Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 325 (1.12.1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2 DIE NEUE WELT Nr. 325 Sie werden es nie bereuen wenn Sie den Rat befolgen, Ihren Körper widerstandsfähig und widerstandskräftig zu machen. Im Kampf ums Dasein spielt es eine große Rolle, daß Sie keinen Tag verlieren, daß Sie durch keine Erkältung gezwungen werden, tagelang Ihrem Beruf, Ihrer Beschäftigung fernzubleiben. Gebrauchen Sie ständig jeden Tag DIANA- Franzbranntwein mit Menthol und Sie schützen sich am besten gegen alle Unbill des Winters und des Alters. In jedem besseren Geschäft erhältlich. RUNDSCHAU artiges Licht auf die Tätigkeitsmethoden unserer Zionistischen Exekutive werfen. Die Verhandlungen der palästinensischen Regierung mit der Exekutive begannen bereits zu Lebzeiten Dr. A rlosoroffs, dem die geplanten Maßnahmen bekannt waren. Im Schoß der Exekutive herrschte aber keine Einigkeit in Sachen der Touristeneinwanderung. Dr. Werner Senator z. B. war ein entschiedener Gegner der „illegalen Immigration". Es kam der Frager Zionistenkongreß. Ihm wurde seitens der Exekutive fast alles verschwiegen und die Aufmerksamkeit auf andere, weniger wichtige, innerzionistische Fragen gelenkt. Jetzt aber, angesichts der gefahrdrohenden Situation, will sich der Jischuw auf die gegenwärtige Exekutive nicht weiter verlassen, sondern sucht eigene Wege. Sofort nach Bekanntwerden der neuen Verordnungen versammelten sich die Vertreter der nationalen Parteien und der jüdischen Gemeinden, um die Formen der Abwehrbewegung zu besprechen. Man beschloß die Errichtung eines ständigen Komitees mit folgenden Aufgaben: a) Juridische Hilfe für alle Touristen; b) Veranstaltung von Protestversammlungen; c) Entsendung einer Abordnung der Städte und Kolonien zum Oberkommissär; d) Ausarbeitung eines Memorandums für alle Instanzen; e) Organisierung des Kampfes außerhalb Palästinas. Das Komitee hat seine Tätigkeit unter der Mithilfe aller Kreise bereits begonnen. Auch der Waad Leumi hat Schritte unternommen, die mit dem Inhalt der oben erwähnten Aufgaben konform gehen. Eine Abordnung, zu der sich noch fünf Vertreter des Jischuws gesellten, hat beim Oberkommissär vorgesprochen. Zuerst erklärte, Wauchope, daß er keine. Zeit habe, die Delegation zu empfangen, sie möge etwa in 14 Tagen wiederkommen.' Erst als der Führer der Delegation erklärte, daß er es ablehne, die Verantwortung für die kommenden Geschehnisse zu übernehmen, da die Stimmung im Jischuw eine sehr erbitterte sei, wurde eine Stunde für den Empfang festgelegt. Die Unterredung verlief sehr kühl. Der Ober-' kommissär versprach, die Sachlage zu prüfen, betonte aber, daß er von seiner Politik nicht abweichen werde, und erbat sich die Mithilfe des Waad Leumi bei der Bekämpfung der — „illegalen" Immigration. Das Resultat dieser Unterredung war also negativ. Der Waad Leumi lud nun auch Vertreter der Industrie und der Kolonisten zu einer Sitzung ein, bei der im Namen der Zionistischen Exekutive Ben Gurion einen politischen Bericht erstattete: die Lage sei wohl ernst, berechtige aber keineswegs zur Panik. Viel wußten die Teilnehmer an der Sitzung mit dem Bericht Ben Gurions nicht anzufangen. Der Waad Leumi kam schließlich zur einmütigen Auffassung, daß die Juden der ganzen Welt den Kampf für ihr Recht aufnehmen müssen. An erster Stelle steht die Parole: Kommt Ins Land! Die Touristen werden im Land bleiben. Um ihre Legalisierung wird mit allen Mitteln gekämpft werden. Das Bestreben der palästinensischen Regierung, durch Verhinderung der jüdischen Einwanderung den Jischuw zu zwingen, arabische Arbeit