Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 321 (3.11.1933)
- Date
- 1933-11-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 321 Ihren Sthüh nur wn SAiflvnann von Berlin die Weisung (wörtlich!), nur den in der neuen Mitgliederliste verzeichneten Herreh Ermäßigungen zu gewähren." (Das heißt: Bin jüdischer Schriftsteller bekommt in Karlsbad über Weisung Hitlers keine Ermäßigung!) In dem gleichen Artikel heißt es in einem Berichte Uber E g e r : „Als Hitler in Deutschland die Macht ergriff, glaubte man sich auch bei uns ins „Dritte Reich" versetzt. Die Wohnungen freiheitlich denkender Menschen wurden bewacht und bespitzelt, schwarze Listen mißliebiger Personen wurden angefertigt, ein reger Verkehr mit deutschen Parteistellen setzte ein. Die Nationalsozialisten fühlten sich als die Herren des deutschen Gebiets. Heute, nach dem Parteiverbot, ist es nicht viel anders. Nacht für Nacht durchziehen Malkolonnen die Stadt, Hakenkreuze und nationalsozialistische Parolen auf Gehsteige und an Häuser malend." Zum Schlüsse: „Die Zurückhaltung der Behörden erscheint angesichts der Tatsachen nicht nur befremdlich, sondern völlig unangebracht. Man wende nicht ein, daß hinter diesem Tun nichts Erschreckendes und Ernstzunehmendes stecke. Weit vom Schuß, ist man nur zu leicht geneigt, diese Dinge zu unterschätzen." Wir Zionisten in der Tschechoslowakei müssen uns den Auaführungen des nichtjüdischen Blattes vollinhaltlich anschließen. Die Zurückhaltung der Behörden korrespondiert scheinbar mit einer Zurückhaltung der jüdischen Faktoren, die sich, wie man sieht, als unrichtig erweist. Man muß unter solchen Umständen ein energisches Vorgehen der Berufenen verlangen. Jüdische Brüderlichkeit Eine pöalezionistische Zeitung der Tschechoslowakei meldet aus Brünn, die JSJ. (Jüdische soziale Jugend) Werde sich an einer Ausstellung beteiligen, welche die sozialdemokratische Jugend Brünns gegen den Faschismus veranstaltet. Sie werde dabei das Material für den jüdische n F a b c h i s m u s liefern: Die JSJ. Brünns wird also die alte Lüge, nationale Bestrebungen des jüdischen Volkes mit jenen des Judenfressers Hitler in eine Parallele zu stellen, fortsetzen Und wird sich nicht schämen, damit vor die nichtjüdische Oeffentlichkeit zu treten. Für „den Verrat von Juden an Juden hat man den Ausdrück „Mosserer". Er ist so ziemlich das Verächtlichste, was man einem Juden vorwerfen kann. Und ausgerechnet von dieser Stelle erschallt der Ruf nach dem Territorialverbänd. Vielleicht genügen diese Zeilen, um die JSJ". in Brünn von ihren häßlichen Absichten abzubringen. Zipp. Für Verstaatlichung des hebräischen Schulwesens in der Tschechoslowakei Aus Prag: Nach vorausgegangener Unterredung mit dem :Schulminister D6rer wurde ein Gesuch Um Verstaatlichung der hebräischen Volksschule.in Mukacevo der zuständigen Regierungsstelle überreicht. Es gibt in der Tschechoslowakei deutsche, rumä-. nische, polnische, ungarische und tschechische,, aber keine jüdischen Minderheitenschulen. Die Jüdische Partei ist bemüht, im Wege der Verstaatlichung der Schule in Mukacevo ein Präjudiz zu schaffen für die Verstaatlichung aller hebräischen Schulen in der Tschechoslowakei, deren es jetzt acht, und zwar sieben Volksschulen und ein Gymnasium, gibt. Der Minister versprach, für eine günstige Erledigung zu sorgen. Einfuhr von Palästina-Orangen in die Tschechoslowakei freigegeben Aus Prag: Die tschechoslowakische Regierung hat die Einfuhr von Palästina-Orangen m die Tschechoslowakei freigegeben. Bis jetzt durfte man Palästina-Orangen in die Tschechoslowakei nur im Wege der Kompensation, d. h. im Austausch gegen tschechoslowakische Waren, die nach Palästina gingen, einführen. Nunmehr ist die Einfuhr kompensationslos und darum auch nicht mehr kontingentiert, so daß jeder, der Palästina-Orangen nach der Tschechoslowakei einführen will, dies uneingeschränkt