Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 321 (3.11.1933)
- Date
- 1933-11-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 321 Hunger treibt zum Wahnsinn — in Sowjefrußland Authentische Berichte von Reiseschriftstellern Sowjetrußland hat jetzt eine gute Weltpresse. Nach den zahlreichen hohen Besuchen in Moskau heifit es, daß Rußland einem normalen Leben entgegengeht und daß die Zeit des Hungers, der Depression, des Asiatentunis vorUber Ist. Die Schilderungen vom sowjetrussischen Leben klangen in der letzten Zeit nicht mehr gar so schwermütig. Aber in Wirklichkeit? ... Ein Reiseschriftsteller, der das heurige Jahr in Sowjetrußland verbracht hat, erzählt seinen Pariser Rollegon: „Wenn ich davon, was ich in Rußland gesehen habe, ohne Schönfärberei erzählen sollte, würde man mir nicht glauben. Denn es ist in bezug auf das Bolschewikenreich ein Stimmungsumschwung zu verzeichnen. Wollen Sie hören, wie es wirklich um die Juden in den Städten und Städtchen der Ukraine bestellt ist? Weshalb glaubt man nicht, daß dort gerade jetzt schrecklicher Hunger herrscht und noch andere entsetzliche Zustände, die das jüdische Leben tragisch verdüstern? Die Wahrheit sieht anders aus als die Legenden, die die Salonreisenden erzählen." , Ein zweiter Beobachter, der Korrespondent der New-Yorker jiddischen Tageszeitung „Vorwärts", H. Lang, kommt eben auf seiner Weltreise von Sowjetrußland. Er hat die jüdischen Städte und Städtchen der Ukraine und Weißrußlands besucht und objektiv das jüdische Leben beobachtet. H. Lang hat über seine Studien berichtet, in intimem Kreis und in einigen Öffentlichen Referaten. Das, was er mitteilte, war eine Sammlung schauerlicher Episoden. „Man darf jetzt", erklärte H. Lang, „über Sowjetrußland nicht schweigen, wenn man nur einen Teil dessen, was dort vorgeht, gesehen hat. Es ist Pflicht, das Martyrium, das unsere jüdischen Brüder jetzt in Rußland erdulden, der Welt bekanntzugeben. Hier zu schweigen, wäre die tiefste moralische Schuld. Unbarmherziger Hunger herrscht in den Städten und Städtchen. Die Dollar-Inquisition hat sich verschärft und wird jetzt mit unerbittlicher Strenge durchgeführt. Es ist eine Täuschung, zu glauben, daß die jüdische Jugend in das sowjetistische Leben einbezogen wird. Die jüdische Jugend fühlt sich genau so zerbrochen wie die ältere jüdische Generation, die den Tod dem hoffnungslosen Leben vorzieht." All das belegt der New-Yorker Publizist mit Fakten, Bildern, Texten und Briefen. Iii der Ukraine, so erzählt er weiter, kommt es oft vor, daß Juden vor Hunger wahnsinnig werden. Nicht selten hört man einen plötzlichen Aufschrei — den Schrei des Hungers, den jemand in seiner Stube ausstößt. Selbstmord ist eine Massenerscheinung. Hausdurchsuchungen bei Juden nach fremder Valuta sind an der Tagesordnung. Die G. P. U. (Geheime Staatspolizei) schreckt vor Folterungen nicht zurück. Man legt sich ins Bett mit ein paar Pfund Brot und wartet, daß man verhaftet wird. Geradezu gefahrlich Ist es, einen besseren Anzug zu besitzen. Die G. P. U. schließt daraus, daß man von Verwandten aus dem Ausland Valuta bekommen hat, und liegt auf der Lauer. Zu reden, wagt niemand. Man flüstert. Will man sein Herz ausschütten, so trifft man sich auf dem Friedhof. Dort spricht man zu den Gräbern — das darf man noch . . . und mittendurch erzählt man einander von den Leiden: von nächtlichen Verhaftungen, Folterungen, gewaltsamer