Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 322 (10.11.1933)
- Date
- 1933-11-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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NDSCHAU ♦ ♦ ♦ Es wurde bereits darüber geschrieben, daß die Lage der deutsch-jüdischen Flüchtlinge in Frankreich durch das provokante Benehmen einzelner Individuen der begüterten Klasse eine Verschlechterung erfahren habe. Jetzt bringen Schweizer jüdische Zeitungen den Brief eines in Paris lebenden Juden, in welchem es u. a. heißt: „Der Franzose von heute neigt nicht zu radauantisemitischen Exzessen. Er ist intelligent und französische Gastfreundschaft ist kein leeres Wort. Jeder zivilisierte Mensch, und wir Juden insbesondere, fühlen tiefes Bedauern, mit den so arg vom Schicksal heimgesuchten deutschen Juden. Und wir wünschen dringend, daß auf diesem oder jenem Wege baldigst eine Lösung gefunden werde. — Was aber die als Einzelerscheinungen dargestellten Vorkommnisse anbetrifft,. so erlauben Sie mir, bitte, folgende zwei Fragen zu stellen: Was haben deutsche Flüchtlinge, die das Glück haben, noch mehr öder weniger begütert zu sein, in mondänen Caf6s der Avenue des Champs Elys6es zu suchen, während ihre ebenfalls verfolgten deutschen Glaubensgenossen hungern? Ferner: Warum müssen deutsche Juden in fremdem Land, wie ich selbst es zu wiederholten Malen feststellen mußte, lauter, auffälliger reden als der Franzose selbst, der doch bei sich zu Hause ist, und sich so unnütz bemerkbar machen? Der im Grunde so gutmütige, tolerante Franzose, der tagtäglich schrecklich viel Elend sieht, der die im Weltkrieg gefallenen 1% Millionen Brüder in noch zu guter Erinnerung hat, dem Kann man es, nicht verargen, wenn ihm die deutsche Sprache, zu laut; gesprochen, nicht heimisch klingt. Das muß auch ich, als Schweizer, begreifen. Der deutsche Jude; sollte dessen "eingedenk sein! Er hat es nicht nötig, sich zu . verkriechen, er ist in seinem großen Unglück jedermann sympathisch, soll aber dafür sorgen, nicht allzu sehr aus dem großen Haufen heraustragen zu wollen, und die häßlichen Einzelerscheinungen werden bald verdessen sein!" .; Takt.... Nicht nur die deutsch-jüdischen Flüchtlinge sollten Takt, wahren. Alle Juden sollten in der .heutigen Zeit mehr denn je bemüht sein, sich bescheiden und würdig zu benehmen. Die Juden sind überall von Feinden umgeben und es . ist schier unbegreiflich, wie unbekümmert lärmend und protzig viele jüdische Männer und Weiber in dergewitterschweren Atmosphäre tun und treiben. Und;gerade jene, . .die sofort .zusammenknicken und sich; ver kriechen, wenn es ernst wird. •"• '•• Vor einigen Wochen ging eine Meldung über die Entstehung einiger Szenen des zur Aufreizung gegen die Juden bestimmton „Horst--Wessel-Films" durch die Weltpresse. Nach dieser Meldung wurden eines Tages in der Berliner Grenadierstraße Juden zusammengetrieben und gezwungen, mit Knüppeln (natürlich nur „weichen") auf SA.-Leute loszuschlagen und „Hoch Moskau!" und „Nieder mit Hitler-Deutschland! Hitler verrecke!" zu schreien. Diese Szene wurde mit dem Tonfilm-Apparat aufgenommen und dem „Horst-Wessel-Film" eingefügt. ■ Nun veröffentlicht der Auslandspressechef der Hitler-Leute, Dr. Hanf stän gel, in der amerikanischen Presse folgendes: „Franz Wenzler, der Regisseur des Horst-Wessel- Filmes, dementierte heute, daß Juden zur Mitwirkung in dem Film gezwungen worden seien, wie früher behauptet worden war. Drei Juden wurden für Hauptrollen und 14' für Nebenrollen e n g a g i e r fc Sie wurden sämtlich für ihre Mitwirkung bezahlt, und zwar in' } gleicher Höhe wie die arischen Mitwirkenden. I Sie sind auch nicht gezwungen worden, in dem! Film mitzuspielen. Die in Nebenrollen beschäftigten ' 'Schauspieler erhielten den üblichen Satz von BM. 15.