tun kann und hiefür die notwendigen Devisen erhält. Man erwartet,, daß nunmehr die Orangeneinfuhr in die Tschechoslowakei einen Aufschwung nehmen wird. Tribüne Judenreine Filme Wir erhalten eine mit „Einige Wiener Juden"' unterschriebene Zuschrift, welche lautet: „Sie schreiben in Ihrer Nummer vom 27. Oktober mit Recht über das Vorführen reicbsdeutscher Filme in Prag, die von jüdischen Importfirmen dort eingeführt werden. Ist Ihnen nicht bekannt, daß bei der Herstellung von Filmen in Wien peinlich genau darauf geachtet wird, daß keine Jude« (mit Ausnahme eines einzigen Prominenten) in diesen Filmen mitwirken, obwohl die Produzenten selbst Juden sind? Wie nennt man solches Vorgehen? Wäre in einem solchen Falle nicht ein Boykott •olober Filme seitens des jüdischen Publikum« am Platze? LACK- LEDER. MIT EIDECHSE IM/T. KOMblN. ALLE GRÖSSEN DAMEN' _ W/ENERWALD- STIEFEL, BRAUN mit LEDER FUTTER u. BEUTELZUN6E ALLE GRÖSSEN. FÜR. 'HERZEN S 7^ £o' Wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie diesen Dingen nachgehen wollten." Es ist selbstverständlich, daß wir nach wie vor solchen Erscheinungen unser Äugenmerk zuwenden werden. Allerdings liegt die letzte Entscheidung bei dem jüdischen Publikum selbst. Die amerikanische Arbeiterföderation für den Boykott Deutschlands Aus Washington: Der hier abgehaltene Kongreß der amerikanischen Arbeiterföderation, die die amerikanischen Gewerkschaften mit mehreren Milliohen Mitgliedern umfaßt, hat die ihm von der Exekutive der Föderation unterbreitete Resolution zum Boykott aller in Deutschland hergestellten Waren, solange die Verfolgung der Juden in Deutschland andauert, einstimmig beschlossen. Der Präsident der Fqderation, William Green, rechtfertigte den Boykott in eineif feurigen Ansprache, die mit starkem Beifall aufgenommen wurde. Der erste Teil der Resolution betrifft die Zerstörung der deutschen Gewerkschaften; in dem die Judenfrage betreffenden zweiten. Teil wird u. a. ausgeführt: Der völligen, Zerstörung der unabhängigen Gewerkschaftsbewegung ist nur noch die grausame Verfolgung der jüdischen Bevölkerung an die Seite zu stellen. Eine Verfolgung dieser Art muß in den Reihen der organisierten Arbeiterschaft tiefste Erbitterung und Absehen erregen. Unsere große Bewegung beruht auf ra 8 sie eher Toleranz, auf Gleichstellung jeden Glaubens und jeder Nationalität. Wir protestieren heftig gegen die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung Deutschlands, die von denjenigen ins Werk gesetzt wird, die heut© die Geschicke Deutschlands bestimmen. Da nun aber die Regierung Hitlers die Proteste der Menschen und Nationen ignoriert, beschließt die amerikanische Arbeiterföderation, sich mit. anderen vom Gemeinschaftssinn durchdrungenen Organisationen in unserem Lande zu vereinen, um offiziell einen Boykott aller in Deutschland hergestellten Waren und aller deutschen Leistungen (German Services) durchzuführen, der so lange dauern soll, bis die deutsche Regierung das Recht der arbeitenden Bevölkerung auf Bildung unabhängiger Gewerkschaften anerkennt und die Verfolgungspolitik gegenüber der jüdischen Bevölkerung einstellt. Organisierung des antideutschen Boykotts in England Aus London: Seitens des Jewish Representative Council, der für den 5. November nach London die Konferenz zur Proklamierung des Boykotts deutscher Waren und deutscher Arbeit einberufen hat, wird heute mitgeteilt, daß mehr als 400 Delegierte, Vertreter von Synagogen, Bruderschaften, zionistischen Verbänden, jüdischen Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden, aus allen Teilen Großbritanniens und Irlands ihr Erscheinen auf der Konferenz angekündigt haben. Sir Robert Mond wird die Konferenz eröffnen, woraufhin Chacham Dr. Moses Gast er die Resolution über die Proklamierung des Boykotts einbringen und begründen wird. Jüdische Vertreter aus allen Zweigen von Handel und Gewerbe