Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 325 (1.12.1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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f Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 32S AUS DEUTSCHLAND Ein Jahr und drei Monate Gefängnis I Ein ungeheuerliches Urteil! Aus Breslau: Vor dem Breslauer Sondergericht hatten sich der Verwaltungsdirektor der Breslau er JUdischenQemeinde, Amtsgerichtsrat a. D. Doktor Ernst Rechnitz, und der Handlungsgehilfe Albert Rosenthal wegen „Verbreitung von Greuelnachrichten" zu verantworten. Rosenthal hatte Dr. Rechnitz als verantwortlichen Schriftleiter des Gemeindeblattes einen Artikel „Ich suche meine Brüder" eingereicht. Der Zweck seiner Ausführungen sei, so betonte er vor Gericht, gewesen, das Gewissen der jüdischen Arbeitgeber zu schärfen. Er, der durch mehr als zweijährige Erwerbslosigkeit die Schrecken dieses Zustandes am eigenen Leibe genügend kennengelernt, habe mit Grauen gesehen, wie nach der nationalen Revolution die Möglichkeit für jüdische Angestellte, einen Arbeitsplatz zu finden, immer mehr geschwunden sei und wie sich insbesondere auch jüdische Arbeitgeber ihrer Pflicht, Juden einzustellen, entzogen hätten. Dr. Rechnitz erklärte, er habe in dem Artikel gleichfalls nur die ihm von Rosenthal im April einmal mündlich auseinandergesetzte Tendenz gesehen, jüdischen Arbeitgebern ins Gewissen zu reden. Die Anklage erblickt das „schwere Vergehen" der Angeklagten vor allem in zwei Stellen des Aufsatzes. An der einen hatte Rosenthal ausgeführt, daß der deutsche Jude durch seine wirtschaftlichen und kulturellen Erfolge bei seinen deutschen Volksgenossen vielfach Haß erregt habe, an der anderen, daß er jetzt nicht nur Kämpfer, sondern weit mehr Märtyrer geworden sei, der schutz- und wehrlos allen Anfeindungen preisgegeben sei. Der Vertreter der Anklage führte aus, es sei wirklich eine falsche Darstellung, wenn behauptet werde, daß bei dem Vorgehen der NSDAP., auf welche der Artikel doch offenbar gemünzt sei, Mißgunst und Haß eine Rolle spielten; die NSDAP, wende sich gegen die Juden nicht wegen ihrer Er f o 1 g e, sondern wegen ihrer Rasse. Ganz besonders verwerflich sei die Behauptung, daß der deutsche Jude irgend welchen Anfeindungen und Ehrverletzungen schütz- und wehrlos preisgegeben gewesen sei (!). Damit werde eine Pflichtverletzung der Regierung und der Justitz behauptet. Der Staatsanwalt forderte die Verurteilung der beiden Angeklagten zu je einem Jahre und sechs Monaten Gefängnis. Dr. Rechnitz erklärte in seinem Schlußwort: „Meine Väter sitzen nach den vorhandenen Urkunden seit mindestens zweihundert Jahren auf deutschem Boden, auf oberschlesischer Erde. Ich kenne kein anderes Vaterland als Deutschland. Ich habe diesem Vaterland nach meiner Ueberzeugung im Krieg und Frieden sogar über meine Pflicht hinaus treu gedient. Der mir gemachte Vorwurf, daß ich mir vorsätzlich Handlungen hätte zuschulden kommen lassen, welche die Interessen dieses Landes schwer zu schädigen geeignet seien, ist für mich untragbar Und berührt aufs tiefste meine Ehre. Wenn Sie mich durch ein Urteil ins Gefängnis schicken, nehmen Sie mir meine Ehre." Das Gericht verurteilte jeden der beiden Angeklagten zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis. Es rechnete