Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1933-11-03 · Heft 321 (3.11.1933) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 321 (3.11.1933)
Date
1933-11-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2711899-2711943--4006-2717433
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Nr. 321 die mvti msLt Seite 7 der „Habimah" und draußen In der Welt hervorragende jüdische Regisseure und Dirigenten, Sänger, Schauspieler und Virtuosen, die jeder kennt, von denen so mancher heute sehnsüchtig nach Palästina blickt. Das junge Palästina wird die Größten wählen dürfen, wie es einem Volke geziemt, das nach zwei Jahrtausenden auch in der Kunst sein wahres Selbst wiederzuentdecken im Begriffe ist. Wie heute schon feststeht, werden Orchester« und Chorkonzerte das Beste aus der Musik aller Völker und Zeiten bringen. Für das Schauspiel auf der neuen Bühne, den Kern also der Mittelmeer-Festspiele, sind die Erwägungen noch nicht abgeschlossen, Auf dem klassischen Boden der griechischen Sage — Jaffas Burgberg war der Felsen der Andromeda — und zugleich der biblischen Heldenzeit wird an die Dramen des Aeschylos, Sophokles, Euripides ebenso zu denken sein wie an die Motive der israelitisch-jüdischen Historie in der Formung eines Racine, eines Hebbel und heute eines Beer-Hoffmann, vielleicht auch an eine Palästina-Aufführung von Hugo v. Hoffmannsthals „Jedermann" oder der „Romanze eines Volkes". Ueberdies. wird der Lorbeer einer Palästiha- Premiere den Ehrgeiz der jüdischen Bühnendichter unserer Zeit, durch einen weltumspannenden Appell entfacht, nicht ruhen lassen. Und die Oper? Goldmarks „Königin von Saba" steht zur Debatte, auch Halevys „Jüdin", Giacomo Mey erbeers „Afrikanerin" und der „Columbus" des Darius Milhaud. Und wie schön würde wohl die leichtbeschwingte Muse Jacques Offenbachs in die gewiß feierliche, aber dem Selig-Frohen keineswegs abgewandte Umwelt des „Heiligen Landes" verpflanzt werden können? Nach der Tragödie das Satirspiel, so wollte es die hohe Kunst der Griechen, analog im jüdischen Lebensbereich nach den erhaben-strengen Feiertagen der Jahreswende die fröhliche „Simchath-Thora" — wahre Festspiele am Mlttelmeer werden auf das Zusammengehen der ernsten und der heiteren Muse nicht verzichten mögen. Ein künstlerisches Erlebnis, echt und stark in allen Skalen der dramatischen Schöpfung, wird dem Tel-Awiwer Jubeljahr des jüdischen Aufbauwerkes die tiefste, aus den Bezirken reinster Menschlichkeit stammende Weihe geben' Gefährliche Ehrenposten Blum, Baruch, Litwinow etc. Mit breitem Behagen meiden es die jüdischen Zeitungen, wenn irgendwo ein Jude auf einen politischen oder sozialen FUhrerposten gelangt. Sie haben ihren Leser dazu erzogen, solche Nachrichten mit stolzer Genugtuung aufzunehmen, als wäre ihm selbst und dem Judentumetwas besonders Gutes oder Schönes widerfahren, als bedeutete die Erhebung eines Juden zum Parteiführer, Minister usw. einen Vorteil und eine Ehrung für alle Juden. Wenn man diesen befriedigten jüdischen Leser dahin bringen könnte, auch die Meinung der nichtjüdischen Zeitungen über solche jüdische Glücksfälle zu prüfen, dann würde seine stolze Genugtuung eine wesentliche Verminderung erfahren. Und das wäre gesund. * Der meistgenannte Name in diesen Tagen ist der des jüdischen Führers der französischen Sozialdemokratie Leon Blum. Seine Stellung ermöglichte es ihm, die politische Lage in Frankreich und damit die politische Lage in der ganzen Welt entscheidend zu beeinflussen, und er hat von dieser Möglichkeit ausgiebigsten Gebrauch gemacht. Er, Leon Blum, hat einen heftigen Kampf gegen das Ministeritim Daladier entfesselt. Er setzte Himmel und Hölle in Bewegung, spaltete die eigene Partei, trat auf, der Parlamentstribüne dem Ministerpräsidenten persönlich entgegen und brachte seinen Anhang dahin, zusammen mit der äußersten Rechten gegen die