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Die neue Welt · 1933-12-15 · Heft 327 (15.12.1933) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 327 (15.12.1933)
Date
1933-12-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 327 AUS DEUTSCHLAND Noch 160*000 luden in Berlin Die Reichsvertretung der deutflehen Juden und der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin veranstalteten Pressebesprechungen, in denen Aufklärungen über die Tätigkeit dieser beiden Körperschaften auf jüdischsozialem und kulturellem Gebiet gegeben wurden. Es wurden folgende Daten bekanntgegeben: Die jüdische Bevölkerung Berlins, die nach der letzten Zählung 172.000 Seelen umfaßte, ist heute, nach Berücksichtigung der Ab w a n d e r u n g und der sie teilweise kompensierenden Zuwanderung aus den Kleinstädten noch immer etwa 16 0.000 Seelen stark. Die Austrittsbeweguag ist im März schlagartig zum Stillstand gekommen. Dagegen sind etwa 1000 bis 1200 Wiedereintritte zu verzeichnen. Die Zahl der Steuerzahler beträgt etwa 50.000. Das Wohlfahrtsamt der Gemeinde, dem tausend ehrenamtliche Mitarbeiter zur Verfügung stehen, hatte sich mit etwa 19.000 Petenten zu befassen und hat lediglich aus Steuermitteln 700.000 bis 750,0000 Mark verausgabt. In den Gemeindeschulen sind 2938 Schüler in 6 9 Klassen eingeschult, 134 Lehrkräfte, davon 62 n e u e i n g e s t e 111 e, sind an den Gemeindeschulen tätig. Der Hauptansturm der Schüler, die wegen Entziehung der Schulgeldermäßigung die allgemeinen Schulen verlassen haben, konnte bewältigt werden. Verhandlungen über eine Erweiterung des Schulwerkes sind im Zuge. Das Krankenhaus der Gemeinde weist eine durchschnittliche Belegschaft von 180 Patienten auf. Derzeit sind 168 jüdische und 19 nichtjüdische Patienten im Krankenhaus untergebracht. Die Einfuhr von Koscherfleisch aus dem Ausland, in erster Reihe aus Dänemark — Geflügel kommt außerdem auch aus Holland, Ungarn und der Tschechoslowakei — ist mit bedeutendem Mehraufwand für die gemeinnützigen Institutionen verbunden. Auch in der allgemeinen Koscherfleischversorgung der Bevölkerung zeigen sich gewisse Mißstände, da das Publikum vielfach nicht genau über die Kaschruthbedingungen informiert ist. Die sogenannten „halb-koscheren Geschäfte", in denen Fleisch von betäubten und nachher geschächteten Tieren verkauft wird, erzielen eineri weit höheren Umsatz als die unter der Aufsicht der Gemeinde oder der der Adaß Jisroel stehenden Geschäfte, in denen das nach rituellen Vorschriften allein einwandfreie, aber bedeutend teurere ausländische Koscherfleisch verkauft wird. Die Darlehenskasse der Gemeinde hat etwa 200.000 Mark an ungefähr 2000 Darlehensnehmer verliehen. Eine falsche Statistik In nationalsozialistischen Kreisen wird darauf hingewiesen, daß die statistischen Ermittlungen eine stärkere Zunahme der jüdischen Bevölkerung als der deutschen ergeben haben. Seit der Zählung vom 10. Dezember 1910 bis 2um 16. Juni 1925 habe im ganzen preußischen Staat eine Zunahme der jüdischen Bevölkerung von 366.376 auf 403.969, d. i. um 10,1 vom Hundert, stattgefunden. Die Gesamtbevölkerung Preußens sei aber im gleichen Zeitraum und bei gleichem Gebietsumfang nur um 8,9 vomHundert, nämlich um 3,119.000, also erheblich weniger stark als das Judentum gestiegen. Wenn berücksichtigt