Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 327 (15.12.1933)
- Date
- 1933-12-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 327 DIE NEUE WELT Seite 3 Komme! in die jüdische Volk§parlei! Das Programm Die Jüdische Volkspartei Oesterreichs erstrebt die Zusammenfassung aller österreichischen Juden, welche eich dem jüdischen Volke zugehörig fühlen. Zweck dieser Zusammenfassung ist die Führung einer einheitlichen Politik nach folgenden Grundsätzen: 1. Bückhaltloses Bekenntnis zum österreichischen Staate und volle Bereitschaft, an der Entwicklung und dein Ausbaue Oesterreichs aus allen Kräften mitzuarbeiten. Förderung aller Bestrebungen, welche der gedeihlichen politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Oesterreichs und der Erhaltung von Ruhe und Ordnung im Staate dienen. 2. Wahrung der den Juden durch die Verfassung zugesicherten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gleichberechtigung. Daher: Stellung gegen alle Versuche, der Gleichberechtigung Abbruch zu tun Rechtsschutz für jeden, der um seines Judentumes willen in seinen Rechten beeinträchtigt wird. 3. Fernhaltung der österreichischen Judenschaft vom Getriebe fremder Parteien und deren Kämpfen gegeneinander. Die Beteiligung der Juden an fremden Parteien — oft an führenden und exponierten Stellen und als Wortführer in Versammlungen und Zeitungen — bringt dem Judentum Schaden und den Parteien keinen Nutzen. Sie hat dazu beigetragen, die Stimmung dieser Parteien gegeneinander und gegen die Juden zu verschärfen. Daher: Führung einer ehrlich-jüdnischen Politik unter eigener Verantwortung und unter eigenem jüdischen Namen. Eine solche Politik ist allein geeignet, Mißverständnisse, Mißtrauen und Vorurteile innerhalb der nichtjüdischen Umwelt zu beseitigen und eine offene, von gegenseitiger Achtung getragene Aussprache von Volk zu Volk zu ermöglichen. In Wahrung dieses Grundsatzes wird festgestellt, daß die Zugehörigkeit zur Jüdischen Volkspartei, mit der Zugehörigkeit zu anderen politischen Parteien unvereinbar ist. 4. Gegen die Teilnahme der Juden an Kulturkämpfen. Jeder Verstoß gegen diesen Grundsatz von jüdischer Seite hat erbitterten Haß gegen das Judentum heraufbeschworen. Die Jüdische Volkspartei fordert von ihren Mitgliedern absolute Respektierung der Sitten und Gebräuche aller Nationen und Bekenntnisse und strenge Enthaltung von jedem Eingriff in deren national-kulturelle und religiöse Angelegenheiten und lehnt ihrerseits jeden Eingriff in d;.s jüdisch-kulturelle und jüdisch-religiöse Leben, von welcher Seite er kommen mag, ab. 5. Die Jüdische Volkspartei lehnt die Ideologie des Klassenkampfes ab. Sie strebt nach friedlichem Ausgleich der Klasseninteressen im Geiste sozialer. Gerechtigkeit und vollem Empfinden für die Rechte der Träger jeder nützlichen Arbeit. Sie strebt im Geiste des alten jüdischen Gesetzes, nach einer Ordnung, welche jedem Menschen die Lebenshaltung gewährleistet, das heißt jeden Menschen vor Hunger und Mangel an den unumgänglichen Lebensnotwendigkeiten schützt. . 