einzuführen, wird verhindert werden. Alles ist fest und ruhig, alles steht auf dem Standpunkt: Jetzt erst recht —• jüdische Arbeit! Gemeindewahlen i'n Palästina Arabischen Zeitungsmeldungen zufolge sollen in drei Monaten in ganz Palästina Gemeindewahlen durchgeführt werden. Von amtlicher Seite wird erklärt, daß diese Meldungen verfrüht sind und daß Mitteilungen über den genauen Zeitpunkt der Wahlen noch nicht gemacht werden können. (Die Durchführung solcher Wahlen würde das Inkrafttreten der neuen Gemeindeordnung bedingen, welches wiederum Voraussetzung für die Schaffung des Legislative Council ist.) Eine „MandatssGesellsdiaft" in Palästina Unter der Führung des Jerusalemer Advokaten S. Bernblum wurde eine „Palästina-Mandatsgesellschaft" gegründet, die es sich zum Ziel gesetzt hat, mitzuhelfen, den Gedanken des Mandats im Lande zu popularisieren, die Herstellung freundschaftlicher Beziehungen zwischen der Bevölkerung und den Regierungsstellen zu fördern und den Behörden moralische Unterstützung durch die öffentliche Meinung zu sichern. Die Eintragung der neuen Gesellschaft in das Vereinsregister wurde durch die Palästina-Regierung bereit» vorgenommen. Die deutsche Kinderhölle Aus Prag: Die letzte „Weltbühne" veröffentlicht einen erschütternden Kinderbrief aus Deutschland. Ein dreizehnjähriger Junge schreibt: „In meiner Klasse war ich der einzige Jude. Aber ich bin doch gar kein Jude. Bis Ostern war ich Protestant. (Die Mutter des Knaben ist Christin. Anm. der Red.) Dann hat man herausbekommen, daß Papa Jude ist, und da wurde ich auch ein Jude. Jetzt wurde alles anders. Keiner ging mehr mit mir und ich bekam auch keine Antwort mehr. Und in der Klasse wollte niemand mehr neben mir sitzen. Früher wollte jeder, weil ich doch der Beste war. Nun mußte ich mich auf die letzte Bank ganz allein setzen. Beim Unterricht schimpften die Lehrer furchtbar, obwohl tch gar nichts getan hatte. Wenn mir dann, obwohl ich mich zusammennahm, die Tränen kamen, hieß es, ich sei eine feige Memme wie die ganze Marxistenbrut. Auch „Bastard" und „Hurenkind" haben sie mich genannt. Der Geschichtsprofessor hat mir einmal gesagt, als ich keine Antwort geben konnte, daß ich genau wie der Vater einmal geschächtet werde." Aus Prag: Der „Sozialdemokrat" meldet: „Das Martyrium des ausgestoßenen Kindes in Hitler- Deutschland ist ein Kapitel von solcher Grausamkeit, daß einem der Atem stockt ... Aus Bingen wird ein charakteristischer Fall gemeldet. Ein Hitler-Jüngelchen kam mit einem polnisch-jüdischen Klassenkameraden in Streit und zog, ganz wie die Alten, eine Alarmpistole und schoß auf den „Untermenschen". Der jüdische Schüler wurde im Gesicht schwer verletzt. Die Lehrer, diese Edelinge aus dem Dritten Schreckensreich, standen, gemütlich Butterbrote kauend, sichtlich amüsiert daneben und rührten keinen Finger ... Diese Greuelmeldung, die kein .Märchen', sondern eine erschütternde Tatsache ist, zu kommentieren, hieße sie abschwächen." „Marsch weg, Jüdin! Die nächste, bitte!" Aus Genf: Im „Journal des Nations' (Genf) schreibt Graf Carlo Sforza: „Eine meiner Cousinen, verblachte diesen Sommer auf einer Schloßbesitzung in Württemberg. Sie konnte die Schulen besuchen, für die sie sich interessierte. Und sie sah folgendes: Bei der Vormittagspause zogen die Kinder an der Türe der Schulkantine vorbei, wo man ihnen eine Tasse Milch und ein Stück Bxot verabreichte. Die Meinen Mädchen warteten, bis sie an die Reihe kanien. Aber immer, wenn ein. j ü d i s c h e s Mädchen an: die Reihe kam, schriees die Direktorin, welche in der Hand die Tasse mit Milch hielt, an: „Marsch weg, Jüdin! Die nächste, bitte . . .!" Diese Szene wiederholte sich täglich. Man ersparte es den kleinen jüdischen Kindern nicht, in der Reihe, zu stehen. Man ersparte es ihnen nicht, die Hand nach der Tasse auszustrecken ... Die christlichen Kinder mußten täglich Zeugen dieser Szene sein, damit sie, lernen, wie man ein jüdisches Kind behandelt, welches Hunger hat und essen will." Restaurant Tonello II, An der MarlenbrOoke Renoviert — reformiert — Preise reduziert! Normalkost-Menü 1,50 und 2.