Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 326 (8.12.1933)
- Date
- 1933-12-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 326 DIE NfetJE WELT Seite f Woran wir nicht vergessen dürfen Von Meir Großmann (London-Tel-Awiw) Unser Gedächtnis ist kurz. Wir vergessen rasch die tiefsten Entschlüsse und schwersten Erscheinungen. Das ist wahrscheinlich der Ausdruck eines mächtigen inneren Triebs, uns von jener Last zu befreien, die das Gemüt bedrückt. Eine Art instinktiven Selbstschutzes! Und nicht bloß im Leid, auch in der Freude sind wir dieselben: Menschen mit kurzem Gedächtnis. Das schmälste Lächeln auf den Lippen unserer gestrigen Feinde — macht uns kindisch dankbar. Einige fallen ihnen sogar zu Füßen. Man kann in unserer Geschichte hiefür viele Beispiele finden. So haben wir zum Beispiel die russischen Juden vergessen. Wie ausgelöscht aus dem Gedächtnis und in Schweigen gehüllt! Sogar in der Presse findet man nur selten Nachrichten über das Leben und Schicksal der paar Millionen russischer Juden. Jede Tätigkeit zu ihren Gunsten hat aufgehört. Ob bewußt oder unbewußt — jedenfalls ist das Thema „Russische Juden" von unserer Tagesordnung verschwunden. Es ist wahr, inzwischen haben sich neue Katastrophen ereignet, wie beispielsweise die deutsche. Aber die Tragik der russischen Juden hat sich deswegen nicht vermindert. Täglich gehen Züge hin und her, täglich kommen Zeitungen und Briefe, sie erzählen von Hunger, Leiden, stillem Untergang, geistigem Zusammenbruch, aber die Drähte zu unseren Herzen sind wie abgerissen, obwohl die drei Millionen so nahe von uns sind. * „Was ist, Juden der ganzen Welt, mit euch geschehen?", schreibt mir ein guter Freund aus Kiew. „Weshalb seid ihr ganz und gar verstummt? Hat man sich von uns abgewendet? Es dringt in der letzten Zeit nur sehr selten eine Stimme von euch zu uns. 32inst fühlten wir nach das Pochen eines brüderlichen Herzens, sahen die ausgestreckten Hände, empfanden das uns zugeteilte Mitleid. Jetzt schweigt ihr, als wolltet ihr uns ganz einfach vergessen. Man kann ihnen, den russischen Juden, ohnehin nicht helfen, heißt es. Ich will nicht dramatisch werden. Aber ich muß doch fragen, ob man bei euch weiß, daß wir hier untergehen und daß unsere Leiden grenzenlos ist. Es wird natürlich leichter, weil viele, viele wegsterben. Aber bis alle untergehen, wird noch eine Weile dauern. Und jede Hilfe von d r außen hat fast aufgehört Bloß eine Londoner Vereinigung leistet noch von Zeit zu Zeit Hilfe. Das Weltjudentum will scheinbar von uns nicht mehr hörexurUnd 4ie Juden Polens? Sie sind doch so nah! Sie haben einfach die Ohren verstopft, um nicht zu hören, was jenseits ihrer Grenze geschieht. Ich will Sie, lieber Freund, nicht mit Bildern von Not und Elend peinigen, aber wenn Sie selbst sehen könnten, wie es bei uns zugeht, würde es Sie aus Ihrer Ruhe herausreißen. Wo ist die jüdische Radiostation? Sie müßte dreimal des Tages den S.-O.-S.