Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 320 (27.10.1933)
- Date
- 1933-10-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 320 DIE NEUE WELT Seite 7 Bilderbogen zum Arlosoroff. Prozeß Jerusalem, 18. Oktober. Man sieht klarer Palästina steht Im Zeichen der Umkehr betreffs der Stimmung gegenüber den Beschuldigten im Mordprozeß Arlosoroff. Es ist eine Stimmungsänderung eingetreten: Nicht bei den beiden direkt interessierten Gruppen, den Zionlsten-Revisionisten und den Linken von der Histadruth, sondern bei der breiten, neutralen Masse, bei denen, die dem Eindruck der ersten Zeugenaussagen unterlagen und jetzt am Ende der Voruntersuchung klar zu sehen beginnen. Der Glaube setzt sich bei ihnen durch, daß für die Schuld der Angeklagten Stawsky, Rosenblatt und Achi Me'ir gar kdin Beweis erbracht wurde. So benehmen sich keine Mörder, so benehmen sich keine einwandfreien, wahrheitsliebenden Zeugen . . . Für die Meinungsänderung gibt es einige Motive. Zunächst muß man die Reaktion auf die allzu grellen „Enthüllungen" während der Kongreßtage berücksichtigen. Groß war der Tummel bezüglich des Geständnisses, das Rosenblatt einem Haftkollegen (einem notorischen Dieb) gegenüber abgelegt haben soll, nicht minder groß der Lärm über die Tagebucheintragungen Achi Meirs. Aber allmählich stellte sich heraus, daß das Geständnis Rosenblatts nicht gar so „stark" war und daß die Tagebuchnotizen Achi Meirs lange nach der Ermordung Arlosoroffs gemacht worden sind. Die „Enthüllungen" der Histadruth-Führer während der Kongreßwahlen und während des Kongresses selbst haben sich als Seifenblasen erwiesen. Dazu kommt noch ein weiterer Umstand: Der Polizeibeamte Kampf ist bekanntlich als erster auf dem Tatort erschienen. Ihm sagte der arabische Fußspurenkenner, daß er die Tritte eines Mannes, einer Frau und eines Hundes verfolgt habe. Diese Aussage steht aber im strikten Widerspruch zu seiner offiziellen Behauptung, daß es zwei Männer, ein großer und ein kleiner, gewesen seien. Auch die Herren englischen und arabischen Kriminalisten werden jetzt wohl das Vertrauen zu dem arabischen Trittkenner verloren haben. Zugunsten der Beschuldigten Den wichtigsten Faktor bildet der Umstand, daß kürzlich drei einflußreiche Schriftsteller und Persönlichkeiten gegen die Mordbeschuldigung aufgetreten sind: Mosche S m i 1 a n s k y wird wohl niemand einer Unehrlichkeit bezichtigen; desgleichen wird man nicht wagen, an J. H. R a w n i z k y s und Alter D r i a n o w s reinem Gewissen zu zweifeln. Diese drei Männer haben ihre Stimme zugunsten der Beschuldigten erhoben. Der bekannte Journalist aus dem linken Lager Dr. M. B e i 1 i n s o n begann eine Polemik mit Drianow, wobei er erklärte, er wisse ganz genau, daß es eine revisionistische Terrorgruppe gebe und daß diese das Mordgeschäft besorgt hätte. Darauf gab Drianow im „Doar Hajom" folgende Erklärung ab: „Ich erkläre öffentlich, daß ich keinen Augenblick auch nur den mindesten Glauben gehegt habe, Revisionisten könnten Arlosoroff ermordet haben. Im Gegenteil: Meine tiefste Ueberzeugung ist die, daß, wie groß auch das Unglück wegen des tragischen Todes Arlosoroffs sein mag, das Unglück ob des falschen Verdachts gegen zionistische Brüder noch viel größer ist. Ich hoffe mit ganzem Herzen, es werde der Tag kommen, daß diejenigen, welche den falschen Verdacht verbreitet haben, die Wahrheit erkennen werden. Dann werden sie bei Gott um Vergebung bitten und