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Die neue Welt · 1933-11-17 · Heft 323 (17.11.1933) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 323 (17.11.1933)
Date
1933-11-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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frr. 323 Keller und schreibt, daß „die Abstempelung der deutschen Judenheit zu einer Minorität im völkerrechtlichen Sinne des Wortes auch vom jüdischen Standpunkt auf untragbar sei." Die „C.-V.- Zeitung" sagt zur Forderung des Völkerbundes: „. . . wir halten das für eine jüdischerseits recht gefährliche Entwicklung. Wir wollen in diesem Lande (Deutschland) nicht als nationale Minderheit leben . . Im „Schild", dem Organ des großen Bundes jüdischer Frontkämpfer, wird über die Forderung des Völkerbundes geschrieben: „Ein gefährliches Phantom ist aufgetaucht in der Diskussion über die künftige Gestaltung jüdischen Schicksals. Um den Preis einer jüdisch-völkischen „Gruppen- Emanzipation", die wenigstens einen Best unserer alten staatsbürgerlichen Stellung erhalten soll, will man das große Gut der wirklichen Emanzipation preisgebe n." Also: Die deutschen Juden wollen nicht, was der Völkerbund will, und stellen sich hinter Herrn Von Keller. Herr von Keller will die Juden nicht als Minderheit behandeln. Wie will er sie anders behandeln? Vor dem Völkerbund hat er wohlweislich über dieses andere „W i e" keine Auskunft gegeben. Aber in Hitler-Deutschland selbst wurde eine Auskunft von erschreckender Deutlichkeit gegeben. Mit Beziehung auf die Genfer Verhandlungen erschien in der offiziellen Hakenkreuz-Zeitung „Ostland" ein Artikel: „Minderheitsrecht und Judenfrage", in welchem es heißt: „... Indem die Juden sich gegen die Aussonde- rung aus dem deutschen Volkskörper, also aus der Gemeinschaft des Staatsvolkes, wehren, geben sie eben dadurch selbst zu erkennen, daß sie nicht als nationale Minderheit angesprochen sein wollen. Durch eine Klage, die sich gegen die Dessimilierung richtet, wird das Gebiet des Minderheitenschutzes überhaupt nicht berührt. Die Judenaussonderung ist eine durchaus innerstaatlicheA n g elegenheit, nicht anders als etwa die Unschädlichmachung gemeingefährlicher Verbrecher, denen gegenüber jeder Staat von seinem selbstverständlichen Notwehrrecht im Interesse der Volksgesamtheit Gebrauch machen kann, ohne daß ein anderer Staathier etwa das Recht zur Einmischung hätte . . Jetzt wird dem blödesten Auge erkennbar, was es bedeutet, daß sich die deutschen Juden gegen den Völkerbund stellen, um hinter Herrn von Keller zu gehen. Das heißt: sich selbst den Strick um den Hals legen. Indem die deutschen Juden es ablehnen, als Minderheitsvolk behandelt zu werden, verfallen sie dem Schicksal, als Verbrechervolk behandelt zu werden, dessen Vertilgung eine innerdeutsche Angelegenheit ist, in welche sich weder ein anderer Staat noch auch der Völkerbund einmengen darf. Istvsolchen Juden zu helfen? Jüdische Solidarität. Die Mehrheit der deutschen Juden hat immer den Bestand einer besonderen Verbundenheit mit den Juden in anderen Ländern, also den Bestand einer jüdischen Solidarität, geleugnet. Sie hat erklärt, daß nur jene Beziehung besteht wie unter anderen Menschen vom gleichen Glaubensbekenntnis. Der deutsche Jude steht zum englischen oder russischen Juden wie etwa der katholische Pole zum katholischen Araber. Das ist die herrschende Anschauung gewesen, und sie ist gleichgeblieben auch in diesen Tagen, da die deutschen Juden so entsetzlich leiden und die Juden aller Länder sich bemühen, ihnen zu helfen, und sich mit ihnen eng verbunden erklären. Ein Bericht über eine Massenkundgebung des „Verbandes jüdischer Frontsoldaten" im Verbandsorgan „Schild" kennzeichnet die Einstellung der deutschen Juden. Er enthält das von dem „Kameraden Dr. Fränkel (Berlin)" gehaltene Hauptreferat. Kamerad Fränkel sagt: „Die internationalen Beziehungen innerhalb des Judentums sind keine anderen als