Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 323 (17.11.1933)
- Date
- 1933-11-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 323 Gerechtigkeit! Zehntausetide gute, gesunde, starke Menschen wollen hinaus, sind mit Arbeitslast erfüllt und der Ort Ihres Sehnens ist nilt Stacheldraht umzäunt. Weshalb? Wem tan sie etwas Böses? Wem schaden sie? Muß man sie in ihren Löchern halten, bis sie vermodern, während dort das Land ihrer Träume mit seiner frischen Luft und hellen Sonne sie in menschenwürdige Gestalten verwandeln kann? Was Wunder, daß jede schlechte Kunde aus Palästina all die Wartenden, zur Einwanderung Bereiten ai_ aTäitschenhieb trifft. Die neuen Schwierigkeiten «er Einwanderung rufen bei den Juden Trauer und £irbt£terung hervor. Man sucht die Schuldigen bei sich und bei den andern. Gleichzeitig will man sich nicht unterkriegen lassen. Das Um und Auf der Einwanderung verwandelt sich geradezu in eine Psychose, einen krankhaften Drang, was zu schweren Folgen fuhren muß. Die ganze Prozedur der Einwanderung geht katastrophal langsam vor sich, besonders fUr Menschen, die sehen, wie ihre kleinen Ersparnisse dahinschwinden. Der Instinkt treibt an: Rette dich je rascher, bevor du in die Reihen des Luft-Proletariats hineingestoßen worden bist. Oft dachte ich mir, die jüdischen Nerven würden hiezu nicht mehr ausreichen; es werde sich angstvoller Schrei tausenden Kehlen entreißen; es, werden sich instinktiv und unaufhaltsam eines schönen Tages die Juden in den Gebethäusern und auf den Marktplätzen versammeln und einen mächtigen Ruf gegen die Welt ausstoßen: Laßt uns weg von hier! Laßt uns dorthin gehen! Wahrlich: Man wird mit Kind und Kegel kommen und sowohl das Lied von heute als auch den Wunsch für morgen zum Ausdruck bringen. Und niemand kann voraussehen, welchen Charakter diese stürmische Bewegung annehmen wird. * Einen derartigen leidenschaftlichen Ausbruch zu verhindern und seinen negativen Charakter in einen positiven zu verwandeln, ist die wesentlichste Aufgabe der zionistischen Politik. Es ist ihre Aufgabe, der Welt — mag sie auch brutal und egoistisch sein — ein Bild des außergewöhnlichen jüdischen Dramas zu geben; in einigen Sätzen den Zustand des jüdischen Volks, vor allem den geistigen, zu konzentrieren und zu kondensieren und Ihn sich jedem Auge einprägen lassen. Sich überall einzunisten und die Ruhe der Welt zu stören. Die Im Wachsen begriffene Erregung muß in gewisse Kanäle, politischer Akte hineingeleitet werden. ... Eines ist klar:. Einerseits muß den jüdischen Massen die Möglichkeit gegeben werden, ihr Herz zu erleichtern und. die Trauer abzustreifen, damit sie: nicht in. ihrer wachsenden Bedrängnis und ihrem tiefen Unmut ersticken, was zu einem verhängnisvollen Äustand führen, könnte; andererseits muß man noch einmal und. wieder einmal die alte Frage stellen: Wohin? Was wollt ihrmit uns tun? Oeffnet die Tore Palästinas! Löset.die jüdische Frage, weil sie eure Frage ist! Wir haben erst vor kurzem Worte von Sympathie für uns gehört. Schatten der jüdischen Tragödie huschten über Genf. Wir sind einer Befriedigung zuteil geworden, aber von jener Art, die eine brennende. Wunde kühlt, sie. jedoch nicht heilt. Die historischen Tage von Genf haben nur erwiesen, daß jene recht, hatten,, die niemals die Hoffnung aufgegeben haben. Unsere Skeptiker haben jeweils mit einem schiefen Lächeln die Frage gestellt: „Wer wird euch hören? Die Welt hat eigener Sorgen genug." Die Welt ist wahrlich voller Mühen. Aber gerade deswegen ist eine Möglichkeit vorhanden, sie aufzurütteln, aufzuschütteln, für unsere Sache empfindlich zu machen. Die Welt , darf uns nicht vergessen. Das Weltgewissen