Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1933-11-03 · Heft 321 (3.11.1933) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 321 (3.11.1933)
Date
1933-11-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2711613-2711899-2711943--4002-2717429
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 321 t.. äusLN atd Seite S Unser innigstgeliebter Galle und Vater h. Leopold ttr ist am 31. Oktober nach kurzem, schwerem Leiden verschieden. Die Beisetzung erfolgte am 2. November in Wien. Hans und Rafael Kinder Rachele Sofer Gattin Deutsche Hakenkreuzler im Spiele? Aug Paris: Wie aus Damaskus berichtet wird, sind in Syrien nationalsozialistische Propagandisten festgenommen worden. Es befanden sich in ihrem Besitz arabische Druckschriften, die zur Revolution der Araber gegen Prankreich und England und zu Judenhetzen auffordern. Die Druckschriften lassen erkennen, daß sie in Deutschland hergestellt wurden. — Von den Arabern wird bestätigt, daß Deutsche Im Lande Propagandareisen machten und zur Revolte gegen die fremden, andersgläubigen Unterdrücker aufreizten. Einige haben auch Waffen versprochen und erinnerten die Araber daran, daß die Deutschen Abd el Kerim im Kampfe gegen die französischen Unterdrücker unterstützt hätten. Da Deutschland den Völkerbund verlassen hat, ist die Anrufung der Genfer Institution für die Prüfung dieses Falles nicht möglich. Man wird daher den diplomatischen Weg wählen. Aufruf! Der Vorstand der Wiener isr. Kultusgemein d e und das österreichische Hilfskomitee für deutsche Juden richten an die Mitglieder der Kultusgemeinde folgenden Aufruf: An der Schwelle des Winters, der die Leiden der Armen vervielfacht, rufen wir wieder alle zur Hilfeleistung auf, die dos Schicksal vor Kälte, Hunger und Obdachlosigkeit bewahrt hat. Doppelt schwer ist unsere Aufgabe für den kommenden Winter. Denn nicht nur unseren, durch die Wirtschaftskrise tut Arbeit- und Erwerbslosigkeit verurteilten Wiener Armen und deren Kindern, unseren einheimischen Alten und Kranken, sondern auch denen soll geholfen werden, welchen blindwütige Gewalt haßerfüllter Menschen alles: Ehre, Menschenwürde und Existenz, geraubt hat, den Opfern der deutschen Judenverfolgung, Hunderte von diesen stehen seit Monaten In unserer Fürsorge, aber die Mittel hiefür sind erschöpft, die ElnsteUung dieser Hilfstätigkeit wäre für die betreffenden katastrophal. Nicht minder unheilvoll wäre es, wenn wir nicht in der Lage wären, unseren Wiener Armen zur Seite zu stehen, die angsterfüllt den Schrecknissen des Winters entgegensehen. In den vergangenen Jahren konnten dank dem Opfermute unserer Gemeindemitglieder, die neben den allgemeinen Winterhilfsaktionen auch unser Hilfswerk förderten, viele Tausende von armen Juden, die von keiner anderen Seite Hilfe zu erwarten hatten, vor dem Aergsten bewahrt werden. Mehr als 200.000 kg Brennmaterial wurden verteilt, über 100.000 Portionen warm erMahlzeit en wurden verabreicht, fast 8000 Lebensmittelpakete zur Verfügung gestellt, viele der Aermsten wurden mit Kleidern und Wüsche versehen, vor Obdachlosigkeit bewahrt, die Errichtung von Tagesheimstätten für notleidende Jugendliche wurde gefördert und manches andere. Jede Gabe ist notwendig und willkommen; wer nicht imstande ist, auf einmal ausgiebig zu helfen, den bitten •wir um regelmäßige kleinere Zuwendungen während der Wintermonate. Jeder, der hilft, erfüllt nicht nur ein Gebot der Menschlichkeit, nicht bloß seine Pflicht als Jude, er leistet damit auch den Zoll der Dankbarkeit dafür, daß ihn das Schicksal vor Not und Heimatlosigkeit bewahrt hat. Spenden wollen an die Fürsorge-Zentrale der isr. Kultusgemeinde Wien, I., Seitenstettengasse 2, Telephon U-25-5-85 Serie, Postsparkassenkonto B. 29.659, überwiesen werden. Gibt es in Oesterreich eine Judenfrage? Es ist wohl das unglücklichste Beginnen, die Judenfrage in der Weise lösen zu wollen, daß man erklärt: Es gibt keine Judenfrage. Wir erleben heute mit Schaudern das Ergebnis dieser Politik in Deutschland. Die deutschen Juden waren Träger dieser unseligen Politik. Sie haben jeden Versuch einer politischen Organisierung der Juden, jeden Versuch des Aufwerfens der Judenfrage von jüdischer Seite her mit Entrüstung als gefährliches Beginnen abgewiesen. „Wir sind nur deutsche Staatsbürger, Angehörige der deutschen Nation. Als solche