6. Normalisierung und Kräftigung des jüdischen Wirtschaftslebens im Wege der beruflichen Umschichtung und gegenseitiger Kredit- und Wirtschaftshilfe. Förderung aller Maßnahmen gegen die Ueberfüllung einzelner Berufe, insbesondere der Intelligenzberufe. Jugend- und Elternberatung. Vermittlung von Lehr- und Arbeitsplätzen, Institutionen für gewerbliche Ausbildung, Kredithilfe. Kampf um die Erschließung solcher Arbeitsplätze, welche jetzt für die Juden gesperrt sind. Den Klagen wegen des hohen jüdischen Prozentsatzes in gewissen Berufen ist mit der Feststellung zu begegnen, daß der Andrang zu bestimmten Berufien nicht von jüdischer Seite gewollt, sondern von nichtjtidischer Seite in der Weise erzwungen wird, daß fast alle Aemter und Behörden, die öffentlichen Betriebe, große Unternehmungen der Privatwirtschaft und große gewerbliche Gruppen die Einstellung der Juden als Arbeiter und Beamte ablehnen. Die Folgen dieses Unrechtes können nicht dadurch beseitigt werden, daß man ein neues Unrecht hinzufügt und die Juden aus den wenigen, ihnen noch offenen Berufen verdrängt. 7. Errichtung und Förderung von Institutionen, welche der jüdischen Jugenderziehung dienen. Ausbau eines jüdischen Unterrichts- und Schulwesens nach Maßgabe der bestehenden Möglichkeiten, vor allem durch die Judengemeinden und mit Hilfe der im österreichischen Gesetze vorgesehenen Förderung durch Staat und Gemeinden. Nur eine im wahrhaft jüdischen Geiste unterrichtete Jugend kann den Lockungen fremder und ins Extreme abirrender Geistesrichtungen widerstehen und sich harmonisch dem jüdischen Volke und dem österreichischen Staate eingliedern. 8. Teilnahme an der Errichtung des jüdischen Nationalheimes in Palästina. Die Jüdische Volkspartei anerkennt die nationale Einheit aller Juden der Welt und die Verbindung mit der historischen Heimat Palästina. Diese Anerkennung steht in keinerlei Widerspruch zur österreichischen Staatsidee und zu den österreichischen Staatsinteressen. Sie berührt keineswegs die Pflichten und Rechte der Juden gegenüber Oesterreich und vermindert nicht ihr Gefühl der Anhänglichkeit an Oesterreich. Oberbaurat Rob. Stricker, Obma^" Dr. Oskar Gri bäum, ■ Obmannstellvertreter Ü! Wie wird man Mitglied der Jüdischen Volkspartei? Männer und Frauen melden sich schriftlich oder telephonisch beim Sekretariat der Jüdischen Volkspartei, II., Untere Augartenstraße 38, Tel. A-45-6-34. Täglich zwischen 10 und 1 Uhr (Samstage und Feiertage nicht). Um allen den Beitritt zu ermöglichen, wurde der mindeste Jahresbeitrag mit S 1.— angesetzt. Wer mehr leisten kann, setze freiwillig einen höheren Beitrag fest, um die Arbeit zu fördern. RUNDSCHAU Der zensurierte Weizmann Es gab eine Zeit, wo der frühere Präsident der Zionistischen Organisation Prof. Chaim Weizmann sich des Wohlwollens der „Jüdischen Rundschau", des offiziellen Organs der zionistischen Vereinigung Deutschlands, erfreute. Ja, mehr noch. Die „Rundschau" beherbergte sozusagen die Weizmann-Politik — jene unheilvolle, defaitistische, jedem Druck nachgebende Politik, welche das britische Kolonialamt darin bestärkte, ein antizionistisches Verwaltungsregime in Palästina zu etablieren und zu üben. Dieser antijudenstaatlerische, die antizionistischen Bestrebungen gewisser Engländer und Araber fördernde Weizmann war der „Jüdischen Rundschau" recht. Dieses System wurde von der „Rundschau" verherrlicht, propagiert, großgezogen. Die deutschen Zionisten ließen es sich gefallen, rebellierten nicht. Im Gegenteil, der Geist der „Jüdischen Rundschau" bemächtigte sich ihrer. Es war ein fetter Bissen für die „Rundschau", als Weizmann auf dem 17. Kongreß in Basel 1931 sagte: „loh habe weder Sympathie noch Verständnis .für die