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Die neue Welt · 1933-11-24 · Heft 324 (24.11.1933) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 324 (24.11.1933)
Date
1933-11-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 324 ■■■»»>- DIE NEUE WELT Seite 3 (Fortsetzung von Seite 1.) Shylok soll sidi laufen lassen ♦ ♦ ♦ »tehlichen Druck auf sie ausübte. Den Shylock, als welchen die „Reichspost" den österreichischen Juden ansieht, gibt es nicht. Der österreichische Jude kann und wird nicht auf sein gleiches Recht verzichten. Man kann es ihm nur gewaltsam nehmen. Dann aber hätte Oesterreich sein wichtigstes Recht preisgegeben, Jas Recht auf die Anerkennung als Staat hoher Kultur. Wie kommt die „Reichspost" zu ihrer ungeheuerlichen Forderung an die Juden? Sie stellt fest, daß der Prozentsatz jüdischer Aerzte und Anwälte ein abnormal hoher ist, und folgert daraus, daß die Juden auf die Gleichberechtigung im allgemeinen und auf die freie Berufswahl im besonderen verzichten müssen, wenn Frieden sein soll. Die „Reichspost" tut so, als hätten sich die Juden aus bloßer Vordringlichkeit und Raffsucht auf die lohnendsten Berufe gestürzt und alle Christen erbarmungslos aus ihnen verdrängt. Sie schweigt davon, daß die Juden gewaltsam in wenige ihnen noch freistehende Berufe gedrängt werden. Sie schweigt davon, daß fast alle Aemter und Behörden, öffentlichen Betriebe und größten Privatunternehmen die Aufnahme von Juden als Arbeiter oder Beamte ablehnen. ' Soll die „Lösung" darin bestehen, daß die Juden auch noch auf die letzten beruflichen Möglichkeiten „billigerweise" verzichten? Sollen sie „billigerweise" und „freiwillig" verkommen und verhungern? Nein! Das kann die Lösung nicht sein. Die Juden empfinden die ihnen aufgezwungene abnormale berufliche Schichtung schmerzlicher, als die „Reichspost" sie empfindet. Sie sind bereit, alles zu unternehmen, was zu einer gleichmäßigen Schichtung der Juden im wirtschaftlichen Leben führen kann. Sie ist bereit, einer auch vom jüdischen Standpunkt aus als ungesund zu wertenden Tendenz zu bestimmten Berufen systematisch entgegenzuwirken. Aber dieses ehrliche Bestreben kann nur dann wirksam werden, wenn man den Juden freien Lebensraum schafft. Gebt den Juden die Möglichkeit, Arbeiter, Beamte, Handwerker und Angestellte zu werden, dann wird die Ueberfülle jüdischer Anwälte, Aerzte und Journalisten bald geschwunden sein! So und nur so kann eine billige Lösung gefunden werden. Aber will die „Reichspost" eine billige Lösung? Einer ihrer letzten Leitartikel läßt Zweifel daran aufkommen. Da wird von „nationaler Erbschuld des Judenvolkes" gesprochen, von seiner Verurteilung zur Zerstreuung „bis zum Tage seiner Erkenntnis und E r 1 ö s u n g". Vom „Sicheinfühlen in das Karfreitagsmysterium", ohne das der alte, auf Ahasver lastende Fluch nicht schwinden kann. Dann wird erklärt, daß die Juden erst zu Ruhe und Sammlung kommen können, wenn ihnen „die Binde der Verblendung von dem Auge des Geistes genommen wird". Solche Ausführungen sind wohl in einem Bekehrungsbuche am Platze, aber solche Redewendungen in einem Artikel über die Rechtsstellung der Juden in Oesterreich lassen tief blicken. Und gar, wenn dann noch von einem „besonderen Recht für die österreichischen Juden" gesprochen wird. Wohlgemerkt: Nicht von Minderheitsrecht, das ja eine Garantie der Gleichberechtigung ist, sondern von