wollen wir unser Recht. Für uns gibt es keine Judenfrage! Punktum! Schluß!" In Konsequenz dieser Anschauung überließen es die deutschen Juden den Antisemiten allein, von der Judenfrage zu sprechen und die Antisemiten haben das gründlich besorgt. Das deutsche Volk hat fort und fort von der Judenfrage sprechen gehört. Aber nur im a n t i s e m itischen Sinne, nie in einem anderen. Es hatte also keine Gelegenheit, die Juden verstehen zu lernen. Es hatte nur Gelegenheit, sie hassen zu lernen. Weil die Antisemiten gesprochen und" die Juden geschwiegen haben. So ist die von den deutschen Juden verleugnete Judenfrage gewachsen und schließlich mit fürchterlicher, vernichtender Wucht über ein wehrloses, ungerüstetes Judentum hereingebrochen. Das Ableugnen des Bestandes einer Judenfrage war das Ableugnen einer Tatsache und hat sich an den Leugnern gerächt. Wie ist es in Oesterreich? Eigentlich wie in Deutschland, nur mit einer Ausnahme. In Oesterreich gibt es eine Gruppe von Juden, welche den Bestand einer Judenfrage bejahen, laut arierkennen und bemüht sind, über die Judenfrage mit den Nichtjuden zu sprechen und zu verhandeln, also ehrliche jüdische Politik treiben. Es sind das die aus der zionistischen Bewegung hervorgegangenen National« jüden, welche sich in der Jüdischen Volks- Partei organisiert haben. Aber das sind beiweitem nicht alle österreichischen Juden, es ist beiweitem nicht die Majorität. In der Mehrheit sind die sozialdemokratisch und liberal orientierten Juden und diese Verleugnen die Judenfrage ebenso wie ihre reichsdeutschen jüdischen Geistesbrüder sie verleugnet haben. Auf den Versuch, sie für eine jüdische Politik zu gewinnen, hatten auch sie nur eine Antwort: „In Oesterreich und für uns gibt es keine Judenfrage und darf es keine geben. Wir sind nur Deutsche!" Nun, da die sozialdemokratische und liberale Sache auch im Oesterreich ins Wanken geraten ist, haben sich die meisten Juden von der linken auf die rechte Seite geschlagen. Aber ihre jüdische Orientierung haben sie mitgenommen. Auch rechtsstehend schreien sie: „Für uns gibt es kine Judenfrage und darf es keine geben!" Nur der Zusatz lautet anders. Sie erklären sich nicht mehr als „Nur- Deutsche", sondern als „Nur-Oeaterreichor"» Jude sein, das gibt es höchstens in der Synagoge oder auf dem Friedhof. Sonst nicht. Nun gibt es in Oesterreich eine Judenfrage und sie wird immer dringender. Sie ist jetzt wieder in einer Art und von einer Seite her aufgerollt worden, die ein weiteres „Uebersehen" unmöglich .machen. Nicht von einer prononciert antisemitischen' Persönlichkeit und nicht in prononciert antisemitischer Form und nicht vor einem antisemitischen Forum. Im „Niederösterreichischen Gewerbeverein", einer Organisation, die zu gut dreißig Prozent aus Juden besteht und Juden in der Leitung hat, hielt der Hofrat des Obersten Gerichtshofes, Herr Dr. Ratzenhof er, ein Mann, der bisher allseits als durchaus objektiver Mann und Richter gewertet wurde, einen Vortrag über das österreichische Rechtsleben. Plötzlich wandte er sich der Judenfrage zu. Er erklärte, kein Antisemit, im Gegenteil, ein Freund der Juden zu sein und führte Beweise seines Wohlwollens gegenüber den Juden an. Aber dieses Wohlwollen, so sagte Hofrat Dr. Ratzenhofer, könne ihn nicht von der Feststellung abhalten, daß das österreichische Rechtsleben über Gebühr verjudet und der Umstand, daß zirka siebzig Prozent der Wiener Anwaltschaft jüdisch sind, untragbar sei. Große Bestürzung und Entrüstung im stark jüdischen Auditorium und am nächsten Tage große Aufregung in der liberalen und sozialdemokratischen Presse, soweit sie von Juden redigiert wird. Das nun veranlagte Hofrat Dr. Ratzenhofer, deutlicher zu werden. Er nahm einen Artikel des jüdischen Präsidenten der Wiener Rechtsanwaltskammer, welcher sich zur Widerlegung der jüdisch-politischen Aeußerungen im Vortrag veranlaßt sah, zum Anlaß für eine Erwiderung, in welcher es u. a. heißt: „Nach 33jähriger richterlicher Tätigkeit habe ich die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit für raeine Anschauungen^ durch einen Vortrag in Anspruch genommen, den zu halten ich mich tiefinnerlich gezwungen fand... Gegen Ende des Vortrages sprach ich u. a., nachdem ich die im Krieg bewährte Tapferkeit von Juden hervorgehoben hatte, von der überbetonten Steilung, die das jüdische Element im öffentlichen Leben, besonders im Anwalts stände inne hat, was bei einem großen Teil unseres Volkes als etwas Unerträgliches Heoha.luz Haleuml Verein zur Förderung der Palästina-Wanderung EINLADUNG zu dem am Samstag, den 4. November 1933. in den 1 Festsälen des Jüdischen Heimes, II, Unt. Augartenstr. 