— / Im Abonnement 1.35 und 1.80 AK? Veg?tarische und Rohkost Neu eröffnet! Schon wieder sowjetrassischer Judenstaat Nach langem Schweigen hören wir plötzlich wieder von einer Judenrepublik, von einem Judenstaat — in Söwjetrußland. Der Präsident des Obersten sowjetistischen Rates, Herr Kaiin in, der sich in Angelegenheit der Anerkennung Sowjetrußlands in Amerika aufhält, erzählt New-Yorker Journalisten von den Plänen, in Biro-Bidschan einen Judenstaat zu schaffen, ja er sagt sogar, daß die Gründung dieses Judenstaates unmittelbar bevorstehe. Die amerikanischen Journalisten allerdings sind nicht naiv genug, das, was Herr Kalinin erzählt, vorbehaltlos zu glauben. Sie erinnern sich wohl daran, daß in Amerika für russische Judensiedlingen große Summen (aus zumeist jüdischen Taschen!) aufgebracht und für hirngespinstige Experimente in der Krim und am Amur sehr rasch verbraucht wurden. Und sie möchten gerne hören, wie weit die seit einem Jahrzehnt betriebene Kolonisation Biro-Bidschans gediehen ist. Herr Kalinin antwortete. Bs war ihm zwar nicht angenehm, aber er mußte zugestehen, „daß von den 30.000 bisher in Biro-Bidschan angesiedelten Juden wegen der ungünstigen Lebensbedingungen nur rund 10.000 geblieben seien". Aber die Lage habe sich inzwischen gebessert. Wie und wodurch, darüber schweigt Herr Kalinin. Die amerikanischen Journalisten sind gute Mathematiker und sie werden daher mit Leichtigkeit errechnen, wie viele tausend Dollar die Ansiedlung eines einzelnen Juden in Biro-Bidschan gekostet hat. Aber abgesehen davon — Herr Kalinin verfolgt mit seiner Märchenerzählung vom Judenstaat Biro-Bidschan polltische Ziele. Er will einerseits das Wohlwollen Sowjetrußlands für seine Juden ins rechte Licht rücken (angesichts der Anerkennung Sowjetrußlands durch Amerika), andererseits — unausgesprochen — den^ Unterschied zwischen russischer und zionistischer Kolonisation aufzeigen. Daß dieses Manöver nicht einschlagen wird, dafür bürgt die gesunde öffentliche Meinung Amerikas, Phantastische Siedlungspläne Die offiziellen Telegraphen-Agenturen, wie Reuter, Havas, Wolff und Tschechoslowakisches Presse-Büro, brachten kürzlich die folgende Meldung aus Itanbul: „Die türkische Regierung lehnte das Ersuchen der Istanbuler jüdischen Gemeinde ab, 30.000 jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland den Aufenthalt in der Türkei zu bewilligen. Man nimmt an, daß die türkische Regierung auch das Gesuch der jüdischen Londoner Kolonisationsgesellschaft ablehnen wird, die dieser Tage um die Genehmigung für die Einwanderung von 100.000. bis 300.000 Juden, hauptsächlich aus Deutschland, angesucht hat. * Die Welt weiß, wie groß die .Tudennot ist und mit welcher Intensität sie zu einer Lösung drängt. Insbesondere das Schicksal der deutschen Juden hat die Aufmerksamkeit der Kulturstaaten wieder auf die Judenfrage gelenkt. Aber es hat keinen Sinn, Nachrichten von Projekten und Bestrebungen in die Welt zu funken und Hoffnungen zu erwecken, die sich ein paar Augenblicke später als unerfüllbar erweisen. Von jüdischer Seite ist weder über einen.Siedlungsplan in der Türkei, noch über andere Projekte