einem „Sonderrech t". Und wenn schließlich noch ausgeführt wird, daß dem „Ghetto des Mittelalters" noch etwas „für die Gegenwart Symbolhaftes und Wegweisendes anhaftet", dann wird wohl ganz klar, was der Schreiber der „Reichspost" will. Es läßt sich kürzer sagen: Jude Shylock verzichte auf dein Recht oder lasse dich taufen! Daß die 'Judenfrage durch Massentaufe ganz zu lösen ist, das wagt in der heutigen Zeit — nach einem Seitenblicke auf Hitler-Deutschland — auch die „Reichspost" nicht zu behaupten. Sie schreibt: „Zweifellos wird durch die Taufe nicht ein Wechsel der Nation oder Rasse bewirkt — durch Taufe wird ein Chinese kein Franzose, aus einem Semiten kein Arier." Aber sie schließt ihren Artikel mit der für die etwa zur Taufe bereiten Juden beruhigenden Versicherung, daß sich das „Problem der Judenchristen" auf „ein Minimum" reduzieren lassen wird. Jetzt ist die Absicht des Schreibers der „Reichspost" wirklich nicht mehr zu verkennen. * Zwischen den Erklärungen, welche Bundeskanzler Dollfuß zur österreichischen Judenfrage abgegeben hat, und den Ausführungen der „Reichspost" über den gleichen Gegenstand besteht ein unüberbrückbarer Gegensatz. Zu einer Lösung, welche gerecht ist und vor den Augen der Kulturwelt bestehen kann, kann es nur dann kommen, wenn es bei dem bleibt, was Kanzler Dollfuß gesagt ha^t. Die volksbewußte •Judenschaft Oesterreichs ist bereit, ehrlich auf die Normalisierung und Umschichtung des Berufslebens der Juden hinzuwirken. Sie fordert diese Umschichtung im Interesse der inneren und äußeren Gesundung. Sie erkennt willig an, daß die deutschchristliche Mehrheit im Staate dessen Leitung in ihrem Sinne ordnet. Sie lehnt jede Einmischung der Juden in Kultur- und Klassenkämpfe ab. Aber sie besteht auf 4er ihr durch die Verfassung, gastierten staatsbürgerlichen Gleichberechtigung. Sie wird von dem Rechte auf gleiche Behandlung als Mensch und Staatsbürger ebensowenig abgehen wie von dem Recht auf ihren jüdischen Glauben. r. st. Dr* Chaim Weizmann 00 Jahre Am 27. November 1933 vollendet Prof. Dr. Chaim Weizmann, der frühere Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, jetzt Präsident der Zionistischen Föderation Englands und Leiter des Amtes der Jewish Agency für Ansiedlung deutscher Flüchtlinge in Palästina, sein sechzigstes Lebensjahr. Dr. Chaim Weizmann wurde 1873 in Motyli bei Pinsk, jetzt Polen, geboren, habilitierte sich 1900 als Privatdozent für Chemie in Genf und wurde 1903 Lektor an der Universität Manchester. 1901 gründete er gemeinsam mit Martin Buber, Berthold Feiwel, Leo Motzkin, Davis Trietsch und Jizchak Grünbaum die Demokratisch-zionistische Fraktion. Auf dem VIII. Zionistenkongreß trat er mit der Forderung des „synthetischen" Zionismus hervor, der mit der Weiterführung der politisch-diplomatischen Verhandlungen die sofortige Aufnahme kolonisatorischer Arbeit in Palästina verbinden wollte. Auf dem IX. Zionistenkongreß (1913) setzte Weizmann den Beschluß durch, die Arbeiten für die Errichtung einer hebräischen Universität in Jerusalem sofort in Angriff zu nehmen. Während des Weltkrieges nahm er Bemühungen um die politische Andie einzige schwedische Weltmarke erkennung der zionistischen Bewegung seitens Englands auf. Dank guter Beziehungen zu namhaften politischen Persönlichkeiten Englands, wie Lord Balfour, Lloyd George u. a. m., gelang es Weizmann, zusammen mit Sokolow und