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Die neue Welt · 1933-11-17 · Heft 323 (17.11.1933) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 323 (17.11.1933)
Date
1933-11-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nf. 323 «inen einzigen Jüdischen Beamten; ferner gebe es zwei jüdische Nationalräte und zwei jüdische Kanzlisten der Zürcher Stadtverwaltung. Wenn ein Gewissenskonflikt zwischen den vaterländischen und den «peziell jüdischen Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitspflichten entstehe, so löse ihn der Schweizer Israelit zugunsten des Vaterlandes. Als zweiter Hauptreferent analysierte ein Vertreter der faschistisch eingestellten Nationalen Front die Stellung zum Judenproblem und bemerkte, der Kampfwille gegen jüdischen und bolschewistischen Zersetzungsgeist sei in ein akutes Stadium getreten. Der Optimismus Dr. Blochs sei irrig. Der Jude habe Verständnis für Pflicht und Recht, aber kein deutsches Gemüt, keinen Sinn „für seelische Verwurzelung" und ständige Gesellschaftsordnung. Zwischen israelitischen Aargauern und kaum eingewanderten Ostjuden bestehe allerdings ein Unterschied; aber die Zahl der jüdischen Rechtsanwälte in Zürich sei unverhältnismäßig angeschwollen. Es sei deshalb das Verbot der weiteren Einbürgerung von Juden und die Einführung eines Numerus clausus für jüdische Studierende zu erwägen. *Dr. P. Gygax meinte, die Schweizer Juden hätten früher dem Ostjudenproblem gegenüber eine andere Haltung eingenommen. Der heutige Solidaritätsstandpunkt sei begreiflich, aber er müsse mit der Wirklichkeit und ihren Forderungen in Einklang gebracht werden. Oberrichter Dt, is enschmied meinte, wenn bei vielen Juden und Arbeitern das Heimatgefühl nicht stark entwickelt sei, so liege der Grund dafür in der Tatsache, daß beiden Gruppen vielfach die Möglichkeit gefehlt habe, dieses Gefühl zu pflegen. Ein Redner bezeichnete es als ungerecht, alle deutschen Israeliten nach dem Bilde .der Berliner Juden zu beurteilen, -Die Frankfurter und die Hamburger Juden seien erfreuliche Beispiele einer gründlichen Assimilation. Dann sagte der Vorsitzende Dr.Landolt zusammenfassend, daß es augenblicklich in der Schweiz noch kein Judenproblem gebe. Dagegen gebe es mit den Schweizer Gebräuchen weniger vertraute ausländische Stammesgenossen, denen gegenüber eine gewisse Distanzierung nicht unangebracht wäre. Wenn in diesem Punkte die einheimische Judenschaft, ihre schweizerische Gesinnung dem Gedanken der Rassenzusammengehörigkeit vorgehen lasse und an dem Kampf gegen die Ueberfremdung teilnehme, werde es auch fernerhin in der Schweiz keine Judenfrage geben. * Wie man sieht, gibt es heute in der Schweiz unbedingte Judenfeinde und sehr bedingte Judenfreunde. Wenn einzelne Redher behaupteten, daß es keine Schweizer Judenfrage gebe, so steht das zu den täglichen Berichten der Schweizer Zeitungen über antisemitische Zwischenfälle in einem bedenklichen Gegensatz. Auch mit den Berichten über die zur Zeit dieser Ausspräche abgehaltenen politischen Wahlen, bei welchen die . schwer antisemitische „Front" zum ersten Male auftrat und große Erfolge errang. So im Berner Öberlande über -40 Prozent der Stimmen. Die Paläsfinannruhen vor dem englischen Parlament Aus Lo n d o n: In der am 7. November abgehaltenen Sitzung des Unterhauses gab der Staatssekretär für die Kolonien, Sir Philip C u n 1 i f f (? - L i s t e r, auf eine Anfrage des Abgeordneten der Labour Party David Grenf eil eine Erklärung Uber die letzten Unruhen in Palästina ab. Am 8. Oktober nahm die Arabische Exekutive Palästinas eine Resolution an, die den Beschluß der Proklamierung eines Generalstreiks am 13. Oktober und einer Straßenkundgebung in Jerusalem gegen