werde, daß bei Juden mosaischen Glaubens in den letzten beiden Jahrzehnten ein SterbeUberschuß von 18.252 Personen zu verzeichnen war und 15.408 zum Christentum übergetreten waren, dann hätten i. J. 1925 in Preußen nur 333.218 Juden vorhanden sein dürfen; in Wirklichkeit wurden 403.969 Juden gezählt. (Diese Differenz Ott dadadurch zu erklären, daß in den Kriegs- und Nachkriegsjahren zahlreiche Flüchtlinge aus den östlichen Gebieten sich im Innern Preußens angesiedelt haben.) Arierparagraph für Hausbesitzer gefordert Aus Berlin: In der „Allgemeinen Deutschen Haus- und Grundbesitzerzeitung" wird die Forderung erhoben, daß in Hinkunft nur Personen arischer Abstammung Hausbesitzer sollen werden können. Arierparagraph für einreisende Ausländer Aus Berlin: Reichsinnenminister Dr. F r i c k erklärte Pressevertretern, daß in kurzem ein Gesetz über den Aufenthalt von Ausländern erlassen werden wird, demzufolge vor allem Ausländer deutscher und nordischer Rasse Bewilligung zur Einreise nach Deutsch" land erhalten werden. Personen, die nicht rein arischer Abstammung sind, werden nur in außerordentlichen Fällen die Einreisebewilligung nach Deutschland erhalten, doch wird der Aufenthalt von derartigen Ausländern auf deutschem Gebiet kurz befristet sein. . Höchstens lg'/a Prozent Jttdlschen Blutes zulässig Aus Berlin: Laut den soeben erlassenen neuen Bestimmungen zur Durchfuhrung des Gesetzes über das Berufsbeamtentum werden sämtliche An* wälte und Richter, auch diejenigen, die sieh als reine Arier betrachten, bis zum 1. Jänner 1934 den Nachweis erbringen müssen, daß kein Eltern«, Großeltern- oder Urgroßelternteil bis zurück in die vierte Generation jüdisch geboren war. Späterer Uebertritt eines Urgroßvaters oder einer Urgroßmutter zum Christentum verhindere nicht die. Disqualifikation. Nur diejenigen, die diesen Nachweis erbringen, werden dem nationalsozialistischen Richter- und Anwaltsverein angehören können. Nur diejenigen, so heißt es in den Bestimmungen, die nachweisen können, daß sie n i c h t mehr als 121/2 Prozent nichtarischen Blutes in den Adern haben, werden als Arier anerkannt werden und dem nationalsozialistischen Juristenbund angehören können. Spätestens 10. Jänner 1934 wird ein Adreßbuch arischer Juristen in Deutschland erscheinen, in das weder Juden noch Judenstämmlinge noch Arier, die an Jüdinnen verheiratet sind, aufgenommen werden. Für Staatsangestellte, die bei Ausfüllung des allen Beamten zugestellten Fragebogens betreffend ihre Abstammung verschwiegen haben» daß ein Voi-fahr bis zum vierten Geschlecht Nichtarier war, ist sofortige E n tlassung und disziplinarische Bestrafung vorgesehen. Außerordentliche Judensteuer in Bad Nauheim Aus Berlin: Der Magistrat von Bad Nauheim hat beschlossen, der aus etwa 300 Seelen bestehenden jüdischen Bevölkerung des Ortes eine besondere Steuer aufzuerlegen, um auf diese Weise 15.000 Mark zur Deckung eines Teiles der Hypothek, die der Magistrat auf der Synagoge stehen hat, hereinzubekommen. Die gesamte Hypothekarschuld der jüdischen Gemeinde an die Stadtgemeinde beträgt 27.000 Mark. Der Jude wird bestraft Aua Berlin: Die Zeitung „Fridericus" teilt mit: „Der Jude in Norden, der mit Lumpen handelt und vor einigen Monaten hinter seinem Lumpenwagen eine schwarz-weiß-rote Fahne durch den Dreck schleifen