— } täglich. Jener. Schauspieler, der die jüdische Hauptrolle spielte, erhielt BM.. 2000.— für seine Mitwirkung in dem Film, ein anderer jüdischer Schauspieler BM. 900.— und ein dritter BM. 700.—. . Man muß schon sagen, die Herrschaften arbeiten geschickt Jetzt haben sie ihren Pogromfilm mit „echtjüdischen" Typen und überdies den Beweis für ihre Behauptung, daß dem Juden Geld alles ist. und daß der Jude für ein paar Mark seine Seele und seine Ehre und sein ganzes Volk verkauft. Zwei Fiegen mit einem Schlag. ■ < Ob Dr. Hanfstängel lügt, kann niemand beweisen, denn es wird sich keiner der jüdischen Darsteller beute trauen, ihm zu widersprechen. Die Berliner „Jüdische Rundschau" schreibt; „Sollte die Vermutung, daß hier In einem aktuell polltischen Film Juden in Bollen, die'für das Judentum nicht ehrenvoll sind, für Geld mitgewirkt haben, zutreffen, dann wäre hier in der Tat ein Beispiel jüdischer Selbstverleugnung gegeben, das vom Staudpunkt der jüdischen Gesamtheit höchst bedauerlich ist." Dazu wäre zu bemerken, daß diese „Selbstverleugnung" leider auch an anderen Stellen zu beobachten ist. Beiche Juden in London, New York und Paris arbeiten gegen den Abbruch der Wirtschaft- Uesen und sozialen Beziehungen »wischen den Juden der Welt und Hitler-Deutschland, arbeiten gegen den Boykott und dafür, daß man welter Geschäfte mit Hitler machen soll. Was braucht man sich dazu wundern, wenn man diese „Selbstverleugnung" auch bei einigen arbeitslosen hungrigen jüdischen Filmschauspielern antrifft? A§§iitiilantensdiidc9al Der „deutsche" Schriftsteller Ernst Li ssau er taucht aus der Versenkung auf. Die literarische Welt hat für diesen Mann nicht viel übrig. Sie hat sogar vergessen, daß er sich im Weltkrieg höchst militant hinter dem Schreibtisch gebärdet und jenen Heldentod verherrlicht hat, den er sich selbst als Kriegsbarde ersparte. Der Jude Lissauer war während des Weltkrieges ein furioser Teu'tone. Ihm verdankt die Welt den „Haßgesang gegen England", der so viel böses Blut gemacht und so viel gutes Blut zum Vergießen gebracht hat. Im Ueberschwang eines mißverstandenen patriotischen Gefühles begeht man leicht einen Fehltritt. Man hätte dem deutsch-jüdischen Kriegsenthusiasten und Kämpfer für deutsche Kultur gegen das „perfide Albion" sehr rasch verziehen, hätte er sich nicht wiederum widerstandslos neuen Gefühlen hingegeben, in das Reich der Bibel, des Pathos, der Ethik gestürzt, um der lesenden Welt Moses-Gedichte und sogar christianisierende Johann-Sebastian-Bach-Hymnen vorzumachen. Wiederum gab Ernst LiS3auer seinen impressionistischen Eindrücken nach. Er hing in der Luft: Kein. Jude, kein Deutscher, kein Christ . . . Bis er nach Oesterreich kam und endlich auch dieses entdeckte und sich in Oesterreich verliebte und es in einem Büch „Glück in Oesterreich" besang. So Wandelt ein Heimatloser, der überall seine Heimat haben will, durch die Bereiche der Lyrik, der Bibel, der christlichen Welt, der Österreichischen Landschaft. Er weiß nicht, wohin er gehört. Er will überall dabei sein und es duldet ihn nirgends. Vorläufig ist er — jüdische Dinge haben heute Kurswert und die deutsche Geisteswelt hat sich vor ihm abgesperrt — bei der „Union österreichischer Juden" im Festsaal des Wiener Händelsmuesums angelangt, wo er keinen ,;Haßgesang". und kein „Glück in Oesterreich" lesen wird, sondern — bis auf weiteres — Moses-Gedichte und biblische Legenden. , Was wird Herr Lissauer im kommenden Jahr vorlesen? Assimilantenschicksai . . "■ >■'• ' > ■ -iiV-. Von Ueber die