Beschlagnahme einiger Dollars . . .!" Wer wird da helfen? Oesterreidtisdier Juden« friedhof geschändet Wien, 2. November. Gestern früh wurde in Hohenau eine geradezu vandalische Verwüstung des jüdischen Friedhofes entdeckt. Der Friedhof glich einem Trümmerfeld. Es waren nicht weniger als 5 8 G r a bstelne umgeworfen und zerschlagen worden. Der jüdische Friedhof in Hohenau ist ein kleiner Friedhof und die Zahl der Gräber ist nicht groß, so daß die 58 verwüsteten Gräber mehr als drei Viertel der ganzen Anlage ausmachen. Die Täter, die in geradezu hunnischer Weise an der Stätte des Friedens gehaust haben, haben die Grabsteine nicht nur umgeworfen, sondern müssen sie mit Hämmern, Krampen und anderen Instru menten bearbeitet haben. Ueberdies wurden die Gräber zertrampelt und in der abscheulichsten Welse geschändet. Einzelne Grabstätten wurden in nicht wiederzugebender Welse verunreinigt. Die Friedhofsschändung muß von einer größeren Anzahl von Personen verübt worden sein. Die Täter beschränkten sich nicht nur auf die Verwüstung der Grabstätten, sondern sämtliche Glasscheiben des Eingangsportals der Zeremonien halle wurden zertrümmert. Ueberdies hatten es die Burschen auch auf den Leichenwagen abgesehen. Sie versuchten in den Raum einzudringen, wo der Wagen eingestellt ist. Es gelang ihnen jedoch nicht, das schwere Tor zu öffnen. Die Gendarmerie hat die Erhebungen aufgenommen, allem Anschein nach dürftön als Täter Nationalsozialisten in Betracht kommen, da anderen eine derartige Tat kaum zuzutrauen ist. RUNDSCHAU Die Juden in der Republik Masaryks Wenn die Juden der Tschechoslowakei den fünfzehnjährigen Bestand ihrer Republik feiern und ihre Brüder ringsum diese Feier mit 'tiefster Anteilnahme begleiten, so geschieht dies weder auf ein patriotisches Pfiichtkommando, noch unter dem Druck eines Dankgefühls, mit dem sich die Judenschaft hier revanchieren will. Nirgends so spontan wie in der Republik M asaryks brechen die Gefühle der Juden durch. Gleich bei der Gründung des tschechoslowakischen Staats steht der Gedanke, einer jüdischen Nationalität, zu der sich die Juden zu bekennen hatten. Schüchterne Versuche einzelner Kreise,/sich deutsch oder tschechisch zu gebärden, scheiterten. „Die Assimi 1 atio n a 1s Vo 1 ksbewegung ist unmöglich und lächerlich", lautet'einer der großzügigen Aussprüche Masaryks •— heute aktueller denn je, wenn man bedenkt, wie fürchterlich sich in Deutschland alle Assimiliationsversuche gerächt'haben. Wenn die tschechoslowakischen Juden unmittelbar nach dem Weltkrieg als Juden ihren Platz in der Republik gefunden haben, so geschah dies unter der Verwirklichung der zionistischen, von Herzl zum erstenmal klar formulierten These, wonach nur das selbstbewußte Bekenntnis zum eigenen Volkstum ein klares und fruchtbares und würdiges Verhältnis zum Mitvolk ermöglicht. Die Tschechoslowaken haben unter der geistigen und moralischen Führung ihres Staatsgründers Masaryk diese nationaljüdische Haltung vom ersten Augenblick an richtig eingeschätzt. Sie haben gefühlt, daß die Notwendigkeit, die zur Gründung ihrer Londeswbond der Z!onlsten-R ev Islonlsten Republik führte, das Selbstbewußtseih der tschechoslowakischen Juden gestärkt und ihnen jene innere Freiheit gegeben hat, die zu gemein "«mem Wirken im Rahmen der Republik erforderlich ist. Die tschechoslowakischen Juden, frei 'in ihren moralischen und