dieser Art eine Verlautbarung erfolgt. Wir können den verschiedenen Nachrichten-Agenturen nur empfehlen, "schon im Interesse ihres Prestiges, die jüdische Welt nicht mit Meldungen über phantastische Siedlungspläne zu bombardieren. Jüdischer Heimathunger ist nationaler Chauvinismus Wieder bringt es das Schicksal mit sich, daß Menschen jüdischer Abstammung in das Rampenlicht der Weltöffentlichkeit gestellt werden, indem sie das Wort in einer Frage ergreifen, die keine spezifisch jüdische ist, zu der spezifisch jüdischen Frage aber schweigen. Man kennt die Aversion der sogenannten freien, im allgemeinen Penklub vereinigten Schriftsteller gegen Hitler-Deutschland und die Spannungen,, die s^ch aus dieser Aversion ergeben haben. Die deutschen . Schriftsteller nationalsozialistischer Couleur , verließen den österreichischen Penklub und der deutsche Penklub trat aus dem allgemeinen Penklub aus. Es vollzog sich auch, organisatorisch eine Trennung. Die Geister .schieden sich. England tat noch ein übriges. Der britische Penlclub ernannte die aus Deutschland verbannten1Scnriftsteiler Ernst Toller und Lion Feuchtwanger zu seinen Ehrenmitgliedern, damit bekundend, daß er. diejenigen zu schätzen wisse, die das Hakenkreuz wegen ihres Widerstandes gegen die „Gleichschaltung" verfemt habe. Aber Toller und Feuchtwanger sind jüdischer Abstammung . . ■< Toller bedankte sich in London für die ihm erwiesene Ehre,in einer Rede, die für die großen Ideale der menschlichen Freiheit und gegen die niedrigen Instinkte der Barbarei gesprochen war. Zweifellos eine Rede, die Talent zeigte. Aber Herr Toller vergaß, daran zu erinnern, daß er selbst an dem sogenannten Räteputsch in Münschen beteiligt war, dessen Erf olg wahrscheinlich die menschliche Freiheit nicht hätte höher wachsen lassen, als dies heute in Hitler-Deutschland geschieht. Und Herr Toller war Jude, und seine politischen exzessiven Experimente wurden den Juden angelastet, den Juden, mit denen Herrn Toller bekanntermaßen nichts verbindet . . .. Auch der zweite, vom englischen Penklub geehrte Schriftsteller, Lion Feuchtwanger, fühlt sich in England in der Fremde. Auch ihm wurde die, Heimat geraubt. Auch er ist ein Heimatloser. Nicht weniger als Toller beklagt er das Schicksal dessen, der von seinem Mutterboden losgerissen wurde, der gezwungen ist, fern von seiner Heimat, von seinem Vaterland zu leben. Wir können Herrn Feuchtwanger gewiß nicht sein Heimweh nach Deutschland, das er für - seine Heimat hält, verübeln. Was wir aber von ihm verlangen können, ist, daß er in Dingen, die seiner sozialen oder volklichen oder politischen Sphäre nicht angehören, den Mund halte; daß er die Unterstellung, er sei ein jüdischer Märtyrer, öffentlich ablehne. Es ist nämlich nicht lange her, daß Herr Feuchtwanger in New York vor einem jüdischen Forum die Sehnsucht der jüdischen Maasen nach ihrer Heimat Palästina als nationalen Chauvinismus bezeichnete, den man unterdrücken müsse, und nur ein geistiges Zentrum in Palästina gelten ließ. Denn>— so ungefähr deutete Herr Feuchtwanger den Sinn alles menschlichen Geschehens — die Heimat des schöpferischen Menschen sei überall. Wenn Juden ihre Heimat physisch aufbauen wollen und ihr Recht auf den Boden Palästinas beanspruchen, so ist das nationaler Chauvinismus. Feuchtwangers Anspruch auf Deutschland als die leider verlassene Heimat ist ethisch begründet ... Und die beiden Herren, Toller und Feuchtwanger, gelten da und dort als Märtyrer ihres Blutes, ihrer jüdischen Stammeszugehörigkeit. Wir nationalen Juden müssen bedauernd feststellen, daß das ein völliges Verkennen de» Tatsachen bedeutet.