-Ruf ausstoßen: Vergeßt nicht die russischen Juden!" * Auch die Tragödie der deutschen Juden wird bald, fürchte ich, der Gleichgültigkeit des Alltags anr heimf allen. Was ist mit dem Boykott gegen Deutschland, gegen deutsche Waren geschehen? Ich habe gerade drei Länder besucht und muß gestehen, daß ich dort wenig Symptome einer durchhaltenden, alle Volksschichten umfassenden Boykottbewegung geathen habe. Von Zeit zu Zeit vernimmt man einen Ruf, der aber ohne Echo verhallt. Es gibt natürlich Komitees, jedoch fehlt zwischen ihnen und der jüdischen Masse jeder lebendige Kontakt, ohne den jede Bewegung ihre Kraft verliert. Und die jüdische Presse —■ der Barometer für Stimmungen — ist wie gelähmt Gewiß boykottieren Juden deutsche Waren. Jeder tut es für sich, in seinem Bereich, auf seine Weise. Aber die unsichtbaren Anstrengungen des einzelnen Individuums verlieren Wert und Wirkung, Man bekommt den Eindruck, daß die Juden den Kampf sc'ion aufgegeben haben, als hätten sie sich überzeugt, daß COMPASS TOURS WIEN NEW YORK PAPIS IX, Spitalgasse 3, Tel. B.42-5-38 Nächste Palästina-Reise 19. Dezember 1933 II Auskünfte und Anmeldungen: Wien IX, Spltotgos«« 3 Telephon B-42-S-38 der Krieg verloren sei. Der Boykottdruck wird — anstatt stärker — immer schwächer. Jedenfalls ist seine äußere Wirkung unbemerkt. Und gerade darum handelt es sich. Die letzten Nachrichten aus Deutschland beweisen ganz und gar, daß der Boykott wirkungsvoll ist. Der deutsche Export stockt, die Arbeitslosigkeit wächst, die Unzufriedenheit der Massen wird größer. Natürlich sind noch andere Gründe für diese Erscheinung vorhanden, aber unser Anteil daran ist gar nicht klein. Die wirtschaftliche Isolierung Deutschlands muß schließlich die gewünschten Resultate bringen. Die jüdische Gegenaktion macht sich fühlbar, und gerade jetzt ergreift uns die nationale Krankheit, man vergißt an das Gelübde, das man abgelegt hat: Zu kämpfen, bis Hitler-Deutschland gezwungen wird, darüber nachzudenken, ob sich der Krieg gegen das Weltjudentum bezahlt macht Noch ein paar Monate und die Sache „Boykott" wird zu den Vergesseneri Dingen gehören. * Erst vor kurzem hat man bei uns mit viel Enthusiasmus von Tozereth Haarez, von der Propaganda für die Verbreitung jüdisch-palästinensicher Produkte gesprochen. Die Idee, die ganze Galuth In ein ökonomisches Hinterland für Palästina zu verwandeln, hat sowahl an das Hirn wie an das Herz jedes' Zionisten appelliert. Wenn man will, daß Palästina wächst und gedeiht, muß man dazuschauen. daß Millionen Juden in der Welt sich in Verbraucher und Verkäufer palästinensischer Waren verfflNOPROGRAMNE Im DIESER WOCHE KREUZ-KINO w*Sftr».a.« Vom 8. bis 15. Dezember 1933: „Die Sklavin der schwarzen Geler" ml George OHrieo Sonn- und wochentags: 4, S 45, 7.3U, 9.15 Unir SCHWEDE N - KINO " •Tabore,raBe' Vom 8. bis 45 Dezember 1933: Tel.: A-49-Ü-60 „Ein Königreich 1 üf ein Herz" mit Claudetie Colbert, Frederic March;. Beginn wochentags: V,5, 7, l/,l<) Uhr. Sonntags ab 3 Uhr wandeln. Nichts kann besser und leichter sein, als; das Angenehme mit dem Nütfeliöhen zu verbinden. Und wirklich;, Es gibt". kaum eine bessere' Form' zionistischer Tätigkeit als '/das Werben für '.Tozereth'/' Haarez, zumal sich daraja Kind und Kegel be^iügen können. Man konnte erwarten, daß die Angelegenheit der Tozereth Haarez ( in eine Volksbewegung verwandelt werden wird, die alle palästinensischen Produkte in jedes jüdische Haus und in.jeden jüdischen Laden hineinbringen werde. Und es war wirkl|ch ein Augenblick da, wo man dabei hielt. Man schrieb' Aufsätze, gründete Gesellschaften, hielt. Konferenzen a.b. Es sah. aus, ais würde in der Tozereth-Haarez-Bewegung der Zionismus seinen populärsten