Regierung zu stimmen und sie damit sm Falle zu bringen. Der Jude Leon Blum hat gesiegt! Aber das Judentum hat keinen Anlaß, sich darob zu freuen. Das Hervortreten Blums hat auf allen Seiten antisemitische Instinkte geweckt. Alle, denen Blum in den Weg getreten ist, empfinden es plötzlich als unleidlich, daß das Geschick Frankreichs von einem elsässischen Juden entscheidend beeinflußt wird, Daladier und seine Freunde beschuldigen den Juden Blum, daß er die Entwicklung der französischen Demokratie stört und, ir widernatürlicher Koalition mit der äußersten Rechtendurch Schwächung der demokratischen Linken dem FacaA Ismus in die Hände arbeitet. Seine Freunde von gestern, die aus der Partei ausgeschiedenen national eingestellten Sozialdemokraten, beschuldigen ihn, durch starres Festhalten an dem längst überwundenen Marxismus die Partei gespalten und dem Bolschewismus zugetrieben zu haben. Für die militaristische und klerikale Hechte ist selbstverständlich der pazifistische, marxistische Jude Blum ein rotes Tuch. Sie zetern Uber jüdischen Verrat, der Frankreich in seinen Rüstungen stören und ^ütler-Deutschland preisgeben will. Der Jud, der Jud, »er Jud... Ob die politische Führerschaft Blums Frank« «ich von Nutzen ist, sei dahingestellt. Daß sie dem Judenum nicht nützt, ist sicher. Die Juden haben jedenfalls «einen Grund, darob erfreut zu sein, daß einer der ihren n Frankreichs Politik soviel dreinzureden hat. * In den Vereinigten Staaten von Amerika gehen ganz jroße Dinge vor. Präsident Roosevelt will das Riesenreich lÄlitisch und wirtschaftlich von Grund aus umgestalten. Seine Freunde sagen, daß er die Vereinigten Staaten retten, seine Gegner meinen, daß er sie zugrunde richten «tad, Roosevelt, der Diktator, bat sich einen kleinen Kreta . von Beratern zugelegt, man nennt Inn den „CrfIrfTA<Trwt". , | Diesem „Gehirn-Trust", der heute die Vereinigten Staaten beherrscht, gehören tatsächlich'einige Juden an. Öle Jüdischen Zeitungen in Amerika und Europa stellen das mit stolzer Freude fest, die nichtjüdischen mit Ingrimm. Die Gegner Roosevelts heben zwei Tatsachen hervor. Sem Programm ist staatssozialistisch, also bolschewistisch. Seine Ratgeber und Helfer sind Juden. Also: Die Juden wollen Amerika bolschewisieren, um es beherrschen zu können! | Dazu kommt noch ein anderes Wasser auf die antiaemitij sehen Mühlen. Bisher haben die Vereinigten Staaten jede politische und diplomatische Verbindung mit Sowjet« ruß 1 and abgelehnt. Roo&evelt will Sowjetrußland anerkennen und normale diplomatische Besiehungen zwischen j Washington und Moskau herstellen. Man kann verstehen, daß diese Angelegenheit zu den heiß umstrittenen gehört. Wieder sind es Juden, denen der Präsident die Aufgabe übertragen hat, die Verhandlungen mit Moskau zu führen und den Pakt abzuschließen. In erster Reihe werden die jüdischen Finanzleute Barüch und Lamport und der Kongreßmann Sirowitsch genannt. Dazu kommt noch, daß von Moskau der Jude Litwinow nach Washington geschickt wurde, um den Vertrag zwischen den zwei Riesenreichen zu fertigen. Lauter Juden! Oel ins antisemitische Feuer! Die „Weisen von Ziott" tiberliefern Amerika dem Bolschewismus, um Amerika und die Welt zu zertrümmern! Die deutschen Hakenkreuzler, die gerade jetzt in Amerika Riesenpropaganda betreiben, haben an der Sache ihre höllische Freude und nützen sie weidlich aus. Was das von Juden durchgeführte Experiment des amerikanischen Präsidenten Amerika bringen wird, das weiß man nicht. Daß die Verbundenheit dieser Sache mit jüdischen Namen dem Judentum nur schaden wird, das steht fest. < •■ Die Juden sollten aufhören, sich darüber zu freuen, wenn irgendwo bei anderen Völkern jüdische Persönlichkeiten zur politischen Führung gelangen. Das ist nicht gut für die Sache dieser Völker und nicht gut für die jüdische Sache. Das ist unnatürlich und endet In der Regel