Verwüstungen, die die Assimilation in Deutschland angerichtet hat, und über die darauf erfolgte Reaktion im Namen des ^Aufbruchs des deutschen Volkes'' braucht nichts mehr gesagt zu werden. Der Alltag ist reich an dergleichen Dingen, die Tageschronik verzeichnet gleichmütig die banalen und die außerordentlichen Fälle. Und immer wieder kann man das Bestreben einzelner „Geister" verzeichnen, sich den Rückzug nach Hitler-Deutschland zu sichern — wobei es gleichgültig ist, ob es sich um eine Brücke zum Geschäft oder zum gesellschaftlichen Leben handelt... Zu den Männern, die zwar als „Emigranten" keinen Existenzkampf zu führen haben; aber mangels einer größeren Widerstandskraft die moralische Mauer gegen Hitler-Deutschland durchlöchern, gesellte sich in den letzten Tagen auch Stefan Zweig. Er ist zweifellos ein Faktor im deutschen Buchhandel. Ob er es auch im geistigen, nichtkommerziellen Bereich ist, wollen wir jetzt nicht untersuchen. Jedenfalls hat auch er, der-kein Emigrant ist, vielmehr seine Tage in Oesterreich verbringt, den Anschluß an das „arische" Deutschland nicht versäumen wollen und darum an das „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" eine Art Loyalitätserklärung geschickt. Herr Zweig möge sich nicht etwa darauf berufen, daß man zugunsten der Kulturverbreitung eben Konzessionen machen müsse ... Während des Weltkrieges hat ihn das Pathos "der jüdischen Geschichte gepackt. Er schrieb das Schauspiel „Jeremias", worin es von Bekenntnissen zum Volke der Bibel hur so wimmelt. Er schrieb also ein Judenstück. Das'palästinensische Arbeitertheater „Ohel" nahm Zweigs jüdisches' Bühnenwerk in sein Repertoire auf. Zweig wurde hebräisiert. In Palästina. In Europa sieht die Sache allerdings anders aus. Der Allerweltsdichter, der Ethiker, der in seinem Salzburger Wohnsitz das Fremdenverkehrsgeschäft rings um den Dom. der Festspiele allsommerlich beobachten kann, sucht sich bei uns — in deutschen Landen — ein sicheres Plätzchen* für den Verkauf seiner Bücher. Er optiert für den >FUhrer, der nicht den Stefan Zweig liest, sondern den /Kftrl May. Er tut es frei, ohne Zwang. Aus innerem'Bedürfnis. Ihm winkt kein Konzentrationslager. Er ist eben ein nationaldeutscher — Israelit, nationaldeutsch wie seine Kollegen Thomas Mann, Alfred Döblin und Ren* Schickele.;. Da. ist die arische Schriftstellerin Frau Hermynia Zur Mühlen von einem anderen Kaliber. Sie packelt nicht. Sie schreibt an den gleichgeschalteten Verlag Bngßlhorn: „Da Ich Ihre Ansicht, das Dritte Reich sei mit Deutschland und die .Führer' des Dritten Reiche« seien SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUEAEI Zentrale: IX.. Berggasse i9. Tel. A-17-3-99 u. A-16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für -»^yFleisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr Kultusgemeimle Wien Autoxustellung kostenlos IX. Barggasse IS - XVII)., Währingerstr. 87 mit dem deutschen Volke identisch, nicht teile, kann ich es weder mit meiner Ueberzeugung noch mit meinem Reinlichkeitsgefühl vereinbaren, dem unwürdigen Beispiel der von Ihnen angeführten vier Herren zu folgen, denen scheinbar mehr daran liegt, in den Zeitungen des Dritten Reiches, in dem sie nicht leben wollen, gedruckt und von den Buchhändlern des Dritten Reiches verkauft zu werden* als treu zu ihrer Vergangenheit und ihren Ueberzeugungen zu stehen. Ich ziehe dieser .besten Gesell* schaff die Solidarität mit jenen vor, die im Dritten Reich um ihrer Ueberzeugung willen verfolgt, in Konzentrationslager gesperrt oder ,auf der Flucht' erschossen werden. Man kann Deutschland und dem deutschen Volke keinen besseren Dienst erweisen, als das Dritte Reich, dieses zur Wirklichkeit gewordene Greuelmärchen, zu bekämpfen, und daher kann dieser Kampf logischerweise von niemandem, der mit dem deutschen Volke und der deutschen Kultur wirklich verbunden ist, als deutschfeindlich bezeichnet werden. Was aber den Vorwurf des Landesverrates betrifft, wenn wir schon dieses pathetische Wort gebrauchen wollen, so würde ich als Oesterreicherin nach dem Verhalten des Dritten Reiches Oesterreich gegenüber dann Landesverrat begehen, wenn ich mit meinen bescheidenen Kräften das Dritte Reich nicht bekämpfen würde . . ." Herr Zweig hat scheinbar die bequemere Methode —. Feigheit und Würdel03igkeit — gewählt. Allerdings zweifeln wir daran, ob sich diese Methode bewähren wird. Die Nebeneinanderstellung dieses von den Juden großgezogenen Juden Zweig und der aufrechten arischen Schriftstellerin zeigt die Schande der Assimilation auf. Martyrium jüdischer politischer <? »fangener in Sowjetrußland Aus Jerusalem: Das Martyrium der jüdischen politischen Gefangenen in Sowjetrußland geht aus einer Nachricht hervor, die die Auslandsdelegation der Zi oniste n-S ozialisten soeben erhalten hat. Die seit sieben Jahren gefangengehaltenen Zionisten Dr. Abraham Win tz und Akiba sind im Gefängnis von B y s-k, (Sibirien) zum. iProtest;'gegeü :e'ihe' Vei'fÜguhg;der G. P. IL, derzufolge sie in ein Konzentrationslager auf den Solowkiinseln gebracht werden sollten, in den Hungerstreik getreten. Der Zustand der beiden Gefangenen ist besorgniserregend. ' - Der Leningrader Rabbiner nach jahrelanger Haft im Gefängnis gestorben Aus Warschau; Das Warschauer Ra"bbinät wurde verständigt, daß der bekannte Leningrader Rabbiner Simon L a z a r e w im Gefängnis von Leningrad gestorben ist. Rabbiner Lazarew war jahrelang wegen „religiöser Propaganda" gefangen gehalten worden. Jacob Lestschinsky aus Lettland ausgewiesen Aus R i g ä: Der bekannte jüdische Volkswirtschaft- Jer Jacob Lestschinsky, der lange Jahre in Berlin als Korrespondent des New-Yorker „Forward" (Vorwärts) gelebt hat und nach Antritt der Regierung Hitler verhaftet und ausgewiesen wurde, dann eine Zeitlang seine Zeitung in Prag vertrat und vor kurzem im Auftrag der Zeitung nach Riga ging, ist von der lettländischen Regierung wegen angeblich allzu scharfer Artikel gegen die. Hitler-Regierung ausgewiesen worden. Die nazifreundliche „Rigaer. Rundschau", erklärt triumphierend, diese Maßnahme .solle eine Warnung für alle Journalisten sein, Hitler und seine Bewegung nicht anzugreifen. Jüdischer Handel in Lettland bedroht Aus Riga: Der Stadtrat von Dünaburg hat beschlossen,' daß die Geschähe künftighin nicht nur an Sonntagen und katholischer Feiertagen, sondern auch an den protestantischen und griechisch-orthodoxen Feiertagen geschlossen zu halten haben. Der Annahme dieses Beschlusses, ging eine lebhafte Debatte voraus, in der gehässige Angriffe gegen die jüdische Kauf mannschaft gerichtet wurden. Die Kaufleute von Dünaburg, die zum großen Teil Juden sind, würden auf Grund des Stadtratsbeschlusses an 233 Tagen im Jahr ihre Läden geschlossen halten müssen, was zur Vernichtung des jüdischen Handels in DUnaburg führen würde. Die jüdische Kaufmannschaft hofft, daß die lettländische Regierung dem offensichtlich aus antisemitischen Motiven gefaßten Beschlüsse des Stadtrates die Bestätigung verweigern wird! 117 jüdische Professoren und Potenten der Berliner Universität entlassen" Aus Berlin: Allein an der Berliner Universität sind seit dem Frühjahr dieses Jahres 117 Professoren und Dozenten, die Juden oder jüdischer Abstammung sind, entlassen worden. 64 der Entlassenen gehörten der m e d i» zinischen, 49 der philosophischen Fakultät an,