muß, mag es auch noch so schwach atmen, immer wieder unseren Ruf hören. Es ist nicht wahr, daß auf dem Erdball kein Funken Ehrgefühl, Gewissenspflicht und Menschlichkeltssinn vorhanden ist. Es ist vorhanden. Man muß es nur zu finden., wissen. Man darf um keinen Preis die Hoffnung aufgeben und muß immerfort mahnen, mahnen, mahnen... Weshalb soll nicht etwa in Warschau ein Kongreß polnischer Juden, eine zwanglos organisierte Tagung der jüdischen Massen zusammentreten, die von der polnischen Regierung in Sachen der Einwanderung nach Palästina Hilfe verlangt? Weshalb soll man nicht einen Tag einem Massenaufmarsch oder einem ähnlichen Ausdruck jüdischen Dranges bezüglich der erwähnten Einwanderungsfrage widmen, auf daß die polnische Regierung Grund habe, gewisse Schritte zu unternehmen? Und wenn allerorten ähnliche Schritte getan werden, wird der Aufschrei von hunderttausenden Juden, wie jeder Akt politischer Aktivität, Resultate bringen. Di* zionistische Politik darf sich aber weder in die Defensive abdrängen lassen, noch »Ich in Kleinigkeiten und Details verzetteln. Die zionistische Politik muß wieder aktiv, offensiv, voll eigener initiative werden. Man darf das Feld nicht den Arabern überlassen, die jetzt versuchen werden, für ihre Todesopfer eine Kompensation zu bekommen. An der Tagesordnung steht unser Ruf an das Weltgewissen, ein Ruf, der nicht nur mit Leid und Empörung erfüllt sein muß, sondern auch mit dem Beben eines Volkes, das nicht langer zu warten vermag, weil es sonst in eigener Aussichtslosigkeit ertrinkt. * Wir haben England gegenüber eine Menge Vorhalte. Berechtigte und begründete. Oft genug schon: mußten wir unsere Stimme gegen Englands Politik In Palästina erheben. Oft haben wir die Mandatsmacht beschuldigt, daß sie ihre Versprechungen breche, eine aritijüdische Politik betreibe, unsere Lebensechte vogelfrei mache, mit einer korrumpierten Administration arbeite. Seit 1021 zieht sich dieser Zustand. Wir haben Flitter« Wochen und Perioden bitterster Enttäuschung erlebt. Die Zickzack-Wege der jüdisch-englischen Beziehungen sind:: bekannt. In der letzten Zeit ist die Lage in Palästina erträglich geworden. Nicht mehr als erträglich, aber man konnte wenigstens leichter atmen. Ein paar Jahre herrschte Ruhe im .Lande. Die Einwanderung war ein wenig freier. Der jüdische Jlschuw ist gewachsen. Und wenn jetzt die arabischen Unruhen ausgebrochen sind, so wurden sie von der englischen Administration unterdrückt. Die Regierung hat ihre Pflicht erfüllt, wenn sie auch hiebet gezwungen wurde, Blut zu vergießen. Wer weiß, ob wir, wenn sie nicht mit so großer Energie eingeschritten wäre, es nicht mil einem mächtigen Angriff auf unsere Position im Lande zu tun bekommen hätten. Es ist dies keine Frage von Dankbarkeit, sondern von wohlwollender Feststellung. Die Mandatsmacht in Palästina ist diesmal stark geblieben und hat alle Mittel angewendet, um uns zu stützen. Und diese Tatsache dürfen wir nicht vergessen, auch nicht im Moment unserer größten Erregung und der Erbitterung über die neue brutale Praiis des Bekampfens K DIESER WOCHE I, Wollzelle 17; Tel. R-24-2-16 KREUZ-KINO Vom 17. bis 24. November 1933:' „N" in der Todesfälle Sonn- und wochentags; 4, 5.45, 7.30, 9.15 Uhr SCHWEDEN-KINO t^aÄ» Vom 17..bis 24. November 1933: „Jahrmarkt der L*ebe" mit: JANET GAYNOR WlL ROGERS, LEW AYRES Auf der Bühne zum ersten Male In Wien: Jose Üribctrri, der argen inische Liedersänger zur Laute Beginn wochentags: %5, 7, 7410 Uhr. Sonntags ab 3 Uhr der „illegalen Touristik", des Beschränkens der Einwanderung, über den ganzen neuen Kurs. Es ist für uns eine eigentümliche Situation entstanden. Bevor wir noch dazugekommen