rechtlichen Entschlüssen, werden sich nach wie vor rückhaltlos zur Republik bekennen, in der sie leben, ihre Staatstreue mit herzlicher Selbstverständlichkeit bekunden — als Volk bei Volk, ohne Versuche einer Vermischung und Verwischung, bei voller Entfaltung ihres eigenen Wesens. So werden sie am besten dem tschechoslowakischen Staat und sich selbst dienen. Ii und Berit Trumpeldor Montag, den 6. November 1933, um 8 Uhr abends im Fest« •aal das Hotel Continental, II, TaborstraSe 4 „Araberreuolte und Jüdische Einwnnderuns nach Palästina** Redner: Dr. Wolfgang van Walfl, Dr. David Bukspan,!• doldstaln Belohnter „Mut zur Feigheit Die jetzt in Deutschland und Polen veröffentlichten Betrachtungen deutscher und polnischer Zeitungen bringen gewisse Vorfälle auf dem Zionistenkongreß und in anderen jüdischen kreisen in schmerzliche Erinnerung. In großen jüdischen Organisationen und auf dem Prager Zionistenkongreß wurde die Forderung erhoben, dem deutschen Vernichtungsfeldzug gegen die Juden mit dem Abbruch aller gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Hitler-Deutschland, mit dem Boykott zu begegnen. Die Führer gewisser jüdisch-assimilatorischer Organisationen stellten sich gegen diese natürliche, sebstverständliche Forderung. Auch die M e h r h eitdesZionistenkongresses nahm diese für die große jüdische und nichtjüdische Umwelt unbegreifliche Haltung ein. Zur Begründung diente die Behauptung, ein von jüdischer Seite ausgehender Boykott könnte den Juden „schaden". Die zionistische linke Arbeiterpartei, welche den Kongreß beherrschte und heute die Leitung der Zionistischen Weltorganisation innehat, verhinderte die Annahme eines Boykottbeschlusses und; hatte hiebet den Mut, sich auf die: Sorge um das Wohl des Jüdischen Nationalheimes, des jüdischen Palästina, zu berufen. Auf die Anklagen, welche gegen diese Handlungsweise erhoben wurden, antwortete ein Führer der Zionistischen Arbeiterpartei in den offiziellen Organen dieser Partei in einem Artikel, der einen ganz eigenartigen Titel führte: „Mut zur Feigheit!" Die Wirkungen dieser Politik,'des traurigen Mutes zur Feigheit, treten deutlich zutage. Die führende nationaldemokratische Zeitung Polens, „Kür jer Poznanski", schreibt mit Bezug auf das Zurückweichen gewisser jüdischer und zionistischer Kreise vor. energischen Schritten gegen Hitler-Deutschland: „Die Reden, von. der „u«bezwungenen Maobt der Juden" und Von der „einheitlichen Front des Weltjudentums" haben sieb zum: die Jüdische Weltorganisation für Palästina-Reisen hat ihr Wiener Büro eröffnet , Vertretung sämtlicher Schiffahrtslinien / Ausgebaut* Raissorgcinlsatlon in frei Israel / Hinsel- und Gesellschaftsreisen Wien I, Kohlmarkt 8 / Telephon U 86 4 S2 REISEBÜRO CIT9 0RI.H. KÖRNER größten Teil als Legenden erweisen, die ganz wissentlich von den Juden gemacht worden sind, um die arische Bevölkerung vor ihrer Macht In Angst zu erhalten." „Die Erbärmlichkeit des materialistischen jüdischen Charaktersist in voller Deutlichkeit in diesen verschiedenen Erscheinungen zutage getreten, Erscheinungen, die vor allem von der judischen Feigheit und davon tiberzeugen, daß die Juden sich sofort v orderMacht beuge n, der zu unterwerfen sie sich abgewöhnt hatten. Kann man sich Über den Abscheu wundern, den die Hitler-Leute gegenüber den Juden hegen? Kann man sich darüber wundern, daß das Gefühl der Oeringschätzung der Juden heute fast alle