jüdische Einwanderung unö\ den Verkauf von Boden an Juden enthielt. Der leitende Regierungsbeamte machte die Exekutive darauf aufmerksam, daß im Interesse der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung jede derartige Kundgebung verhindert werden würde. Ungeachtet des öffentlich kundgemachten Verbotes der Regierung wurde in Jerusalem der hartnäckige Versuch unternommen, die Kundgebung durchzuführen. Die Demonstration mußte von der Polizei, die mit größter Zurückhaltung und Schonung vorging, aufgelöst werden. Die Arabische Exekutive kundigte sodann ihre Absicht an, am 27. Oktober eine gleichartige politische Kundgebung in Jaffa zu veranstalten. Am 25. Oktober empfing der High Commissioner den Präsidenten und einige Mitglieder der Arabischen Exekutive und antwortete auf ihre Vorstellungen, betreffend die jüdische Einwanderung. Der High Commissioner gab ferner der Abordnung bekannt, daß in Jaffa kein politischer Demonstrationazug oder sonstige Kundgebungen zugelassen werden würden, daß man aber Mitgliedern der Exekutive erlauben werde, im DIatriktsamt vorzusprechen und eine schriftliche Erklärung zur Weiterleitung an den High Commissioner zu tiberreichen. Trat» des Verbots bestand die Arabische Exekutive darauf, die Kundgebung in Jaffa abzuhalten. Sie fand am Mittag de« 23. Oktober statt Später kam es in Haif a- und Nablu» zu Unruhen. Diese Unruhen trugen einen ernsten Charakter; auf die Polizei wurden wiederholt Angriffe, auch unter Verwendung von Feuerwaffen, unternommen. Nach Versuchen, der Unruhen unter Verwendung des Gummiknüppels Herr zu werden, war die Polizei in einigen Fällen genötigt, zu feuern, um die Ordnung wiederherzustellen. Als vorbeugende Maßnahme wurde vom High Commissioner am 20. Oktober eine Verordnung in Kraft gesetzt, die ihm besondere Vollmachten für den Notfall sichern. Ich möchte noch bemerken, daß, abgesehen von drei Zwischenfällen in Jerusalem am 29. Oktober und einer am 31. Oktober in Ruhe aufgelösten Kundgebung in Amman, Über keinerlei Zwischenfälle von Bedeutung im ganzen Gebiet von Paläst in n und Transjordanien seit den Unruhen in Haifa am Morgen des 28. Oktober berichtet worden ist, und daß der am 29. Oktober begonnene Generalstreik in der Nacht des 3. November beendet wurde. Die Polizei hat ihre beim Ausbruch der Unruhen bewiesene bewunderungswürdige Haltung die ganze Zeit hindurch unter schwierigsten Bedingungen aufrechterhalten. Ich bin überzeugt, daß das Haus mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen wird, daß ein aktives Eingreifen der Militärbehörden nirgendwo für nötig befunden wurde. Lassen Sie mich, erklärte Sir Cunliffe-Lister zum Schluß, nochmals im Namen der Regierung Seiner Majestät die, feste Versicherung abgeben, daß die ihr durch das Mandat auferlegte Pflicht, die eine Pflicht sowohl den Arabern wie den Juden gegenüber ist, von ihr mit peinlichster Genauigkeit erfüllt werden wird. Der konservative Abgeordnete Cäptain Peter M a c- Donald stellte hierauf die.Frage, welche Maßnahmen getroffen worden seien, um die illegale Einwanderung v o n J u d e ti einzuschränken Der .Kolonienminister antwortete, er. würde es begrüßen, wenn diese Anfrage schriftlich gestellt werde. Illegale Einwanderung sei tatsächlich vorgekommen und man habe praktische Maßnahmen im. Zusammenhang mit diesem Problem ergriffen. Abg. Barnett Janner fragte, ob irgendwelche Maßregeln getroffen worden seien, um in Zukunft zu verhindern, daß wie bisher tausende Menschen, die nicht Juden sind, aus Transjordanien ins Land kommen. Der Minister erwiderte, er halte es für unrichtig, diese Frage zu beantworten, ohne die Tatsachen genau geprüft zu haben. Palästina in eiB9lE§dher BetfrailitutMg Nach den arabischen