sind, der RegierUng unsere Anerkennung für das Zurückschlagen des arabischen Angriffes auszudrücken, werden wir bereits durch dieselbe Regierung gezwungen, gegen ihre Handlungsweise uns gegenüber aufzutreten. Solch eine Lage ist keine leichte. Unsefe Aufregung ist jedenfalls berechtigt. Man hat an unserem Lebensnerv gerührt, man will den Arabern auf Kosten der tausenden Juden, die nach Zertifikaten lechzen, Kompensationen bieten, man versucht, das Tempo unserer Aufbauarbeit zu verlangsamen. Und doch . . . doch fühlt jeder Mensch mit einer feineren Spürnase für polltische Realitäten, daß heute unsere Gegenoffensive einen anderen Charakter als bisher tragen muß, gerade wegen der letzten Ereignisse in Palästina. Unsere derzeitige Offensive muß unbedingt ein anderes Gesicht trugen. Sic muß mehr olne Kampagne für unsere Forderungen als ein« Aktion gegen England sein. Sie muß über den 'Protest hinaus positive Ergebnisse bezwecken. Indem wir das, Problem in seiner ganzen Größe hinstellen, müssen wir Verständnis haben für Englands Schwierigkeiten, mit unserer politischen Offensive just Englands Hand in Palästina stärken. Die Aufgabe besteht darin, der Welt vor Augen zu führen, daß England durch die arabische Opposition gestört wird, seine Mandatspflicht, die Schaffung eines jüdischen Nationalheims, zu erfüllen. Die Welt, aufgerüttelt und elektrisiert durch unseren Ruf an ihr Gewissen, soll einen Druck auf die englische öffentliche Meinung zugunsten der Fortführung einer prozionistischen Politik ausüben. Englands Hand gegen die Araber muß gestärkt, deren störende Hand gegen uns muß geschwächt werden. Kurzum, die Offensive muß mehr für uns als gegen England gerichtet sein. Niemals noch hat die zionistische Politik unsererseits soviel Entschlossenheit, Takt und Vorsicht erfordert wie jetzt. Gebe Gott, daß wir uns genug groß erweisen — für diesen verantwortungsvollen Augenblick, I§i den deulsdien Juden zu helfen? Mmderfieit§volk oder Verbredtervolk Bs genügt nicht/ wenn' der Arzt gewillt ist, zu helfen. Der Kranke muß gewillt'sein,' sich helfen zu •lassenv Der Wille; den ypri ' entsetzlichem Unheil beV; troffenen Juden Deutschlands zu helfen, ist vorhanden. Er, wurde in vielfältiger Formkundgetan. Auf den Sitzungen des Völkerbundes in Genf haben die Mächte ausnahmslos ihre Entrüstung über die Behandlung der deutschen Juden zum Ausdruck gebracht und in unzweideutiger Form von Deutschland die Einstellung der grausamen Verfolgung und Garantien für die Zukunft gefordert. Sie haben, ohne sich durch den Einspruch der Großmacht Deutschland beirren zu lassen, den deutschen. Juden? M in d e r h e i t s r e c h t e : zuerkannt, welche ihnen dife gleichen Rechte als Menschen und Bürgern unter Kontrolle des Völkerbundes gewährleisten. Und zu diesen Kundgebungen internationaler Natur gesellten sich diejenigen der S. o 1 idarität des ganzen jüdischen Volkes. Die Vertreter der deutschen Judenschaft .haben auf alle dieseKundgebungen,in einer Weise reagiert, welche energische Ablehnung bedeutet. Die deutsche Judenschaft erklärt sich in ei §e n e r Sache mit der antisemitischen Hitler-Regierung s o 1 i-;d a r i s c h! Wohl stehen "die deutschen Juden unter dem harten Zwange eines ' grausamen Regimes und man begreift, daß sie sich äußerste Zurückhaltung auferlegen müssen. Aber was sich die deutschjüdischen Führer und Organe in Ablehnung des Völkerbundes, der Minderheitsrechte und der Solidarität des Weltjudentwns. leisten, geht weit, xweit über jeden. Zwang hinaus. Das trägt: den untrüglichen Stempel freien Willens. Sie wollen nicht, daß man ihnen helte.'Also ist ihnen nicht zu helfen! Völkerbund! Alle Menschen, denen die