38 >i stattfindenden! |TANZABEND §j Beginnt Halb 9 Uhr abd«. mitreichhaltigem Programm I Entice $ 1.50 1 ^^%!^w^^f'^?^ % %*™«®$r ^M}PAUL ABRAHAMS ME I STEfcOPEfcETTP J<S\ I H TAG OPERN-KINO 1. IMPERIAL-KINO I. LOWEN-KINO III. MARI ATHERESIEN-Vll. FLIEGER-KINO IX. SCH LOSS-KINO XII. THEATER-KINO XVII. MONOPOL LUX FILM ME BLUME vow H/WA) MCHARDOSWALf» empfunden wird. Wie weit dieses Uebel vorgeschritten ist, dafür bietet gerade die Geschichte meines Vortrages ein Beispiel." „Ich habe das Wort ,Arier" nicht in den Mund genommen und die Rassenlehre als etwas Nebelhaftes bezeichnet... Soweit allerdings aber erscheint auch mir — was im Vortrag nicht gesagt wurde — die Rassenlehre berechtigt, daß nicht gerade Juden als die berufenen Führer des Oesterreichertumsund — es sei offen gesägt — auchnicht als die berufenen Führer der österreichischen Anwaltschaft erscheinen. Ich finde es beklagenswert, daß es einem Oesterreicher, selbst wenn er sich auf einem hohen Posten des Staatsdienstes befindet, kaum möglich ist, zu Wort zu kommen, wenn ihm Oesterreichs Zukunft das Wichtigste ist, die Stellung des Judentums aber Nebensache... Es kömmt einer Beschränkung des freien Wortes gleich, wenn maßvoll vorgetragene Ansichten totgeschwiegen werden, der Gegenmeinung aber die Spalten der gelesensten Zeitungen zu entstellenden Besprechungen zur Vei-' fügung stehen." . „Was ist das Wichtigste, demgegenüber alles andere zurückzustehen hat? Daß die breite Masse der ö s t e r re i c h i s c h e n Jugend sich für Oesterreich begeistert. Das ist, wie die Dinge liegen, nicht möglich, wenn Juden das große Wort führen. Wir achten den Fleiß und die Betriebsamkeit der . Juden als eines wichtigen Teiles unserer Bevölkerung. Aber der Schutz ihrer derzeitigen Stellung ist nichtdie Hauptsach e... Hauptsache ist, die ganze Jugend für den vaterländischen Gedanken zu gewinnen." „Es ist ja leider wahr, daß ein Teil unserer Jugend noch abseits steht. Das beruht nicht zuletzt darauf, daß sie zwischen sich und dem Staat auf Schritt und Tritt eine jüdische Schichte sieht, für deren Repräsentanten sie sich nun einmal nicht erwärmen kann. Darum sei ihr das Auge geöffnet, daß hinter dieser vordringlichen Schichte auch in Oesterreich der Geist deutscher Mannhaftigkeit und Wehrhaftigkeit lebt; daß wir. keineswegs jene schlappen Leute sind, als die wir oft hingestellt werden." „Dann wird es überall heißen: »Hinein in die Vaterländische Front, die wir mit der Frische unseres Volkstums erfüllen wollen. Den Juden wollen wir nicht nehmen, was ihnen gebührt, die Führung aber gehört uns." Der Mann, der so spricht und schreibt, ist hoher'. Richter des höchsten Gerichtes in Oesterreich. Jenem, Vortrage wohnten die Vertreter fast aller maßgebenden Regierungsstellen bei. Das Blatt, welches seine oben wiedergegebenen schriftlichen Ausführungen mit einer zustimmenden und unterstreichenden Einleitung bringt, ist die „R e i c h s p o s t", das Organ der herrschenden Partei, des Bundeskanzlers Dollfuß. Aus diesen Umständen ist wahrlich zu ersehen, daß es in Oesterreich eine Judenfrage gibt und daß sie bald dringend, brennend werden wird* Sollen weiterhin diejenigen beim Worte bleiben, die den Kopf in den Sand stecken, die die Dinge laufen lassen wollen, die immer noch schreien: „Wir wollen, von keiner jüdischen PoUtik, von keiner Judenfrage etwas wissen! Wir sind Nur-Oesterreicher!" Oder sollen endlich diejenigen zu Worte kommen, welche es nicht länger dulden wollen, daß man es nur den anderen — Antisemiten, Halbantisemiten und Nichtantisemiten — überläßt, die Judenfrage von ihrem Standpunkte aus und e t n s e i t i g zu diskutieren und zu behandeln. Zu Worte müßten die Vertreter der volksbewußten ( politisch-jüdisch organisierten Judenschaft kommen, welche die Judenfrage offen und von Volk zu Volk besprechen und behandeln wollen. Sonst könnte es den österreichischen Juden so ergehe», wie es den deutschen Juden ergangen imfe Robert Stricker« J

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.