Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 325 (1.12.1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 325 DIE NEUE WELT Seite 3 Judi§die Sporlehre und Olympiade Im Zuge der Gleichschaltung wurden bekanntlich auch die jüdischen Sportler in Deutschland aus den deutschen Sportverbänden eliminiert. Die Sportplätze und die Trainingsmöglichkeiten sind ihnen genommen. Sie können selbstverständlich auch an der nächsten Olympiade, die 1936 in Deutschland stattfinden soll, nicht teilnehmen. Das amerikanische Olympia-Komitee hielt, wie wir seinerzeit in einem Aufsatz „Jüdische Sportehre und Hitler-Deutschland" ausführten, eine Sitzung ab, in der die New-Yorker Amateur-Athletik- Union vorschlug, sich nicht an der Berliner Olympiade zu beteiligen, wenn nicht bindende Garantien gegeben würden, daß die jüdischen Sportler Deutschlands keiner Diskriminierung mehr ausgesetzt werden. Der Standpunkt der Amateur-Athletik-Union ist klar, ehrlich, eindeutig. Vorbedingung für sportliche Wettkämpfe ist fair play, ein sittlicher Begriff, der sich gerade in den angelsächsischen Ländern größter Schätzung erfreut. , Im ersten Anlauf schienen sich die Mitglieder des amerikanischen Olympiakomitees auf dieses fair play zu besinnen und eine Teilnahme an einer in Berlin zur Austragung zu gelangenden Olympiade ablehnen zu wollen. Sie verlangten nämlich vom deutschen Komitee Aufklärung. In die Enge getrieben und im Bestreben, das sportliche Gesicht zu wahren, gibt der Unterstaatssekretär der gleichgeschalteten deutschen Sportgemeinschaft Doktor Lewald die telegraphische Erklärung ab, daß Hitler- Deutschland gewillt sei, die Juden wieder in die deutschen Mannschaften aufzunehmen und ihnen keinerlei Beschränkungen aufzuerlegen. Daraufhin seitens des amerikanischen Olympiakomitees ein sanftes Nachgeben, ein naiver Optimismus! Nach all dem, was den deutschen Juden geschehen war, nach all den Schrecken des Hitler- Regimes, das in bezug auf die jüdischen Staatsbürger von keinem deutschen Nationalsozialisten bestritten wurde, gibt sich das amerikanische Olympiakomitee der Hoffnung hin, „daß die Einschränkung der Rechte und Privilegien der Juden in Deutschland aufgehoben sein wird, bevor die Vereinigten Staaten die Vorbereitung und Auswahl ihrer Mannschaften treffen." Die deutschen Mitglieder des internationalen Olympischen Komitees sandten, wie bereits erwähnt, an den amerikanischen Sportverband die Erklärung, daß die deutsche Regierung ihre in Wien gegebene Verpflichtung 'betreffend die Teilnahme deutscher Juden an den Olympischen Spielen strikt einhalten werde. Diese Erklärung ergeht zur selben Zeit, da führende jüdische Sportler, zweifellos Olympiakandidaten, aus den deutschen Sportverbänden hinausgeworfen werden und nicht einmal auf ihren bisherigen Plätzen trainieren dürfen. Der Optimismus der Amerikaner hat also einen schwachen Boden. Die englischen Sportler sind hier etwas vorsichtiger. Sie schätzen die Versprechungen der Hitler-Leute richtiger ein. Der Sekretär des britischen Olympischen Komitees Evan Hunter hat erklärt, die Absage Großbritanniens sei höchstwahrscheinlich, „da man es als mit den olympischen Bestrebungen nicht vereinbar ansehe, daß Sportler aus rassischen oder religiösen Gründen daran gehindert werden, sich