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Die neue Welt · 1933-11-10 · Heft 322 (10.11.1933) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 322 (10.11.1933)
Date
1933-11-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 322 DIE NEUE WELT Seite r Tel?Awiw und die Einwanderung Von M. Dizengoff, Bürgermeister der Stadt Tel-Awiw (Aus einem Gespräch mit unserem palästinensischen N. S.-Korrespondenten) Vor allem gestatten Sie mir, etwas zur Definition des Begriffes „Alijah" (Einwanderung) zu sagen. Alijah Ist eine Immigration von Menschen, die ihre Niederlassung in Erez Israel von langer Hand vorbereitet haben. Was sich heute in Palästina abspielt, ist keine Alijah, sondern eine Flucht mit allen sie begleitenden Erscheinungen. Es kommen wohl auch Menschen mit Geld und Erfahrung auf verschiedenen Gebieten der Wirtschaft und der Industrie. Ihre Zahl ist jedoch allzu gering. Die Mehrzahl jedoch kommt ohne Geld und mit Kenntnissen ausgerüstet, die hier im Lande nur schwer im vollen Umfang ausgenützt werden können. Ich bin für eine freie, ungehinderte Immigration. Die wirtschaftliche Lage ist der beste Gradmesser für die Aufnahmsfähigkeit des Landes. Aber die Immigration, wie de heuet vor sich geht, bringt vieles Negative mit sich. Besonders schwierig gestaltet sich die Lage in T e 1- Awiw. Die Mehrheit der Einwanderer kommt nach Tel- Awiw. Ich bin zwar stolz, daß meine Stadt eine so große Anziehungskraft besitzt, aber wir dürfen nicht vergessen, daß auch das Land erobert werden müsse. Ich sage es gerade heraus: Tel-Awiw ist heute nicht in der Lage, alle Einwanderer aufzunehmen und einzuordnen. Viele der Einwanderer wollen sich leider nicht umstellen. Für Arbeiter ist genug Arbeit vorhanden. Aber man muß harte Arbeit zu leisten gewillt sein. Ich möchte nicht ungerecht sein. Viele haben sich umgestellt, aber ebenso viele warten auf Einordnung in intellektuellen Berufen. Und das ist sehr schwierig. Uns freut außerordentlich der Zustrom europäisch gebildeter Menschen. Wir hoffen, daß sie mit der Zeit viel dazu beitragen werden, das kulturelle und geistige Leben der Stadt zu heben. Aber Umstellung ist notwendig. Die neue Immigration aus Deutschland stellt die Stadtverwaltung vor große Aufgaben. Und wir sind auch bestrebt,, diesen Aufgaben gerecht zu werden. Aber man darf das Wichtigste nicht vergessen: Unser Machtbereich als Verwalter der Stadt ist durch das Gesetz scharf umrissen und eng begrenzt. Jeder Ausgabeposten bedarf einer Genehmigung der Regierung. Wir dürfen keinen Groschen ohne deren Votum ausgeben. Das Budget darf nicht überschritten werden. Die Stadt als solche kann daher den geradezu täglich wachsenden Bedürfnissen nicht entsprechen. Ich benütze diese Gelegenheit, um an alle betreffenden Instanzen zu appellieren, uns zu helfen. Ich bekomme Berichte, wonach in allen Teilen der Welt Gelder für die Rettung der deutschen Juden gesammelt werden. Ich bin überzeugt, daß die Gelder sich in guten Händen befinden. Da aber ein großer Teil der Flüchtlinge nach Palästina kommt, ist es notwendig, das Geld her zu uns zu schicken. Ich glaube, daß nur hier mit diesem Gelde den Leuten ermöglicht werden könnte, hier ihre Zukunft aufzubauen. Ich stelle mit großem Bedauern fest, daß wir bisnun nicht einen einzigen Groschen bekommen haben. Wir unsererseits tun alles, was in unserer Macht liegt'. Die Juden in der Galuth müssen uns helfen. Ich persönlich rief eine Gesellschaft für den Bau von billigen Wohnungen ins Leben. Bald wird die Gesellschaft mit dem Bau von Wohnungen beginnen. Das Hauptaugenmerk muß den Kindern der Einwanderer gewidmet werden. Wir haben den Befehl erteilt, alle Kinder der Einwanderer in die