schlecht. Jüdisch-politische Talente sollen in den Dienst des jüdischen Volkes gestellt werden, das in. seiner bedrängten Lage Talente braucht. Die anderen Völker brauchen und wollen sie nicht. . r. st. Jüdisches aus Paris Aus Zürich: Dem hiesigen „Israel. Wochenblatt" wird aus Paris geschrieben: Die Situation der JttdischenFlüchtling ein Paris hat sich kaum geändert. Sie ist natürlich nicht besser geworden, eher schiechter. Aber es sind zahlreiche, namentlich jüngere Elemente' nach Palästina und Brasilien abgewandert und für Südamerika gibt eis sogar ein eigenes Auswanderungsbüro für jüdische Flüchtlinge in der Rue de Bassand. Man muß eben unterscheiden; daß große Gruppen völlig verarmter Leute hier angekommen sind und unterstützungsbedürftig blieben, daß auch ein beträchtlicher Teil der Hiehergeflüchteten mit Kapital eingewandert ist und entweder etwas begonnen hat oder abwartend von seinem Gelde lebt. Derartige Gäste sind natürlich in dem Lande, das die Krise schließlich auch merklich spürt, gern gesehen und die beliebtesten. Trotz allem hat es auch hier schon zu Rempeleien geführt. Der Antisemitismus scheint eben offenbar im Jahre 1938 zu einer Europaseuche auszuarten. Gewisse, allzu bekannte Zeitungen haben schon immer, ähnlich wie in Deutschland, die jüdische Frage abfällig und ausfallend behandelt, aber in letzter Zeit haben sich auch im Publikum gewisse Erscheinungen gezeigt In großen, mondänen Cafes der Champs Elysees hat es leider schon mehrfach recht bedauerliche Zwischenfälle gegeben. Zurufe, wie: „Parlez francais si vous restez icü", sind gefallen,* auch liebenswürdige Aufforderungen, wie: „Retournez ä votre pays!", waren zu hören. Wenn auch derartige Unliebsamkeiten zum Glück Einzelerscheinungen darstellen, so sind sie aber doch sehr bedeutsame Wetterzeichen an einem Horizont, der sich rascher, als man denkt, verfinstern könnte. Was heute nur Bache der antisemitischen „Action Francalse'4 ist, kann morgen ein breites Bürgertum und übermorgen das ganze Volk erfassen. Viele der hier wirklich nur noch vegetierenden Glaubensgenossen, deren Melnungsaustauch namentlich während der Feiertage sehr rege war, erhoffen alles und möglichst bald von der Regelungdurch den Völkerbund. Man möchte zutiefst wünschen, daß wenigstens diese Hoffnung nicht unerfüllt bleibt. Deutsche Juden sollen in Kanada nicht einwandern dürfen i Aus Montreal: Der Stadtrat von I Montreal hat, dem Beispiel einer Reihe anderer ( Stadtverwaltungen in Kanada folgend, eine Resolution gefaßt, in der die Regierung Kanadas aufgefordert wird, die Einwanderung von Personen aus Mittel- und Osteuropa zu verbieten. Die Entschließungen richten sich in erster Linie gegen die Einwanderung deutsch-jüdlscherFlüchtlinge,, gegen die das antisemitische Mitglied des Stadtrats von Montreal, Auger, einen heftigen Feldaus; führt, wobei er behauptet, die Einwanderer aus Deutschland seien meist Kommunisten und Propagandisten antichristlich er Ideen. Die Bemühungen der drei jüdischen Stadträte von Montreal, Joseph Schubert, Max Seigier und 9. Schwarz, eine Ablehnung der Resolution durchzusetzen, i blieben ohne Brfolff. JUNG-WIZO-MIRJAM Sarnau«, 4. November, halb 9 Uhr abends, Kunstspiel* I„ Rfemergasie 11, ABEND JÜDISCHER KUMT 8*a* ui SrSflt Hardt« „Salomo". Mitwirkend Eric* Mann (Reinhardt-Bühnen), Egon Curth (Berlin), Iren« Springer (Frankfurt), Dr. Karl Ritter (Breslau) / Cellla» Joachim Stataehewsky / Die Tänzerin Gertrad Kram „Bilder aus dem Ghetto". Szenische Darstellung Jiddischer Lieder durch Mitglieder der Mirjam. Regie: Arthur Hott. Oesamtarrangement: jüdische Kunststelle. Restliehe Karten bei allen Mitgliedern und bei der jüdischen Kunststelle, II., Aspernbrttckengasse 2. Coty sagt sich vom Antisemitismus los Aus P a r 1 s: Wie bereits gemeldet, hat sich der bekannte Parfümfabrikant und Zeitungsverleger Coty in einem Telegramm