Forderung nach einer jüdischen Majorität. . . . Jüdische Mehrheit ist für die Entwicklung einer jüdischen Zivilisation und Kultur im Lande nicht erforderlich." Aber die Erde dreht sich, die Dinge nehmen ihren Lauf und zeigen nach ein paar Jahren ein anderes Gesicht. So z. B. erging es dem Antijudenstaatler Weizmann. Am 30, November 1933 nämlich legte Weizmann bei einem Londoner zionistischen Meeting folgendes Bekenntnis ab: „Pas Wichtigste für die Juden Ist die eigene Flagge, der eigene Paß und eigene Vertretung im Völkerbund." Die Forderungen Weizmsnns sind die Attribute <4nes — Judenstaates. . ' Die „Jüdische Rundschau" ist verschnupft, bös, aus dem Häuschen. Abstreiten kann sie Weizmanns Erklärung nicht. Aber sie unterschlagen — das kann sie. Und das tut sie. Ihr Bericht (London, 30. November, J. T. A.) enthält kein Sterbenswörtchen davon. Sie hat einfach Weizmann zensuriert. Wenn die „Jüdische Rundschau", die Trägerin des verkleinernden und verzichtenden Zionismus, mit Weizmann unzufrieden ist, dann kann es uns nur recht sein. Dann sind wir zufrieden. % Gesellschaftsreise Krakau, Lemberg, Czernowitz und Zwischenstationen werden Anmeldungen nur noch diese Woche entgegengenommen. Auskünfte, Prospekte: Reisedienst „Czernowltzer Allgemeine Zeltung", I., Schulerstraße 1, Tel. R-21-6-78 (Stadtbüro „Der Tag"), und „Francoppl", in., Rennweg Nr. 1, Tel. U-16-4-90. Der Herr Minister erklärt ♦ ♦ ♦ In der Sitzung des englischen Parlamentes am 5. Dezember fragte der Abgeordnete Generalmajor Sir Alfred Knox den Minister für die Kolonien, wie hoch die Quote der in den ersten sechs Monaten 1934 nach Palästiaa zuzulassenden Einwanderer sei. Minister Philip Cunliffe-Lister erwiderte, die Quote für die nächsten sechs Monate betrage 5500. Sir Alfred Knox fragte weiter, ob diese Quote für die Aufnahmefähigkeit des Landes nicht zu hoch sei. Der Minister antwortete, daß es die konsequente Politik der Regierung und des High Commissioner ist, die Quote genauestens der Bevölkerung des Landes anzupassen. Will der Minister auch die Tatsache in Betracht Alle Radioapparate, modernste Typen stets lagernd bei J. HAHN, WIEN IX, Wasagasse 12, Telephon A-13-5-20 Günstige Teilzahlungskonditionen. Kostenlose Vorführung in Inrem Heim. Günstige Gelegenheitskäufe / Gebe 5% des Kaufwertes zugunsten Jüdischer Institutionen nach Wahl des Käufers ab / Provinz- und Auslandversand ziehen, warf der jüdische Abgeordnete Barnett Janner ein, daß Palästina ein prosperierendes Land ist und daß es die Einwanderer sind, die diese Prosperität herbeigeführt haben? Es ist wohl ein prosperierendes Land, antwortete der Minister, aber es wäre kein solches, wenn wir die Einwanderung nicht entsprechend der Aufnahmefähigkeit regeln würden. * Wenn sich dieses Frage- und Antwortspiel nicht zwischen einem Minister und einem ehrenwerten Abgeordneten des britischen Imperiums, sondern zwischen gewöhnlichen Sterblichen abgespielt hätte, könnte man getrost von einer abgekarteten Komödie sprechen. So aber ist es besser, sich darauf zu beschränken, den Fragen des um Palästina „besorgten" Antizionisten Knox und den Antworten des nicht minder antizionistischen und ebenso „ehrlich besorgten" Ministers Tatsachen entgegenzustellen. Tatsache ist, daß im letzten Halbjahr nicht! 