Demonstrationen Der Jerusalemer Korrespondent der „Times" gibt ein Bild von der arabischen Demonstration, woraus man die Stellungnahme einflußreicher englischer Kreise, zu dem arabisch-palästinensischen Problem ersehen kann. In dem telegraphischen Bericht des großen Londoner Blattes heißt es: In Palästina ist Ruhe eingekehrt. Am 4. November wurden die arabischen Geschäfte wieder geöffnet und die Märkte wieder beschickt. Die Verordnung bezüglich der Polizeistunde (Sperre bei Einbruch der Dunkelheit. Anm. d. Red.) wurde zurückgezogen. Die Arbeit funktioniert normal. Die Ereignisse können also in ihrer Bedeutung abgeschätzt werden. Zunächst kann man feststellen, daß die arabischen Demonstrationen vom Beginn bis zum Ende gegen die englische Regierung und gegen die Engländer gerichtet gewesen sind. Anders war es bei den Unruhen vom August 1929, die vor allem gegen die Juden gerichtet waren.' Diesmal blieben die Juden unberührt, und konnte man auch keinerlei feindliche Gefühle gegen sie bemerken. Es ist auch notwendig, zu betonen, daß der Proteststreik die arabische Arbeit in den Kolonien nicht berührt hat und daß die. Araber auch bei den Bauunternehmungen ihre Arbeit nicht verließen — ein Beweis, daß die arabische Bewegung nicht gar so populär ist, wie die arabischen Führer versichern. Die arabische Attacke richtete sich ausschließlich gegen die Palästina-Administration und gegen den- Oberkommissär Sir Arthur Wauchope, der in den zwei Jahren seiner Amtszeit viel für die Fellachen getan hat, indem er ihnen Steuern nachließ und landwirtschaftliche Begünstigungen gewährte. Diese Wohltaten machten zwar NÄCHSTE PALÄSTINA REISE Mit dem Lloyd - Dampfer „Tevere" (14.000 Tonnen) über Rom und Neapel/ Anfahrt von Wien 7« De» xember 1933 Eindruck auf die Fellachen, aber nicht auf die reichen Effendis, deren Einfluß dank der jüdischen Einwanderung gefallen ist und deren Bestreben nun dahin geht, durch großzügige Propaganda und Entfachung einer panarabischen Bewegung von sich reden zu machen. Hlezii kommt noch, daß die Ereignisse in Syrien und im Irak den Eindruck erweckten, die Araber würden sich langsam von den europäischen Mächten emanzipieren. | Die Unruhen hnben auch bewiesen, daß die palästinensische Polizei, sowohl die Engländer wie die Einheimischen, imstande ist, die Autorität der Regierung zu wahren. Die britischen Aufgaben in Palästina können aber nicht allein durch Polizeigewalt durchgeführt werden. Beide Teile, die Araber und die Juden, müssen seitens der Regierung die gleiche unparteiische Behandlung erfahren. Die letzten blutigen Vorfälle haben die städtischen Araber schrecklich erregt. Diese nehmen es gar nicht zur Kenntnis, daß die jüdische Einwanderung den arabischen Volksmassen nich* nur keinen Schaden, sondern Palästina zu hohem Wohlstand gebracht hat, weshalb jetzt zahlreiche Araber aus Aegypten, Syrien und Transjordanien ins Land hereinkommen, ohne aber die beiden Lager, das jüdische und arabische, einander zu nähern. Lea> Motxkins Begräbnis m Pari§ Am 9. November wurde Leo Motzkin in Paris unter ungeheurer Teilnahme der Judenheit der französischen Metropole zu Grabe getragen. Die Bestattung war eine vorläufige, denn das Motzkin-Trauerkomitee trifft bereits Vorbereitungen zur Ueberführung der sterblichen Reste Motzkins nach Palästina. Die Ueberführung soll im Jänner 1934 geschehen. Vor dem Trauerhause in Paris waren viele hunderte Trauernde versammelt, auf dem Friedhofe war die Trauermenge auf einige tausend Menschen angewachsen. Vertreter der Zionistischen Exekutive, zionistische Führer aus Paris und dem AusTande schritten hinter dem Sarge, der in die zionistische blau-weiße Fahne gehüllt war. Auch im Trauerzuge wurden viele