ihnen die Untersuchungshaft erst seit dem 12. Oktober an; eine Anrechnung der zweieinhalb Monate, welche die Angeklagten in Schutzhaft im Konzentrationslager verbracht hatten, war nach dem Gesetz nicht möglich. Die Begründung des Vorsitzenden schloß sich den Ausführungen des Staatsanwalts in allen Punkten an. * Was soll man dazu sagen? Die Sache spricht für sich! Warm Dr. Ludwig Tietz starb Aus Berlin: Wie sich herausstellt, ist der von allen jüdischen Gruppen und Richtungen in Deutschland so tief beklagte Tod des jungen deutsch-jüdischen Führers Dr. Ludwig Tietz auf schwere physische Mißhandlungen zurückzuführen, denen er ausgesetzt war, als während einer in seiner Wohnung stattgefundenen Beratung der Führer der jüdischen Jugend Deutschlands SA.-Leute in die Wohnung eindrangen, ihn und seine Gäste in einen Nazikeller verschleppten und sie schlugen. Die Folgen dieser Mißhandlungen waren auf den Gesundheitszustand von Dr. Tietz um so verhängnisvoller, als seine Lungen infolge Gasvergiftung an der Front während des Krieges angegriffen waren. „Hinaus mit den Juden aus Deutschland!" — Araber unterm Hakenkreuz. Aus Berlin: Die „Deutsche Zeitung" erhebt in einem Artikel die klare Forderung, daß man die Juden aus Berlin hinauswerfe, und schließt hieran die Bemerkung, daß die Frage der Hinaussetzung der Juden aus dem gesamten Deutschen Reich wieder in den Vordergrund tritt. In das gleiche Horn stößt Graf Ernst zu Reventlow in seiher Zeitschrift „Der Reichs wart", Er befaßt sich eingehend mit der Lage in Palästina, erklärt, daß Deutschland die Vorfänge in diesem Lande mit starkem Interesse verfolge, tfaß die Nationalsozialisten direkte Fühlung mit den Führern der Araber unterhalten und daß ein Bevollmächtigter der palästinensischen Araber in Berlin eingetroffen ist, um dem Reichspropagandaministerium Uber die Lage in Palästina im Zusammenhang mit den Araberunruhen zu berichten. Ein gewisser arabischer Emir, schreibt Reventlow, steht mit der Leitung der Nationalsozialistischen Partei in brieflicher Verbindung und habe seiner Bewunderung mit den Resultaten der deutschen Revolution Ausdruck gegeben. Zum Schluß erhebt Reventlow die Forderung, daß alle Juden aus dem Deutschen Reiche hinausgeworfen werden. Gegen die Koscherkiichen der deutschen Schiffahrtslinien Aus Berlin: Die Nürnberger Zeitschrift „S t ü rmer" fragt, auf Grund welchen Rechtes die Hapag- Schiffe Koschernahrung an jüdische Passagiere verabfolgen, wo doch in ganz Deutschland ein Schächtverbot besteht. Mit Bezug auf die geplante Linie Hamburg—Palästina spricht der „Stürmer" die Hoffnung aus, daß entweder der Dampfer untergehen oder den Juden von den Arabern der „gebührende Empfang" zuteil werden möge. Albert Einsteins Vermögen beschlagnahmt Aus Berlin: Bekanntlich wurde vor mehreren Monaten die Sperre über Prof. Einsteins Bankguthaben in Deutschland verfügt. Nunmehr veröffentlicht der „Reichsanzeiger" eine Bekanntmachung des Geheimen Staatspolizeiamtes, nach der auf Grund des Gesetzes über die Einziehung kommunistischer Vermögen sämtliche Bankguthaben und Depots der Eheleute Albert und Else Einstein, zuletzt Berlin W 30, Haberlandstraße 5, zugunsten des preußischen Staates eingezogen werden. Neuer Feldzug gegen jüdische Rechtsanwälte Aus Berlin: In der Presse wird eine neue