Völker und sogar diejenigen Faktoren zu erfassen beginnt, die den Juden so lange willfährig waren?" Hitlers Hauptorgan, der „Völkische Beobachter", zitiert triumphierend das polnische Blatt und knüpft die Bemerkung daran, wie töricht es ist, sich vor Juden zu fürchten und dieser feigen und ehrlosen jüdischen Gesellschaft aus irgend welchen Rücksichten irgend welche Schonung angedeihen zu lassen Beweis: der Zionistenkongreß. Kann man unter solchen Umständen daran glauben, daß die heutige Führung des Zionismus der Größe seiner Aufgabe entspricht? Der „Mut zur Feigheit", den diese Führung aufgebracht hat und dessen sie sich mit noch traurigerem Mute rühmt, hat böse Frucht gezeitigt. Juden undOIympiavorbereiiung Die Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Sportleben wirft bereits ihren Schatten auf die kommende Olympiade, die bekanntlich im Jahre 1936 in Berlin stattfinden soll. Die Bestrebungen der jüdischen Sportvereinigungen Amerikas, dieses zur Zurückziehung seiner Zusage (Teilnahme an den Berliner Olympischen Spielen), zu bewegen, haben in Deutschland Nervosität hervorgerufen, vorläufig allerdings bloß in judenliberalen Kreisen. Unser in der vorigen «Nummer veröffentlichter Aufsatz „Jüdische Sportehre gegen Hitler-Deutschland" scheint dje Befassung mit der Berliner Olympiade in Gang gebracht zu haben. v Die jüdische Presse Deutschlands versucht wieder einmal, die Angelegenheit auf ein Nebengeleise zu schieben. So heißt es im „Isr. Familienblatt" (Hamburg): „Der Kernpunkt des ganzen Problems „Juden in Olympiavorbereitung" liegt, vom Auslande her betrachtet, gar nicht im antisemitischen Komplex, sondern lediglich im olympischen." Vom Auslande her betrachtet! Immer noch versuchen die Assimilanten eine Judenfrage zu leugnen. Aber die Wirklichkeit ist zu hart. Sie läßt nicht locker und zwingt manchmal sogar die unbelehrbaren deutschen Juden, sich Gedanken zu machen. . Derselbe Sportler, der einen antisemitischen Komplex ablehnt, schreibt ein paar Zeilen weiter: „Vom Standpunkt des olympischen Betrachtens ist es *. . . nicht angängig, zwar den Neger M e t e a lf zuzulassen, aber den deutschen Olympioniken Kurt Weiß und die deutsche Meisterfechterin Helene Mayer von den Spielen auszuschließen. Gleich darauf aber kommt der Trost. Es wird nämlich im selben Blatt festgestellt, daß man die einschränkenden Bestimmungen für nichtarische Sportler in einigen Fällen — Tennisspielerin Ullstein, Gewichtsstemmer Sei ig mann — praktisch aufgehoben habe. ES Wird aber nicht gesagt, daß dies nur geschah, weil in den genannten Disziplinen arische Vollvertreter nicht vorhanden waren. Weitere Motivierungen sind Überflüssig. Wir wissen, was wir von Hitler-Deutschland zu gewärtigen haben. Pardon wird uns nicht gegeben und ein Gewährenlassen bedeutet Anerkennung dieses, Zustandes. Unser Appell an die jüdische Sportwelt bleibt bestehen. Wir werden nicht zugeben, daß die jüdische Sportehre auch noch von den letzten Resten der deutsch-jüdischen Assimilation torpediert werde. Zionisf* Jugendseitiinaf veranstaltet, von der Judenstaatsjugend. Wegen technischer Schwierigkeiten mußte der Beginn des Jugendseminars verschoben werden. Erster Vortrag im Helm, II,, Untere Augartenstraße Nr. 38, Dienstag, 7. November, V«8 Uhr abends. Es spricht Oberbaurai Robert Stricker Uber; „Herzl und seine Zeit". Jugendliche Gäste unterschiedslos her«- lieh willkommen.