anderen Mitarbeitern, die englische Regierung für die Unterstützung des zionistischen Programms zu gewinnen. Diesen Bemühungen ist die Balfour-Deklaration vom 2. November 1917 zuzuschreiben. Im März 1918 begab sich Weizmann als Vorsitzender der ersten von der englischen Regierung offiziell anerkannten Zionist Commission nach Palästina mit der Aufgabe, die Verbindung zwischen britischer Heeresleitung und palästinensischem Judentum herzustellen. Am 21. Juli 1918 legte er auf dem Skopus-Berge den Grundstein zur hebräischen Universität in Jerusalem. Nach London zurückgekehrt, nahm Weizmann die politischen Verhandlungen mit englischen Staatsmännern und solchen der übrigen Alliierten über die Regelung der Palästina-Frage im Sinne der zionistischen Forderungen wieder auf. Er erschien am 27. Februar 1919 mit Sokolow, Ussischkin und Andre" Spire auf der Friedenskonferenz in Paris, um die zionistischen Wünsche zu vertreten. Seine intensive Tätigkeit galt dann der Vorbereitung des Palästina-Mandats. Er intervenierte auch auf der Konferenz in San Remo im April 1922, auf der der Oberste Rat der Ententemächte beschloß, die Balfour-Deklaration in den Restaurant Tonello II, An der WlarlenbrOoke Renoviert — reformiert — Preise reduziert! Normalkost-Menü 1.50 und 2.— / Im Abonnement 1.35 und 1.80 Alle Arten Di&tkost — Vegetarische und Robkost _Neu eröffnet!__ Friedensvertrag mit der Türkei aufzunehmen, d. h. die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina öffentlich-rechtlich anzuerkennen und England mit dem Mandat über Palästina zu betrauen. Auf der Londoner Jahreskonferenz der Zionistischen Organisation im Juli 1920 wurde Weizmann zum Präsidenten der Zionistischen Organisation gewählt und diese Wahl wurde auf allen folgenden Zionistenkongressen (1921 bis 1929) erneuert. Nach dem vorläufigen Abschluß der politischen Aktion durch Ratifizierung des Palästina-Mandats seitens des Völkerbundes (Juli 1922) wandte sich Weizmann fast ganz der Verbreitung des Palästina-Gedankens unter den Juden und der Aufbringung der materiellen Mittel für den Aufbau Palästinas zu. Seit 1923 richtete Weizmann seine Tätigkeit darauf, die im Palästina-Mandat vorgesehene Jewish Agency, die zunächst von der Zionistischen Organisation gebildet wurde, durch Vertreter aus den nichtzionistischen Kreisen des gesamten Judentums zu erweitern. Im August 1929 trat in Zürich unter dem Vorsitz Lewis Marshalls die aus Zionisten und Nichtzionisten gebildete „Jewish Agency for Palestine" zusammen und wählte Weizmann, zu ihrem Präsidenten. Die Opposition gegen Weizmann innerhalb der Zionistischen Organisation nahm ihren Ausgang von dem Umstände, daß sich seine Politik immer mehr und mehr von der Herzischen Konzeption und von der Judenstaats- Idee entfernte. Nach den blutigen August-Unruhen 1929 in Palästina nahm die Opposition zu. Auf dem Kongresse 1931 war sie bereits so stark, die Wiederwahl Weizmanns zum Präsidenten zu verhindern. An seine^telle trat Sokolow, . iiiiinimiimiiMiniiiiHMiiMiiniiitimninnii Ein Film, der unvergeßlich bleibt Eifellßltota Ii mit;; j Richard Dix, Estelle Taylor, Irene Dünne i : i Ab heute: j || Hill. Willi II. i;: Ab 1. Dezember: jj Mal-King l Lnx Ton-Palast 1 : IMMMMMM1M» Danubla-Fllltl, VII. WMMMMWtl i Der Kongreß in Prag im Sommer 1933 wählte Weizmann zum Mitglied der Exekutive der Z. O. und betraute ihn mit der Leitung des neugeschaffenen