ließ, ist verhaftet und der Bestrafung zugeführt worden." Jaden dürfen in Deutschland keine Immobilien erwerben dürfen Aus Berlin: Wilhelm Moder so n, der Regierungskommissar für Immobilien in Berlin, hat der Regierung einen Gesetzentwurf unterbreitet, dem gemäß den Juden in Zukunft verboten sein soll, Haus- oder Bodenbesitz zu erwerben. Der deutsche Boden, heißt es in dem Motivenbericht zu dem Gesetzentwurf, ist mit deutschem Blute verbunden. Jüdische Fleischer werden von den Winterhilfe-Lieferungen ausgeschlossen Aus Offenbach a. M.: In Offenbach wird zwar von jedem Metzger ohne Unterschied des Glaubens bei der Schlachtung eines Ochsen eine Reichsmark für die Winterhilfe entrichtet, doch wurde bei der Zuteilung der Fleischgutscheine an die Bevölkerung ausdrücklich festgelegt, daß diese Gutscheine nur bei nichtjüdischen Fleischern eingelöst werden können. Die wirtschaftliche Schädigung der jüdischen Metzger durch diese Anordnung dürfte sich in Zukunft noch stärker auswirken, da die Bevölkerung voraussichtlich nicht nur die Gutscheine beim arischen Metzger einlösen, sondern gewohnheitsmäßig auch den weiteren Bedarf bei diesem decken und dem alten Lieferanten untreu werden wird. Deutsche Rassengesetzgebung nur gegen Juden Aus Berlin: Um Befürchtungen zu zerstreuen, die in der Presse Ostasiens im Zusammenhang mit der deutschen Rassengesetzgebung aufgetaucht sind, hat Innenminister Dr. Frick einem Vertreter von WTB. eine Erklärung abgegeben, in der er die Rassengesetzgebung als einen Akt der Notwehr gegenüber der Ueberfremdung durch das Judentum bezeichnete. Mit diesen Bestrebungen wolle die* Reichsregierung in koinerWeiseein Werturteil Uber andere Rassen fällen; sie sei sich durchaus bewußt, daß viele vom deutschen Volk rassisch verschiedene Völker eine alte und hohe Kultur vertreten. Angehörige fremder Staaten könnten in Deutschland nach wie vor ihrem Erwerb nachgehen und ihrer Jugend stünden deutsche Bildungsanstalten nach wie vor offen. „Gelbe" Karten auch für die jüdischen Studenten Aus Hamburg: Einer Verfügung für das ganze Reich entsprechend, sind nunmehr auch in Hamburg für die jüdischen Studenten der dortigen Universität gelbe Ausweiskarten eingeführt worden. Die jüdischen Studierenden der Fakultät für Zahnheilkunde konnten in der Die JOdisdvAkadamische Verbindung ,lvrla' zu Wien bringt hiermit zur Kenntnis, daß ihr lieber Bb. II. 1.1318 Elp Mi lUsll am 9. ds. M. plötzlich verschieden ist Wir habrn unseren teuren 1 oten am 10. ds. M. zu Ürabe getragen. rvarai Füi die Aktivilas -Ftir den * K-Herr n-Verband cand. med. öusia» seitmann Pr, Karl Stelner Poliklinik keinen festen Arbeitsplatz bekommen, sondern sind darauf angewiesen, den Platz eines arischen Studenten zu benützen, falls ein solcher den Platz vor Klinikschluß räumt. Diese Sonderbehandlung der jüdischen Studenten, die nichtsdestoweniger die vollen Gebühren zu entrichten haben, bildet für sie eine bedeutende Erschwerung bei der Erreichung des geforderten Semesterpensums. Die Zahl der ausländischen Studenten an der Hamburger Fakultät für Zahnheilkunde ist von 15 im letzten Semester auf 2 im laufenden Semester zurückgegangen. Oeffentliche Turniere für Juden gesperrt Aus Berlin: Die Verfügung des preußischen Ministeriums des Innern in bezug auf den Arier-Paragraphen im Reitsport