bestehenden Schulen aufzunehmen. Am Nachmittag besuchen die Kinder Sprachkurse, wo sie Hebi'äisch lernen. Wir wollen nun abwarten, welche Resultate das zeitigen wird. Natürlich belastet diese Ausgabe unser Budget in hohem Maß. Trotz unserer Bemühungen ist es uns nicht gelungen, von der Regierung eine nennenswerte Erhöhung ihres Beitrags zum Schulbudget zu erlangen. Unsere Stadt wächst von. Tag zu Tag. Handel und Industrie entwickeln sich gut. Aber auch diese Entwicklung stellt die Stadtverwaltung vor Aufgaben, die sie im Rahmen des Budgets nicht erfüllen kann. Um all diesen Aufgaben gerecht zu werden, haben wir die „Gesellschaft zur Entwicklung Tel- Awiws" geschaffen. Ich wollte zuerst dieser Gesellschaft einen populären Charakter verleihen. Wir planten eine Aktiengesellschaft mit 50.000. Pfd.. Aktienkapital, wobei jeder Aktionär nur eine Stimme hat, unabhängig von der Zahl der Aktien, die er besitzt. Dieser Plan ist mißlungen. Die Einwohner Tel-Awiws zeigten kein Interesse für diese Gesellschaft. Nun waren wir gezwungen, die Gesellschaft auf eine rein kommerzielle Basis zu stellen. Der betreffende Punkt der Statuten wurde so geändert, daß jeder Aktionär so viel Stimmen hat, wie viel Aktien er besitzt. Jetzt fanden wir Menschen und Geld, und wir hoffen, bald mit großen Arbeiten zu beginnen. Die Gesellschaft erwarb eine Bodenfläche im forden von Tel-Awiw, welche sie der Levante- Messe-Gesellschaft auf 20 Jahre verpachtete. Bisnun hatte die Messegesellschaft keinen Platz, auf der sie festgebaute Pavillons errichten konnte. Jetzt ist diesem Zustande ein Ende gesetzt worden. Besonders imposant wird das Palais der palästinensischen Industrie sein. Außerdem wird die „Gesellschaft zur Entwicklung Tel-Awiws44 den Strand von Tel-Awiw ausbauen, Hotels errichten, Industrieviertel •röffnen usw. Selbstverständlich wird die Gesellschaft unter der Kontrolle der Stadtverwaltung arbeiten. Der öffentliche Charakter des Unternehmens ist gewahrt. 15 Prozent der Gewinne fallen zugunsten verschiedener städtischen Institutionen. Hier ist Juden, die außerhalb Palästinas wohnen, Gelegenheit geboten, sich an einem großen Werk zu beteiligen, welches viel Nutzen den Unternehmern und der Stadt Tel-Awiw bringen wird. Wir verlangen keine Hilfe für uns. Wir bitten nicht um Almosen. Aber das Volk muß das Land aufbauen helfen. Wir schreiten vorwärts. Die Zukunft ist für uns. Wollte ich die gegenwärtige Lage Tel-Awiws in eine Formel pressen, müßte ich sagen: „Tel-Awiw kann Tel- Awiw nicht fassen." EU Z-KB NO Wol^eR^-2.i6 Vom 10 bis 13. November 1933: ,,M*ölX£NGA«AGfc" Ab 14. Novembe. 1913: „N." IN DER TODES FALLE" Sonn- und wochentags: 4, 5.45, 1.50, 9.15 Uhr SCHWEDEN-KINO Vom 10 bis 13. November 1933: „JENNIE GERHARDT44 mit Silvia Sydney Ab 14. November 1933: JAHRMARKT OER L GBE" mit: JANET GAYNOR WiL ROGERS, LEW AYRES Beginn wochentags: 8/,5, 7, 7,10 Uhr. Sonntags ab 3 Uhr Keine jüdische Einheits* front in Deutschland Unter dem ersten Bindrucke des großen Unglücks, daß mit Hitler über die Juden hereingebrochen war, wurden Versuche unternommen, das deutsche Judentum zu einigen, insbesondere den in Deutschland immer sehr starken Gegensatz zwischen Assimilationsjuden und Zionisten zu überwinden. Scheinbar mit Erfolg. JNach langen Beratungen wurde eine aus,beiden Gruppen zusammengesetzte' Reichs Vertretung der deutschen Juden gebildet, welcher das ausschließliche Recht der. Vertretung der Juden nach außen und ganz besonders gegenüber der Regierung feierlich übertragen wurde. Aber die Sache hielt nicht. Jetzt, wenige Wochen nach ihrer Gründung und bevor noch die einheitliche Reichsvertretung die eigentliche Arbeit beginnen konnte, ist bereits