüne juxte«« schreibt über die Unterbringung der deutschen jüdischen Flüchtlinge in Paris: An der Peripherie von Paris sind vier große Gebäudekomplexe, die ehemals als Kasernen dienten, mit Flüchtlingen belegt. Etwa 300 Personen, darunter 50 Familien, sind in der Kaserne Boulevard , Mac Donald, 200 Personen, darunter 20 Familien, an der Porte d* Orleans untergebracht. Man hat bis jetzt nur junge Männer und Familien, die sich damit einverstanden erklärten, kaserniert. Jede Kaserne hat einen Verwalter, der dem Comite" verantwortlich ist für die Ordnung und den Flüchtlingen für eine richtige genügende Versorgung. Den Sorgen um das knappe tägliche Brot sind alle Insassen enthoben. Sie haben eine warme Stube, denn in allen Zimmern ist gut geheizt, sie haben Gaslicht, sie haben Wasser zum Waschen und Baden und einen Strohsack mit Decken zum Schlafen. Darüber hinaus kann sich jeder selbst einrichten. Manche der Familien haben es verstanden, ihrer Wohnung eine eigene Note zu geben, sie haben ein Stück ihrer alten Bürgerlichkeit gerettet. Man hört keine Beschwerde, nur immer wieder dieselbe Bitte: „Gebt mir Arbeit." Wer einen handwerklichen Beruf gelernt hat, ist gut daran. Der ehemalige Schneider findet auch hier ein sehr reiches Arbeitsfeld vor. Die Firma Citroen hat 1200 Chauffeurmäntel geschenkt, nun müssen sie umgeändert, zum Teil zu Kindermänteln verarbeitet werden. Hier arbeitet auch ein früherer Boxweltmeister, seine schwere Faust führt nun die leichte Nähnadel. Unten in der Schusterwerkstätte arbeitet ein ehemaliger Bankbeamter. Jetzt erzählt er mit Stolz, daß er schon kunstgerecht einen Schuh besohlen kann. Die Berliner „C.-V.-Zeitung", Organ des Centraivereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, schreibt in der letzten Nummer auf Seite 1: „Von keiner ernsthaften jüdischen Seite ist jemals die Andersartigkeit des jüdischen Menschen b estritten worden..." Dafür steht in einer Deklaration des Centraivereines auf Seite 2 der gleichen Nummer: „Der grundlegende Unterschied zwischen Centraiverein und Zionismus liegt nach wie vor darin, daß der C.-V. eine nationale Verschiedenheit der deutschen Juden von der übrigen deutschen Bevölkerung nicht anerkennt. ...Wir sind keine nationale Minderheit und werden nichts anerkennen, was in dieser Richtung gegen unseren Willen von anderer Seite geschieht." Wie reimt sich Seite 2 zu Seite 1? Man ist anders und ist doch nicht anders. Anders als die Mehrheit und doch keine Minderheit. Armes Assimilation»» judentum! Niemand kann es verstehen, und es verstell sieb selbst nicht mebr,