Aktion gegen die jüdischen Rechtsanwälte angekündigt und dabei mitgeteilt, daß bis zum 20. Oktober allein in Berlin mehr als 600 jüdische Rechtsanwälte des Rechtes zur Ausübung einer Praxis beraubt wurden. Die Zeitungen teilen mit, die Regierung habe beschlossen, die Zahl der jüdischen Rechtsanwälte so zu reduzieren, daß sie dem Verhältnis der Juden zur allgemeinen Bevölkerung, also weniger als ein Prozent, entsprich t. F. C. Holtz schreibt in seinem „Fr i d e r i c u s": „Es soll ruhig ausgesprochen werden, daß die Mehrheit der deutschen Bevölkerung mit Ungeduld den Tag herbeisehnt, an dem die gesamte Rechtspflege in Deutschland von Rechts wegen von den Juden freigemacht ist." AUS PALÄSTINA Vom Mordprozeß Arlosoroff Aus Jaffa: Im Verlauf des Gerichtsverhörs in der Sache des Mordes an Chaim Arlosoroff wurden die 12jährige* Rosa Boruchoff und ihr 16jähriger Bruder Chaim Boruchoff vernommen, die beide aussagten, sie hätten Abraham Stawski am 16. Juni abends, amMordabend also, in einem Restaurant in Jerusalem gesehen. Sie hätten ihn damals nicht gekannt, aber ihn als den Restaurantbesucher wiedererkannt, als er ihnen 14 Tage später im Gefängnis gegenübergestellt wurde. Arje Vorbei sagte ebenfalls aus, er habe Stawski am 16. Juni, 20.30 Uhr abends, im Restaurant gesehen. Auch die Kellnerin Sara Rechtscheid erkannte in Stawski den Mann; der am 16. Juni abends im Restaurant saß und sich mit Gästen polnisch unterhielt. Sie erklärte, sie habe sich bisher zur Zeugenschaft nicht gemeldet, weil sie illegal nach Palästina gekommen war; jetzt aber sei sie verheiratet und ihr Aufenthalt ist legal. Abba Achi M e i r, der wiederum vernommen wurde, erklärte, es könne nicht wahr sein, daß Revisionisten an dem Mord an. Arlosoroff beteiligt waren; er selbst sei vollkommen unschuldig und werde es beweisen. NÄCHSTE PALÄSTINA REISE Mit dem Lloyd «Dampfer „Tevere" (14*000 Tonnen) über Rom und Neapel/ Abfahrt von Wien 7« Dezember 1933 Arrangement und Reiseleitung Frau Berta Taubes — Auskünfte: Reisebüro Marlenbrüeke (Paläötlnadlenstj, Wien I, Rotenturmatraße 26, Tel. R-24-2-86, täglich von 10 bis 1 Ubr Alle Radioapparate, modernste Typen stets lagernd bei J. HAHN, WIEN IX, Wasagasse 12, Telephon A-13-5-20 Günstige Teilzahlungskonditionen. Kostenlose Vorführung in Ihrem Heim. Günstige Gelegen* heitskäufe / Gebe 5% des Kaufwert es zu* gunsten jüdischer Institutionen nach Wahl des Käufers ab / Provinz- und Auslandversand Die demoralisierende Wirkung des Razziensystems in Palästina Jerusalem, 27. November. (J. T. AT)1 Bs macht sich bereits die demoralisierende Wirkung des von der Polzei eingeführten Främiensystems für die Ergreifung von Personen, die sich ohne Er* laubnis im Land aufhalten, bemerkbar. Unter der armen orientalisch-jüdischen Bevölkerung finden sich einzelne« die der Polizei gegen eine Belohnung von Ibis 2 Schilling sich unerlaubt im Land aufhaltende Juden' namhaft machen. Wiederum Araberstreik in Palästina Jerusalem, 27. November. (J. T. A.) Die Ära« bische Exekutive hat für heute, Montag, den 27. November, und für Mittwoch, den 29. November, an welchen: Tagen die Verhandlungen gegen die der Teilnahme an den: Unruhen Ende Oktober beschuldigten Araber vor Gericht stattfinden, den Generalstreik proklamiert. Es ist vor« läufig noch nicht abzusehen, wie