Ausdruck finden. Die Bewegung dauerte nicht lang. Kaum war die, Sensation vorüber, warf man sich auf neue Projekte. Geblieben sind die Importeure, die Händler, die paar Genossenschaften, aber die Seele der Sache ist verloren gegangen. Die Stimmung ist versohwunden und damit auch der Impuls bei Alt und Jung, obwohl es nichts leichteres gibt als Propaganda für Tozereth Haarez, besonders in einer Zelt, da alles nach Palästina strebt, alles von Palästina träumt. Die bekannte jüdische Ausdauer hat nicht lang angehalten, die ganze Sache ist verblaßt Jetzt hört man, daß die Araber eine Boykottbewegung in Szene setzen. Vor ihren Drohungen zu erschrecken, liegt kein Grund vor, aber ein Stück Gefahr liegt doch darin. Und wir? Bei uns gehört Tozereth Haarez fast schon auf die Liste der „vergessenen Dinge". Vielleicht wird eich doch jemand finden, der dieae wichtige Sache auf die Tagesordnung setzen und ihr neues Leben einflößen wird.' Es ist wahr, wir sind ein altes Volk, das an einem kurzen Gedächtnis leidet. Aber die Zahl der Dinge, die; man nicht vergessen darf, ist sogar für uns ein wenig zu groß. PAG-Palimise ab Wif n 26 Onz«mt)Br 1933 II. Klasse Sfhitf S 440- /-L Kluse Stil S 560 komplett ab Wien m't Verpfleeung (Speisewagen), aufgelöste Rückfahrt / Prospekte durch ,>AG"ra!b?Ä'Jite»i. // Telephon B-25-3 8t // Alle Radioapparate, modernste Typen stets lagernd bei J. HAHN, WIEN IX, Waeagasse 12. Telephon A -1 3-6-20 Gürstge TeiUabJunpskonditionen. Kostenlose Voiführung in Inrem Heim. Günstia« QeiegenheitsKäufe / Gebe 5% des Kaufwenes zugunsten jüdischer Inst tutionen nach Wahl des Käufers ab / Provinz- und Auslandversand Und außerhalb HilIersDeuf schlands l Ans England Aus London: Am Freitag abend, nach Beendigung des Gottesdienstes schlichen sich Haken« krcuzler in die prächtige Prinzeß-Synagoge zu Liverpool ein und richteten in dem großen Gebetraum und in den Nebenräumen große Verwüstungen an. Sie bemalten die Wände mit Hakenkreuzen und zertrümmerten die Marmorskulpturen rings um den AJmemor, auch rissen sie die hölzernen Leisten hinter den Bänken heraus und zerbrachen sie. Die Tat kann nur von Erwachsenen begangen worden sein. Das Anmalen von Hakenkreuzen,- das in England aber bisher noch nicht geübt wurde,, läßt'.,auf eine Initiative seitens deutscher Hakenkreuzler schließen. Einen Tag vorher fand in Liverpool ein Massenmeeting der antisemitischen Imperial Fascists statt, die von etwa acht> tausend Personen besucht wurde. Man bringt die Synagogenschändung mit den Hetzreden in dieser Versammlung in Zusammenhang. ■ , Aus Griechenland Aus Athen: Im griechischen Senat richtete der oppositionelle Abgeordnete von Saloniki ■ M a v r o g o rd a t o s eine- Anfrage an die Regierung, betreffend das Dekret, durch das der Jörn Kippur zu einem Staatsfeiertag in Saloniki erklärt wird und «alle Bürger von Saloniki verpflichtet werden, ihre Geschäfte an diesem Tage zu schließen. Namens der Regierung erklärte der Vo 1 kswirbschafts m'i n1 * *-p r, auf Grund der Vorschläge des" Generalgouverneurs sei ein neu e s Dekret erlassen worden, durch das die Verpflichtung, die Geschäfte am Jörn Kippur zu. sehließen, auf die jüdischen Bürger von Saloniki beschränkt wird. — Inzwischen geht die antisemitische Hetze In Saloniki in bedrohlichem Umfang weiter. Die bevorstehende