für die Olympiade, ein internationales Sportfest, vorzubereiten". Aber es geht hier nicht allein um den rein sportlichen Charakter dieser Angelegenheit, sondern um den politischen Betrachtungswinkel. Schon die bloße Neigung, sich mit den heutigen Machthabern Deutschlands in Fair play-Verhandlungen einzulassen, stärkt deren Regime, anerkennt einen Zustand, der als mit den völkerrechtlichen Gepflogenheiten unvereinbar deklariert wurde. Nachgiebigkeit gegenüber Hitler-Deutschland in irgend welcher Form erschüttert die von allen Kulturmenschen gegen das Hakenkreuz errichtete Abwehrfront. Wenn die Amerikaner sich aus sittlichen Prinzipien für den antideutschen Waren- und Dienstboykott ausgesprochen haben, so werden sie wohl auch im sportlichen Bereich Konsequenz zeigen müssen — gar nicht zu reden davon, daß die jüdischen Sportler Amerikas ihren jüdischen Sportbrüdern in Deutschland nicht in den Rücken fallen können. Billige Sonderfahrt nach POLEN Abfahrten 10. Dezember und 23. Dezember / Rückfahrten 21. Dezember oder 2. Jännor / Be de Abfahrten 22 Uhr abends und retour. S 52. Wien —Lemberg OB und retour . S OSi1 PaB- und VIsagebQhren gratisI Numerierte SitzplBtza in beiden Richtungen! REISEBÜRO „MARIENBRÜCKE", WIEN lf Rotenturmstraße 26 Telephone: R-24-2-86, R-24-2-87 Die //jüdische" Revolution im deutschen Protestantismus Die Verkündung des Ariergesetzes in der deutschen evangelischen Kirche hat weite Kreise der Geistlichen und der Gläubigen so sehr aufgewühlt, daß der Das neue Wahrzeichen Wiens „Der Rauchfangkehrer an der Hohen Brücke" hat seine glückbringende Tätigkeit bereits begonnen! Die 2 größten Haupttreffer 1. Klasse 30. Klassenlotterie 40,000 Schilling (auf Los Nr. 13,637), 20,000 Schilling (auf Los Nr. 41,971), sowie viele andre Gewinne, wurden wieder von den glücklichen Kunden der „Glückstelle Stein", Wien, I., Wipplingerstraße 21, an der „Hohen Brücke" (Filiale: X., Favoritenstraße 101), gewonnen. E Reichsbischof sich veranlaßt gesehen hat, die Durchführungsbestimmungen zum Ariergesetz vorläufig auszusetzen. Die Rechtsgültigkeit bereits getroffener Maßregeln, wie Entlassung aller nichtarischen Geistlichen und Kirchenbeamten, wird von der Suspendierung nicht berührt. Dagegen sollen schwebende Entlassungen nichtarischer Kirchenbeamter vorläufig nicht zur Ausführung kommen; auch wird vorläufig nicht mehr gegen nichtarische Mitglieder der Kirchengemeinden eingeschritten werden. Der von Hitler eingesetzte ReichsbischoJ? Müller ist Verfechter einer strikten Durchführung des Arierprinzips. Er begünstigt diejenige Richtung in der Kirche, die für vollkommenen Ausschluß aller Judenstämmlinge aus der Kirchengemeinschaft eintritt. Die Parole dieser Richtung lautet: „Menschen fremden Blutes haben nichts in der deutschen Volkskirche zu suchen, weder auf noch unter den Kanzeln." Der Protest von Tausenden Pastoren gegen diese Einengung des christlichen Gedankens, der sich in dem Gutachten der Marburger Theologischen Fakultät verdichtete, veranlaßte die Reichsleitung, vorläufig einen vermittelnden Standpunkt einzunehmen. Sie veranlaßte die Erlanger Theologische Fakultät zu einem Gutachten, welches dahin lautet, daß Juden zwar der Kirche angehören dürfen, daß aber die Kirche von ihren judenchristlichen Mitgliedern