weit dieser neuen Streik* parole in Jerusalem und in den anderen Städten des; Landes gefolgt wird. Jüdische Kommunisten wegen Judenhetze verurteilt Aus Jerusalem: Das Gericht verurteilte zwei junge jüdische Mädchen, Ruth Riczik und Dinah Melles, zu acht, bzw. zwei Monaten Gefängnis wegen Verbreitung kommunistischer Plugzettel vor den Jaffa-Unruhen, in denen auf die Nachteile jüdischer Einwanderung und jüdischen Bodenkauf es hingewiesen wurde. Die Juden in der palästinensischen Polizei Aus Jerusalem: Die Frage des Anteils der Juden im palästinensischen Polizeikorps wurde vom Vorsitzenden des Waad Leumi (Jüdischer Nationalrat) Isaac Ben Zwi und den Vertretern der Jewish Agency Mosche Shertok und Joschua Gordon mit Roy G. B„ Spicer, einem der leitenden Beamten der Palästinapolizei, erörtert. Die jüdischen Vertreter wiesen darauf hin, daß der Prozentsatz der Juden im Polizeikorps sehr niedrig ist und außerdem wegen ihres schlechten Fortkommens fast wöchentlich jüdische Polizisten sich veranlaßt sehen, aus dem Korps auszuscheiden. Der Umfang der jüdischen Kapitaleinfuhr Der Umfang der Kapitalseinfuhr nach Palästina ist daraus zu ersehen, daß im Monat September 452 Einwanderer der Klasse A, die ein Eigenvermögen von mindestens ,1000 Pfund haben müssen, nach Palästina gekommen sind. Von diesen Einwanderern waren nur zwei' Christen, alle übrigen waren Juden. Der jüdische Kapitalsimport betrug in diesem Monat somit mindestens 450.000 Pfund. Unter Berücksichtigung der von Handwerkern, Mittelstandssiedlern, Arbeitereinwanderern und Studenten ins Land gebrachten kleineren Beträge wird man bei vorsichtiger Schätzung auf eine Gesamteinfuhr von mindestens 60 0.0 00 Pfund in einem einzigen Monat rechnen können. Eine genaue Aufstellung über die in palästinensischen Banken deponierten Gelder, für die bisher noch keine Verwendungsmöglichkeit zu Investitionszwecken gefunden werden konnte, kann nicht gegeben werden. Man schätzt diese Beträge auf über 10 Millionen Goldmark. Es handelt sich zum größten Teil um jüdisches Kapital. Bokott jüdischer Produkte Die arabische Zeitung „Falastin" veröffenlicht ein Interview mit dem wegen Teilnahme an den Jaffaer Exzessen verurteilten und gegen Kaution auf freiem Fuß gesetzten Mitglied der arabischen Exekutive Jamal el Hussein!, in dem dieser erklärt, die arabische Exekutive berate über einen Plan zur Fortführung ihres Kampfes gegen jüdische Einwanderung« Die Einstellung des Streiks sei nicht etwa auf Versöhn nungsabsicht oder auf Schwäche zurückzuführen, sondern: sollte lediglich eine Kampfpause einleiten, um dem High Commissioner die Möglichkeit zu geben, die an ihn gelangten Petitionen zu lesen und zu prüfen. Zum Schlüsse stellte Hussein! die Forderung nach lückenlosem Boykott der Juden und ihrer Produkte durch alle Mohammedaner und eingebornen Christen auf; durch einen solchen Boykott werde dem Kampf um Einstellung der jüdischen Einwanderung größerer Nachdruck ver^ liehen werden. 150.000 Pfund für Wasserversorgung Haifas Aus Haifa: Infolge der starken Bevölkerungszunahme Haifas ist die Frage der städtischen Wasserversorgung akut geworden. Zum Ausbau einer den vermehrten Anforderungen genügenden Wasserleitung soll ein Betrag von 150.000 Pfund aus der Zwei-Millionen-Palästina- Anleihe bereitgestellt werde«.