5500 Juden, sondern sechsmal soviele Juden nach Palästina gekommen sind und das Land nicht überlastet, sondern zum Aufblühen gebracht haben. Alle haben Betätigung gefunden. Allerdings sind sie „illegal", daß heißt, gegen den Willen des Herrn Ministers gekommen. (Dafür hetzt er jetzt die Polizei gegen sie.) Tatsache ist also, daß Palästina eine mindest sechs« mal so starke jüdische Einwanderung; als der „besorgte" Herr Minister zulassen will, nicht nur verträgt, sondern braucht! Tatsache ist, daß ohne diese „illegale" Einfuhr von Menschen und Kapital Palästina nicht aufblühen, sondern verdorren würde. Tatsache ist also, der um die Folgen jüdischer Einwanderung so besorgte Herr Minister seelenruhig zehntauseude fremder Araber ohne jede Kontrolle ins Land läßt. Tatsache ist also, daß die englische Regierung nicht „die Einwanderung der Aufnahmefähigkeit entsprechend regelt", sondern die jüdische Einwanderung trotz unleugbar vorhandener Aufnahmefähigkeit des Landes unterdrückt! Da§ amei ikanische Judenproblem Unter dem Titel „Le Racisme ä l'americaine" veröffentlicht der Franzose Mark-Eli Ravage in der großen Pariser Tageszeitung „Petit P a r i s i e n" einen Aufsatz Uber das amerikanische Judenproblem. Die Schlußfolgerungen des scharfsinnigen Autors sind äußerst interessant. Er weist auf gewisse Differenzierungen gegenüber dem jüdisphen Rasseproblem der europäischen Länder hin und erblickt eine . der Grundtatsachen des amerikanischen Lebens im Fehlen jeder überlieferten Gesellschaftsordnung. Hingegen macht sich das Bedürfnis nach Unterscheidung geltend, das bisweilen groteske Formen annimmt. (Bildung von Bruderschaften, Orden, Klubs, Titelsucht.) Vor allem aber verbindet sich das Selbstgefühl des Amerikaners mit seiner angestammten Nationalität. Zuerst rangieren die protestantischen Familien angelsächsischer Herkunft, dann die Skandinavier, später die Deutschen, Iren, ganz spät die Italiener und Südeuropäer, von den Negern nicht zu reden. Aber hiebei handelt es sich sozusagen um Klassenunterschiede auf Grund der Nationalität, was sich am klarsten in der Lage der Juden zeigt. Diesbezüglich gibt Mark-Eli Ravage sehr bezeichnende Aufklärungen. In der öffentlichen Meinung, betont der Autor, und auch in der Gesetzgebung gibt *s keine Art politischen, religiösen oder wirtschaftlichen Antisemitismus, Man boykottiert nicht jüdische Warenhäuser, Kinos, Theater, glaubt auch nicht an die Märchen von den „Weisen von Zi'on"; jüdische Beamte stehen an den höchsten Stellen. Aber nichtsdestoweniger wird an den Universitäten ein Numerus clausus gegen den Juden durchgeführt, nehmen die großen Klubs keine jüdischen Mitglieder auf, finden die jüdischen Arbeitnehmer schwer Stellung. Die seitsamste Erscheinung des amerikanischen Antisemitismus ist das Meiden der Juden in den Sommerfrischen, auf dem Sportplatz, im Ballsaal — mit der Motivierung, daß man gesellschaftlich den nicht ebenbürtigen Juden ausweichen wolle. Im Laufe von 2000 Jahren — so schließt der Verfasser seinen Aufsatz — hat man die Juden mit einer Fülle von Vorwürfen, Zurücksetzungen und Diskriminierungen bedacht. Man hat sie wegen ihres Materialismus und ihres Idealismus, wegen ihrer kapitalistischen und ihrer sozialistischen oder bolschewistischen Gesinnung verfolgt, ihnen das enge Stammesbewußtsein und ihren uferlosen Internationalismus zum Vorwurf gemacht, aber den Juden als sozial minderwertig zu bs* handeln, das ist den Vereinigten Staaten vorbehalten geblieben.