die Zurückhaltung von den Aemtern fordere, weil nun eben das deutsche Volk die Juden al3 fremdvölkisch empfindet. Etwa 3000 evangelische Geistliche, die sich zu einem „Pfarrer-Notbund" zusammengeschlossen haben, haben von ihren Kanzeln in ganz Deutschland eine Kundgebung verlesen, die zur Rede des Studienrates Krause vor dem Berliner Gau der Deutschen Christen in Gegenwart des Reichsbischofs Stellung nimmt. Krause hatte das ganze Alte und Teile des Neuen Testaments für die Deutsche Kirche abge- Wohlfahrtsverein ,,GE G ENS E IT! 6KEIT", Wien II, Taborstrafre 21 / Gegründet Im Jahre 1904 Telephon Nr. A-42-0-13 „Wer im Sommer die Ernte einsammelt, ist klug." p ppa uik An die jüdische Bevölkerung! Der Jude kennt zwei heilige Lebensgüter: die Tradition in der religiösen und kulturellen Gemeinschaft mit seinen Glaubensgenossen und die pflichtbewußte Verantwortung seiner Familie gegenüber. Er weiß, daß er in der Diaspora (Galuth) immer wieder auf sich selbst gestellt ist, daß er selbst Vorsorgen muß für die Bedürfnisse des Tages, für die Gegenwart, aber auch für die Zukunft von Frau und Kind. Er kämpft schwer mit den Härten und Kümmernissen einer furchtbaren Wirtschaftskrise, er verzagt trotzdem nicht. Denn auf diese Erde hat ihn sein Schicksal gestellt, er hat seine Aufgabe als Mensch und Jude zu erfüllen, im Vertrauen auf die eigene Kraft und auf die Kraft seines Glaubens, seiner Ueberlieferung, die ihn stützt und tröstet in Freud und Leid. Er denkt an alle Brüder, die, wie er, den vorgezeichneten Weg gehen, er denkt an die Seinen, die in guten und bösen Stunden treu zu ihm halten und aus diesen Gefühlen der Gemeinsamkeit erwächst ihm die Erkenntnis, zu helfen, solange er selbst im Leben steht, wirkt und schafft, und alles vorzukehren für die wichtigen Stationen im Kreise des Daseins, für alle Möglichkeiten, die unsere Voraussicht erkennen kann. Er tut dies nicht aus Angst und Kleinmütigkeit, die heute verhängnisvoller und verderblicher wären als jemals früher, er tut es, weil er gewohnt ist, Dinge und Ereignisse zu nehmen, wie sie sind und sie von beiden Seiten zu sehen. •A Vorsorgen für schwere Tage, das ist nicht lähmender Fatalismus, das ist Klugheit. Jeder von uns, der im harten Konkurrenzkampf täglich und stündlich seinen Platz behaupten muß, kann von einem Unfall betroffen, von einer Krankheit befallen werden, jeder Familienvater wird für das Glück seines Kindes Sorge tragen, wird zufrieden sein, wenn er ihm in entscheidenden Situationen beistehen kann. Doch Dem Obmannstellvertreter Dezsö Friedmann, Kaufmann, Obmannstellvertreter des Vereines „Montefiore", Beirat der Fürsorge-Zentrale der Israelit. Kultusgemeinde Elkan Bauer, Kaufmann wer vermag das heute? Kaum einer von uns ist in der Lage, nennenswerte Summen beiseite zu legen, aber jeder kann eine Kleinigkeit erübrigen und eine Versicherung abschließen, die ihn selbst und seine Familie vor den Zufälligkeiten bewahrt, die jedem zustoßen können. Jüdische Tradition, was bedeutet sie anderes, als verwurzelt sein in dem Boden der Familie, die uns später emporführt in die Gemeinschaft aller, die unsere Hilfsbereitschaft brauchen. Wir wollen unseren Lieben helfen und damit uns selbst. Diesem Grundsatz huldigt auch der Wohlfahrtsverein „Gegenseitigkeit", der