der Bruch erfolgt. Der zionistische Vizepräsident der Reichsvertretung, Dr. Siegfried Moses, hat zum Zeichen des Protestes gegen die Verletzung des politischen Paktes durch die „Liberalen", d. h. durch die Assimilationsjuden, sein Mandat im Direktorium der von den Liberalen behrrschten Berliner Judengemeinde niedergelegt und sagt in einem offenen Briefe an den Geraeindevorstand: „Entgegen allem, was erwartet werden konnte und mußte, halten Sie es für richtig der neugeschaffenen Reichvertretung, unmittelbar nachdem sie ihre Arbeit aufgenommen hat, dadurch in den Rücken zu fallen, daß das amtliche Organ des Gemeindevorstandes ein eigenes politisches Programm veröffentlicht. Sie präsentieren einen Aufsatz (von Bruno Woyda) ,Um die künftige Stellung der deutschen Judenheit — programmatische Richtlinien', der, wie schon aus dem Titel zu schließen ist, offenbar als die eigentliche programmatische Kundgebung betrachtet werden soll. Ohne mich im Augenblick auf die Erörterung der Einzelheiten dieses Programms einlassen zu wollen, muß icht feststellen, daß das Programm in wichtigen Teilen auf Gedankengängen beruht, deren Methodik und prinzipielle Fundierung die große Mehrzahl der deutschen Juden als überlebt und durch die Tatsachen ü b erholt betrachtet." Der liberale Gemeindevorstand hatte nämlich, ohne mit der vorgesetzten Reichsvertretung' irgendwelche Verbindung zu suchen, im Gemeindeblatt ein Programm veröffentlicht, dessen Hauptsätze ostentativ gegen alle zionistischen und jüdischnationalen Tendenzen gerichtet sind. Sie lauten: 1. Den deutschen Juden ist Deutschland und nur Deutschland die Heimat. Sie betrachten sich nicht als Fremdstämmige, sondern als Glieder des deutschen Volkes. Sie halten deshalb an dem Grundsatz ihrer vollen staatsbürgerlichen Gleichberechtigung fest und wünschen keine Absonderung innerhalb der deutschen Volksgesamtheit, von der »sie ein Bestandteil sind. 2. Mit den Juden anderer Länder sind die deutschen Juden nur durch ihre Religion und die Gemeinsamkeit der Abstammung, nicht aber der Nationalität verbunden, Palästina ist ihnen das Heilige Land im Sinne ihrer Religion, nicht ein nationales Zentrum, nicht die Heimat aller Juden. Aber weit über diese grundsätzliche Brüskierung geht das hinaus, was in den „Richtlinien" zu diesem Programm in „taktischer" Hinsicht gesagt wird. Hier wird unter dem harmlosen Titel „Arbeitseinteilung" nicht mehr und nicht weniger gefordert, als daß die Zfonisten von der inneren Führung der deutschen Juden und ihrer Vertretung gegenüber der Außenwelt und der Regierung ausgeschlossen werden sollen. Es wird verlangt, daß sich die Zionisten lediglich mit der Versorgung jener Juden zu befassen hätten, welche von Deutschland nach Palästina auswandern wollen. Das mutet wie eine Groteske an. Die Zionisten, deren Programm sich als das einzig richtig erwiesen hat, sollen von der Führung der deutschen Judenschaft ferngehalten werden. Die Führung sollen die „Liberalen4' haben, deren Programm der Assimilation zerbrochen daliegt, deren Ideen Unheil und Verzweiflung über die Juden gebracht haben. Die Berliner zionistische „Rundschau" schreibt richtig dazu: „Der Prozeß des Umdenkens geht nicht so schnell. Eine lange Erziehung ist notwendig, Erziehung durch das Leben und durch Belehrung. In stürmischen Zeiten lernen die Menschen schneller als sonst. Aber dann ist noch der Schritt zur Realisierung zu vollziehen. Die Zionisten können hier den deutschen Juden viel helfen, weil die Fragen, um die e» geht, ihnen nicht erst seit gestern vertraut sind. Es ist daher absurd, wenn manche deutsch-jüdische Gruppen die ihnen lästigen Zionisten auf die O rr ganisierung der P al äst in a-Wanderung verweisen möchten und sich sei bst den Anspruch auf Führung der deutschen Juden vorbehalten. Wohin denn, so fragen wir, wollen diese Führer führen, die schon so oft i n d i e I r r e g e f ü h r t? Das Leben drängt ja zwangsläufig die deutschen Juden auf die Bahn, die der Zionismus gewiesen hat. Manche Unbelehrbaie wollen noch Jetz-t,Mimikry treiben; andere versuchen, Positives zu geben, aber es bedarf keiner großen Beobachtungsgabe, um festzustellen, daß vieles von dem, was jetzt von jüdischen Gruppen, Vereinen und Zeitungen an jüdischem Inhalt dargeboten wird, aus dem Arsenal des Zionismus stammt, ja oft in einer fast naiven Weise bis in die Worte hinein kopiert wird. Dies soll beileibe kein Vorwurf sein; mag mancher mit Entdeckerfreude Parolen finden, die der Zionismus vor 35 Jahren geprägt hat. Wozu in solcher schweren Zeit Priöiit^tsstre'it' öder Eifersucht von Parteien und Gruppen! Wir alle stehen vor neuartigen und ge-"' meinsamen Aufgaben, lösen wir doch endlich auch " unser Denken aus den alten Fesseln! Wir'wollen angesichts der Größe des gemeinsamen Schicksals keine ' Parteiunterschiede machen, aber wenn nun Juden kommen und uns in Deutschland zu Ju den >z wei ter Klasse machen wollen, dann müssen wir ener-, gisch den jüdischen Rednern oder Schreibern, die solches versuchen, ihre Legitimation bestreiten." Der „Rundschau" ist durch die Verhältnisse in Deutschland auch in einer jüdischen Auseinandersetzung Zurückhaltung geboten. Sie muß sich daher auf eine kühl-sachliche Zurückweisung der ungeheuren Ueberheblichkeit der bankrott gewordenen „jüdisch-liberalen4* Politiker beschränken. Im Interesse der bedrohten Judenschaft kann aber nicht genug kräftig und laut darauf hingewiesen werden, daß eine Fortdauer .der assimilatorischen Führung das Judentum noch weiter ins Verderben hineinreißt und jede wirkliche Einigung unmöglich mächt. Das Wort „Einigung" mag noch so oft und noch so laut wiederholt werden. Es bleibt ein leeres Wort, wenn nicht die notwendigen Vorbedingungen erfüllt sind. Das Versagen der jüdischen Einheitsbestrebungen in Deutschland ist ein Unglück für die deutschen Juden. Aber es soll und kann eine gute Lehre für die Juden anderer Länder sein. Alle jüdischen Männer einer deutschen Stadt verhaftet Aus Münster: Ohne daß ein Grund angegeben wurde, ist die gesamte jüdische männliche Bevölkerung, von Backingsf e 1 d in Westfalen in Schutzhaft genommen worden. Nur zwei jüdische Männer, die zufällig in der Stadt nicht anwesend waren, entgingen der Verhaftung. Kein Jude kann in Deutschland Arzt werden Aus B e r I i n: Auf dem schwarzen Brett der Berliner Universität findet sich folgender Anschlag: „Der Herr Preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung hat mitgeteilt, daß nichtarische Medizinstudierende mit der Erteilung der Approbation nicht rechnen können. Da das medizinische und zahnmedizinische Doktordiplom nach den bestehenden Vorschriften nur Reichausländern, ohne Rücksicht darauf,' ob und wann sie die deutsche Approbation als Arzt (Zahnarzt) erhalten, ausgehändigt wird, bleibt reichsdeutschen nichtarischen Kandidaten, die das Doktordiplom vor Erlangung der deutschen Approbation als Arzt (Zahnarzt) haben wollen, nur übrig, auf die deutsche Reichsangehörigkeit zu verzichten, und ihre Entlassung aus der Staatsangehörigkeit gemäß §§ i8 bis 24 des Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetzes vom 22. Juli 1913 zu beantragen. (Stempel.) Der Rektor: (gez.) Fischer.4' Zur Brutalität, mit welcher hier die deutschen Juden einfür allemal vom ärztlichen Berufe ab« geschnitten werden, gesellt sich eine perverse Verlogen» /

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