diejenigen Beziehungen, die überall in der Welt zwischen DIE NEUE WELT Menschen gleichen Glaubensbekenntnisses bestehen." (Stürmische Zustimmung.) Er spricht dann über den Wert dieser Beziehungen und davon, wie solche Beziehungen nur auszunützen wären, wenn sie nun einmal vorhanden sind: „. . . Daher ist es wünschenswert, daß, wo diese universalen Beziehungen bestehen, sie benützt und ausgenützt werden im Interesse der deutschenVolkswirtschaft und im Interesse des deutschen Volkes, weil nur so für Handel und Industrie neue Arbeitsplätze geschaffen werden können." (Beifall.) Der Kern dieser Ausführungen ist also: Der deutsche Jude will keine engeren Verbindungen mit den anderen Juden. Er will mit den anderen Juden nur dann und nur solche Beziehungen pflegen, wenn daraus der deutschen Wirtschaft ein Nutzen erwächst. Juden aller Länder, wir verkehren mit euch, wenn Hitler-Deutschland davon profitieren kann. Sonst danken wir für jede Bekanntschaft und Verwandtschaft ... Ist diesen Juden zu helfen? Seite 3 1 HERTA WORELL HANS STUWE in der österreichischen Tonfilmoperette mit ERY BOSSE, KURT VESPERMANN Regie: Hans von Wolzogen Ab heute: IMPERIAIi-KINO, I. LÖWEN-KINO, in. WIENZEILE-KINO, VI. MARIA-THERESIEN-KINO, VII. FLIEGER-KINO, IX. OLYMPIA-KINO, XI. SCHLOSS-KINO, XII. THEATER-KINO, XVH. Monopöl: Lux-Film RUNDSCHAU Wegen einer jüdischen Großmutter Die Saarbrückener „Freiheit" bringt die „Zuschrift einer Mutter": „. . . Mein Mann ist als Offizier für das deutsche Vaterland gefallen, ich mußte meine fünf Kinder allein aufziehen; Meine Söhne studierten, zwei Töchter heirateten. Die Jüngste einen Juristen, Sohn eines hochangesehenen, bekannten Akademikers, der mit meinem Mann befreundet war. Plötzlich, als die Judenhetze begann, stand der Schwiegervater auf einer Boykottliste! Seine Mutter war Jüdin, was niemand, nicht einmal seine eigene Frau nach vierzigjähriger Ehe, wußte. Entsetzen und Verzweiflung kehrten in der Familie ein. Wir alle, meine Eltern, Brüder, Söhne — deren Frauen und Kinder —, dazu noch die Schwiegersöhne und -töchter des „nichtarischen" Schwiegervaters, also in diesem einen, einzigen Falle Dutzende von guten, rassereinen Christen, wurden ins Verderben gestürzt. Zuerst waren alle guten „Freunde" mitleidig und empört, allmählich bekamen sie Angst, mit Menschen weiter zu verkehren, die mit Juden versippt sind . .... Was soll meine Tochter nun tun? Soll sie sich, seit zehn Jahren glücklich verheiratet und Mutter von drei — so blond und arisch E,ltB $ü*Ui* steln" btc toieberljoltefi alle Haupttreffer, fofoie bte SRtcjcnbtämie bet Äfaffenloitcric, inSocfamt toett über 53 SOTiUioiteit SdjiUiitg an tfjre glüdftdjert Äunbeit ausgebt Ijat. fte&uitg fdjott ttädjftett Sienftag, 2l.9loöemb. ür W&efteHmtg genügt «ßoftfarte. (Sin Sittel 8o3 S 6.-, ein Sterte! S12.-, ein ©anje3 S48.-. 5?affafd)alter imunter&rodjen hon 8 Ufr friil) Bis 6 Uhr a&enbä geöffnet. Ztl U»21*545 ©erte. „©lüdftelle ©tetn", SBien, L, aBthtolittgerftrafje 21, an ber „§nljett SBrüaV', Filiale: X., gaboriienftra&e 101. ÜMÄÄB»*Stt*S' wie nur möglich aussehenden — gesunden Kindern, von ihrem Manne scheiden lassen? Sie hat doch von der jüdischen Großmutter ihres Mannes nichts geahnt! Warum muß sie als* Christin so Unsagbares leiden und wir alle mit ihr? Wer kann die Qualen einer Mutter mitfühlen, wenn ihre geliebten Kinder verfehmt, als nicht „rasserein" verachtet werden, während ein etwaiger Zuchthäusler als Vater die „Germanenrasse" nicht verschlechtern würde! Mein Schwiegersohn ist wegen seiner nichtarischen Großmutter aus dem Staats« dienst entlassen worden. Seine jüngste Schwester mußte ihre Verlobung mit einem Beamten auflösen. Bisher verehrt und umworben, soll sie nun einsam und wie die Pest gemieden weiterleben. Ich selbst alsVollblutarierin sehe verzweifelt all dieses Elend, das Uber meine Kinder und Enkelkinder hereingebrochen ist. Wo soll ich Trost suchen? Etwa in der gleichgeschalteten Kirche der evangelischen deutschen Christen, die sich nicht scheuen, in der Kirche und an Gräbern gegen Juden z.u hetaen — alles im. Namen Christi, des »größten Juden aller ZeiteaT' Die ru§§i§che Judenrepublik Eine zerplatzte Seifenblase Im jiddischen Kulturklub „Scholem Alechem'* in Paris hielt der Redakteur der New-Yorker sozialistischen jiddischen Tageszeitung „Forward" Harry Lang, der nach dem Prager Zionistenkongreß eine Studienreise nach Sowjetrußland unternommen hatte und sich jetzt auf der Rückfahrt nach New York befindet, einen Vortrag über die Lage der jüdischen Bevölkerung in de? Sowjetunion. Harry Längs erster Eindruck war, daß man jetzt unter den jüdischen Volksmassen in der Ukraine, in Weißrußland und auch in Moskau und Leningrad sich viel freier ausspricht als vor einigen Jahren, Diese Wandlung ist nicht etwa darauf zurückzuführen, daß die Ketten des Rede- und Denkzwanges gesprengt, daß die Zahl der Denunzianten verringert und die Macht der G. P. U. vermindert sind, sondern darauf, daß der Grad des Elends und der Verzweiflung so groß geworden ist, daß die Leute, weil sie nichts mehr zu verlieren und darum nichts mehr zu befürchten haben, ihre Zunge« nicht mehr im Zaume halten. Die Not auch bei denjenigen Juden, die in den Produktionsprozeß eingefügt sind, übersteigt jede Vorstellung, Hungerödem und Hungertod sind alltägliche Erscheinungen. Etwas besser haben es die Juden in den Kolonien der Ukraine und der Krim, aber die Zwangsabgaben an den Staat, der Neid der Nachbarn, die ewigen Reibereien mit den staatlichen Organen erschweren das Dasein und verbittern das Leben auch dort. Von Biro-Bidschan, das jetzt infolge der kriegerischen Spannung zwischen der Sowjetunion und Japan eine besondere Beachtung erlangt hat, weil es an der Grenze gegen Mandschukuo liegt, spricht man in jüdischen Kreisen des europäischen Teiles der Sowjetunion überhauptnicht. Die meisten Auswanderer nach Biro-Bidschan sind zurückgekehrt und erzählen über die dort herrschenden unerträglichen Verhältnisse. Jedenfalls nimmt, trotz „Emess" und anderer jüdischer Zeitungen,' kein Jude in der Sowjetunion den Plan, in Biro-Bidschan ein jüdisches Gemeinwesen zu schaffen, ernst. Die Seifenblase Biro-Bidschan ist geplatzt. Das ist die allgemeine Meinung der Juden in Sowjetrußland. Unerquickliches aus der Schweiz Die „Neue Helvetische Gesellschaft" in Zürich veranstaltete vor einigen Tagen eine Aussprache über die Judenfrage. Der Vorsitzende Dr. E. Lando 11 eröffnete die Debatte mit dem Hinweise darauf, daß die Juden in der Schweiz ein halbes Prozent der Bevölkerung ausmachen. Eine rechts ungleiche Behandlung der. Juden komme nicht in Frage; dagegen erhalte das Judenproblem wegen der zu erwartenden vermehrten Einwanderung der aus Deutschland flüchtenden Juden eine erhöhte Bedeutung auch für die Schweiz. Unerläßlich sei, die Frage der Assimilierbarkeit der Juden an die schweizerische Eigenart einer Prüfung zu unterziehen. Als „alteingesessener Schweizer Israelit" sprach Dr. Martin Bloch. Seit dem Beginn des 13. Jahrhunderts, sagte er, sind Juden in der Schweiz urkundlich nachgewiesen, während des Dreißigjährigen Krieges wanderten zwei Dutzend jüdische Familien im Aargau ein, deren Nachkommen heute ein Drittel der jüdischen Bevölkerung der Schweiz ausmachen. Was die Schweizer Juden mit dem Weltjudentum verbindet, seien philanthropische Bande. Sie betätigen .sich vor«« wiegend auf den Gebieten der Tuchmanufaktur-, Seiden* und Konfektionsbranche, Den Zudrang zu den akademischen Berufen und besonderfl zur Anwaltstätigkeit erklärt Dr. Bloch aus dem Umstände, daß ihnen viele akademische und nichtakademische Berufe verschloß aeQ seien, In der ganzen BuQaesverwaltua* ggfe* «• COMPASS TOURS WIEN NEW YORK PARIS IX, Spitalgasse 3, Tel. B-42-5-38 Nächste Palästina-Reise 19. Dezember 1933 Ii Auskünfte und Anmeldungen: Wien IX, Spitalgaisc 3 Telephon B-42-5-38

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