Gott möge ihnen ihre Sünde vergeben . . ." Die „Beweise" der Histadruth Zwei Steine waren es, die nach der Aussage eines Polizeiorgans den Dolus der angeklagten Revisionisten beweisen sollten, zwei Bausteine, die die Aufschriften „Hier ruht Arlosoroff", „Hier ruht Ben Gurion" eingeritzt getragen haben sollen. Die linke Presse wütete, pochte auf diesen „unwiderleglichen Beweis". Der Hausbesitzer, bei dessen Hausbau sich der Vorfall mit den zwei Bausteinen ereignet haben soll, ließ das Mauerwerk freilegen und es fand sich tatsächlich ein Corpus delicti, e i n Stein mit der Aufschrift — „Hier ruht Ben Gurion". In seiner weiteren Aussage erklärte der Hausbesitzer, daß bei seinem Hausbau die Linken einen Streik proklamierten, weil auch revisionistische Arbeiter eingestellt wurden, die dann — es war kein sozialer oder wirtschaftlicher, sondern ein politischer Streik — am Bau weiterarbeiteten. Das sind also die „Streikbrecher von Petach Tikwah"! Ein Haufen Linker kam heran und trug ein Bild Jabotinskys, auf einem Galgen aufgehängt. Die revisionistischen Arbeiter waren in ihrer Revanche weder wählerisch noch geschmackvoll und ritzten in einen Stein den Text „Hier ruht Ben Gurion". Das ist die Geschichte der sogenannten Grabsteine. Der jüdische Polizeioffizier, der als Zeuge auftrat, hatte nicht damit gerechnet, daß sein „Bericht" gar so rasch ad absurdum geführt würde. Und die Linken? Sie schrien und schrieben von Terrorbanden und Mordkomplott. Nicht minder reizvoll ist eine Episode, die sich bei dem letzten Verhör mit Achi Me'ir abgespielt hat.. Als Zeuge erscheint der sephardische Jude Ascher Hasan, der Besitzer jener Baracke, in der Stawsky und Achi Meir gewohnt haben. Von Stawsky in die Enge getrieben, schwankt der Zeuge hin und her, will sich an vieles, das er seinerzeit zu Protokoll gab, nicht erinnern, leugnet, verwirrt sich, bis plötzlich Achi Me'ir aufspringt und ihm hart zusetzt. Es handelt sich um eine Ueberrumpelung des Zeugen, der vieles verschweigt. „Kennen Sie einen Mann namens Dow Hos?" fragt Achi Meir. Der Zeuge bejaht. „Haben Sie meine Bluse nach der Arbeit gleich zur Polizei getragen oder zuerst dem genannten Dow Hos gezeigt?" „Ich habe", sagt der Zeuge verwirrt, „sie zuerst dem Dow Hos in der Histadruth Haowdim gezeigt und dann zum Polizeibeamten Mosche Finkel getragen." „Weshalb haben Sie das getan?" Der Zeuge weiß nichts darauf zu erwidern. Dow Hos ist ein neuer Name in der: Untersuchung. Was ist da geschehen? Was hat die Histadruth.mit der Bluse Achi- Meirs zu tun?. Ist sie ^vielleicht ein Nebehgerichtshof? Dieser Herr Dow Hos; ein Sekretär der Arbeiterpartei, ist von der Histadruth mit der Führung, der Kampagne gegen die Beschuldigten betraut und einzelne, der Histadruth nahestehende jüdische Polizeibeamte tragen ihm ungesetzlicherweise Informationen zu. Der S'timmungisumschwung geht seinen Gang. Man wird später erfahren» wie die linken Kreise die öffentliche jüdische Meinung verwirrt, vergiftet, korrumpiert haben. * Vor dem Ende des Beweis« verfahrene Die J. T. A. meldet unterm 20. d. M. aus Jerusalem: Am 18. Oktober gab bei Beginn des Verhörs Achi Meir eine Erklärung ab, worin er aufs schärfste gegen die Aussagen des Zimmervermieters Ascher Hazan und Frau Assailowa Stellung nahm, sie der falschen Zeugenaussage bezichtigte, sein Alibi durch Prof. Nahum Slouschz erhärtete und seine Freilassung verlangte. Die Feststellung Achi Meirs ist insoweit wichtig, als durch die Entlarvung dieser beiden Belastungszeugen die Mordbeschuldigung gegen Rosenblatt wesentlich abgeschwächt wird. ab Wiarc 21. November 1933 D-Zug , Speisewagen / Hotel / Auto / üepäcktransport / 2- bis 4 bettige Außenbord-Kabinen / gute Verpflegung. 