werden dann praktische Vorschläge unterbreiten, wie man deutsche Waren ausschalten könne. Unter der Leitung des Jewish Representative Council sind bereits Boykottkomitees in Manchester, Liverpool und Leeds gegründet worden. Ein zu gründender Käuferinnenverband wird die Aufgabe haben, den Detailhandel mit deutschen Waren in allen Warenhäusern Englands zu unterbinden, solange die Entrechtung und Verfolgung der Juden in Deutschland anhält. Das Zentralkomitee dieser Frauettliga setzt sich aus den folgenden Frauen zusammen: Mrs. Philip Guedalla, Mrs. Theodore Burney, Mrs. Dennis Cohen, Mrs. Adrian Franklin, Mrs. Cyril Henriques, Mrs. A. H. Jessel, The Hon. Mrs. Ewen Montagu, Mrs. J. Cofman-Nicorestl, Mrs. R. B. Solomon. Die große Hilfsaktion für die deutschen Juden London, 1. November. Auf der zur Zeit hier tagenden jüdischen Konferenz sind Vorschläge ausgearbeitet worden, wonach zur Unterstützung der aus Deutschland ausgewanderten Juden, deren Zahl mit 65.000 angegeben wird, durch einen Appell an die Juden äller Welt ein Unterstützungsfonds geschaffen werden soll. — Es sollen ferner Verhandlungen zur Ansiedlungder Juden mit den Regierungen der. Länder, die bereit sind, sie aufzunehmen, eingeleitet werden. Nach Berichten aus Cypern hat die dortige Regierung bereits ihr Einverständnis gegeben, deutsche Emigranten anzusiedeln. Auf der Konferenz werden Pläne ausgearbeitet zur Zusammenarbeit mit dein vom Völkerbund ernannten Hohen Kommissär ftüf die Emigranten aus Deutschland. MftfeImeersFe§tspieIe TehAww 1934 Das Theater der Fünf zehntausend '.. Von Dr. J. Adler (Tel-Awlw) Tel-Awiw, die neue Wirtschaftsmetropole Palästinas, jüngste Großstadt am Mittelmeer, City des jüdischen Nationalheims, einziger Platz der Erde, der heute »»Hochkonjunktur" hat, Sammelpunkt unablässigen Zustroms von Menschen und Kapital, wird im kommenden Jahr 25 Jahre alt. Die Bürgerschaft will, daß das Jubiläum nicht unbeachtet bleibe. Der kommerzielle Aufstieg der Stadt wird durch die kommende Levantemesse (26. April bis 26. Mai 1934) genügend hervorgehoben werden; Tel-Awiw steht in der Tat bereits in der, Reihe der großen Messestädte der Welt. Nicht minder indessen will man betonen, daß Tel-Awiw auch an der kulturellen Renaissance des Judentums stärksten Anteil genommen hat. Diesen Gedanken werden in das Jubiläumsjahr die ersten „Mittelmeer-Festspiele" zu Tel- Awiw hineintragen. In der Blütezeit der Antike zählte man in den Küstenstädten des Mittelmeeres Hunderte von Freiluftbühnen, nach dem klassischen Gepräge Athens. Heute sind diese alten Kunststätten längst in Trümmer gesunken und ihre Tradition ist verschollen. Bewußt sucht Tel-Awiw einen neuen Ausgangspunkt: ihn bietet das Freiluftspiel des 20. Jahrhunderts. Die architektonisch-technische Grundlage ist in Tel- Awiw, dank weitblickender Disposition der Messeleitung, bereits gesichert. Die Hauptpaläste des neuen Messegeländes werden um den „Platz der jüdischen N a t i o n" derart gruppiert, daß sich in wunderbar geschlossenem Rahmen, mit dem Palästina-Meßpalast als Hintergrund, das neue Freiluft-Theater der Fünfzehntausend ergibt. Der Schauplatz der „Mittelmeer-Festspiele Tel-Awiw 1984" ist auch atmosphärisch ideal. Palästinensische Sommer sind ja völlig regenfrei, und unterm schwarzsamtenen Nachthimmel erfrischt die kühle Luft von der nahen Meeresküste, auf deren Kais man in den Zwischenakten promenieren wird. Bleiben also die organisatorischen und künstlerischen Probleme zu lösen! Durch die Verknüpfung mit der Levantemesse und mit der Fremdenverkehrswerbung des Stadtjubiläums können auch Frequenz und Finanzbasis der Festspiele für gesichert gelten. Die prominentesten jüdischen Namen der Gegenwart werden unter den Aufrufen der Organisatoren anzutreffen sein. Gründlich erwogen werden noch künstlerische Leitung und Programm, In Palästina selbst haben wir das einzigartige SnsembUl