Bürger* melst-erwahl gibt Anlaß . zu neuen Angriffen . der antisemitischen Zeitungen, gegen die Juden. Unbedeutende Zwischenfälle werden zu „Verbrechen gegen den Staat"' aufgebauscht;' Die Opposition" will offenbar durch ihre iudeüfeindliche Kampagne-das.Terram fürdie Wahl eines- ,ich r i s 11 i:eh en" ' g:egen" äen ■■ffitrtfiUeti-'kn" Bürgermeister, wie sie den Kandidaten der Regierungspartei nennt, vorbereiten., Der. ^Kommandant des in Saloniki stationierten 3. Armeekorps untersagte in einem Korpsbefehl den Offizieren und Soldaten des Korps, der vor kurzem in eine antisemitische .politische P a r t,e i .„ .umgewandelten nationalistisch-antisemitischen; Organisation E. E. E. beizutreten. ■ ' > ' ■ Auf Kuba " ' Aus 'Havanna wird gemeldet: Auf . Grund der falschen Beschuldigung, die, Juden hätten Bomben für die, Gegner des Regimes Qrau San Martin angefertigt und'v von . den Dächern auf kubanische MiUtärpatroüillen. ge-, feuert, hat in Havanna ein scharfer antisemitischer Terror eingesetzt. Tag und Nacht führen Militärpatrouillen im jüdischen Viertel .Haus*• suchungen nach angeblich versteckten Waffen durch.. Es haben sich zahlreiche Fälle von P1 ü n d e. r u n g e n JÜdi-;} scher Geschäfte und Wohnungen, ereignet, sogar auf ' offener Straße wurden einzelne Juden ausgeraubt. Der jüdische Einwohner Alt sc hui wurde, von einer Militärpatrouille abgeführt und mit dem Erschießen bedroht Erst gegen ein Lösegeld von 40 Dollar wurde er frei- 1 gelassen. Der Jude Blank, wurde von Soldaten in seiner Wohnung schwer mißhandelt; eine Geldsumme und "Wertgegenstände wurden von den Soldaten geraubt. Die Einwohner von Buenavi st a, einer Vorstadt von Havanna, sammeln Unterschriften für eine'Petition, inMer die Ausweisung aller in der Vorstadt, wohnenden jüdischen Kaufl'eüte verlangt wird. Der R ecbti a.üss c hu ß der Jüdischen Ge-. meinde Havanna hat den Generaladjutanten der kubanischen Armee Veiasco besucht und ihm die Lage der von' Militärabteilungen terrorisierten jüdischen Bevölkerung geschildert. Der General Versprach, sich um das Los der >. Juden von Havanna zu bekümmern. Inzwischen geht der antijüdische Terror weiter. , Aus dem Freistaat Danzig Aus Danzig: Das Danziger Gericht verurteilte den rumänisch-jüdischen Kaufmann Elia Nbgorwizki wegen angeblicher Beleidigung des Senatspräsidenten Rauschnig und der Hitler-Bewegung zu zwe4 Jahren Gefängnis, zur höchsten Strafe, die bisher für ein solches Delikt in Danzig verhängt wurde. Das Urteil hat großes Aufsehen erregt. Aus Ungarn Aus Budapest: Die Polizei hat in der Druckerei Zoltan Beke in Debreczin einen Teil der Flugschriften beschlagnahmt, die am Vormittag von Studenten der jüngeren Semester in den Straßen verteilt wurden. Die Flügzettel, von denen etwa 15.000 in die Oeffentlichkeit gelangten, beginnen mit den Worten: „Brudermord begeht Jeder, der bei Juden kauft oder mit Juden Umgang pflegt." Des weiteren wird in ihnen behauptet, in Ungarn befinde sich der größte Teil der Industrie in den Händen des jüdischen Großkapitals, deshalb sei die christliche Jugend dem Elend preisgegeben. Unterschrieben.ist die Flugschrift von Gedeon Barcza und Zoltan S.omogyi. Aus der Schweiz Aus Zttrich wird gemeldet: Ein Vorfall, der sich hier in Juristenkreisen abgespielt hat, kann all Symptom für das Uebergretfea des AntiseaUUwnus «Uf