Departements für Ansiedlung deutscher Juden in Palästina. Auf der Londoner Weltkonferenz für Hilfe an die deutsch-jüdischen Flüchtlinge spielte er eine führende Rolle. In deren Auftrag führte er in Genf Verhandlungen mit Völkerbundkreisen und mit dem Oberkommissar für die deutschen Flüchtlinge, James Mac- Donald. Weizmann wird auch die jüdische Vertretung in dem vom Völkerbund geschaffenen Verwaltungsamt für die deutschen Flüchtlinge führen. Als Chemiker hat Weizmann, der auch Präsident der Universität Jerusalem ist und in der Zukunft deren chemisch-physikalisches Institut leiten wird, einen guten Ruf. Eine Reihe von Patenten schützt seine Erfindungen auf diesem Gebiete, J * Weizmanns ungeheure Arbeitskraft, der Drang, sich ausschließlich der zionistischen Idee zu widmen, seine seltene Begabung und großartige Konzeption in den Dingen jüdischer politischer Arbeit wurden von allen zionistischen Kreisen anerkannt. Andererseits aber brachte es sein langjähriger Aufenthalt in England, die ständige Berührung mit den britischen Regierungskreisen und seine egozentrische Einstellung in bezug auf die Wünsche breiter zionistischer Massen mit sich, daß er sich allmählich von den Grundlagen einer zionistischen Judenstaatspolitik entfernte und so die großen Sympathien und die warme Liebe der alten und neuen Herzl-Zionisten einbüßte. Seine Nachgiebigkeit gegenüber den englischen Versuchen, das palästinensiche Aufbauwerk durch administrative Maßnahmen unter Druck zu halten und das Tempo dieser Arbeit zu hemmen, sein Gewährenlassen der Linken, denen die sozialistischen Dogmen der II. Internationale wichtiger sind als die Lebensnot des jüdischen Volkes, schließlich sein autokratisches Auftreten gegenüber der wachsenden Opposition und die Schaffung der durch Nichtzionisten erweiterten Jewish Agency, welche gänzlich versagte und den Zionismus nur geschwächt hat, drohten all das Wertvolle zu vernichten, das er als zionistischer Führer während eines Jahrzehnts geschaffen hatte. So wurde sein Weggang von der Führung unvermeidlich. Aus England Aus London: Der Marquis of Hartington hat in Gemeinschaft mit anderen Mitgliedern des Parlaments den folgenden Antrag im britischen Unterhaus eingebracht: „Das Haus macht die Regierung Seiner Majestät auf die schlechten Wirkungen der Diskriminierung der Juden in Deutschland auf die englischdeutschen Beziehungen aufmerksam und ersucht die Regierung Seiner Majestät, diese Anschauung bei ehester Gelegenheit durch die entsprechenden diplomatischen Wege zum Ausdruck zu bringen." Dieser Antrag wird wohl Ausgangspunkt einer abermaligen größeren Debatte im Parlament über die Judenverfolgungen in Deutschland werden. * Aus London: Der Konservative Sir Philip Daws o n richtete im Unterhaus an den Innenminister Sir John Gilmour, die Frage, unter welchen Bedingungen und ftir welche Zeitdauer die vor kurzem im Süden Englands errichtete deutsche Schule die Arbeitsgenehmigung erhalten habe; ob alle Lehrer, Schüler und das gesamte Schulpersonal deutscher Nationalität seien. Innenminister Sir John Gilmour erwiederte: Es handelt sich um eine Schule, die in Deutschland deshalb ge* COMPASS TOURS WIEN NEW YORK PARIS IX, Spitalgasse 3, Tel, B»42«5»38 Nächste Palästina-Reise 19. Dezember 1933 II Auskünfte und Anmeldungen: Wkn IX, Spitalgasse 3 Telephon B-42-5-38

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