jetzt sein 30jähriges Bestandjubiläum feiert, während fast eines Menschenalters viel Ersprießliches auf dem Gebiete der Humanität und der Wohlfahrt für die Allgemeinheit geleistet hat und es nun seinen Mitgliedern ermöglichen will, für ganz geringfügige Monatsbeiträge, ohne ärztliche Untersuchung und unter vollem Versicherungsschutz, sofort nach Beitritt, verschiedenartige Versicherungen einzugehen. Der Verein hat mit der Gemeinde Wien „Städtische Versicherungsanstalt" in dieser Richtung ein äußerst günstiges Abkommen getroffen. Da gibt es eine Studienbeitragsversicherung, die dem Kind Bildung und dadurch eine Existenz sichern soll, da gibt es eine Ausstattungsbeitragsversicherung, die den heiratsfähigen Töchtern zugute kommt, da gibt es aber auch eine Krankenversicherung, die bei längerer Krankheit des Vaters von Frau und Kindern die Not fernhält, da gibt es eine Altersversicherung, für die müden Kämpfer des Lebens, und schließlich eine Hinterbliebenenversorgung, die zunächst die Kosten des Begräbnisses und dann auch den Unterhalt der Hinterbliebenen für die erste Trauerwoche decken soll. Obmann Komm.-Rat Josef M. Demant, Präsident der „Tawig" Tapetenfabriks A. G., Obmannstellvertreter des Kreditvereines der Zentralsparkassen der Gemeinde Wien Wilhelm Kormes, Kaufmann Wir können also nicht nur für unser Leben, sondern auch für unser Ableben Vorsorgen. Dieses Bewußtsein ist tröstlich. Derebenso entschlossen und furchtlos, wie wir dem Leben und seinen Widrigkeiten ins Auge schauen, ebenso entschlossen und furchtlos müssen wir uns bei dem Gedanken beruhigen, auch für den Ablebensfall unsere Pflicht getan zu haben, immer der Tradition und den Grundsätzen des Judentums getreu, die uns auch die Ethik reiner Menschlichkeit lehrten. Und gerade der Grundsatz, auch beim Ableben niemand zur Last zu fallen, ist tief im jüdischen Bewußtsein verankert. Betet doch der fromme Jude nach jeder Mahlzeit: •am is/a n:no »t9 rwutn „Bringe mich nicht in eine Lage, in der ich auf fremde Mildtätigkeit angewiesen bin!" und in den Propheten heißt es: „Wer im Sommer die Ernte einsammelt, ist klug." 9'awn p ppa "uik Klugheit und Voraussicht, Zusammenhalt und Pflichtgefühl gegen sich, seine Lieben und gegen alle Gleichgesinnten haben den Juden die Stürme der Vergangenheit und Gegenwart überdauern lassen. Sie sind der beste Prüfstein seines Wesens. Einer unserer Mitarbeiter wird Sie in den nächsten Tagen aufsuchen, geben Sie ihm Gelegenheit zu einer kurzen Rücksprache und wir sind fest überzeugt, daß Sie sich in Ihrem eigenen Interesse unseren ernstlichen Bestrebungen raschest anschließen werden. Mit vorzüglicher Hochachtung Wohlfahrtsverein „Gegenseitigkeit" Sekretär Leo Rath, Kultusvorsteher und Mitglied des Vertreter-Kollegiums der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Hand.-Rat Eduard Pollatschek, Kaufmann, Vorstandsmitglied der Krankenkassa für Wien und Niederösterreich Ignatz Poll ach, Vorsteher der Genossenschaft der Stroh- und Filzhut* fabrikanten. Emil Epstein, Inhaber der Fa. Epstein u. Rumpier Dr. Oswald Gellner, Re£.-Rat Gustav Markus, Inhaber der Auskunftei B. Markus u. Sohn Fürsorgerat Leopold Pollitzer, Herren- und Damengürtel-Erzeuger Vorstande des Wohlfahrtsvereines „Gegenseitigkeit" gehören an: