Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 322 (10.11.1933)
- Date
- 1933-11-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 322 DIE NEUE WELT Seite 3 Schutz oder Angriff - Eine Stimme aus Palästina' Ii Wer hat die Unruhen in Palästina angestiftet? Wie ist die Haltung der Regierung zu deuten: Sind Ruhe und Sicherheit im Lande? Diese Fragen hört man jetzt immer wieder in jüdischen Kreisen. Nachstehender Brief ist uns aus Palästina geschrieben worden. Er stammt von einem Kenner des Landes, einem Manne, der seit viel Jahren im Wirtschaftsleben des Landes eine große Rolle spielt. „Tel-Awiw, 19. Oktober. Die Handlungsweise der Palästina-Regierung im Zusammenhange mit den Araber-Demonstrationen der letzten Tage regt zum Nachdenken an. Es ist nicht das erstemal, daß Araber gegen uns Juden demonstrieren. Das ist also nichts Besonderes und erregt bei uns keine ungewohnten Besorgnisse. Vollständig neu ist aber für uns die bewunderswerte Energie und Schärfe, mit welcher die Regierung den Demonstranten entgegengetreten ist. An und für sich ist das zweifellos eine sehr erfreuliche Tatsache, die durchaus beruhigend wirken könnte, wenn . . . Wenn nicht die allzu große Fülle der llegierungsmaßnahmen und Verfügungen der letzten Tage Zweifel über die Echtheit der so, geäußerten Regierungsgesinnung aufkommen lassen würden. Es folgten einander: 1. Erklärung des Belagerungszustandes mit dem Verbot für die Bevölkerung, das Haus in der Zeit von 6 Uhr nachmittags bis 5 Uhr früh zu verlassen; 2. Absage der Feierlichkeiten bei der Hafeneröffnung in Haifa; 3. Stillegung des Seeverkehrs: mau darf weder an Bord noch an Land gehen; 4. Zensur der gesamten Inlandspresse. Dieses alles, während im Lande von einem tatsächlichen Belagerungszustande und überhaupt von einer drohenden Gefahr nichts zu merken ist. Man kann nicht umhin festzustellen, daß die Regierung die Lage übertrieben schildert, daß sie viel zu viel des Outen leistet. Es ist ja richtig, zu viel ist manchmal besser als zu wenig; aber im vorliegenden Falle nicht. Denn, welch negative Folgen Aus Jerusalem wird gemeldet: Das Einwanderungsdepartement der Palästina- Regierung gibt bekannt, daß Personen, die mit einem Touristen- oder Transitvisum ins Land gekommen sind, ihre Visumzeit nicht Uberschreiten und keiner Beschäftigung nachgehen dürfen. Wer diese Verordnung überschreitet, wird bis sechs Monate Gefängnis oder 100 Pfund Geldbuße oder beide Strafen zu gewärtigen haben. Der Verbüßung der Strafe folgt Ausweisung auf Kosten des Bestraften. Ein Reisender oder Tourist darf ohne vorausgegangene Erlaubnis nicht länger als drei Monate, unter keinen Umständen ab» länger als zwölf Monate in Palästina bleiben. Inhafc* von Transitvisen dürfen sich nicht länger als 60 Stunden im Lande aufhalten. Aus Warschau wird gemeldet: Wie das orthodoxe „Jüdische Tageblatt" mitteilt, erhielt das Wilnaer Rabbinat die Nachricht, daß sechzehn Juden, unter ihnen vier Rabbiner, die vor neun Monaten versucht haben, über die sowjetrussische Grenze illegal nach Palästina zu emigrieren, dabei erwischt und ins Gefängnis gebracht wurden, nunmehr zu je drei Jahren Gefängnis und Deponierung in ferne Gegenden verurteilt wurden. «s Ja, es ist als ein verbrecherisches Beginnen zu betrachten und hart zu bestrafen, wenn ein Jude nach Palästina, in sein jüdisches Nationalheim, gehen will. Darin sind die Regierungen ii>. Moskau und in London und Jerusalem einig. In den Kerker mit diesen schnöden Verbrechern! Die Moskauer Regierung sperrt die Grenzen und die Regierung in Jerusalem die Tore Palästinas. Das Land hat zu wenig Arbeitshände, trotz der starken Einwanderung in den letzten Monaten. Arbeitermangel an allen Ecken und COMPASS TOURS WIEN NEW YORK PARIS IX, Spitalgasse 3, Tel. B-42-5»38 Nächste Palästina-Reise 19. Dezember 1933 II Auskünfte und Anmeldungen: Wien IX, Spitalgqise 3 Telephon B-42-5-38 die Aufbauschung und Uebertreibung der Unruhen für unsere zionistischen Bestrebungen haben muß, Hegt atif der Hand. Ich kann und will nicht untersuchen, ob diese böse Wirkung tatsächlich seitens der Regierung bezweckt wird. Allgemein aber ist man hier der Ansicht, daß es s o ist und, unter uns gesagt, unwahrscheinlich ist das wirklich nicht. Denn wir wissen genau, was hohe Staatsinteressen bedeuten und wie oft sich „edle" Taten als Provokation entpuppt haben. Konkret ausgedrückt: Wir wissen genau, wieviel es England daran liegt, Palästina zu besitzen und wieweit dieser Staat an der jüdischen Einwanderung interessiert ist. Stimmen unsere Vermutungen, so können wir im Verhalten der Regierung anläßlich der letzten Araber- Demonstrationen keine Verteidigung jüdischer Interessen erblicken, sondern einen neuartigen, wohldurchdachten Angriff auf unsere nationale Existenz in Palästina. Die einzige Antwort, die wir geben können, lautet: Tausendfach erhöhte Aktivität für Erez Israel, für die Errichtung des Judenstaates. Und die Antwort wollen wir geben. M. B." Zionfef* Jugendsemimar veranstaltet von der Judcnstaatsjugend Dienstag, den 7. d., fand der erste Vortrag unter zahlreicher Beteiligung Jugendlicher aller zionistischer Gruppen statt. Es sprach Herr Oberbaurat R. Stricker über „Herzl und seine Zeit". Dienstag, am 14. Nov., um 8 Uhr abends, findet im Heime, II., Untere Augartenstraße 38, der 2. Vortrag statt. Es spricht Herr Dr. S. Wolf über: „Die Orientpolitik Englands und der Zionismu s". Jugendliche Gäste unterschiedslos willkommen. Enden. Das Land ruft nach seinen Söhnen. Aber sie dürfen nicht hinein. Wer nach Palästina will, ist ein Verbrecher; wer dort arbeiten will, ein noch schwererer. Die zionistische Leitung hat nachgewiesen, daß Arbeitsplätze , für 25.000 Juden im Lande frei sind. Die Palästina-Regierung hat ihr"'' statt 25.000 sage und schreibe 3000 Zertifikate für Einwanderer gegeben. 3000 für ein halbes Jahr! Alles darüber hinaus ist illegal, verbrecherisch, wird mit Kerkerstrafe geahndet. Die zionistische Exekutive ruft zu Sammlung und Einigung! In diesem Augenblicke, da die mandatswidrige Absperrungspolitik der Palästina-Regierung den Zionismus ins Mark trifft, ruft die vor zwei Monaten auf dem Prager Zionistenkongreß gewählte Leitung alle Zionisten auf, sie mögen sich geschlossen hinter sie stellen. Sie hat einen Aufruf erlassen und ihr in Europa weilendes Mit- Rasiere dien Dessen VING die einzige schwedische Weltmarke glied, Herr Izchak Grünbaum, hat an alle zionistischen Gruppen appelliert, jetzt die Streitfragen ruhen zu lassen und sich im Momente höchster Gefahr geschlossen hinter die Leitung zu stellen. Dieser Ruf nach Einigung ist wahrlich gerechtfertigt. Aber er wird wirkungslos verhallen, wenn nicht die Hauptbedingung für Einigung, wenn nicht das Vertrauen hergestellt wird. Mit dem Worte „Einigung" allein ist es nicht zu machen. Einer Gruppe, der Linken, ist es gelungen, durch rücksichtslose Ausnutzung ihres bürokratischen Apparats und Ausbeutung der unglückseligen Mordaffäre Arlosoroff auf dem Kongreß die Majorität zu erlangen und die gesamte Führung an sich zu reißen. Verbittert und voller Mißtrauen sind die Allgemeinen Zionisten, Misrachisten, Revisonisten und Judenstaatler weggegangen, ohne jede Beziehung zur neuen Leitung. Daß neun Männer, hinter denen die große zionistische Masse nicht steht, dieser Situation nicht gewachsen sein können, steht fest. Daß dieser Zustand rasch beseitgt werden muß, steht fest Die zionistiohe Leitung muß schleunigst geändert werden. Alan muß sofort eine Sitzung des Aktionskomitee« einberufen und die Exekutive durch Wahl von Vertretern aller Gruppen umgestalten. Dann und nur dann ist wirkliche Geschlossenheit des zionistischen Willens zu erzielen. Wenn die jetzige Exekutive so bleibt, wie sie ist, wenn es nicht zu einer nationalen Konzentration in der Exekutive kommt, wird der Ruf nach dem Vertrauen aller wirkungslos verhallen, ♦*< Janet <m Gaynor in mit Will Rogers und Lew Ayres :: Ein amerikanisches Mädchen erlebt ihren großen Liebesroman auf dem gewaltigsten Rummelplatz der Welt £in Fox-Film in deutscher Sprache Ab 14. November Schweden-Kino, II. Auf der Bühne Jo*6 Uribarri der argntinische Lautensänger Große ludendebaiiie im polnischen Parlament Der nach siebemnonatigen Ferien soeben zusammengetretene polnische Sejm hatte gleich in der ersten Sitzung seine Judendebatte. Der Sprecher der. antisemitischen Nationaldemokratischen Partei, Professor Ribarsky, brachte die Judenfrage aufs Tapet. Er behauptete, daß es den Juden in dieser furchtbaren Krisis immerhin besser geht als den Nichtjuden. Die polnische Intelligenz werde in den Städten durch die Juden verdrängt, die aus Polen eine Basis für ihre Operationen auf dem internationalen Forum machen wollen, Ribarsky forderte die Hinausstoßung der Juden aus ihren Positionen in Handel und Industrie und sagte, Polen könne den aus Deutschland hinausgetriebenen Juden kein Asyl gewähren. Der Führer der oppositionellen Bauernpartei, Rüg, erklärte es für unmoralisch, die christliche Armut gegen die jüdische Armut zu hetzen, und sagte, das in Deutschland gegen die Juden begangene Verbrechen sei ein Ver« brechen gegen die Menschheit. Die Judenfrage in Deutschland ist zu wichtig, als daß man sie mit Hitler« Methoden lösen könnte. Er stimme aber mit Professor Ribarsky darin überein, daß Polen nicht das Meer sein kann, in das alle Judenströme einmünden. Abg. Dr. Thon trat im Namen des Jüdischen Klubs den Ausführungen Ribarskys und Rugs entgegen und sagte insbesondere Ribarsky, wenn er aus dem Umstand, daß die Juden mehr als alle anderen Schichten der Bevölkerung die nationale Anleihe gestützt haben, den Schluß zieht, daß es den Juden besser gehe als den Nichtjuden, so irrt er gewal'tig. Die Juden haben ihre letzten Groschen hergegeben. Dr. Thon dankte der Regierung dafür, daß sie sich der unterdrückten polnischen Juden in Deutschland annimmt, und sagte: Ich bin stolz darauf, einem Staat anzugehören, der in dem historischen Kampfe zwischen Barbarei und Zivilisation sich auf die Seite der Zivilisation gestellt hat. Von den 65.000 Juden, die Deutschland verlassen mußten, sind kaum 4500 nach Polen gekommen, die meisten derselben sind polnische Staatsbürger. Die Juden wollen in Polen keine Basis für irgend welche Operationen bauen, sie wollen in Heim in Palästina aufbauen. Leider sind die Juden in Polen immer noch nicht vollberechtigte Bürger; sie werden als Beamte nicht angestellt, und in den Zeiten der Krisis sind die wenigen jüdischen Beamten die ersten Opfer des Abbaues. Dr. Thon dankte dem Untrreichtsminister dafür, daß er den hebräischen Mittelschulen Oeffentlichkeitsrecht zuerkannt hat, und ersuchte die Regierung, bei den kommenden Parlamentswahlen auf die Juden keinerlei Druck auszuüben. Die Regierung möge die notleidenden jüdischen Institute stützen. Dr. Thon schloß: Wir fürchten weder die großen noch die kleinen Hitlers. Wir Juden, ein altes Volk, werden auch dem jetzigen Sturmangriff standhalten und für die Ideale der Menschheit arbeiten, wenn vom Hitlertum keine Spur mehr sein wird. Abg. Niedzialkowski (Regierungspartei), warnte Ribarsky und die Nationaldemokraten vor dem Plan, sich der Regierungsmacht mit Hilfe des Antisemitismus bemächtigen zu wollen; denn die Massen, einmal aufgehetzt, werden vor den jüdischen Geschäften nicht halt machen. Jetzt müssen Sie endlich Ihren Wintermantel besorgen! Selbstverständlich bei . . . Schiff mann, dem Haus der großen Leistungen. Die neuesten, elegantesten und besten Damenmäntel viel, viel billiger als je! 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