bezieht sich auch auf den Turniersport. Das Auftreten nichtarischer Reiter oder Fahrer bei öffentlichen Turnieren ist in Zukunft nicht mehr zulässig. Die deutsch-antisemitische Propaganda in Jugoslawien Aus Belgrad: Großrabbiner Senator Dr. Alcalay, der nach der Rede des Innenministers Lazic über die Gewährung des Asylrechts an deutschjüdische Emigranten im Senat das Wort ergriff, um der Regierung und dem jugoslawischen Volke zu danken, führte dann noch aus: Seitdem die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht an sich gerissen haben, haben sie, um ihre Stellung im Lande zu festigen, eine Propaganda im größten Ausmaße gegen die Juden der ganzen Welt entfaltet. Sie senden ihre Emissäre in alle Länder der Alten und Neuen Welt, um den Hitlerismus und den Haß gegen die Juden zu predigen. Dieser Sturmflut konnte an den Grenzen Jugoslawiens nicht Einhalt geboten werden. Tagtäglich sendet der Rundfunk aus Deutschland stammende tendenziöse Reden gegen die Juden. Die Agenten von Dr. Göbbels in Jugoslawien halten Vorträge über das Dritte Reich und verteilen überall Hetzschriften, in denen in Wort und Karikatur die Juden in Jugoslawien beschimpft und als Schuldige an allem Unheil hingestellt werden. Durch die Interpellation Majstrovic', die sofort im ganzen Staate verbreitet wurde, habe unter den breiten Massen der Eindruck entstehen müssen, daß diese Bewegung bei dem höchsten Forum im Staate Unterstützung findet. Dr. Alcalay erklärte, daß sich in Jugoslawien gegenwärtig etwa 200 Flüchtlinge aufhalten, davon 110 in Zagreb und 91 in Belgrad, und wies zum Schluß die Behauptung Majstrovic' zurück, die Juden Jugoslawiens seien auch nach der Vereinigung die Träger der germanischen Kulturmission geblieben. Senator Dr. Majstrovic, durch dessen Interpellation gegen die jüdischen Emigranten die Judendebatte im Senat verursacht wurde, erwiderte: „Wenn wir uns vor dem Antisemitismus schützen wollen, so müssen wir uns rechtzeitig vor dem Semitismus schützen. Wir müssen mit allen Mitteln, die dem Staate zur Verfügung stehen, zu verhindern trachten, daß das jüdische Element in unserem Lande erstarke, denn solange es zahlenmäßig nicht stärker ist als heute, bedeutet es keine Gefahr. Niemand kann aber behaupten, daß dies auch dann zutrifft, wenn das jüdische Element erstarkt. Dann könnte es unter Umständen auch schädlich sein." Erfolgreiche Boykottaktiou gegen Deutschland in Lettland Aus Riga: Der Boykott deutscher Waren und Arbeit in Lettland hat ungeachtet dessen, daß die lettländische Regierung offene Boykottpropaganda nicht duldet, einen guten Erfolg zu verzeichnen. Im Oktober 1938 hat sich die Einfuhr deutscher Waren nach Lettland gegen Oktober 1982 um 65 Prozent vermindert Zionistisches Landeskomitee für Oesterreich Samstag, 16. Dezember, halb 9 Uhr abends, Schwarzenberg^Kasino, I, Schwarzenbergplatz 1 Grosse Makkabäerfeier unter Mitwirkung erstklassiger Kunstkräfte / Festrede: Or. Desider Friedmann, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien / Karten erhältlich: Zion. Bureau, 1, Kfirntncrstraße 28, Tel. Klub „Erez Israel", Ii Praterstraße 13, Tel. R>44>3>45; Bücherstube Rath, II, Taborstraße 20a, Tel. R*43*l*58? ludische KunststHle, II, Aspernbrückengasse 2, Tel. R*48»>2*9t

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