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Auf Befragen Rosenblatts bestätigte der Staatsanwalt Inspektor Schitrit, er habe die Anzeige gegen Rosenblatt von Riwka Feigin erhalten. Diese Rifka Feigin war früher Mitglied des Brith Trumpeldor und wurde wegen schlechten Verhaltens ausgeschlossen. Nach einigen Aussagen soll sie, bevor sie nach Palästina kam, Privatsekretärin des antisemitischen Schriftstellers und früheren rumänischen Ministefs Ghoga gewesen sein. .......— 1 1,11 Juden§taaller und BflnationaIi§t Zwei Stimmen zur deutschen Frage ' Bekanntlich hat die zionistische „Linke" die Abwehrfront gegen Hitler-Deutschland durch das von uns mehrfach besprochene Transferabkommen durchbrochen. Meir Großmann, der Führer der Judenstaatspartei, charakterisiert die gegenseitige Situation in bezug auf den antideutschen Boykott folgendermaßen: „Wie wir sehen, sitzt Deutschland nicht mit den Händen im Schoß da. Die nationalsozialistischen Führer halten feurige Reden, das Reichswirtschaftsamt greift zu allerlei Gegenmaßnahmen, um zu allernächst die jüdische Boykott front zu demoralisieren. Und wir?j Wir, vom weit jüdischen Standpunkt, aus gesehen, haben uns eigentlich noch nicht darin geeinigt, ob wir den Boykott in vollem Umfang führen wolien oder nicht. Wir haben bis zum heutigen Tag keine Zentrale geschaffen, sind jenem Juden nicht zu Hilfe gekommen, der seine Pflicht erfüllt, aber ununterbrochen auf technische Schwierigkeiten stößt. Man weiß oft nicht, wo und wie man seinen Warenbezug zu decken hat. Es macht sich sogar eine gewisse Müdigkeit geltend;, jedenfalls ist die Wachsamkeit der jüdischen Gesellschaft abgeschwächt, die jüdische Initiative fast leergelaufen. Und jetzt eben ist ein Augenblick da, wo der Gegner eine fieberhafte Tätigkeit zu entfalten beginnt, um uns zu vernichten, nicht bloß in Deutschland selbst, sondern auch an der internationalen Front. Man versteht scheinbar nicht, daß es keinen Weg mehr zurück gibt, daß man den Kampf weiterführen muß. In Frage steht jetzt unser Prestige, der Wert unserer moralischen Kraft, die Rolle un4 Bedeutung der Judenheit In der ganzen Welt. Bs handelt sich nicht mehr darum, Deutschland zu einer Aenderung seiher Judenpolitik zu zwingen. Die Hauptaufgabe besteht darin, die Front zu halten, Ausdauer zu beweisen, den Druck nicht abzuschwächen. Die Auswirkung unserer entsprechenden Haltung ist bedeutend breiter und tiefer als der momentane Kampf gegen Hitler-Deutschland." * Im Warschauer „Hajnt" schreibt A. S. L i r i k unter dem Titel „D er moderne Zaddik D eutschlands" Der arme Elias Hiobinsky Humoreske von Tunkeier. Es war einmal ein Dramatiker. Er hieß Elias Hiobinsky und verfaßte eine Komödie in 5 Akten, 6 Bildern und 2 Vorspielen. Als er mit dem Stück fertig war, stellte er folgende Betrachtung an: Man muß Notizen in die Zeitungen geben, ein bißchen Reklame machen, damit die Welt weiß, was los ist. Wenn Theaterdirektoren die Notiz lesen, werden sie aus der ganzen Welt kommen, Unterhandlungen führen, das Stück erwerben, aufführen usw. Der Dramatiker rief die Redaktionen an. „Hallo? Ist dort die Redaktion des „Arbeiter- Schreihals"? Hier der dramatische Schriftsteller Elias Hiobinsky. Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich eine Komödie in 5 Akten, 6 Bildern und 2 Vorspielen beendet habe. Sogleich nach der Fertigstellung will ich Sie um die Güte bitten, eine entsprechende Notiz zu geben: Der Schriftsteller Hiobinsky hat eine Komödie vollendet, so und so und so weiter . . ." „Stellen Sie d6rt verschiedene Typen heraus?" fragte die Stimme in der Redaktion. „Gewiß, allerhand Typen." „Welche?" „Intelligente, Bornierte, Künstler, Arbeiter . . „Arbeiter auch?" „Natürlich, Arbeiter auch." „Sie machen sieb lustig über sie?" „Ein wehig, wie es eben die Art Ist, humoristischfreundlich, aber Gott behüte... nur soweit es notwendig . . . gehalten in humorvollem Ton ..." „Das geht nicht." „Wie denn stellen Sie sich das vor?" „Die Arbeiterfiguren müssen ernst behandelt werden .. . müssen ausnahmslos positive Typen, strahlende Typen sein . . . kein dunkler Fleck . . . nicht lächerliche, sondern nur gesunde, ideale Mustertypen . . . Jeder ein Lassalle, ein Bebel . . . Gehen Sie, bitte, und stutzen Sie die Arbeitertypen in dieser Weise zurecht und wir werden Ihnen eine Notiz bringen." Der Dramatiker machte sich an die Zurechtstutzung, putzte die Arbeitertypen blitzblank, machte aus ihnen die schönsten, erhabensten, idealsten Figuren. Jeder Typ — eine Zierde, ein Juwel, die Vollkommenheit selbst. Am nächsten Morgen rief er eine zweite Redaktion an. „Hallo! Ist dort die Redaktion des „Mögen Dovid?" Hier der dramatische Schriftsteller Elias Hiobinsky. Ich habe eine Komödie in 5 Akten, 6 Bildern und 2 Vorspielen geschrieben. Da wollte ich Sie gefälligst bitten, sie möchten so gut sein und eine Notiz in Ihrer geschätzten Zeitung bringen." „Um was handelt es sich bei Ihrer Komödie, wenn es schon seih muß?" „Ich stelle dort verschiedene jüdische Typen heraus." „Zionistische auch?" „Zionistische auch, selbstverständlich." „In welchem Licht? In negativem?" „Ein wenig, wie es eben in der Komödie Brauch ist, hihihi „Das geht nicht. Zionistische Typen müssen In warmen, blau-weißen Farben gemalt werden, müssen edel, sympathisch sein . . . nicht die Spur eines Schattens, eines dunklen Flecks . . . Gehen Sie und ändern Sie das, machen Sie aus Ihnen reine Gestalten in lichten Farben ... Jeder Zionist — ein Stolz als Mensch und Politiker . . . Dann werden wir Ihnen eine Notiz bringen. Und wenn man Ihre Komödie aufführen wird, können Sie auch bei uns eine günstige Rezension einheimsen. Wir wissen Talente und Kunst zu schätzen ..." Der Dramatiker setzte sich wieder hin zur Arbeit, veränderte die zionistischen Helden. Jeder Zionist wurde zu einem glorreichen Helden gemacht. Nun telephonierte der Dramatiker einer dritten Zeitung, einer orthodoxen. „Hallo! Ist dort die Redaktion der „Mesusah"? Hier der dramatische Schriftsteller Elias Hiobinsky. Ich wollte Sie um eine Gefälligkeit bitten. Ich habe nämlich eine Komödie in 5 Akten, 6 Bildern und 2 Vorspielen geschrieben. Ich möchte Sie ersuchen, eine Notiz darüber in Ihrem hochgeschätzten orthodoxen Organ zu bringen." „Wenn schildern Sie dort in Ihrer Komödie — nehmen Sie mir's nicht Übel — sozusagen?" „Verschiedene Typen und Charaktere." „Orthodoxe kommen auch vor?" „Kommen auch vor." „Sie zeichnen sie wohl etwas komödienhaft, wie?.'* „Ein wenig, nur so weit . . ." „Verulkt, was?" „Ich mein*, nur so komisch gestreift, wie weit man^ eben gehen darf . . ." „Nicht zu machen. Gehen Sie und verändern Sie dit