blau-weiße Fahnen getragen, die sich dann vor dem offenen Grabe senkten. Die religiöse Trauerzeremonie leitete der einstige Petersburger Oberrabbiner und jetzige Rabbiner der russisch-jüdischen Gemeinde in Paris, Eisenstadt. Trauerreden am offenen Grabe hielten das Mitglied der Zionistischen Exekutive Jizchak Grünbaum, der auf das beispiellose Pflichtgefühl ^otzkins hinwies und an das jüdische Volk appellierte, durch Erfüllung seiner Pflicht gegen Palästina Motzkins Andenken zu ehren; Isaac Naiditsch im Namen des Zion. Aktionskomitees; Dr. Nahum Goldmann im Namen der Exekutive des Jüdischen Weltkongresses und des Comite' des Delegations Juives, der ausrief, mit Motzhin ging einer der jüdischen Generäle dahin; Berl Katznenlson im Namen des Waad leumi, Adv. Leonce Bernheim im Namen der französischen, Chefredakteur Dr. Margoshes im Namen der amerikanischen und Dr. Schmorak im Namen der polnischen Zionisten. Das Kaddisch-Gebet sprach der Sohn Motzkins, der aus der chalüzischen Hachscharah herbeigeeilt War. Während die Schollen auf den Sarg fielen, stimmte die Trauerversammlung die Hymnen „Hati.k- Wah" und „Techesaknah" an. Während der Zeit des Begräbnisses Motzkins in Paris waren die Büros der T" -:sh Agency in London zum Zeichen der Trauer geschlossen. Board of Deputies, Joint Foreign Committee und andere englisch-jüdische Organisationen haben durch die .TTA.-Trauerkundgebungen für Motzkin verbreitet. Bei der Zion. Exekutive laufen von zionistischen und jüdischen Institutionen und Persönlichkeiten in der ganzen Welt Beileidskundgebungen ein. Durch den Tod Leo Motzkins ist die Neuwahl des Präsidenten des Comite des Delegations Juives notwendig geworden. Es wird vorgeschlagen, Dr. Nahum Goldmann oder .T. Jef roykin mit der Leitung des Comite' zu betrauen. Antisemitische Krawalle in Budapest Aus Budapest: Am 7. November kam es an der Budapester Unversität zu antisemitischen Unruhen. In längerem Kampfe setzten die jüdischen Studenten den Angreifern tapfere Gegenwehr entgegen, bis sie schließlich zwanzigfacher Uebermacht weichen und das Universitätsgebäude verlassen mußten. Der Rektor der Universität hat eine strenge Untersuchung eingeleitet. Vor den Hocbschulunruhen hatte die Jahresversammlung der unter der Führung des Abgeordneten Mesko stehenden ungarischen antisemitischen Partei der Grünhemden stattgefunden, in der der Parteiführer eine heftige antisemitische Rede hielt. Polizei drang in den Saal ein, löste die Versammlung auf und verhaftete mehrere Teilnehmer. In den Straßen von Budapest beschlagnahmte die Polizei eine große Menge von antisemitischen Plakaten und Flugschriften. Studentenunruhen in Debreczin Aus Budapest: Nach einer Meldung aus Debreczin wurden am dortigen Anatomischen Institut jüdische Studenten mißhandelt. Anlaß dazu gab ein Vorfall in der vergangenen Woche, wobei ein Hörer der Medizin, Paul Prager, mit dem Universitätsassistenten Dr. Sapi wegen einer Frauenaffäre einen blutigen Streit hatte. Die Studenten verlangten die sofortige Entfernung aller jüdischen Hbrer und insultierten behn Verlassen des Instituts mehrere jüdische Studenten. Der Rektor der Universität hat Maßnahmen gegen die Ruhestörer ergriffen. Arrangement und ReUeleltwig Frau Birtt Taubes Auskünfte: Reisebüro Mtrleobrücke (Paiästlnadlestt, Wien I, RrtMtvrfMtrafte 26. Tel. fU24-2-86, tliUoi vm 10 bis t Uhr HL Farbstein polnischer Konsul in Tel-Awiw Aus Jerusalem: Der jetzige polnische Konsul in Tel-Awiw, Dr. Bernhard Hausner, wird demnächst sein Amt verlassen. An seine Stelle als polnischer Konsul In Tel-Awiw tritt das frühere Mitglied der Zionistischen EjtekuUve und Führer de« Misrachi, Heschei Färbst« ta.

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