Er- 'haltung des Friedens in der Welt und der Schutz der Schwachen Herzenssache ist, und vor allem die Juden, haben die Errichtung des Völkerbundes freudig begrüßt und sind um seinen Bestand besorgt. Die Vertreter, der deutschen Juden aber bejubeln den Austritt Deutschlands, der. nicht zuletzt darum erfolgte, weil der Völkerbund sich der deutschen Juden angenommen hat. Das „Israelitische Familienblatt" bezeichnet ihn als „würdige und entschlossene Antwort auf die Politik des Auslandes". . . . „Unsere Regierung sah sich mit Recht genötigt, das Genfer Parlament zu verlassen." — Das aber ist nichts gegen das, was die „C^V.-Zeitung", das Organ der großen deutschjüdischen Organisation, des „Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", schreibt: " „Adolf Hitler hat sich im Namen Deutschlands und des deutschen Volkes aus dem Völkerbunde herausbegeben. . . . Ueberau fühlt man in stärkerer oder'schwächerer Bewußtheit, daß irgendwie die historische Verknüpf ung mit den'Augusttagen von 1914 hergestellt sei, wo sich die deutsche Nation, einig In all Uwe» Standen, S tammen und Konfessionen, zur geraelnsaraen-e p# e-rbereiten Antwort auf eine Schicksalsfrage zusammenfand. . . . Nichts kennzeichnet die vorstellüngsmäßige Kürze der Epoche seit 1914, geschweige denn der Entwicklung seit dem 30. Jänner d. J. stärker als die i n s t i n k t i v e 6 e f ü h 1 &• äüßerang der deutschen Juden zu diesen Vor« gängen. Sie fühlen, wie die deutsche Schicksalsfrage sin im tiefsten als deutsche Menschen aufrührt, and sie empfinden — man mag es noch so sehr bezweifeln, sie empfinden es echt —, daß die Schwere ihres persönlichen Erlebnisses, und Erduldens seit dem 30. Jänner von einem großen deutschen Gemeinschaftserleben so stark aufgenommen und aufgesogen wird, daß demgegenüber Vorbehalte irgendwelchen Gruppen gegen« über verschwinden müßten. Sie sehen in den Ausführungen des deutschen Kanzlers Gedankengänge, die ihnen als Juden selbstverständlich und vertraut von Urvätern her sind. ..." Deutsche Juden finden, daß alle ihnen angetane Schmach und zugefügten Leiden nichts zu besagen haben angesichts des Austrittes Deutschlnads aus dem Völkerbunde, den sie als alle Leiden tilgendes „großes, deutsches Gemeinschaf tserleben" preisen. Adolf Hitler ist für sie der Träger des Geistes jüdischer Urväter! Ist solchen Juden noch zu helfen? -s '. ' .! . Minderheitsrechte. Nach langen Erwägungen, sind die Mächte des Völkerbundes zur Erkenntnis gekommen, daß die Juden überall eine rassische Minderheit (im Sprachgebrauch der Westmächte wird „rassisch" für „national" gesetzt) bilden. Um diese Minderheit davor zu schützen, daß die Mehrheit sie der st'aätsMrgerlichen Gleichberechtigung beraube, * muß ihr diese Gleichberechtigung durch eü| besonderes Recht, das M in derheitsrec h.t, garantiert werden. In Konsequenz dieser Erkenntnis haben die Mächte von Deutschland gefordert, es möge, den Juden den Charakter und das in den Völkerbundsatzungen verankerte Recht der Minderheit zuerkennen. Der Vertreter Hitler-Deutschlands; von Keller, hat diese Forderung abgelehnt. Er erklärte, daß das jüdische Problem ein Problem sui generis, d. h. mit anderen Minderheitsproblemen nicht zu vergleichen sei. Er fügte hinzu, daß auch die deutschen Juden selbst es ablehnen, als völkische Minderheit betrachtet zu werden und Minderheitsrechte in Anspruch zu nehmen. Er sprach damit dem Völkerbunde das Recht ab, die Verfolgung der Juden in Deutschland zu behindern, und berief sich' hiebei auf das Zeugnis der verfolgten Juden. Prompt stimmten die deutsch-jüdischen Vertreter und Organe zu. Das „Israelitisch« Familie n b 1 a 11" billigt die Haltung des; Herrn VOÄ