an ein Mitglied der Jüdischen Gemeinde Genf zuhanden der Jüdischen Weltkonfer e n z vom Antisemitismus losgesagt. In einem Artikel vom 24. Oktober im „Ami du Peuple" wird der Standpunkt Cotys präzisiert und ausgeführt: Coty anerkennt den vollen moralischen und geistigen Wert des Judentums. Er verspricht, in sein Programm der Staatserneuerung die volle Oleichberechtigung der Juden aufzunehmen. Coty legt Wert auf die Erklärung, daß alle Kampagnen in seinen Zeitungen gegen Juden sich nur gegen die Handlungen bestimmter Personen richteten, -nicht aber gegen das Judentum als solches. Coty wünscht mit allen seinen Mitbürgern ohne Unterschied der Religion in Frieden zu leben und wünscht diese objektiv nach ihren Taten und nicht nach rassischen Vorurteilen zu behandeln. Was die jüdischen Ausländer in Frankreich betrifft, schätzt Coty die schöne Geste der französischen Regierung, die Opfer der deutschen Verfolgungen in Frankreich aufzunehmen. DaS gastfreundliche Frankreich, das auch den Verfolgten aus Italien, Spanien, Rußland usw. Asyl gewährte, hat damit nur seine alte Tradition bestätigt. Coty verlangt nur, daß sich die politischen Flüchtlinge ohne Rücksicht auf ihre Partei- und Rassezugehörigkeit der pölitischen Aktivität enthalten und sich nicht in die inneren Angelegenheiten Frankreichs einmischen. Paul P&inleve gestorben — Ein aufrichtiger Freund des Judentums und des jüdischen Nationalheims Aus Paris: Im Alter von 70 Jahren starb in Paris der große Gelehrte und Staatsmann Paul Pain- 1 e v 6, ehem. Ministerpräsident und mehrfacher Minister der französischen Republik. Paul Painleve war einer jener großen Staatsmänner der Gegenwart, denen das Schicksal der in vielen Ländern verfolgten Juden naheging und die sich darum mit einer Lösung der Juden frage im Sinne der Schaffung eines jüdischen National* heima in Palästina eifrig befaßten. Painleve war dabei auch ein Verehrer des Judentums Und der ewigen jüdischen Gedanken.' Als französischer Ministerpräsident hat er wiederholt der Sympathie der französischen Republik für die Idee des Jüdischen Nationalheims in positivster Form Ausdruck gegeben, und auch im letzten Jahre ist er verschiedentlich in öffentlichen Kundgebungen aufgetreten und hat dabei eindringlichst gegen Verfemung und. Verfolgung von Juden und Judentum und für die Errichtung des Jüdischen Nationalheims als Zufluchtsstätte für die Juden Und als Heimstätte für den sich erneuernden jüdischen Geist das Wort ergriffen. Ein lüde — Mitglied der Regierung Sarraut Aus Paris: Der französische Deputierte Jacques Stern, ein Jude, wurde zum Minister der Handelsmarine im neuen französischen Kabinett Sarraut ernannt. Stern, der 1881 geboren wurde und schon im Jahre 1980 das gleiche Amt bekleidet hatte, ist der einzige Jude im Kabinett Sarraut. Aus Lettland Aus Riga: Die Rigaer Stadtrepr ä Sentani hat einem von den faschistischen Repräsentanten eingebrachten Antrag auf Beschlagnahme des jüdischen Eigentums zugunsten des Winterbilfswerkes für die Arbeitslosen zurückgewiesen. Die lettischen Faschisten, die ursprünglich Front „gegen Deutsche und Juden" machten, sind unter dem Einfluß der mit reichen Mitteln arbeitenden nationalsozialistisch e n Auslandspropaganda in ein ausschließlich antisemitisches Fahrwasser geraten. Die lettischen Nationalsozialisten leiten eine Volksabstimmung eiri,- die darauf hinausgehen soll, den Juden das Wahlrecht, das Recht zum Erwerb von Immobilien, die Handelslizenzen, den jüdischen Aerzten die Behandlung von Nichtarlernzu entziehen. Zum ersten Male seit Bestehen des lettländischen Staates hat eine Körperschaft, nämlich der Studentenausschuü der lettlandischen Universität, den Beschluß gefaßt, einen Numerus clausus für jüdische Studierende sowie ein Verbot für Juden, Leichen von Christen su sezieren, su fordern«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.